„Abiturwahn“


Ich bin in den letzten Tagen häufiger über Artikel gestolpert, in denen vor dem „Abiturwahn“ gewarnt wurde. Immer mehr Schüler_innen bekämen immer bessere Abiturs.

Hintergrund dieser Warnungen scheinen die Forderungen aus der Wirtschaft zu sein, die Anzahl von Studierenden aus nicht-akademischen Elternhaus zu erhöhen. So hieß es im Oktober 2012 in der FAZ:

Viele heimische Bildungspolitiker dürften sich über den Trend freuen, denn sie bekommen seit Jahr und Tag von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris vorgebetet: Um Wohlstand zu steigern und soziale Ungleichheit zu bekämpfen, muss die Bildung verbessert werden, und dazu braucht Deutschland mehr Akademiker. […] Seitdem ziehen die Verantwortlichen alle Register, um den „Abiturwahn“, wie der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, es nennt, voranzutreiben. Abi, na und?

Und auch in der Wirtschaftswoche (Die Inflation des Abiturs) wird das Bestreben aus der Wirtschaft, die Anzahl von Studierenden mit nichtakademischer Herkunft zu erhöhren, verantwortlich gemacht für die Senkung des Bildungniveaus.
Zum Ende des Artikels heißt es dort:

Die OECD oder der Stifterverband definieren irgendwelche Ziele, zum Beispiel eine Studierquote von Nichtakademikerkindern – und die Schulen und Hochschulen laufen ihnen wie geprügelte Hunde hinterher. Lehrer sind dadurch zu Dienstleistern und Schulleiter zu Managern umfirmiert. Sie sorgen nicht mehr für Bildungserlebnisse, sondern optimieren die Zahlen. Ihr Antrieb soll sein, dass Eltern ihre Kinder bei Ihnen anmelden und möglichst viele von diesen die Schule mit einem möglichst guten Abiturzeugnis verlassen. Und da die Nichtakademikerkinder nicht klüger werden, nutzt man halt die oben beschriebenen Taschenspieltricks.

Angespielt wird hier auf den „Hochschul-Bildungs-Report“ von MacKinsey für den Stifterverband der Deutschen Wirtschaft, wo empfohlen wird, den Anteil von Studierenden aus Nichtakademiker_innen-Haushalten bis 2020 auf 80% anzuheben. Hier die pdf-Datei: Hochschulbildungsreport

Der alte Streit zwischen dem privilegierten Bildungsbürgertum mit dem entsprechenden Standesdünkel und den bildungsökonomisch orientierten Hochschulinitiativen aus der Wirtschaft scheint wieder mal entbrannt zu sein. Gestritten wird über die Privilegierung der Bildungsbürgerlichkeit, die manchmal der Wirtschaft wenig nützlich erscheint, die allerdings eine bürgerliche Säule zur Stützung des kapitalistischen Wirtschaftssystems überhaupt ist. Implizit wird also darüber gestritten, inwieweit die Diskriminierung von „Migranten-“ und „Nicht-Akademikerkinder“ etwas gelockert wird.

Übrigens – nur als Tip für den Hochschulbildungsreport – sollten finanzielle Leistungsanreize für Hochschulen nicht dann fließen, wenn „Migranten- und Nicht-Akademikerkinder“ studieren, sondern wenn sie erfolgreich abgeschlossen haben. Und man muss da auch gar nicht extra Geld von den Ländern zur Verfügung stellen (was ich natürlich begrüße zusammen mit den dann notwendigen Steuererhöhungen), sondern es ist auch möglich, dass die Länder den Hochschulen weniger zahlen, wenn sie nicht „Arbeiterkinder“ gleichberechtigt zum Abschluss führen.

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