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Elterngeld, „Kinderqualität“ und Gerechtigkeit

Vor zehn Jahren machte ein Aufschrei die Runde: „Deutsche Akademikerinnen seien zu 41% kinderlos“. Zudem würden sich in Deutschland zu wenig Männer um Kinder kümmern. Hierauf ersann die SPD das einkommensabhängige Elterngeld. Zuvor gab es das Erziehungsgeld: zwei Jahre monatlich 300 Euro, nur nicht für Reiche. Es war sozialkompensatorisch angelegt und sollte dafür sorgen, dass Kinder aus armen Haushalten keinen all zu großen Nachteil zum Start ins Leben haben. Nun aber gab es angeblich neue Zahlen, wonach 41% der deutschen Akademikerinnen kinderlos seien. Die Statistiker*innen, auf deren Zahlen sich die interessierten Poltiker*innen und Journalist*innen beriefen, dementierten sofort und mehrmals: Das Datenmaterial sei nicht ausreichend, es handele sich nur um Westdeutschland und es ginge auch nicht um geborene Kinder, sondern um Kinder im Haushalt. Hinzu kommt, dass ein sozialgruppenspezifischer Vergleich aus der Gegenwart nur etwas über eine zwanzigjahre zurückliegende Vergangenheit aussagen kann, da der Peek der Geburten fünfzehn bis zwanzig Jahre vor dem Ende der Gebärfähgikeit liegt. Die Zahl 41% sei jedenfalls komplett übertrieben.

Die falsche Zahl von 41% kam den Familienpolitiker*innen und Journalist*innen gelegen, um die Transferleistungen auf den Kopf zu stellen. Mit dem Elterngeld erhalten jetzt nicht mehr schlechtverdienende, sondern gut verdienende Mütter/ Väter Transferleistungen. War bei der SPD noch vorgesehen, dass ein Sockelbetrag von 300 Euro für Geringverdienende/ ALG-II-Beziehende nicht mit ALG verrechnet wird, hatte die CDU auch dies noch gekappt. Arbeitslose erhalten also im Endeffekt gar kein Elterngeld, Gutverdienende hingegen bis zu 1.800 Euro. Nach Aussagen von Renate Schmidt ging es hierbei nicht um Bevölkerungspoltitik, sondern darum, Kinderwünsche erfüllen zu können. Akademikerinnen könnten keine Kinder mehr bekommen, dies ließe sich aus den krassen Zahlen ablesen, das sei nicht fair. Mit einer nachhaltigen Familienpolitik sollte es mögich sein, dass sich Menschen ihre Kinderwünsche erfüllen und – ein zweiter Effekt – es sollte ermöglicht werden, dass sich mehr Männer um Kinder kümmern.

Seit 2012 liegen nun erstmals valide Zahlen vor. Die Kinderlosigkeit von Akademikerinnen liegt bei 27,4 Prozent und damit nur wenig über die Kinderlosigkeit von Nichtakademikerinnen. Allerdings findet sich dort auch ein Satz, der, im Gegensatz zu den ganzen dort befindlichen Tabellen zu Akademikerinnen/ Nichtakademikerinnen, nicht weiter ausgeführt wird: „Besonders betroffen sind arbeitslose Männer, bei denen im Alter von 40 Jahren mehr als die Hälfte kinderlos ist.“

Es geht nicht um Gerechtigkeit, nicht darum, ob Menschen in die Lage versetzt werden, Kinder zu bekommen und sie groß ziehen zu können. Würde die moralische Argumentation von vor zehn Jahren ernst genommen werden, nämlich die Menschen zu unterstützen, die sich am wenigsten einen Kinderwunsch erfüllen können, und mehr Männer für die Kleinkindbetreuung zu gewinnen, dann hätte die Familienpolitik sich nicht an Akademikerinnen, sondern an arbeitslose Männer orientieren müssen.

Tatsächlich spielte und spielt ein anderes Denken eine Rolle. Zum einen geht es um die bevölkerungsökonomistische Denkweise, die mit Begriffen wie „Bevölkerungsqualität“ und „Kinderqualtität“ operiert. Die „Qualität der Kinder“ von Akademikerfamilien wird als ^höher^ eingeschätzt, da der „Nettokindernutzen“ ökonomisch gesehen größer sei. Das ist postmoderne Sozialeugenik, die auch ohne den sarrazinschen Klassenrassismus der genetischen Intelligenzvererbung auskommt. Die Menschenverachtung zeigt sich bereits in den Begriffen. Aber es gibt noch einen zweiten wichtigen Grund für das Elterngeld: Hier ist das verrohte Bürgertum am Werk, welches gar nicht mehr einsieht, armen Menschen Transferleistungen zukommen zu lassen, wenn man sie genau so gut auch in die eigene Tasche stecken kann. Kaschiert wird dieser Egoismus mit der verantwortungsvollen Liebe zu den eigenen Kindern. Den eigenen wohlgemerkt.

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