Website-Icon Andreas Kemper

Benimmkurse, Jugendarrest, Nacherziehung – AfD Sachsen

Ralf Hickethier (AfD Sachsen) forderte 2006 in einem Brief (zu finden auf seiner Website) an die Landesregierung Sachsen:

„Ich begrüße die Möglichkeit, die im Sächsischen Schulgesetz geschaffen wurde, Schüler, die sich als ermahnungs- und beratungsresistent erwiesen haben, wegen sozialen Fehlverhaltens bis zu vier Wochen vom Unterricht zu suspendieren. […] Jede Schule verpflichtet solche Schüler zu straffen Trainingskursen sozialen Verhaltens in der Schule, und zwar rechtzeitig, bevor sich ihre Gemeinschaftsunfähigkeit verfestigt hat, eigene Bedürfnisse mit den Interessen der Mitmenschen in Einklang zu bringen.  […] Die suspendierten Schüler arbeiten hier an einem verlängerten Schultag zugleich konzentriert die Grundlagen des Unterrichtsstoffes ab, den sie verpasst haben. Das funktioniert nur und entwickelt sich nicht zu einem Papiertiger, der die betroffenen Kinder und Jugendlichen ein weiteres Mal in ihrer Lebenserfahrung bestärkt, dass sie nur renitent genug sein müssen, um ihren Willen durchzusetzen, wenn folgender Zusatz verbindlich mit beschlossen wird: Wer sich trotz Warnung und Abmahnung nicht ernsthaft bemüht, muss diesen Kurs in einer stationären Einrichtung wiederholen, die in jeder großen sächsischen Stadt eingerichtet wird: Je nach Bemühen zwischen zwei und acht Wochen lang. (Ich mache Ihnen gern Vorschläge, wie solche Trainingskurse aufgebaut sein könnten.) […] Die Eltern und ihre jugendlichen Kinder werden an den Kosten durch einen BAFÖG-ähnlichen Kredit und/oder durch eigene Arbeit im Rahmen des Trainings beteiligt. Endlich könnten die Jungen die Alten ernst nehmen.“

Einer anonymen Gruppe wurden anscheinend interne Positionspapiere der AfD Sachsen zugespielt, die gestern über Twitter bekannt gemacht wurden. Ob diese Texte echt sind oder Fakes oder aus dem Zusammenhang gerissen, lässt sich bisher nicht sagen. Daher ist der folgende Text, der angeblich zum Papier „AfD Sachsen – Kernforderungen der AG Familie, Bildung, Hochschule, Wissenschaft“ gehört, an dem auch Ralf Hickethier mitgearbeitet haben soll, unter dem Vorbehalt zu lesen, dass dieser Text vielleicht nur ein Fake sein könnte. Sollte sich hingegen dieser Text als echt erweisen, so wäre das sehr krass, weil auch Frauke Petry und Hochschullehrer und Schulleiter zu den Verfasser*innen gehören würden (und übrigens auch der wegen seiner behindertenfeindlichen Äußerungen bekannt gewordene Thomas Hartung).

Da der Text weitgehend mit den Forderungen von Ralf Hickethier übereinstimmt und letzterer in Leizpzig für die Afd für den Landtag kandidierte, ist es nicht unwahrscheinlich, dass dieser Text echt ist.

Hier die Textpassage:

„Schüler, die vom Unterricht suspendiert werden müssen, besuchen in dieser Zeit Kurse zur Verhaltenserziehung („Benimmkurse“). Werden diese geschwänzt, wird sofort das Kindergeld gekürzt und Jugendarrest von einem Wochenende bis maximal vier Wochen angedroht und nach einer Warnung auch tatsächlich verhängt. Im Gegensatz zur Jugendhaft führt der Arrest – ein Mittel, das es bereits gibt, das nur nicht konsequent genutzt wird -, nicht zu einem Vorbestraftsein im juristischen Sinn. Da es sich um eine erzieherische und nicht eine juristische Strafe handelt, werden die beruflichen Chancen der betroffenen Jugendlichen dadurch nicht beeinträchtigt. An der Finanzierung dieser Kurse müssen sich die Eltern beteiligen, denn schließlich ist die Unterstützung bei der notwendigen Nacherziehung sozialer Kompetenzen, die die Eltern selbst bei ihren Kindern bisher nicht ausbilden konnten, eine „Dienstleistung“ für das ganze Leben dieser jungen Menschen; sie kann daher in ihrem Wert kaum hoch genug veranschlagt werden. Arbeitslose oder Geringverdiener können sich in der Schule auf andere Weise nützlich machen. Beide Punkte sind ein Beitrag zur Neuvernetzung einer zunehmend beziehungslosen, ja atomisierten Gesellschaft.“

Das Ganze klingt zugleich nach Forderungen, die in ähnlicher Weise auch Thilo Sarrazin vertritt. Die „Benimmkurse“ und der „Jugendarrest“ sowie die angedrohte Zwangsarbeit für Arbeitslose und Geringsverdiener gehören zu einer autoritären Pädagogik, die vor einhundert Jahren mit „Korrektionsanstalten“ Jugendliche „nachkorrigieren“ wollten. Ich hatte Anfang des Jahres eine Publikation herausgegeben mit dem Titel „Sarrazins Correctnss. Ideologie und Geschichte der Menschen- und Bevölkerungskorrekturen„, wo ich diese Linie von den Korrektionsanstalten bis zum Hartz-IV-Workfare-Programm und Sarrazins Forderungen nachzeichnete. Die Erwartungshaltung von Ralf Hickethier passt nahtlos in diese Geschichte. Und der vermeintliche AfD-Text – sei er nun echt oder nicht – ebenfalls.

Es wäre schön, wenn die AfD Sachsen sich zu diesem Papier äußern würde. Hat es dieses Papier gegeben? Falls ja, ist es noch aktuell? Gehören Ralf Hickethier und weitere Mitglieder der nationalkonservativen Patriotischen Plattform der „AG Familie, Bildung, Hochschule, Wissenschaft“ an?  In ihrem Landeswahlprogramm wurde eine stärkere Disziplinierung an Schulen gefordert. Ist darunter die oben genannte Textpassage zu verstehen?
Nachtrag 03.09.2014
AfD-Pressesprecher Wiesemann bestätigte die Echtheit dieser Dokumente. Nicht alle Inhalte hätten Eingang ins Wahlprogramm gefunden.
Da jetzt die Echtheit der Dokumente bestätigt ist, kann auch dargestellt werden, wer die „Kernforderungen der AG Familie, Bildung, Hochschule, Wissenschaft“ erarbeitet hat, bzw. sich dafür verantwortlich zeichnete, nämlich:
Thomas Hartung, Ralf Hickthier, Torsten Weiss, Bodo Herold, Hans-Thomas Tillschneider, Uta Nürnberger, Frauke Petry, Hans-Gerd Hübner
Die mobile Version verlassen