Arbeiterkind.de, dann sei auch still!


Liebe Organisation Arbeiterkind.de, liebe Arbeiterkind.de-Gruppen!

Ihr habt in über sechzig ^Hochschulstädten^ Gruppen gegründet, um Arbeiter*innenkinder zu unterstützen, ein Studium aufzunehmen und zuende zu bringen. Dagegen ist nichts einzuwenden, das ist an sich unterstützenswert. Ihr macht dies allerdings sehr eingeschränkt, ihr wollt nur helfen, ihr wollt an den diskriminierenden Strukturen nichts ändern. Wir alle kennen diese Diskriminierungen: strukturell beginnen sie beim Elterngeld, setzen sich über das hochselektive Bildungssystem fort und finden sich auch vielfach im Hochschulalltag. Begleitet werden diese strukturellen Diskriminierungen mit entsprechenden Vorurteilsstrukturen gegenüber Arbeiter*innenkindern, das greift bestens ineinander.

Ihr wollt die Strukturen nicht ändern. Ihr wollt auch nicht die Vorurteilsstrukturen angreifen. Ihr begreift euch als unpolitisch. Dafür erhaltet ihr jede Menge Unterstützung aus der Wirtschaft, aus der Politik und von den Medien. Es sei euch gegönnt.

Aber, wenn ihr darauf so einen großen Wert legt, euch politisch zu enthalten, dann macht das gefälligst auch und schadet nicht ständig den Arbeiter*innenkindern, in dem ihr deren Eltern basht! Bitte schult dann eure Mitglieder darin, dass sie sich von der Wirtschaft / Politik / Medien nicht weiterhin für das Eltern-Bashing vereinnahmen zu lassen.

Der aktuelle Fall – und das ist nur einer von etlichen – findet sich in einem Beitrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: Die Aufstiegsangst der Arbeiterkinder

Hier heißt es:

„Mehler ist Mentorin der Organisation Arbeiterkind, die Kinder aus Nichtakademiker-Familien auf dem Weg an die Hochschule unterstützt. Wenn Schüler aus Arbeiterhaushalten zweifelten, dann liege das auch am Selbstbewusstsein. ‚Man traut sich nicht zu, es schaffen zu können.‘ Zudem bremsten auch manche Eltern, denn ein Studium ihrer Kinder mache ihnen Angst. ‚Deren sozialer Aufstieg bedroht die eigene Position.'“

Einseitig werden wieder einmal die strukturellen Diskriminierungen an Hochschulen verschwiegen – und auch die strukturellen Diskriminierungen, die dem Studium voran gingen, nur ein Bruchteil der Arbeiter*innenkindern wird ja zum Studium zugelassen, der Großteil wird strukturell „ausgesiebt“. Die Hochschulen in Deutschland haben fast alle im Bologna-Papier beschlossenen Forderungen zum Nachteil von Arbeiter*innenkindern umgesetzt – nur die Forderung nach der „Sozialen Dimension“ nicht. Das wisst ihr doch oder zumindest müsstet ihr das wissen, wenn ihr die Lage von Arbeiter*innenkindern verbessern wollt. Wenn ihr euch aus strategischen Gründen unpolitisch geben wollt, dann macht das doch gefälligst auch konsequent und enthaltet euch JEDER Aussage über die Ursachen der Bildungsbenachteiligung, sonst wird das nämlich schräg. Oder gesteht euch endlich ein, dass es gar nicht möglich ist, in einer demokratischen Gesellschaft unpolitisch gesellschaftlich tätig zu sein.

Macht doch endlich einen Kongress zu den Ursachen von Bildungsbenachteiligung, befasst euch doch professionell mit den Ursachen, mit struktureller Diskriminierung, mit den daraus erfolgenden Habitus-Struktur-Konlikten, mit den Vorurteilsstrukturen und schult eure Mitglieder entsprechend mit dem Wissen, bringt sie auf den neuesten Stand. Befasst euch wissenschaftlich mit den Ursachen der Frage, warum Arbeiter*innenkinder benachteiligt werden. Ihr seid doch im akademischen Feld angesiedelt, dann stellt euch doch bitte nicht bewusst dumm, sondern nutzt das akademische Wissen. Und helft mit, in den Studierendenvertretungen selbstorganisierte Strukturen von Arbeiter*innenkindern zu schaffen, die politisch die benachteiligenden Strukturen und Vorurteile aufzeigen und bekämpfen.

Okay, ich weiß, ihr wollt das nicht. Ihr würdet die Sympathien aus der Wirtschaft/ Regierungspolitik und von den Mainstream-Medien verlieren, wenn ihr auf die Ursachen der Benachteiligung unter Berücksichtigung des tatsächlichen Forschungsstandes eingehen würdet. Gut. Aber dann enthaltet euch doch bitte auch KONSEQUENT und lasst euch nicht ständig von den Medien vor die Karre spannen als angebliche Expert*innen, um Arbeiter*innenkinder und deren Eltern für doof zu erklären.

2 Kommentare

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  1. Zimmermann

    …. man will sie einfach nicht hochkommen lassen die Arbeiterkinder und man beugt auch noch das Recht dazu, aber die halten ja alle zusammen, man kann nur schwerlich etwas ändern. Ein Erfolg war zumindest die Begutachtung von den sogenannten Doktorarbeiten der „Elite“.
    Eine die es wissen muss, denn ich werde schon seit 10 Jahren hintergangen und jurististisch verarscht, erst an der JLU dann hier und jetzt….

  2. Kai Partenheimer

    Genau das war der Grund warum ich als Arbeiterkind mit Hochschulabschluss (natürlich 2.ter Bildungsweg) mit der Gruppe hier vor Ort nicht warm geworden bin.

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