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Virtus – Virtù

Virtù ist eigentlich nur die italienische Übersetzung des lateinischen Begriffs „Virtus“ und bedeutet Tugend. Hier soll jedoch nicht der Begriff der Tugend beleuchtet werden, sondern die Virtù als zentraler Bestandteil des Buches „Il Principe“ von Niccolo Machiavelli .

Wesentlich am Begriff Virtù wie auch am Begriff Virtus ist der Bestandteil „Vir“, was „Mann“ bedeutet. Eine enge Übersetzung wäre demnach nicht Tugend sondern Mannhaftigkeit.

In der Renaissance wurde oftmals auf die Antike zurückgegriffen. Auch Machiavelli bezog sich auf die Gelehrten und die Mythen des antiken Griechenland und des Römischen Reiches. So war sein Begriff „virtù“ eine Ableitung des römischen Begriffs „virtus“. Virtus hieß in etwa Tugend, Tüchtigkeit und entsprach dem griechischen „arete“. Allerdings wurde in Griechenland auch Tieren (Pferde) und sogar Gegenständen arete zugesprochen. Arete ist daher eher im Sinne von „Tauglichkeit“ zu verstehen. Etymologisch leitet sich auch in der deutschen Sprache Tugend von Taugen ab.
Virtus setzte sich aus den vier Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Tapferkeit, Besonnenheit und Weisheit zusammen, die sich gegenseitig bedingen sollten. Es ist hierbei zu bedenken, dass Virtus als männliche Tugend gedacht wurde („vir“ heißt Mann).
Metaphorisch wurde Virtus bereits im antiken Rom und später im Spätmittelalter und der Frühen Neuzeit als Herkules dargestellt. Sein Gegenpart war Fortuna die Glücks- und Schicksalsgöttin. Im antiken Rom stellte die Schicksalsgöttin das Nicht-Berechenbare, das Hinzunehmende, das Unverfügbare und unerklärlich Zufallende dar. Im christlichen Mittelalter änderte sich jedoch die Bedeutung Fortunas. Sie wurde zur Magd der göttlichen Vorsehung. In der Renaissance, einer Zeit, die sich für die Menschen als zunehmend chaotisch darstellte, gab es wiederum einen Rückgriff auf die frühe Fortuna-Interpetration.

„Die christliche und stoische Virtus versuchte Fortuna durch Weltabgewandtheit und Nachdenklichkeit, durch Passivität und Anspruchlosigkeit zu entwaffnen. In der römischen Tüchtigkeit erächst der Fortuna ein neuer Gegner mit einem ganz anderen Kampfverhalten. Die nicht in Begriffen, sondern in Bildern denkende Zeit hat dieser neuen Virtus die Gestalt des Herkules gegeben. In den emblematischen Darstellungen des allegorischen Geschlechterkampfes zwischen Virtus und Fortuna taucht damit eine neue Konfiguration auf: Herkules, Inbegriff heroisch-männlicher Tüchtigkeit, züchtigt das nackte Weib Fortuna. Unter diese häufig variierte sexistische Szene hätte der folgende berühmte Ausspruch Machiavellis gepasst: ‚Fortuna ist ein Weib, und wer sie bezwingen will, muss sie schlagen und stoßen.“ [1]
Die Szene, mit der Virtus versinnbildlicht wird ist eine vorbeirrennende Fortuna, die von Herkules am Schopf gepackt wird, um sie sich zu Willen zu machen. Noch heute gibt es das Sprichwort „die Gelegenheit beim Schopfe packen“. Diese Szene soll ein anderes Sprichwort erklären, dass nämlich das Glück mit den Mutigen sei.

Niccolò Machiavelli

Niccolò Machiavelli 1469-1528

Bei Machiavelli geht diese Kennzeichnung Fortunas in seinem Büchlein „Il Principe“ noch weiter. Machiavelli übernimmt dieses Bild und verwendet es in seiner Konzeption der Machtpolitik. In dem Absatz „Was Fortuna in den Angelegenheiten der Menschen vermag und wie man ihr entgegentreten soll“ im „Il Principe“ wägt er ab, wie sich Fürsten zu verhalten haben. Manchmal sei es sinnvoll besonnen, mal sei es sinnvoll stürmisch vorzugehen. Lasse sich nicht entscheiden, was in der Situation besser sei, so rät er:

„Doch halte ich es für besser, stürmisch als besonnen zu sein; denn Fortuna ist ein Weib, und es ist notwendig, wenn man sie niederhalten will, sie zu schlagen und zu stoßen. Man sieht auch, daß sie sich von denen, die so verfahren, eher besiegen läßt als von jenen, die mit kühlem Kopf vorgehen; daher ist sie als Weib stets den Jünglingen zugetan, weil diese weniger besonnen und stürmischer sind und ihr mit größerer Kühnheit befehlen.“ [2]

Fortuna und Virtù stehen bei Machiavelli in der aristotelischen Tradition von Materie und Form . Fortuna ist wie Materie das Passive, Weibliche, Virtù hingegen entspricht als Form dem Aktiven, Prägendem, dem männlichen Prinzip. Im 6. Kapitel seines „Il Principie“ geht Machiavelli auf die „hervorragendsten Fürsten“ ein, die sich jeder zum Vorbild nehmen solle. Hier kommt die Form-Materie-Beziehung direkt zum Ausdruck:

„Prüft man weiter ihre Taten und ihr Leben, so sieht man, dass sie vom Glück nichts anderes erhalten hatten als die Gelegenheit, diese bot ihnen den Stoff, in den sie die Form prägen konnten, die ihnen vorschwebte, ohne diese Gelegenheit wäre die Tüchtigkeit ihrer Gesinnung erlahmt, und ohne ihre Tüchtigkeit wäre diese Gelegenheit vergebens eingetreten.“ [3]

Die Fähigkeit Fortuna zu bezwingen nennt Machiavelli „Virtù“ . Virtù ist nicht mehr die Rittertugend Virtus, sondern ein spezifisches Herrschaftsvermögen. Sowohl ein Fürst, ein Staatsgründer, der Uomo Virtuoso kann über Virtù verfügen, als auch ein Volk.

* wird fortgesetzt *

Siehe auch
Niccolò Machiavelli

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Virtualität

Teil 1: Virtualität
Teil 2: Virtualität – Materialität
Teil 3: Virtù
Teil 4: Virtualität und Trauma
Teil 5: Virtualitätsdispositive