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Traumatisierung als Entwirklichung

Traumatisierung kann als

Entwirklichungbezeichnet werden. Der Begriff „Entwirklichung“ findet sich bei Karl Marx in der „Kritik der Nationalökonomie“. Er bezeichnet dort die Situation von Fabrikarbeitern, die durch die ausbeuterische Arbeit an den Maschinen als Personen entwirklicht werden. Dies könne soweit gehen, dass sie völlig entwirklicht werden, also an den unmenschlichen Arbeitsbedingungen sterben. Wenn wir Gewalt als Einschränkung der potentiellen Selbstverwirklichung betrachten, so geht traumatisierende Gewalt „tiefer“. Traumatisierende Gewalt behindert nicht nur das Verwirklichungsvermögen des Selbst, es entwirklicht das Selbst. Die Wirklichkeit der Gewalt oder des Unfalls lässt sich psychisch nicht verarbeiten und um die Psyche zu schützen greift der Prozess der Traumatisierung. Die Traumatisierung selber ist also etwas positives, da sie das Individuum schützt.

Der Schockzustand und die Traumatisierung sind jedoch als Prozesse relativ schnell abgeschlossen. Was bleibt ist über einen längeren Zeitraum das Fehlen eines Bestandteils der Wirklichkeit und das Trauma, welches die fehlende Wirklichkeit wie in einem Kokon oder Container eingeschlossen hat. Allerdings muss das traumatisierte Individuum nun mit diesem Trauma weiterleben. Die Organisationsfähigkeit, mit einer fehlenden Wirklichkeit weiterzuleben, bezeichne ich als “ Virtù „. Ich greife mit diesem Begriff auf Machiavelli zurück, der nach mehrfacher Folter schwersttraumatisiert das Buch „Il Principe“ schrieb. In diesem Buch ist „Virtù“ der zentrale Begriff. Ich gehe davon aus, dass Machiavelli in erster Linie über sich selber schrieb, dass das Buch im Wesentlichen der Aufarbeitung seiner Foltererfahrungen diente. Nicht in dem Sinne, dass er seine Folterungen konkret ins Blickfeld rückte, sondern im Gegenteil: er musste sich reorganisieren unter den Bedingungen, dass er schwer gefoltert worden ist und unter der Verbannung steht. Während die Verbannung jedoch nur eine Einschränkung der Selbstverwirklichung darstellte, griff die Folter das innere Vermögen zur Selbstverwirklichung selbst an, da Teile seiner Wirklichkeit von den Tätern okkupiert wurden.

Virtù als realitätsstiftende Macht

Während die Traumatisierung die Psyche schützt, in dem sie nichtverarbeitbare Teile der Wirklichkeit ausblendet, kommt der Virtù die Aufgabe zu, ein Leben gestaltbar zu machen, in dem ein Teil dieser Wirklichkeit fehlt. Die Virtù organisiert nun die Realität so um, dass es zu einer Realität zweiter Ebene wird – oder zur Virtualität. Es ist nicht die Aufgabe der Virtù, die fehlende Wirklichkeit wieder zurück zu erlangen, sich dem Trauma zu stellen und einen Heilungsprozess einzuleiten. Heilung und Virtù können in Widerspruch geraten, wenn die Virtù aufrund der Konsistenz der Realität Heilungsprozesse unterbindet.

In dem Artikel Gesellschaftliches Trauma stellte ich fest, dass bislang Trauma nur individuell betrachtet wurden. Es ist jedoch belegt, dass sich Trauma intergenerationell vererben. Traumata von Personen in einem dichten Umfeld von Gewalt und Katastrophen bleiben zudem nicht ohne Einfluss aufeinander. Trauma sind somit auch als gesellschaftliches soziologisches Problem zu verstehen und nicht nur als individuelles und psychologisches. Noch viel mehr gilt dies für Virtù.

Individuelle Virtù – gesellschaftliche Virtù

Nach Machiavelli ist Virtù die Tüchtigkeit eines Fürsten, eines Uomo Virtuoso, der das Land mit seinen Qualitäten als Fuchs und als Löwe größer macht. Aber auch das Volk verfügt über Virtù. Beides muss ineinander greifen. Mehrfach betont Machiavelli, dass ein großer und mächtiger Fürst es versteht, mit List und Trug zu regieren.

– Artikel wird fortgesetzt –

Virtualität

Teil 1: Virtualität Teil 2: Virtualität – Materialität Teil 3: Virtù Teil 4: Virtualität und Trauma Teil 5: Virtualitätsdispositive