Sozialphilosophie

Lücken in der Traumaforschung

Zum Verständnis darüber, welche Effekte Gewalt hat, insbesondere für die Verfestigung von Herrschaftsverhältnissen, möchte ich zwei Aspekte ins Spiel bringen, die bislang von der Trauma-Forschung keine Berücksichtigung fanden.

Es hat bis zu den Eichmann-Prozessen gedauert, dass Traumatisierung gesellschaftlich anerkannt wurde, allerdings wird bis heute Traumatisierung nur als ein individualpsycholgischer Prozess verstanden. Bestenfalls wird eine „Weitergabe“ der Traumatisierung an enge Verwandte oder Beziehungsprtner_innen eingestanden und untersucht. Traumatisierung wird bislang nicht als gesellschaftliche Kategorie gefasst, und wenn, dann in einem metaphorischen Sinn. Dies ist die erste Forschungslücke: Was passiert, wenn gleich mehrere miteinander in Beziehung stehende Menschen traumatische Erfahrungen machen, wenn es zu einer gesellschatlichen Traumatisierung kommt?

Die zweite Forschungslücke betrifft den Effekt von Traumatisierung auf die Theorieetablierung. Als paradigmatisches Beispiel möchte ich Niccolo Machiavelli anführen, der unmittelbar nach seinen Folterungen das berüchtigte „Il Principe“ schrieb, welches von seinen republikanischen Auffassungen fundamental abwich. Obschon er mit verkrüppelten Händen innerhalb der ersten Monate direkt nach seiner Freilassung aus dem Kerker dieses dünne Buch verfasste, obschon die Identifikation mit dem Aggressor (Machiavelli widmete das Buch den Medici, die ihn foltern ließe und rechtfertigte indirekt seine Folter) sich geradezu aufdrängt, wird „Il Principe“ nicht als Trauma-Aufarbeitung interpretiert, sondern als ein elementarer Bestandteil der Philosophiegeschichte. Arno Grün hat zur Identifikation mit dem Aggressor einen Aufsatz verfasst („Die politischen Konsequenzen der Identifikation mit dem Aggressor“), geht davon aus, dass wir alle bereits Entfremdungserfahrungen gemacht haben und greift auf Etienne de la Boéties Schrift von 1548 „Von der freiwilligen Knechtschaft“ zurück, der bereits davon sprach, dass die erlebte Gewalt und Unterdrückung nicht an den Angreifer, sondern im Namen des Angreifers an Schwächere weitergegeben wird. Doch obschon la Boéties Schrift als Antwort auf Machiavellis „Il Principe“ interpretiert wurde, kommt auch Grün nicht auf die Idee, Machiavellis „Il Principe“ als Ergebnis der Identifikation mit dem Aggressor zu verstehen.

Virtù in der Matrix gesellschaftlicher Traumatisierung

Machiavellis „Il Principe“ sollte nicht deswegen verworfen werden, weil er es im Zustand einer extremen Traumatisierung geschrieben hat. Denn es dokumentiert einen bestimmten Umgang mit Gewalterfahrungen, den bereits Klaus Theweleit beschrieb, als er in seinem Buch „Männerphantasien“ den Zusammenhang der Gewalt in den Kadettenschulen mit der Entstehung von soldatischen Körpern darstellte. Theweleits Ansatz ist leider aus der kritischen Diskussion weitgehend verschwunden. Dies hat in doppelter Weise mit seinem positiven Rückgriff auf Wilhelm Reich zu tun. Zum einen sind zu Unrecht mit Bezug auf Michel Foucaults „Sexualität und Wahrheit“, der sich explizit gegen Reichs „Repressionsthese“ wandte, Ansätze, die die Relevanz von Gewalt- und Unterdrückungserfahrungen in den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen stellen, zugunsten von Sprachanalyse verschwunden (der sogenannte „Linguistic Turn“); zum anderen hat Theweleit die heterosexistischen Momente bei Wilhelm Reich nicht ausreichend herausgestellt und zurückgewiesen. Es böte sich an, Theweleit und Foucault zu kombinieren, um Machiavellis Virtù-Machtkonzeption  in „Il Principe“ zu verstehen.

„Il Principe“ ist vor dem Hintergrund der Folter zu interpretieren. Die „Virtù“, der zentrale Begriff im „Il Principe“,  ist ein Machtbegriff, der Machiavelli selbst ermächtigt. „Virtù“ ist der Stream, der ihn auferstehen lässt, auf dem er weiter durch das Leben surfen kann, ein Machtgeflecht, eine eigene Realität, in der die Traumatisierung nicht aufgearbeitet werden muss, sondern im Gegenteil, die sich aus der Akkumulation immer neuer Traumatisierungen speist. „Virtù“ ist die Gefangenenlogik, es ist auffällig, dass linke Theoretiker dann Machiavelli für sich entdeckten, als sie in Gefangenschaft waren: Gramsci, Althusser, Negri. „Virtù“ hat seine Berechtigung, aber nur innerhalb eines bestimmten Systems. Es erlaubt das kurzzeitige Überleben in Gefangenschaft, sollte aber dringend ersetzt werden durch eine Traumaaufarbeitung, sobald diese möglich ist. Aber hier liegt das Problem, denn die Traumatisierung zieht eine Virtualisierung nach sich, die eigenlogisch ist, die ein komplexes System von Theorien, Sprache, Habitus und Institutionen bildet, die aufeinander bezogen sind, ein androzentrisches, patriarchales System. Da Machiavelli keine Traumatherapie zur Verfügung stand, basteltete er am „virtuellen“ System der Macht mit.

Virtù als gesellschaftliche Grundlage des Rechts-Aristotelismus

Ernst Bloch bot an, die Philosophie-Geschichte in einen Links- und einen Rechts-Aristotelismus zu teilen, je nachdem, wie das Materie-Konzept von Aristoteles interpretiert wurde. Wird Materie als primär und selbstschöpfend verstanden, gehört diese Philosophie in den Links-Aristotelismus, werden hingegen Form, Geist, Idee (oder heute moderner: Energie, Feld, Information) als primär und Materie nur als Hülle oder Träger verstanden, würde Bloch von einem Rechts-Aristotelismus sprechen.

Traumatisierung hat zur Folge, dass der unmittelbare Zugang zur Realität verhindert ist. Im Falle der körperlichen Gewalt wurde der eigene Körper geraubt und entfremdet. Diese Einheit gilt es wieder herzustellen in Traumatherapien. Es bietet sich allerdings fatalerweise auch eine Identifikation mit dem Agressor an. Die Ohnmacht lässt sich rein gefühlsmäßig auch dadurch überwinden, dass man an der Macht, der „Virtù“ des Aggressors, teil hat. Diese Identifikation bedeutet dann allerdings eine Verschiebung zum Rechts-Aristotelismus: das Urvertrauen, das Im-Körper-zuhause-Sein, das Vertrauen auf die Selbstschöpfung der Materie wird verschoben zur Treue in die Macht des Angreifers, zur Teilhabe an seiner Virtù. Virtù ist somit der Gegenbegriff zur Materie. Diese Teilhabe erfährt man nicht umsonst, der Preis ist die Übernahme der Perspektive des Angreifers, seines Machtapparates und seiner Ideologie. Diese Ideologie beinhaltet zentral die Negierung des Primats der Materie.

Rechts-Aristotelismus: Virtù gegen Fortuna

Bei Machivelli zeigt sich der Rechts-Aristotelismus in seiner Gegenüberstellung von Herkules und Fortuna, bzw. Virtù und Fortuna. In dem Absatz „Was Fortuna in den Angelegenheiten der Menschen vermag und wie man ihr entgegentreten soll“ im „Il Principe“ wägt er ab, wie sich Fürsten zu verhalten haben. Manchmal sei es sinnvoll besonnen, mal sei es sinnvoll stürmisch vorzugehen. Lasse sich nicht entscheiden, was in der Situation besser sei, so rät er:

„Doch halte ich es für besser, stürmisch als besonnen zu sein; denn Fortuna ist ein Weib, und es ist notwendig, wenn man sie niederhalten will, sie zu schlagen und zu stoßen. Man sieht auch, daß sie sich von denen, die so verfahren, eher besiegen läßt als von jenen, die mit kühlem Kopf vorgehen; daher ist sie als Weib stets den Jünglingen zugetan, weil diese weniger besonnen und stürmischer sind und ihr mit größerer Kühnheit befehlen.“

Fortuna und Virtù stehen bei Machiavelli in der aristotelischen Tradition von Materie und Form. Fortuna ist wie Materie das Passive, Weibliche, Virtù hingegen entspricht als Form dem Aktiven, Prägendem, dem männlichen Prinzip. Im 6. Kapitel seines „Il Principie“ geht Machiavelli auf die „hervorragendsten Fürsten“ ein, die sich jeder zum Vorbild nehmen solle. Hier kommt die Form-Materie-Beziehung direkt zum Ausdruck:

„Prüft man weiter ihre Taten und ihr Leben, so sieht man, dass sie vom Glück nichts anderes erhalten hatten als die Gelegenheit, diese bot ihnen den Stoff, in den sie die Form prägen konnten, die ihnen vorschwebte, ohne diese Gelegenheit wäre die Tüchtigkeit ihrer Gesinnung erlahmt, und ohne ihre Tüchtigkeit wäre diese Gelegenheit vergebens eingetreten.“

Die Fähigkeit Fortuna zu bezwingen nennt Machiavelli „Virtù“. Virtù ist nicht mehr die Rittertugend Virtus, sondern ein spezifisches Herrschaftsvermögen. Sowohl ein Fürst, ein Staatsgründer, der Uomo Virtuoso kann über Virtù verfügen, als auch ein Volk.

Machiavelli bestimmt Virtù als männlich (vir=Mann). In der aktuellen Männerforschung würde der Uomo Virtuoso als ein Repräsentant hegemonialer Männlichkeit beschrieben werden.

Literatur

  • Machiavellis Trauma. Warum der Maskulismus nicht emanzipatorisch ist, Freitag-Blog 12.06.2011 Online-Text (der Text erschien einen Monat vor den Anschlägen in Oslo, beim Attentäter Breivik finden sich Machiavellismus, Antifeminismus und soldatische Männlichkeit wieder)
  • Gesellschaftliches Trauma, 2011 Online-Text
  • Virtù, 2009 Online-Text
  • Virtualität und Trauma, 2009 Online-Text
  • Niccolo Machiavelli, Juli 2010 Online-Text

17 Kommentare

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  1. flavo

    Trauma. Mir fällt dazu besonders ein neben Freud auch Melanie Klein. Bei Earl Hopper: Forth Basic Assumption wird dies originell weiter eintwickelt zu Gruppendynamiken aus einer analytischen Sozialpsychologiesicht, insbesondere zu Vermassung und Vereinzelung, deren Basis Traumatisierungserfahrungen aller Art sind. Interessant zu Trauma finde ich die Psychohistoriker. Die sind einige der wenigen, die den Neoliberalismus als traumatische Erfahrung ausbuchstabieren können. SG F

    • andreaskemper

      Hi flavo,
      ich werde mir mal Earl Hoppers „Forth Basic Assumption“ anschauen. Er scheint das mehr unter dem Gesichtspunkt der „Gruppenkohäsion“ bzw. der Inkohäsion betrachtet zu haben.
      Danke für den Hinweis
      Andreas

  2. Jonesy

    Ich verstehe nicht, wie man diese Thesen an diesen Zitaten fest machen kann. Da muss man wohl sehr tief in die Psychoanalyse eingetaucht sein. Interessant ist der Gedanke jedoch ohne Zweifel. Die Theorie der Traumabewältigung an sich ist zweifellos korrekt.

    • Andreas Kemper

      Hi Jonesy, das machttheoretische Konzept Machiavellis, wie er es im Il Principe formuliert, liest sich halt ganz anders, wenn man berücksichtigt, dass er zu dem Zeitpunkt der Formulierung schwerst traumatisiert war. Virtù verstehe ich in diesem Zusammenhang als eine Art „Energie“, mit der man sich über die Identifikation mit dem Aggressor wieder handlungsmächtig fühlen kann. „Energie“ ist hier der falsche Ausdruck. Virtù wird als das Schwert empfunden, mit dem gordische Knoten durchschlagen werden, es ist ein Machtgefühl, aber nicht in dem Sinne irreal, als es nur eine individuelle Spinnerei oder Größenwahn wäre. Virtù ermöglicht das Agieren im Raum der Virtùalität und erfährt durch die gesellschaftliche Virtùlität die Bestätigung. Die Prämisse ist anthropolisch ein sehr negatives Menschenbild, dass nämlich die Menschen böse seien und betrogen werden wollten, und ontologisch eine Verachtung der Materie und Verabsolutierung des Formprinzips.

  3. futuretwin

    Spannender Artikel!

    Bin grade über den Links- Versus Rechts-Aristotelismus darauf gestossen. Findet man nicht viel zu im Netz bzw, überall nur das Gleiche. Gibt es dazu irgendwas?

    Und zu diesem Form – Materie Gegensatz, der ist ja recht deutlich geschlechtlich konnotiert und das zieht sich ja durch viele Gedankengebäude (Yin – Yang, Gestalt – Grund, vielleicht sogar Ich – Es bzw. Über-Ich – Es) Gibt es dazu Literatur? Hat jemand (außer Bloch) mal die Philosophiegeschichte nach der Betonung von Materie und Form durchgesehen?

    Außerdem gibt es ja auch den marxistischen Materialismus, das vom-Kopf-auf-die-Füße-Stellen Hegels. Ich finde die Wert-Abspaltungs-These ganz spannend, die Kapitalismus und Patriarchat zusammendenkt.

    Aber letztlich kann man vielleicht beides als ein Mißverhältnis von Materie und Form interpretieren?

    Mal ein paar Links:

    http://formkritik.blogsport.eu/

    http://www.exit-online.org/textanz1.php?tabelle=autoren&index=23&posnr=25&backtext1=text1.php

  4. futuretwin

    Bin jetzt auf die Virtualitätsreihe gestossen: Faszinierend!

  5. futuretwin

    Ich habe es jetzt durch und bin begeistert!

    Das ist bisher am nächsten an meinen eigenen Überlegungen zu dem „Formproblem“.
    Ich hatte bisher den Kapitalismus stärker ins Zentrum gerückt und den Wert (wie er in der Wertkritik thematisiert wird) mit der Form gleichgesetzt. Interessant sind hierzu auch die Ausführungen Michael Jägers zu den philosophischen Grundlagen des Geldes:

    http://www.freitag.de/autoren/michael-jaeger/97-als-das-geld-konfus-wurde

    Er spürt dem Gegensatz Form – Substanz bis zu den Vorsokratikern nach und findet dort das Konzept der „Möglichkeit“, der Potentialität.

    Passt eigentlich das weibliche Fließen und der männliche Panzer aus Theweleits Männerphantasien in die Virtualitäts-These?

    Am Beginn meiner Überlegungen stand eine Odysseus-Metapher. Inwiefern könnte man Odysseus (Horkheimer/Adorno) und Herkules (Machiavelli) als Repräsentanten unterschiedlicher Virtualitätsdispositive verstehen?

    • Andreas Kemper

      Hallo Futurewin,

      ich bin gerade unterwegs und kann frühestens morgen Abend antworten.

      Liebe Grüße
      Andreas

  6. futuretwin

    Hallo Andreas,

    du bist mit den Maskulisten beschäftigt, stimmts? 😉

    Ich bin nicht böse deswegen (is auch wichtig), das gibt mir Zeit noch ein bisschen in diese Richtung zu lesen. Ich werde mir bei Gelegenheit mal was von Ernst Bloch besorgen. Bisher kenne ich lediglich John Holloway, der wohl z.T. stark in Richtung Blochs argumentiert. Er nennt die Pole Materie – Form seinerseits: Tun – Getanes. Sein Buch „Die Welt verändern ohne die Macht zu übernehmen“ ist gut geeignet, die verschiedenen Ansätze zu integrieren, an denen ich mich abarbeite (Psychologische Morphologie, Wert-Abspaltungs-Kritik, Theweleits Männerphantasien und das Odysseuskapitel in der Dialektik der Aufklärung), was mir aber erst durch Bloch und deinen Virtu-Ansatz klar wurde.

    Meine Ideen sind zugegebenermaßen etwas wirr und es fällt vermutlich schwer ihnen zu folgen. In Komentaren in anderen Blogs hab ich da z.T. mehr geschrieben, etwa hier:
    http://bersarin.wordpress.com/2012/11/05/hegellekturen-2-das-gefesselte-subjekt/
    oder unter dem Text von Michael Jäger, den ich oben verlinkt habe.
    Da steht übrigens etwas, was ich immer noch nicht in mein Gedankengebäude (ist eher eine windschiefe Hütte 😉 ) integriert bekomme: das Apeiron des Anaximanders als das, was historisch mit dem Geld zusammenhängt obwohl es Materie ist und eben nicht Form. Aber vielleicht ist an dieser Stelle die ursprüngliche Dialektik zu finden zwischen Materie und Form: Die Materie erMÖGLICHT das Geld, den Wert und ist er erstmal in der Welt schickt er sich an die Materie zu unterjochen. Irgendwie so.

    • Andreas Kemper

      Hallo Futurewin!

      Ja, ich bin gerade mit diesen Maskulisten beschäftigt, dass aber nur, weil ich ihnen schnell antworten kann, ich mir für deine Postings und Anmerkungen aber Zeit nehmen will. Das kommt jetzt nach Außen so rüber als wären die Maskulisten wichtiger als das, was du schreibst, das Gegenteil ist der Fall.

      Mit John Holloway, Michael Jäger und der Wertabspaltung muss ich mich unbedingt auch befassen, sie stehen alle auf meiner Agenda.

      Ich schaue heute noch in die von dir verlinkten Texte rein. Und: wir haben Zeit.

      Liebe Grüße
      Andreas

  7. futuretwin

    Stimmt, wir haben Zeit. 😉

  8. futuretwin

    Um den oben genannten Widerspruch aufzulösen, muss vermutlich der unterschiedlichen Interpretation von Spinoza und Bruno durch einerseits Bloch und andererseits Michael Jäger nachgegangen werden. Bloch betont die Materie, Jäger die Unendlichkeit.
    http://www.freitag.de/autoren/michael-jaeger/25-die-spinozistische-ethik

  9. futuretwin

    Ich brainstorme einfach mal weiter:
    Letztlich ist der Kapitalismus ein Spezialfall, den du vermutlich unter dem Virtualitätsdispositiv „Energie“ fassen würdest. Und da schreibt Jäger in der Notiz 28 interessantes:

    „Ich möchte andeuten, wie sich der Vorgang vielleicht verallgemeinern ließe. Es könnte sich um jene Entstehungsfigur handeln, deren Logik Freud und Deleuze/Guattari beschreiben. Verschiedene Namen, die verschiedene Aspekte betonen, sind Entstehung eines „Über-Ich“ (Freud), eines „organlosen Körpers“, einer „Aufzeichnungsfläche“ (Deleuze/Guattari im Anti-Ödipus, Frankfurt/M. 1974). Zwei Vorstellungen fließen hier zum einheitlichen Modell zusammen: einmal die einer wuchernden Entwicklung, deren Auswüchse so zahlreich und so dicht werden, dass man sie zuletzt nicht mehr auseinanderhalten kann; sie nähern sich einer Ununterscheidbarkeit, auf der man „neu“ zu schreiben beginnt, weil man glauben will, da sei gar nichts außer leerem Papier. Das Papier ist aber so wenig leer, dass es in Wahrheit die Feder führt. Hier kommt die andere, Freudsche Vorstellung ins Spiel: Die Tendenz zur Ununterscheidbarkeit ist Folge einer Katastrophe, die verdrängt werden musste; aber das Verdrängte ist nicht verschwunden, sondern hat als undurchschautes „Über-Ich“ die Macht ergriffen.

    Lässt sich so die Entstehung des Kapitals modellieren? Es wird der neuen Aufzeichnungsfläche einer „Neuzeit“ eingeschrieben. Einem Papier, das nicht nur geduldig ist, sondern heimliche Eigenschaften hat, die das Kapital, weil es sich dort nun einmal schreibt, zur eigenen Logik erheben muss. Die unendliche Essenz, die zum Existieren verdammt ist, diese Fluchtfigur, die man einst, wenn wir Blumenberg folgen, gegen göttliche Willkür ausgespielt hatte – sie hatte Gott berechenbar machen sollen -, wurde auf Umwegen zum „Über-Ich“ namens Kapital.“

    Hier passiert etwas entscheidendes und wenn man die Wert-Abspaltung hinzunimmt, wirkt sich dies auch auf die Geschlechterverhältnisse aus. Und die philosophische Entwicklung, die dem Kapital vorausgehen, startet laut Jäger ja schon bei Cusannus. Das ist eine massive Verkehrung im Verhältnis Materie und Form, dass aber als solches ja schon älter ist. Wie ein ewiges Ringen. Aber der Kapitalismus ist da dannnoch einmal ein Sonderfall.

  10. futuretwin

    Ich habe mal angefangen Ernst Blochs „Das Materialismusproblem“ zu lesen und das mal mit den Ideen von Michael Jäger abzugleichen. Du hattest ja von den Linksaristotelikern Ibn Sina (Avicenna) und Ibn Rushd (Averröes) geschrieben. Ich weiß noch nicht viel darüber, inwieweit diese Einfluss auf Cusanus hatten, aber es ist schon auffällig, wie der Linksaristotelismus in den Kapitalismus abkippt. Du zitierst Ibn Rushd sinngemäß folgendermassen:
    „dass jede Hervorbringung eines Dinges nichts als die Wendung seiner Potentialität zu der in ihr begründeten Wirklichkeit sei.“
    Michael Jäger beschreibt das Grundproblem des Kapitalismus als schon angelegt im deistischen Diskurs „der dazu zwingt, „alles zu tun, was möglich ist“, und zwar alles Unendliche, denn es scheint unendlich viele Möglichkeiten zu geben“ und dieser findet sich bei Cusanus.

    An der Stelle, wo die Potentialität, die All-Macht quasi nicht mehr Gott oder Geist oder Form zugeschlagen wird, sondern der Materie, da schleicht sich auch ein unheimlicher Zwang ein. Wenn die Materie alle Möglichkeit hat, dann muss sie diese auch ausschöpfen: um jeden Preis: das ist die Kapitallogik, die Diktatur des Wertes! So hat sich wie in einer negativ dialektischen Bewegung eín neuer Diktator der Materie etabliert. Ein Virtualitätsdispositiv?!

  11. futuretwin

    Ich brauche auch ein Blog, glaub ich. Um die Ideen festzuhalten.
    Kennst Du Castoriadis? Er argumentiert zum Teil ähnlich wie Bloch, aber er verwirft Marx (zu vorschnell allerdings) und den Materialismus. Er stellt dem, was ich Form und du vielleicht Virtu nennen würdest, die Kreativität oder das Imaginäre entgegen. Und da kann man auch viel Interessantes rausziehen. Problematisch wird es dann an der Stelle, wenn sich Virtu und Kreativität verschränken, dazu haben Lyotard, Negri und vor allem Tiqqun (Kybernetik und Revolte) wieder Interessantes geschrieben, (zu Tiqqun siehe hier: http://hate.blogsport.de/?p=79 )
    und da macht es dann schon Sinn, von „Information“ als einem Virtualitätsdispositiv zu sprechen, wie Du es tust.

  12. Michael

    Die Flüchtlingskrise als gesellschatliche Traumatisierung.

  13. steamengine

    Gewalt als Mittel der Verfestigung von Herrschaftsverhältnissen lässt sich auch sehr gut am Ausschluss Traumatisierter aus der akademischen Forschung in Deutschland ablesen – zum einen durch die Ideologie des „lückenlosen“ Lebenslaufes (Überwindung von PTSD als „Lücke“ statt Leistung, die als Ausschlussgrund bei Bewerbungen um Stipendien oder Jobangebote praktiziert wird) und zum anderen durch die schamlose Altersdiskriminierung angeblich „progressiver“ und „sozialkritischer“ Einrichtungen wie der Friedrich-Ebert-Stiftung (Stipendien für beispielsweise Promotionen werden in der Regel nur bis Mitte 20 vergeben, wer aber als Kind oder später tüchtig mißhandelt wurde, ist aber vielleicht erst mit 30 oder 40 so weit, darüber zu forschen).

    Der Dreh- und Angelpunkt aber ist die mangelnde Bereitschaft der Institutionen sich mit den eigenen Vorurteilen auseinanderzusetzen. Sobald das Thema angesprochen wird, werden krampfhaft Einzelfälle angeführt, welche die Kritik angeblich wiederlegen, um nicht über das strukturelle Problem nachdenken zu müssen. Menschen, deren Lebenslauf „Lücken“ (beispielsweise durch PTSD) aufweisen, werden gerne als „anders“ angesehen, als beschädigt und minderwertig. Das ist natürlich auch irgendwie verständlich, denn sonst müsste man sich eingestehen, dass man selbst die oder der nächste sein könnte. Oder dass das Leben komplexer und interessanter ist als Leistung, Leistung, Leistung.

    Die Forschung aber leidet an der Einseitigkeit der Sichtweisen. Es ist kein Wunder, dass Begriffe wie Posttraumatisches Wachstum in Deutschland kaum bekannt sind.

    Man könnte sich aber auch fragen, was die Wurzeln der Ideologie des lückenlosen Lebenslaufes sind. Sie schmeckt zugegebenermaßen nach Sozialdarwinismus.

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