Andreas Kemper

Recherche zu antidemokratischen Netzwerken, autoritären Ideologien und neoliberalen Machtstrukturen.
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  • Sarrazins Sozialeugenik

    Thilo Sarrazin ist im Vorstand der Bundesbank und bekannt für seine rassistischen und klassistischen Sprüche. Besonders umstritten waren seine Äußerungen in der Lettre International 86 vom September 2009.

    Sarrazins Äußerungen waren nicht nur rassistisch, sondern auch klassistisch. Sein Rassismus wurde zurecht angegriffen. Der Berliner Integrationsbeauftragte Günter Piening warf Sarrazin „rassistische Äußerungen“ vor und ähnlich äußerten sich Kenan Kolat von der Türkischen Gemeinde und Stefan Kramer vom Zentralrat der Juden in Deutschland. Die Bundesbank reagierte mit einer Distanzierung und einer Strafmaßnahme gegen Sarrazin und die Berliner Staatsanwaltschaft prüft Ermittlungen wegen des Verdachts auf Volksverhetzung. Zurecht. Aber die Kritik richtete sich ausschließlich gegen die rassistischen, nicht gegen die sozialeugenisch-klassistischen Sprüche gegen die sogenannte „Unterschicht“.

    Ich möchte im Folgenden die klassistischen Passagen herausheben, die neben den ethnozentrischen Abwertungen das Interview durchziehen und mit ihnen eine Einheit bilden. Bereits der Titel und auch der letzte Satz zeigen den sozialeugenischen Tenor von Sarrazins Äußerungen: „Klasse statt Masse. Von der Hauptstadt der Transferleistungen zur Metropole der Eliten“ (197)

    Geführt wurde das Interview vom Chefredakteur und Geschäftsführer des Lettre International, Frank Berberich. Die letzten Ausfälle von Sarrazin sind noch nicht ein halbes Jahr alt. Wenn daraufhin der Chef vom Lettre International selber das Interview führt, dann besteht der Verdacht, dass die Zeitung auf einen Skandal aus war, um ihre Auflage zu steigern. Hierzu passt auch, dass sich Sarrazin zunächst gemäßigt äusserte, bis Frank Berberich bemerkte:

    So sanftmütig …

    Berberich: „Sie sprechen so sanftmütig und wohlwollend, wie sie nie zuvor gesprochen haben.“ (198)

    Das war für Sarrazin das Zeichen, jetzt endlich loslegen zu müssen. Er kommt auf die Bevölkerungsstrukur Berlins zu sprechen:

    Sarazin: […] „Daneben hat sie einen Teil von Menschen, etwa zwanzig Prozent der Bevölkerung, die nicht ökonomisch gebraucht werden, zwanzig Prozent leben von Hartz IV und Transferleistungen […] Dieser Teil muß sich auswachsen. Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt […] hat keine produktive Funktion […] und es wird sich vermutlich auch keine Perspektive entwickeln. Das gilt auch für einen Teil der deutschen Unterschicht […] Berlin hat wirtschaftlich ein Problem mit der Größe der vorhandenen Bevölkerung.“ (198)

    Unterschicht soll aussterben

    Von diesem seltsamen Ausdruck „auswachsen“ zeigte sich Berberich irritiert:

    Berberich: „Wenn Sie sagen ‚auswachsen‘, meinen Sie damit, daß die Leute sterben und sich diese Schicht nicht wieder neu generiert durch Kinder, Enkel usw?“ (198)

    Sarrazin bestätigt, dass er mit „auswachsen“ „aussterben“ meint. „Auswachsen“ ist jedoch noch perfider als Aussterben. Immerhin bezieht sich aussterben noch auf die Personen. Sich-Auswachsen ist jedoch ein Terminus, der sich auf einen Organismus bezieht, bei dem ein Makel in den Haaren oder in den Nägeln rauswächst.

    Sarazin: „Niels Bohr hat gesagt, er hat noch nie jemanden kennengelernt, der seine wissenschaftliche Meinung geändert habe. Wissenschaftliche Meinungen sind immer nur ausgestorben. Und das ist auch sonst so. An das eine erinnern sich die Leute nicht mehr, und das andere muß sich auswachsen. […] (198)

    Unterschichtsgeburten gefährden Bildungssystem

    Unmittelbar danach geht Sarrazin auf das Bildungssystem ein:

    Sarrazin: „Wir haben ein schlechtes Schulsystem, das nicht besser werden wird. Berlin ist belastet von zwei Komponenten: der Achtundsechzigertradition und dem Westberliner Schlampfaktor. Es gibt auch das Problem, daß vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden. […] So daß das Niveau an den Schulen kontinuierlich sinkt, anstatt zu steigen. In Berlin gibt es stärker als anderswo das Problem einer am normalen Wirtschaftskreislauf nicht teilnehmenden Unterschicht.“ (198)

    Es gibt mit Sicherheit keine Studie, die belegt, dass vierzig Prozent der Geburten in der „Unterschicht“ stattfinden. Dass Achtundsechszigertradition (was soll das sein???) und ein „Westberliner Schlampfaktor“ für ein niedriges Niveau an den Schulen zuständig sein soll, wage ich zu bezweifeln. Es ist Aufgabe der Bildungspolitik ein hohes Niveau an Schulen zu gewährleisten. Mir ist nicht bekannt, dass Sarrazin irgendwelche bildungssoziologischen oder pädagogischen Kompetenzen hat. Dass eine hohe Geburtenquote in der Unterschicht das Niveau an Schulen drücken soll, lässt sich nur aufrechterhalten, wenn man von einer sozialgruppenspezifischen Weitervererbung von Intelligenz ausgeht und davon, dass das Bildungssystem nicht kompensatorisch tätig wird. Sarrazin macht beides: er behauptet, dass sich Intelligenz vererbt und negiert irgendeine kompensatorische Zuständigkeit des Bildungssystems:

    Sarazin: „Benachteiligte aus bildungsfernen Schichten – davon hat Berlin besonders viele. Es gibt auch keine Methode, diese Leute vernünftig einzubeziehen. […] Unsere Bildungspopulation wird von Generation zu Generation dümmer. Der Intellekt, den Berlin braucht, muß also importiert werden […]. (199)

    Dieser klassisch sozialeugenische Ansatz wird kurz später noch einmal untermauert:

    Sarazin: „Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate. Das würde mir gefallen, wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung.“ (199)

    Die Unterschicht muss aussterben und andere „Rassen“ (oder wie würde Sarrazin sonst „osteuropäische Juden“ mit einem spezifischen IQ gegenüber Deutsche bezeichnen?) müssen die Bevölkerungsqualität in Deutschland heben. Alles klar?

    Keine Geldleistungen für Nichtleistungsträger

    Sarazin: „Wir haben in Berlin vierzig Prozent Unterschichtsgeburten, und die füllen die Schulen und die Klassen, darunter viele Kinder von Alleinerziehenden. Wir müssen in der Familienpolitik völlig umstellen: weg von Geldleistungen, vor allem bei der Unterschicht. […] Man muß davon ausgehen, daß menschliche Begabung zu einem Teil sozial bedingt ist, zu einem anderen Teil jedoch erblich. Der Weg, den wir gehen, führt dazu, daß der Anteil der intelligenten Leistungsträger aus demographischen Gründen kontinuierlich fällt.“ (200)

    Den „Unterschichten“ das Geld wegzunehmen, damit sie schneller aussterben, erinnert an Malthus. Es wird ja mit der Umstellung vom Erziehungsgeld zum Elterngeld bereits praktiziert. Sarrazin drückt es schonungslos aus und die bisherige Entwicklung reicht ihm noch nicht. Was soll der Nebensatz mit den Alleinerziehenden? Sollen sie auch „auswachsen“ – oder zwangsverheiratet werden?

    Sarazin: „Berlin müßte Stadt der Intellektuellen und der Elite sein, aber die Stadt in ihren politischen Strömungen ist nicht elitär aufgestellt, sondern in ihrer Gesinnung eher plepejisch und kleinbürgerlich. […] Ich würde aus Berlin eine Stadt der Elite machen. Das würde voraussetzen, daß unsere Massenuniversitäten nicht weiterhin massenhaft Betriebs- oder Volkswirte, Germanisten, Soziologen ausbilden, sondern konsequent Qualität anstreben. Die Zahl der Studenten sollte gesenkt, und nur noch die Besten sollten aufgenommen werden. […] Berlin sollte für die Besten attraktiv sein […] Die Schulen müssen von unten nach oben anders gestaltet werden. Dazu gehört, den Nichtleistungsträgern zu vermitteln, daß sie ebenso gerne woanders nichts leisten sollten. […] Wir brauchen Klasse statt Masse.“ (201)

    Unterstützer: Schlöndorff, Henkel, Broder, Giordano, Sloterdijk … „Aufbruch der Leistungsträger“

    Tja… deutlicher gehts nicht. Leider steht hier Sarrazin nicht allein. Schlöndorff und Henkel („Ich unterstüzte Sarrazin ohne Wenn und Aber“) unterstützen Sarrazin. Henryk M. Broder, der sich damit brüstet, das Interview in voller Länge gelesen zu haben, findet Sarrazins Äußerungen richtig und macht darauf aufmerksam, dass Sarrazins „Kritik“ nicht nur ethnische Gruppen betrifft, sondern auch die deutsche Unterschicht: „das Verhalten der Deutschen, also wenn sie so wollen, der eingeborenen Unterschicht in dieser Stadt ist genauso. Insofern hat die Integration ja gut stattgefunden. Die Migranten benehmen sich so wie die Einheimischen und halten die Hand auf.“ Auch Ralph Giordano meint, man müsse Sarrazins Aussagen richtig lesen und unterstützt Sarrazins Thesen: „Er hat doch recht, wenn er sagt, je niedriger die Schicht, desto höher die Geburtenrate. Er hat doch recht, wenn er sagt, große Teile sind weder integrationswillig noch integrationsfähig. Er hat doch recht, wenn er sagt, wir müssen in der Familienpolitik völlig umstellen, nämlich weg von der Geldleistung, vor allem bei der Unterschicht.“ In der Novemberausgabe des Cicero unterstützt auch Peter Sloterdijk Sarrazins Thesen. Er wettert darüber „wie tief bei uns der Sprachkarren im Dreck steckt“ und nennt sein Manifest „Aufbruch der Leistungsträger [sic!]“.(s.a. Rudolf Walther: Blasen zu Phrasen)

    Problematisch ist, dass Sarrazin nur für seinen Rassismus angegriffen wurde, den ich hier ausgelassen habe, der aber natürlich Sarrazins Konzept der Rassenhygiene abrundet. Die Unterschicht hat keine Lobby.

    Quelle: Lettre International. Europas Kultur Zeitung, Nr. 86, September 2009

    Nachtrag:
    Wie jetzt herausgekommen ist, hatte die Bundesbank das Interview genehmigt, gegengelesen und einige von Sarrazin gebilligte Änderungen vorgenommen.

    Nachtrag II:
    Gegen Sarazins Rassismus findet eine Demonstration an der Berliner SPD-Zentrale statt: 19.Okt., Mo, 16:00, vor der SPD-Zentrale,  Willy-Brandt-Haus, Wilhelmstraße 140 / Stresemannstraße 28
    Es reicht! Schluss mit der Diskriminierung und dem Rassismus!

    Nachtrag III:
    Endlich scheint die gesamte „Ungeheuerlichkeit“ des Sarrazin-Interviews, nämlich die rassistische und klassistische Sozialeugenik, auch in den etablierten Medien angekommen zu sein. Christian Staas im ZEIT-Online-Artikel Schickes Ödland Großstadt wertet das Interview in einer ähnlichen Weise wie dieser Blog-Beitrag. Hinweisen möchte ich auch auf Rainer Rillings Beitrag Anmerkung zum Weltbild Thilo Sarrazins im Blog des Instituts für Gesellschaftsanalyse der Rosa-Luxemburg-Stiftung (Mehring 1).

    Nachtrag IV:
    Gunnar Heinsohn folgt Sloterdijks Aufruf zum „Aufstand der Leistungsträger“ und fordert die Abschaffung des Elterngeldes für Bedürftige sowie größere Steuerfreibeträge für „Karrierefrauen“. Seine Sprache kann im menschenverachtenden Niveau durchaus mit Sarrazins Äußerungen mithalten. Gunnar Heinsohn und die „Transferbabys“.

    Nachtrag V:
    Mittlerweile sind einige Analysen erschienen. Zum Beispiel hier: Anselm Neft: Politische Korrektheit. Ein Gespenst geht um

    Nachtrag VI:
    Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt verteidigt die Sozialeugenik Sarrazins im Gespräch mit der Zeit:
    „di Lorenzo: Wenn Sarrazin sagt, osteuropäische Juden hätten einen um 15 Prozent höheren Intelligenzquotienten als der Rest der Bevölkerung, wenn er sagt, dass Türken »Kopftuchmädchen produzieren« – das ist doch nicht tischunfein, das ist diffamierender Unsinn, wenn auch im Falle der osteuropäischen Juden positiv diskriminierend!

    Schmidt: Die Sache mit der Intelligenz wollen wir doch mal genau untersuchen (holt das Originalinterview hervor): Sarrazin wünscht sich Einwanderung nicht durch Türken und Araber, er sagt, es würde ihm gefallen, »wenn es osteuropäische Juden wären mit einem um 15 Prozent höheren IQ als dem der deutschen Bevölkerung«. Was auch immer, ich halte die sachliche Aussage für richtig.

    di Lorenzo: Sie glauben, dass Menschen von Geburt an intelligenter oder dümmer sind, weil sie einem bestimmten Volk oder gar einer Religionsgemeinschaft angehören?

    Schmidt: Es spielen bei der Intelligenz natürlich zwei Dinge eine Rolle: die Begabung, das sind die Gene. Und es spielt das soziale Umfeld eine Rolle, die Schule, die Familie und all das, was man braucht, um aus der Begabung etwas zu machen. Das würde die moderne Wissenschaft heute ähnlich sehen und dafür ihre Fachausdrücke haben. Es gibt ja gar keinen Zweifel daran, dass die hohe geistige Bedeutung von Wissenschaft und Kunst in Berlin zur Zeit der Weimarer Republik ganz wesentlich den Juden zuzuschreiben war.

    di Lorenzo: Und was soll es bringen, alle Türken pauschal anzurempeln und so hässliche Ausdrücke zu gebrauchen wie »Kopftuchmädchen produzieren«?

    Schmidt: Ich hätte diese Ausdrücke sicherlich nicht gebraucht. Nach einem langen Gespräch, das umgangssprachlich geführt wurde, hätte ein Redakteur an drei oder vier Stellen Korrekturen vornehmen müssen. Das hat offenbar keiner getan.

    di Lorenzo: Warum verteidigen Sie Herrn Sarrazin? Weil Sie ihn lange kennen und einmal einen guten Eindruck von ihm gewonnen hatten?

    Schmidt: Nein, weil ich sein Interview ganz gelesen habe – im Gegensatz zu vielen Journalisten. Aber es stimmt auch, dass ich ihn seit mehr als 30 Jahren kenne. Er hat als Berliner Finanzsenator hervorragende Arbeit geleistet.

    di Lorenzo: Der Philosoph Peter Sloterdijk hat zum Fall Sarrazin geschrieben: »Man möchte meinen, die deutsche Meinungs-Besitzer-Szene habe sich in einen Käfig voller Feiglinge verwandelt, die gegen jede Abweichung von den Käfigstandards keifen und hetzen.« Gibt es bei uns wirklich einen solchen Druck zur Konformität?

    Schmidt: Ich hätte es abermals anders formuliert, aber im Prinzip ist etwas Richtiges an dem, was Herr Sloterdijk schreibt. Ein wichtiger Punkt ist doch, dass die Volksmeinung überwiegend auf der Seite Sarrazins ist.

    Giovanni di Lorenzo, Verstehen Sie das, Herr Schmidt? ZEITmagazin, 12.11.2009 Nr. 47


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  • Klassendebatte in Schweden

    Schweden – das ist ein Synonym für den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat. Dennoch ist auch Schweden ein kapitalistisches Land und somit eine Klassengesellschaft.

    Am Montag war Gabriel Kuhn auf der Durchreise in Münster und berichtete über aktuelle Klassendebatten in Schweden. In einem fünfjährigen Projekt stellten linke AktivistInnen mit einer Herkunft aus der Arbeiterklasse ein Buch zusammen, in dem sie über ihre Klassenkonflikte innerhalb des linksalternativen Milieus berichten. Das Buch mit dem Titel En knuten näve i fickan (Eine geballte Faust in der Tasche) erschien 2008 im linken schwedischen Yelah-Verlag und wurde von Fredric Carlsson-Andersson und Atilla Piskin herausgegeben.

    Gabriel Kuhn hat fünf der fünfzehn autobiographischen Erfahrungsberichte ins Deutsche übersetzt und mit Rezensionen und einem Interview mit Carlsson-Andersson/Piskin versehen. Den Vortrag hielt Gabriel Kuhn bewusst sehr kurz, da er in Hamburg ein großen Diskussions- und Mitteilungsbedürfnis über die Klassenfragen im linken Alltag mitbekam.

    Mumin-Tasse
    Obwohl ich mich nun bewusst seit ca. fünfzehn Jahren mit Fragen der Klassenherkunft befasse und diese Problematik in den unterschiedlichsten linken Zusammenhängen thematisiere, berührten mich dennoch die autobiographischen Schilderungen. Die AutorInnen des Buches sind keine Bildungsaufsteiger in dem Sinn, dass sie die Klasse gewechselt haben. Sie verblieben in der Arbeiterklasse, obschon sie sich in dem von der Mittelklasse dominierten links-alternativen Milieu bewegten und von außen betrachtet dazu gehörten. Doch in allen Texten – zumindest den übersetzten – sprechen die AutorInnen davon, dass sie sich unter den „Mumin-Linken“ nicht wohl fühlten. Es werde viel von Klassenkampf gesprochen, aber die Klassenbilder seien mit Klischees behaftet. Die Interessen und Probleme der Arbeiterkinder hätten keinen Raum. Aus den Texten spricht Trauer und Spott, und auch Hass.
    Niemand kann etwas für seine Herkunft. Und es geht in dem Band nicht um Verurteilung. Thema ist vielmehr, dass endlich einmal zugehört wird. Es gibt Unterschiede und diese müssen zur Kenntnis genommen werden. Die beiden Herausgeber schreiben in der Einleitung:
    „Natürlich kann jemand aus der ArbeiterInnenklasse kommen un die Regeln der linken Mittelklasse lernen. Aber allzu oft geschieht dies nicht. Und selbst, wenn du das schaffst und zu einem Teil der Mumin-Linken wirst – so richtig wirst du dich trotzdem nie zugehörig fühlen. eine der AutorInnen dieser Textsammlung erzählte in einem Interview mit der Zeitung Arbetaren [ArbeiterIn], dass sie schnell verstand, wie unpopulär es in jungen linken Kreisen war, einen Metzger zum Vater zu haben. Sie sagte deshalb bald, dass ihr Vater mit Tieren arbeite.
    […]
    Linke Lieder über die ArbeiterInnenklasse sind lange in der Popwelt der Kunstschulen geschrieben worden – von den ‚RotweinrevolutionärInnen‘, wie Erik Zsiga sie nennt. Die Resultate waren nicht unbedingt schlecht. Aber von nun an wollen wir dabei sein.“
    Die sich nach dem Vortrag in Münster anschließende Diskussion war sehr spannend, wie immer, wenn Menschen von ihren eigenen Leben erzählen. Ich war vor allem überrascht, dass dieses Buch in Schweden sehr bekannt geworden ist und für viele Debatten sorgt. Die Auseinandersetzungen sind alt und werden immer wieder neu geführt. So ließ sich bereits das feministische Kollektiv „Furies“ Anfang der 1970er Jahre in New York nicht mehr die Dominanz der linken Männer aus der Mittelschicht gefallen. Und Gabriele Theling schrieb in den 1980ern eine Diplomarbeit, die deckungsgleich mit den Beschreibungen aus New York zehn Jahre zuvor und Stockholm zwanzig Jahre später ist. 

    In Deutschland blieben entsprechende Debatten bislang aus. Die Neuen Sozialen Bewegungen kennen keine Klassen, die MarxistInnen kennen keine soziale Herkunft und die wenigen studierenden Arbeiterkinder kennen keine politischen Äußerungen. Aber bekanntlich bleibt ja nichts so wie es ist. 

     
  • Probleme für Internet-Autoren durch Sidewiki?

    Sidewiki ist ein sehr tolles neues Google-Projekt. Ich sehe jedoch ein Problem:

    Kann und möchte Google zeitnah Beleidigungen, Verleumdungen oder auch „nur“ die Veröffentlichung von sensiblen Daten über anonyme Blogger und Internet-Autoren stoppen, die durch Sidewiki droht?

    Ich bin da skeptisch und habe einen kurzen Artikel über dieses Problem auf Google-Knol verfasst: http://knol.google.com/k/andreas-kemper/sidewiki-ein-problem-fr-internet-autoren/8bgikaqot3ts/413

    in reference to: Google Sidewiki (view on Google Sidewiki)

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