Der Begriff „virtualiter“

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Der Begriff „virtualiter“

Mit dem Begriff virtualiter ist etwas bezeichnet, welches „der Kraft nach“ oder „als Möglichkeit“[1] vorhanden ist. Obschon der Begriff „virtuell“ in den letzten Jahrzehnten häufiger benutzt wurde als je zuvor, ist der verwandte Begriff „virtualiter“ aus dem Sprachschatz fast vollständig verschwunden.

Begriffsgeschichte

Die Scholastik

In der mittelalterlichen Scholastik und dort vor allem in der Metaphysik wurde der Begriff „virtualiter“ dem Begriff „formaliter“ gegenübergestellt. Der Begriff „Form“ hat in den letzten Jahrhunderten eine Abwertung erlebt. In der vom Platonismus geprägten Scholastik kamen den Formen und Ideen die höchsten Werte zu. Sie waren Gott näher. Im Artikel „Virtualität – Materialität“ bin ich genauer auf die Formenlehre eingegangen. Mit dem Beispiel des Weines und der Weintrauben wurde deutlich gemacht, wie „virtualiter“ im Spätmittelalter verwandt wurde. Nach Aegidius enthält jede höhere Form virtualiter alle niedrigeren Formen in sich[2]. Im Wein (höhere Form) sind virtualiter Trauben (niedere Form) enthalten.

Im Wein sind virtualiter Weintrauben
public domain

In der spanischen bzw. tridentischen Scholastik wurde das Begriffspaar „formaliter – virtualiter“ aufgenommen, um die unterschiedliche Offenbarung zu kennzeichnen, die sich im Glauben und in der Theologie findet. Im Glauben zeige sich die Offenbarung „formaliter“, was auch mit „explizit“ übersetzt wurde. Die Theologie sei hingegen zuständig für die „mittelbare“ und „implizitite“ Offenbarung, also zeige sich hier die Offenbarung virtualiter. Der Glaube sei also höher zu werten als die Theologie. [3]

Frühe Neuzeit

In der Frühen Neuzeit erfuhr der Begriff virtualiter eine Bedeutungsverschiebung. Er fand nun auch in der Politik eine Anwendung, wie das Universallexikon Zedlers von 1746 zeigt. Hier wird zwar zunächst auf die Metaphysik der Scholastik eingegangen. Verständlicher scheint dann aber ein Beispiel aus der Staatspolitik.

„Virtualiter, der Krafft nach, durch eine richtige Folge, ist ein metapysisches Kunstwort, und wird in der Metaphysik der Scholastiker dem Worte fomaliter entgegengesetzt. Es hat die Bedeutung, dass etwas von dem andern in Ansehung der Existenz und des Wesens nicht würcklich, sondern nur der Krafft nach gesaget wird, z.B. der König ist allenthalben seines Landes, nicht fomaliter, als wäre er wirklich an allen Orten, sondern virtualiter, weil er überall seine Bedienten hat, die statt seiner da sind.“ [4]

Ohne den Begriff „virtualiter“ explizit zu benutzen, war diese Bedeutung – nämlich durch Stellvertreter zu herrschen – das Kernproblem Étienne de la Boeties, welches in seiner Schrift „Über die freiwillige Knechtschaft“ diskutiert wird. Ein Einzelner kann eventuell durch Körperkraft über vier oder fünf Menschen herrschen. Niemals aber könne er direkt über viele Menschen Herrschaft ausüben, wäre es nicht eine Herrschaft über Stellvertreter. „Über die freiwillige Knechtschaft“ gilt als erstes anarchistische Werk in Europa. Zugleich soll es auch von de la Boetie als Antwort auf Machiaviellis „Il Principe“ gelten, der mit dem Begriff virtù
ebenfalls Macht- und Herrschaftsverhältnisse beschrieb. Auf den Begriff „Virtù“ werde ich gesondert an späterer Stelle eingehen.

Idealismus

Auch in der Philosophie des deutschen Idealismus konnte sich noch der Begriff „virtualiter“ herüberretten. Kant benutzte den Begriff in seiner „Kritik der Urteilskraft„. Hier scheint der Begriff im Sinn von „latent“ benutzt zu werden in dem Sinne, dass schon alles vorhanden gewesen sei, nur eben latent und noch nicht ausgeprägt [5]. Schopenhauer griff in seiner Philosophie, die er in „Die Welt als Wille und Vorstellung“ darlegte, die alte Bedeutung von „virtualiter“ wieder auf. Aber es kommt zu einer Umwertung. Während in der Scholastik der Wein eine höhere Form hatte als die Traube, bringt Schopenhauer den Begriff „virtualiter“ mit dem modernen Begriff „Energie“ in einem Zusammenhang. Virtualiter ist die Traube noch immer im Wein. Aber die Traube ist die eigentliche Energie und Energie ist nun das, was zählt und nicht mehr die Form.

„Nun aber können die Begriffe, welche die Vernunft gebildet und das Gedächtniß aufbehalten hat, nie alle zugleich dem Bewußtsein gegenwärtig seyn, vielmehr nur eine sehr kleine Anzahl derselben zur Zeit. Hingegen die Energie, mit welcher die anschauliche Gegenwart, in der eigentlich immer das Wesentliche aller Dinge überhaupt virtualiter enthalten und repräsentirt ist, aufgefaßt wird, erfüllt, mit ihrer ganzen Macht, das Bewußtseyn in Einem Moment. Hierauf beruht das unendliche Ueberwiegen des Genies über die Gelehrsamkeit: sie verhalten sich zu einander wie der Text des alten Klassikers zu seinem Kommentar.“[6]

Auch Hegel sprach noch vom Begriff „virtualiter“. So zum Beispiel im Kapitel „Die fühlende Seele“ in der Philosophie des Geistes. Dem Begriff kommt eine zentrale Bedeutung zu. Die Idealität ist eine Negation des Reellen, bewahrt das Reelle jedoch auf und somit ist in der Idealität das Reelle virtualiter enthalten.

Nirgend so sehr als bei der Seele und noch mehr beim Geiste ist es die Bestimmung der Idealität, die für das Verständnis am wesentlichsten festzuhalten ist, daß die Idealität Negation des Reellen, dieses aber zugleich aufbewahrt, virtualiter erhalten ist, ob es gleich nicht existiert. Es ist die Bestimmung, die wir wohl in Ansehung der Vorstellungen, des Gedächtnisses vor uns haben. Jedes Individuum ist ein unendlicher Reichtum von Empfindungsbestimmungen, Vorstellungen, Kenntnissen, Gedanken usf.; aber ich bin darum doch ein ganz Einfaches, – ein bestimmungsloser Schacht, in welchem alles dieses aufbewahrt ist, ohne zu existieren.

Marxismus

Karl Marx war einer der letzten Theoretiker, der noch den Begriff „virtualiter“ verwandte. Im zweiten Band von „Das Kapital“, im Kapitel „Das zusätzliche konstante Kapital“ heißt es:

Der Arbeiter erhält ihnen nicht nur durch seine Arbeit ihr konstantes Kapital; er ersetzt ihnen nicht nur den variablen Kapitalwert durch einen entsprechenden neugeschaffnen Wertteil in Form von Ware; durch seine Mehrarbeit liefert er ihnen außerdem einen in Form von Mehrprodukt existierenden Mehrwert. Durch den sukzessiven Verkauf dieses Mehrprodukts bilden sie den Schatz, zuschüssiges potentielles Geldkapital. Im hier betrachteten Fall besteht dies Mehrprodukt von vornherein aus Produktionsmitteln von Produktionsmitteln. Erst in der Hand von B, B‘, B“ etc. (I) fungiert dies Mehrprodukt als zuschüssiges konstantes Kapital; aber es ist dies virtualiter schon, bevor es verkauft wird, schon in der Hand der Schatzbildner A, A‘, A“ (I). Wenn wir bloß den Wertumfang der Reproduktion seitens I betrachten, so befinden wir uns noch innerhalb der Grenzen der einfachen Reproduktion, denn kein zusätzliches Kapital ist in Bewegung gesetzt worden, um dies virtualiter zuschüssige konstante Kapital (das Mehrprodukt) zu schaffen, auch keine größre Mehrarbeit, als die auf Grundlage der einfachen Reproduktion verausgabte. Der Unterschied liegt hier nur in der Form der angewandten Mehrarbeit, der konkreten Natur ihrer besondren nützlichen Weise.[7]

Jahrhundertwende

Um die Jahrhundertwende wurde der Begriff „virtualiter“ bereits nicht mehr gebraucht. In Lexika aus der Zeit wurde auf „realiter“ verwiesen. „Realiter“ heißt nach dem Duden „in Wirklichkeit“[8]. Nach Kirchner ist „realiter“ ein neulateinischer Begriff und bedeutet: „wirklich, in der Tat; Gegensatz dazu ist ideell (geistig) und potentialiter (der Möglichkeit nach).“[9]

Schauen wir in ein philosophisches Wöterbuch von 1904[10], so finden sich diverse Virtualitätsbegriffe:

  • Virtual (virtus, Kraft, Vermögen) oder virtuell: der Kraft, dem Vermögen nach, potentiell (s. d.). Nach R. Avenarius ist das „Virtual“ ein Bestandteil jedes Individuellen „Actionscomplexes“.
  • Virtualismus (virtus, Kraft) ist das System von Bouterwerk, nach welchem wir nur die Dinge außer uns in der „Virtualität“ als Kräfte (s. d.) erfassen. „Kraft in uns oder außer uns ist relative Realtiät. Widerstand ist entgegengesetzte, also auch relative Realität. Beide vereinigt sind Virtualität. Durch Virtualität sind wir.“ „Die absolute Realität ist nichts anderes als eben diese Virtualität, die in unsist, wie wir in ihr sind. Sie ist das Absolute, das durch sich selbst ist“ (Apodikt. II, 68 ff.). „Das individuelle Leben im ganzen Umfange seiner Functionen ist eine Virtualität, das heißt, eine Einheit von subjectiven und objectiven Kräften“ (Lehrb. d. philos. Wissensch. I, 53 ff.)
  • Virtualität s. Virtualismus
  • Virtualiter = realiter (s. d.)
  • Virtuell s. Potentiell, Energie.

Der Begriff „virtualiter“ war nicht mehr gebräuchlich, die Begriffe „virtuell“ oder „Virtualität“ waren noch nicht gebräuchlich.

* der Text wird fortgesetzt und präzisiert *