Andreas Kemper

Recherche zu antidemokratischen Netzwerken, autoritären Ideologien und neoliberalen Machtstrukturen.
Frühanalysen zur AfD, zu Rechts“libertarismus“, Antifeminismus und elitären Gegenbewegungen.

AfD & faschistische Ideologien

Strukturanalysen zu Programmatik, Akteursnetzwerken und ideologischer Entwicklung.

Klassismus & Klassengesellschaft

Untersuchung sozialer Ausschlussmechanismen, Bildungsbenachteiligung und Klassenideologie.

Proprietarismus & Privatstaat-Modelle

Recherchen zum sog. Rechtslibertarismus sowie zu antidemokratischen Privatstadtprojekten.

Antifeminismus & reaktionäre Netzwerke

Analyse antifeministischer Narrative, Männerrechtsbewegung und familistischen Adelsnetzwerken.

Tagebuch zum Neoaristokratismus

Fortlaufende Analysen zur Aristokratie des Antifeminismus sowie zu proprietaristischen und privatstaatlichen Projekten.

Publikationen

Antifeministische Narrative

Privatstädte

Klassismus

Aktuelle Analysen

  • Definieren Sie Rassismus, Herr Dohnanyi

    Klaus von Dohnanyi – gehobener Herkunft wie Thilo Sarrazin, den er verteidigt – spricht von „Soziale Rassen“, die bestimmte gemeinsame Eigenschaften hätten. Dazu gehöre ein bestimmter Intelligenzquotient und eine bestimmte Fruchtbarkeitsquote. Man dürfe nicht „gedankenfeige“ sein und solle sich nicht scheuen Worte wie „Rasse“ zu benutzen und darüber nachzudenken. Natürlich nicht in einer „rassistischen“ Weise. Definieren Sie Rassismus, Herr Dohnanyi.

    Im Einzelnen:
    Klaus von Dohnanyi, ehemaliger erster Bürgermeister Hamburgs und SPD-Mitglied, Ex-Kurator der „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“, stellvertretender Vorsitzender des „Konvents für Deutschland“ verteidigt Sarrazin und würde ihm auch in einem Schiedsgericht beistehen.  Hier Auszüge aus seiner Verteidigungsrede:

    „Ist sein Buch jetzt das „Outing“ eines Rassisten und Rechtsradikalen? Nein. Sarrazins Grundthese ist einfach. Er ist der Auffassung – und begründet das sehr ausführlich -, dass Deutschland Gefahr läuft, seine geistigen Eliten einzuschmelzen, weil diese selbst zu wenige Kinder bekommen, während Gruppen, die sich bisher nicht durch Arbeit und Leistung hervorgetan haben (manche Deutsche oder Teile von Migranten) mehr Kinder bekommen und so das Leistungsniveau der Nation langfristig absenken könnten.“

    Diese Grundthese wäre nicht zwingend rassistisch, sondern nur zynisch, wenn sie sich auf die Tatsache beschränken würde, dass Akademikerkinder deutlich mehr Chancen haben, in die sogenannte „Elite“ aufzusteigen, als sogenannte „Unterschichtskinder“. Aber es geht weiter, wie auch Dohnanyi feststellt:

    „Sarrazins Behauptung, dass es besondere, kulturelle Eigenschaften von Volksgruppen gibt, kann heute niemand mehr mit Sachkenntnis bestreiten. Die amerikanische Enzyklopädie der Sozialwissenschaften nennt das social race: „soziale Rasse“. Sarrazin sieht nun bei Teilen islamischer Gruppen eine Ablehnung der Integration und darin Gefahren für unsere Bildungs- und Leistungsgesellschaft. Integration sei auch eine „Bringschuld“. Falsch?“

    „Besondere kulturelle Eigenschaften von Volksgruppen?“ Das klingt äußerst merkwürdig. Was soll das sein? Und was soll der Hinweis auf „social race“? „Race“ hat im us-amerikanischen Kontext eine andere Bedeutung als „Rasse“ im deutschen. Googelt man nach „Sozialer Rasse“, so erfährt man etwas über Angora-Kaninchen, Islandpferde und Pappilonzucht. „Rasse“ impliziert im Deutschen biologistische oder quasi-biologische Zuschreibungen. Noch bleibt Dohnanyi bei „kulutrelle Eigenschaften“, aber der Text geht weiter:

    „Sarrazin hat für seine Thesen auch „biologische“ Argumente angeführt. Er beruft sich auf eine gewisse Vererblichkeit von Intelligenz. Falsch?“

    Ja, falsch, Herr von Dohnanyi. Man kann sich noch über individuelle Vererblichkeit von Intelligenz streiten. Dass sogenannte „Volksgruppen“ Intelligenz vererben, ist falsch. Aber natürlich macht es Sinn, von „sozialen Rassen“ zu sprechen, wenn man so etwas wie die „kollektive Vererbung von Intelligenz“ zu sehen glaubt. Die richtige Kennzeichnung von Menschen, die von „Sozialen Rassen“ sprechen und diesen Rassen „erblich bedingte“ unterschiedliche Intelligenzgrade zusprechen, ist „Sozialrassisten“.

    „Er meint, dass sich das unzureichende Bemühen einer Volksgruppe (oder einer sozialen Gemeinschaft) um Bildung und Erfolgsstreben langfristig auf das messbare Intelligenzniveau dieser Gruppierungen auswirken kann.“

    Nicht ganz richtig, wenn schon, dann „langfristig auf das messbare „vererbliche“ Intelligenzniveau auswirkt“. Das klingt nach Lamarckismus: Eigenschaften gehen ins Erbgut über; oder nach einer „Entartungs“- und „Dekadenz-/Degenerierungstheorie“; dabei dachte ich bislang, Sarrazin würde vulgärdarwinistisch-eugenisch argumentieren, dass also die „Negative Auslese“ eine Gruppe von Menschen mit einer vererbbar niedrigen Intelligenz entstehen lasse, die sich aber überproportional vermehre, also zu einer dysgenischen Entwicklung führe, der man zum Wohle des Volkes eugenisch entgegenwirke müsse. Was daran schlecht ist? Sozialeugenik ist menschenverachtend.

    „Und in einem Interview, nach eventuell genetischen Anteilen der Intelligenzvererbung gefragt, meinte er unter Hinweis auf wissenschaftliche Veröffentlichungen in den USA – inzwischen zu seinem eigenen Bedauern -, dass auch die Juden (die in seinem Buch nur Bewunderung wegen ihrer Intelligenz erfahren) vermutlich eine etwas andere (also überlegene) Genstruktur aufweisen könnten. Rassismus?“

    Ja. Rassismus. Sarrazin bedauert den Satz mit dem „Juden-Gen“, weil damit die Stimmung plötzlich umschlug. Die New York Times berichtete, dass ein deutscher Bundesbank-Vorstand von Basken- und Juden-Gene sprach. Bis dato wusste Sarrazin sehr wohl zu vermeiden, Begriffe wie „Entartung“ und „Eugenik“ zu explizit zu nennen. Im Interview hat er sich verplappert. Er hat nicht den Inhalt seiner Aussage bedauert, sondern dass er nun dort gesehen wurde, wo er steht. Es klingt übrigens so, als würden Sie seinen Satz inhaltlich nicht bedauern, Herr von Dohnanyi.

    Dass es Begriffe wie „Rasse“ gibt, bezweifelt niemand. Die UN hat aber klargestellt, dass es keine biologische Entsprechung von „Rassen“ bei Menschen gibt. Man sollte also nicht über „Rassen“ nachdenken, sonndern über Rassismus. Als stellvertretener Vorsitzender des „Konvents für Deutschland“, sollte es von Dohnanyi seinen Konventskollegen Oswald Metzger (Ex-SPDler, Ex-Grüner), Wolfgang Clement (Ex-SPDler, inzwischen aus dem Konvent ausgeschieden) gleichtun und die SPD verlassen.

    Wolfgang Clement:

    „Biologen verwenden für „Organismen, die zeitweise oder dauerhaft zur Befriedigung ihrer Nahrungsbedingungen auf Kosten anderer Lebewesen – ihren Wirten – leben“, übereinstimmend die Bezeichnung „Parasiten“. Natürlich ist es völlig unstatthaft, Begriffe aus dem Tierreich auf Menschen zu übertragen.“ Quelle: heute journal 20.10.2005

    Oswald Metzger:

    Wir können doch heute schon bei Sozialhilfe-Biografien über Generationen beobachten, dass Menschen, die von Transfereinkommen leben, nicht aktiviert werden. Sozialhilfeempfänger werden keineswegs schöpferisch aktiv. Viele sehen ihren Lebenssinn darin, Kohlehydrate oder Alkohol in sich hinein zu stopfen, vor dem Fernseher zu sitzen und das Gleiche den eigenen Kindern angedeihen zu lassen. Die wachsen dann verdickt und verdummt auf. Quelle: Stern.de 20.11.2007

    Dohnanyi kann die SPD zusammen mit Sarrazin verlassen ihn in den Konvent reinholen. Hans-Olaf Henkel würde sich über den neuen Kollegen freuen. In der SPD jedenfalls sollte kein Platz für das laute „Nachdenken“ über Rassen und Klassenrassen sein.

    Nachtrag: 
    War ja klar, ein weiteres (ehemaliges) Konvent-Mitglied hat sich für Sarrazin stark gemacht: Wolfgang Clement.

    Nachtrag 2:
    Et Voilà: Auch Oswald Metzger verteidigt nun Sarrazin (in einem Interview mit der Jungen Feiheit, die ich hier nicht verlinken werde):

    „Während viele politisch korrekte Meinungsbildner mit Empörung auf Sarrazins Fundamentalkritik an der gescheiterten Integrationspolitik reagieren, die SPD-Spitze ihn rausschmeißen möchte und die Staatsspitze – von der Kanzlerin bis zum Bundespräsidenten – die Bundesbank erfolgreich zur Entfernung des Übeltäters aus dem Vorstand aufforderten, ist sich das gemeine Volk einig: ‘Der Mann sagt die Wahrheit und wird dafür abgestraft!’“

    Wo bleibt Olaf Henkel? Oder hält sich Henkel zurück, weil seine Position zum rassistischen „Red Lining“ in der Bank of America bereits umstritten genug ist?

    Nachtrag 3 (07.09.2010):
    Klaus von Dohnanyi im Deutschlandfunk-Interview mit Christoph Heinemann:

    „Ob das richtig ist oder nicht, weiß er nicht, weiß ich nicht, aber wenn Intelligenz vererbbar ist, dann könnte ich mir vorstellen, dass abgesehen von der sehr viel besseren Schulpolitik, die die Juden in der Regel in ihren Familien betreiben, und der größeren Bildungsnähe, die sie ihren Kindern vermitteln – das ist ja der große Vorteil der jüdischen Gesellschaft, dass sie einfach mehr Wert auf Bildung legen -, abgesehen davon könnte es natürlich inzwischen auch dadurch ein gewisser höherer Intelligenzquotient abhängig sein von einem Gen. Niemand weiß das, es ist aber keine Sünde, das zu sagen. Wenn Intelligenz vererbbar ist, was offenbar in der Wissenschaft unbestritten ist, dann könnte das der Fall sein.“

    Zu dem „was die Wissenschaft“ zu dieser Frage sagt, hat sich nun der Dachverband der Biologie-Wissenschaftler_innen eingeschaltet: VBIO: Thilo Sarrazin hat grundlegende genetische Zusammenhänge falsch verstanden:

    „In Bezug auf die Aussagen Sarrazins zur Genetik verwehrt sich der Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin in Deutschland (VBIO e. V.) entschieden gegen jede politische Instrumentalisierung biologischer Fakten. – Sei es durch Thilo Sarrazin selbst, sei es durch andere Teilnehmer der derzeit laufenden öffentlichen und medialen Debatte.
    Die genetischen Thesen von Herrn Sarrazin sind nicht mit den modernen Erkenntnissen zur Evolutionsbiologie des Menschen vereinbar. […]“  Verband Biologie, Biowissenschaften und Biomedizin, 02.09.2010

  • Sarrazin: ein Eugeniker? – Eine Pressesammlung

    Im Folgenden dokumentiere ich eine Presseliste mit kurzen Auszügen und Links, die sich mit Thilos Sarrazins Eugeniktheorie befassen. Ich beginne mit der Diskussion seit dem Lettre-Interview. Bereits dort wurden die eugenischen Grundzüge deutlich, wurden aber selten benannt. Seit der Diskussion um Sarrazins Bestseller „Deutschland schafft sich ab“ wurde einer größeren Gruppe von Journalisten und Journalistinnen die Rassenhygiene-Theorie in Sarrazins Thesen deutlich, bzw. sie berichten nun offener darüber. So gegensätzliche Journalist_innen wie Frank Schirrmacher (FAZ) und Ulrike Herrmann (taz) unterstellen Sarrazin, dass er bewusst Begriffe wie Eugenik und Entartung vermeide, sich aber sehr wohl darüber bewusst sei, dass er sie meine.

    Zwischen Lettre-Interview und „Deutschland schafft sich ab“
    * Gutachten zu Sarrazins Rassismus

    * Christian Staas (DIE ZEIT, Chefredakteur Zeit-Geschichte):

    Was Sarrazin hier entwirft, ist nichts anderes als ein eugenisches Projekt zum „Auswachsen“ unbrauchbaren Lebens. Er schlägt deshalb unter anderem die komplette Streichung von Sozialzuwendungen für Ausländer aus der „Unterschicht“ vor. Der sprachliche Duktus seiner Antworten – vom biologisierenden Bild des „Kreislaufs“ in der Stadtbeschreibung bis hin zur „negativen Auslese“ im folgenden Zitat – könnte rassenbiologischen Schriften entlehnt sein: „Benachteiligte aus bildungsfernen Schichten, davon hat Berlin besonders viele. Es gibt auch keine Methode, diese Leute vernünftig einzubeziehen. Es findet eine fortwährende negative Auslese statt.“[http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2009-10/sarrazin-grossstadt-berlin]

    * Rainer Rilling (Soziologe, Schwerpunkt Elite, Kapitalismus):

     Dieses Weltbild ist nicht faschistisch, sondern elitistisch. Es geht dabei allerdings nicht um einen oftmals als unzeitgemäß veraltet angesehenen „konservativen Elitismus“, sondern es geht, wenn die Herstellung einer vorbildlich elitären Ordnung als Aufgabe formuliert wird, um einen aktivistischen Elitismus, der – wo er sich in die Tradition der Sozialeugenik der Stereotypisierung, Reinigung usw. stellt und mit Exklusion / Abschließung sowie Versagung von Anerkennung operiert – fast (“TS: “Das klingt sehr stammtischnah”, S.200) völlig problemlos im Übergangsfeld zum Rassistischen und Faschistischen argumentiert und für entsprechende Politiken optiert.[http://ifg.rosalux.de/?p=783]

    * Hajo Funke (Politologe, Schwerpunkt Antisemitismus, Rechtsextremismus):

    Meines Erachtens sind Sarrazins Äußerungen sowohl sozialdarwinistisch als auch rassistisch.
    Zudem spricht er der Unterschicht der ethnisch Deutschen ab, dass sie sich sozial entwickeln könne. Das widerspricht der politischen Linie der SPD. Aber vor allem ist das eine abgründige, sozialdarwinistische Verachtung von Deutschen, Arabern und Türken zugleich. Link

    * Cem Özdemir, Bundesvorsitzender der Grünen:

    „Sozialdarwinistisches Weltbild“ Link

    * Wolfgang Streeck, Direktor des Kölner Max-Planck-Instituts, nach Rudolf Walter: Wer soll die Kinder kriegen, taz 16.07.2010:

            „Marktorientierte Sozialeugenik“ Link

    Seit der Diskussion um Sarrazins Buch

    * Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, 26.08.2010:

    „Es ist unerträglich, was Herr Sarrazin mit seinen wirren sozio-biologischen Annahmen über die Intelligenz von Migranten zum wiederholten Male der Öffentlichkeit zumutet“Link

    * TAZ zur SPIEGEL-Vorveröffentlichung, 27.08.2010:

    Zudem klammert der im Spiegel veröffentlichte Auszugs diverse heiße Eisen aus – das Thema Eugenik kommt beispielsweise gar nicht vor!Link

    * TAGESTHEMEN: Debatte um Sarrazin. Medien-Coup mit rassistischen Thesen, 27.08.2010:

    Er glaubt, dass sich Begabung vererbt, dass muslimische Migranten dumm sind und deren „enorme Fruchtbarkeit“ eine Bedrohung darstellen, weil „die Klugen“ gleichzeitig zu wenig Kinder bekommen. Der Bundesbankvorstand Sarrazin bewegt sich mit seinen Thesen in der Tradition der rassistischen Erblehre, die lange widerlegt ist – doch alle hören ihm zu.Link

    * Matthias Kamann: Nur als Provokateur originell, WELT-Online, 27.08.2010:

    „Zwar hält sich Sarrazin fern von eugenischen Plänen, die im 19. und 20. Jahrhundert zu zwangsweisen Sterilisationen in der Unterschicht entworfen wurden. Doch argumentativ steht er in einer Tradition, die von Dekadenz-Theoretikern des 19. Jahrhunderts über die Sozialdarwinisten bis zu Geburtenbeschränkungen für die Unterschicht in Schweden reichen: Hochkulturen ziehen Barbaren an, diese vermehren sich ungebremst, während die Klugen aussterben, weshalb man bevölkerungspolitisch umsteuern muss. Es bleibt dabei Thilo Sarrazins Geheimnis, warum er sich nicht fragt, was an diesen Thesen dran ist, wenn sie vor rund 150 Jahren Verfallsprognosen für etwa 1950 erstellten, die dann nicht eintraten.“Link

    * Ralf Stegner: Abrechnung mit dem Provokateur. Sarrazins böse WeltSPIEGEL-Online, 28.08.2010:

    Wir finden eine wirre Mischung aus Ökonomismus, Eugenik und kokettem Borderline-Rassismus, wie es der Journalist Jörg Lau einmal ausgedrückt hat.Link

    * Ulrike Herrmann / Alke Wierth: : „Thilo Sarrazin, der Eugeniker. Die Gene sind schuld“, taz, 29.08.2010:

    „… Denn Sarrazin argumentiert dezidiert biologistisch. Für ihn ist die Unterschicht nicht sozial benachteiligt, sondern genetisch bedingt dümmer als die Oberschicht. Es handle sich um eine „negative Auslese“. Überhaupt schreibt Sarrazin sehr gern über „Selektion“. Seine Formulierungen und „Analysen“ erinnern nicht nur an die Eugenik – sie sind Eugenik. […]
    Programmatisch heißt ein Kapitel: „Mehr Kinder von den Klugen, bevor es zu spät ist.“ Dies war genau das Programm der Eugenik, die im 19. Jahrhundert von Francis Galton erfunden wurde. Auf ihn beruft sich Sarrazin explizit – allerdings ohne das Wort Eugenik zu verwenden. Sehr zielgenau verwendet er jedoch den Begriff „dysgenisch“, der ohne den Kontext der Eugenik gar nicht zu verstehen ist und der 1915 erfunden wurde, um „negative Selektionsprozesse“ bei einer menschlichen Population zu beschreiben.“Link

    * Hartmut Wewetzer: Sarrazins Thesen. Was ist Intelligenz?, Der Tagesspiegel, 29.08.2010:

    „Singapur verfolgte seit 1984 eine ähnliche eugenische Politik wie von Sarrazin gefordert, hat sie aber wieder aufgegeben. Jetzt fördert man die Fruchtbarkeit ganz allgemein, ohne Ansehen des Schulabschlusses.“Link

    * Georg Thanscheidt: „Dummes Zeug“, Abendzeitung, 29.08.2010:

    „Da wird wohlwollend der britische Forscher Francis Galton zitiert. Der Zeitgenosse Mendels war nicht nur der „Vater der frühen Intelligenzforschung“, wie Sarrazin schreibt, sondern auch einer der Väter der Eugenik, die nach Wegen suchte, die „eigene Rasse zu verbessern“.“Link

    * Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, in Tagblatt.de, 30.8.2010

    Der Vizepräsident des Zentralrats, Dieter Graumann, warf Sarrazin einen faktischen Rückgriff auf Elemente der Rassenhygiene aus der Nazi-Zeit vor. Damit habe Sarrazin eine „rote Linie überschritten“.[94]

    * Frank Schirrmacher: „Sarrazins Konsequenz. Ein fataler Irrweg“, FAZ, 30.08.2010:

    „Sarrazins Thesen laufen auf eine vollständige Neudefinition unseres Begriffs von Kultur hinaus.
    Zunächst: Dieses Buch hat nicht Thilo Sarrazin verfasst. Es wurde von einer Politik geschrieben, die seit Generationen nicht mehr in Generationen denkt, sondern in Monaten. Sarrazin ist lediglich der Ghostwriter der Gespenster, die uns jetzt heimsuchen. Umso erstaunlicher die Vorabrezension der Bundeskanzlerin, die das Buch wahrscheinlich nicht sehr konzentriert gelesen hat. Sarrazins Buch sei „nicht sehr hilfreich“ bei der Integrationsdebatte, ließ sie über ihren Regierungssprecher mitteilen. Sie ist damit, wie auch der inexistente neue Bundespräsident, im Begriff, die Spaltung der Gesellschaft zu befördern. Jeder, der Sarrazins Buch gelesen hat, weiß, dass er gut begründet, warum die Politik bisher nicht hilfreich war. […]
    Es ist kein Zufall, dass entscheidende Begriffe, Namen und Quellen im Register nicht auftauchen, obwohl sie sich in den Fußnoten oder über Verweise rekonstruieren lassen. Das ist kein Versehen. Man sollte Sarrazin nicht unterschätzen. Er will eine völlig neue politische Debatte auslösen, die im Kern biologisch und nicht kulturell argumentiert. Dafür gibt es Vorbilder auch in der Geschichte der großen Demokratien. In den Worten von Irving Fisher aus dem Jahre 1912, der zu den Befürwortern der neuen Einwanderungsgesetzgebung in Amerika zählte: eine Einwanderungsdebatte ist immer die Chance einer eugenischen Debatte. Sarrazin spricht, wenn er von Kultur redet, nicht vom Erbe, sondern vom Erbgut, und auch das ist Bestandteil demokratischer Diskurse vor exakt hundert Jahren: „Die Gesellschaft“, so der mächtige Biologe Harry Laughlin, „muss Erbgut als etwas betrachten, das der Gesellschaft gehört und nicht allein dem einzelnen.“ […]
    Galton, so muss man hinzufügen, was Sarrazin hinzuzufügen vergisst, war vor allem der Vater der modernen Eugenik. Und auch das ist eine der Hintertüren, die Sarrazin sich offenlässt: ein Buch, das faktisch für eine eugenische Demographie plädiert, hätte den Begriff verhandeln und im Sachregister aufnehmen müssen, statt ihn verschämt als Adjektiv im Strom der Gedanken untergehen zu lassen.“Link

    * Pressemitteilung des Zentralrats der deutschen Katholiken (Präsident des ZdK, Alois Glück), 30.08.2010:

    „Die Basis der Argumentation von Sarrazin ist das Erbgut, eine Reduzierung des Menschen auf seine Biologie. Danach werden sie in erwünschte und unerwünschte, brauchbare und unbrauchbare sortiert. Solches Denken war und ist die Grundlage eugenischer Debatten mit einer eigenen Dynamik, bis hin zu den Euthanasieprogrammen.“[96]

    * SPD-Pressemitteilung, 30.08.2010:

    Im Vorfeld seiner [Sarrazins, S.F.] Buchvorstellung hatte der ehemalige Berliner Finanzsenator, Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin, in verschiedenen Presseinterviews offensiv die These vertreten, dass bestimmte Verhaltensweisen von Menschen unterschiedlicher Herkunft genetisch zu begründen seien. So sei etwa die Bereitschaft zu Bildung und Integration im Erbgut festgelegt – und damit unveränderbar. Er arbeitete in diesem Zusammenhang mit Begriffen, „die nahe an der Rassenhygiene liege“, sagte der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel am Montag in Berlin. Wegen dieser Nähe zu nationalsozialistischen Theorien leitet der SPD-Vorstand am Montag ein Parteiordnungsverfahren gegen Sarrazin ein.Link

    * Sigmar Gabriel, SPD-Vorsitzender, über Sarrazin und der Begründung für seinen Parteiausschluss (Reuters Deutschland, 30.08.2010):

    „Aber wenn ich beginne – allemal in Deutschland – sozusagen entlang der Argumentation der Rassentheorie und der Rassenhygiene meine Argumentation zu untermauern, dann ist jedenfalls ein Punkt erreicht, wo es mit uns nicht geht.“Link

    * Klaus Hödl (wissenschaftlicher Leiter des Centrums für Jüdische Studien an der Karl-Franzens-Universität Graz): Sarrazin und der Zeitgeist. Sarrazin argumentiert zweifellos rassistisch, derStandard.at, 31. August 2010

    Sarrazins Vorstellungen über die gegenwärtigen sozialen Probleme und zukünftige Entwicklung Deutschlands kennzeichnen auffällige Ähnlichkeiten mit dem rassenhygienischen Diskurs um die Wende zum 20. Jahrhundert […] Sarrazin, und auch darin stimmt er mit den Rassenhygienikern überein, schreibt Juden eine überdurchschnittlich hohe Intelligenz zu. […]Link

    * Franz Walter: Sarrazin-Thesen. Sozialdemokratische Genetik, ZEIT-online, 31.98.2010

    Die Sozialdemokraten grollen mit ihrem Genossen Thilo Sarrazin. Ein Ausschlussverfahren wird eröffnet. Dabei findet sich der genetisch-biologistische Ansatz, der in Sarrazins Auffassungen mindestens mitschwingt, durchaus prominent in der sozialdemokratischen Geschichte wieder. In den 1920er Jahren waren gerade Sozialdemokraten entschiedene Eugeniker.Link

    * Frank Schirrmacher: Sarrazins Quellen. Biologismus macht die Gesellschaft dümmer, FAZ-net, 01.09.2010:

    Es geht um Demographie, um Wirtschaft und dann, im innersten Kern des Ganzen, um Biologie. Wer zu der dritten Puppe nicht vorstößt, versteht das Ausmaß der Aufregung nicht. Aber von ihr hängt die Architektur des Ganzen ab.
    Denn im Innersten dieses Buches steckt eine vulgärdarwinistische Gesellschaftstheorie, die mit einer Unbefangenheit dargelegt wird, als hätte es alle Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts nicht gegeben.[…]
    Sarrazin meint faktisch „Entartung“ – daran kann angesichts der Quelle kein Zweifel bestehen –, aber er nennt das Wort nicht. So geht es einem immer wieder mit diesem Buch. Es täuscht über seine Grundlagen. Dass er weiß, was er tut, sieht man an seinen Sicherheitsmaßnahmen: Warum legt er so großen Wert auf den seitenlang ausgebreiteten Hinweis, dass Intelligenztests von Juden erfunden wurden?
    Sarrazin blendet eine jahrhundertelange, zum Teil verheerende wissenschaftliche Rezeptionsgeschichte darwinistischer Theorien aus und schließt an sie an, als seien sie Erkenntnis von heute. Damit es nicht auffällt, verschleiert er die Terminologie.Link

    Seit 02.09.2010

    * Claire-Lise Buis: Integration. Die Grenzen verwischen, Rheinischer Merkur, 02.09.2010

    Sarrazins Thesen provozieren. Der SPD-Politiker bedient sich biologistischer Argumente und zitiert Vordenker der Eugenik.Link

    * Wissenschaftler und Eugeniker. Sarrazins Vordenker, taz, 02.09.2010

    Link

    * Markus Nöthen (Direktor des Instituts für Humangenetik der Universität Bonn): „Debatten aus dem 19. Jahrhundert. Interview mit Markus Nöthen“ General-Anzeiger, 02.09.2010:

    Generalanzeiger: Die Diskussion über die Frage, inwieweit Intelligenz angeboren oder erworben ist, wird nicht zum ersten Mal geführt.
    Nöthen: Die Konzepte von Herrn Sarrazin erinnern an Diskussionen aus dem 19. Jahrhundert, aus denen sich auch die Eugenik nährte.“ Link

    * Andrian Kreye: Debatte um Sarrazin. Alles auf Aha-Erlebnis, Süddeutsche.de, 02.09.2010

    Momentan konzentriert sich die Debatte auf die drei großen Schwachpunkte in Sarrazins Text: die Ethnisierung eines Klassenproblems; die eugenische Betrachtung eines Bildungsproblems; und die segregationistische Behandlung des Integrationsproblems.Link

    * Andreas Bernar: Das verstehe ich nicht, SZ-Magazin.de, 02.09.2010

    Ein Buch prägt also die gegenwärtige Diskussion, das in Vokabular und Argumentation nahtlos an die rassenbiologischen Standardwerke der Zeit um 1900 anschließt. Man müsste in den Traktaten eines Alfred Ploetz, Erfinder des Wortes »Rassenhygiene«, nur das Wort »slawisch« durch »muslimisch« und »Rasse« durch »Glauben« ersetzen und hätte dieselben Hypothesen.
    Sarrazin begründet gewissermaßen die neue Disziplin der Religionshygiene. Wobei er große Mühe darauf verwendet, die historische Blaupause seines Buchs nur bis zu jener Grenze aufzudecken, an der sie für die meisten Leser unkenntlich bleibt. Seit 70 Jahren diskreditierte Schlagwörter wie »Eugenik« etwa kommen kein einziges Mal vor. Der seltene und daher ungefährdete Gegenbegriff der »Dysgenik« fällt dagegen ständig, in dem Zusammenhang, dass die ungehinderte Fortpflanzung muslimischer Einwanderer zur Schädigung des deutschen Erbguts führt.Link


    Flattr this

  • Wegen Ladendiebstahl muss eine Mutter ins Gefängnis

    Weil sie zehn Marzipanschweinchen im Wert von 30 Euro klaute, muss eine Mutter für fünf Monate ins Gefängnis – ohne Bewährung. Sie war wegen ähnlicher Bagatellen zuvor schon zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden. Der Sohn muss wahrscheinlich ins Heim. An solchen Fällen zeigt sich, dass die Justiz in Deutschland strukturell klassistisch geprägt ist.

    Weitere Infos: Gefängnis für Mutter wegen Diebstahl von Lebensmitteln


    Flattr this

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner