Andreas Kemper

Recherche zu antidemokratischen Netzwerken, autoritären Ideologien und neoliberalen Machtstrukturen.
Frühanalysen zur AfD, zu Rechts“libertarismus“, Antifeminismus und elitären Gegenbewegungen.

AfD & faschistische Ideologien

Strukturanalysen zu Programmatik, Akteursnetzwerken und ideologischer Entwicklung.

Klassismus & Klassengesellschaft

Untersuchung sozialer Ausschlussmechanismen, Bildungsbenachteiligung und Klassenideologie.

Proprietarismus & Privatstaat-Modelle

Recherchen zum sog. Rechtslibertarismus sowie zu antidemokratischen Privatstadtprojekten.

Antifeminismus & reaktionäre Netzwerke

Analyse antifeministischer Narrative, Männerrechtsbewegung und familistischen Adelsnetzwerken.

Tagebuch zum Neoaristokratismus

Fortlaufende Analysen zur Aristokratie des Antifeminismus sowie zu proprietaristischen und privatstaatlichen Projekten.

Publikationen

Antifeministische Narrative

Privatstädte

Klassismus

Aktuelle Analysen

  • Der Sinn des Lebens

    Da haderte ich gerade mit mir, ob ich einen Blog-Beitrag schreiben soll zu einem nicht-aktuellen Themen, wo doch gerade die NATO-Konferenz in Straßburg, der G20-Gipfel in London stattfindet, Weltwirtschaftskriste und Klima“katastrophe“ sowieso, kann man denn da über „den Sinn des Lebens“ schreiben oder gerade deshalb? … und bekomme dann von Bertelsmann – auf die immer Verlaß ist – den Ball zugespielt: „Die Mehrheit der Deutschen glaubt an ein Leben nach dem Tod“. Na, was sollen sie machen, wenn es doch vorher keins gibt, würde ich flapsig antworten, hätte ich nicht eh schon einen im Kopf ausgearbeiteten Beitrag parat zum Thema „Glauben“, Bertelsmann und Essentialisierungen.

    Gestern lag ich lange im Bett, verpennte den schönen Frühlingstag unter meiner Bettdecke, lauschte den leisen Geräuschen im Haus, mein Atmen, meinem Herzschlag, der fernen Polizeisirene, dem Vogelgezwitscher. Ich war sehr ruhig und genoss die warmen Vorzüge ein Materialist zu sein. Ich machte mir auf einer tiefen Ebene bewusst, was ich eigentlich bin. Ich bin Natur, meine Grenze endet nicht an meiner Haut, zu mir gehört die Luft, ich atme ein, ich atme aus, die Wärme, die für den Austausch meiner Atome sorgt, auf atomarer Ebene bin ich grenzenlos und das ist real. Oder um es mit Karl Marx auszudrücken:

    Die Natur ist der unorganische Leib des Menschen, nämlich die Natur, soweit sie nicht selbst menschlicher Körper ist. Der Mensch lebt von der Natur, heißt: Die Natur ist sein Leib, mit dem er in beständigem Prozess bleiben muss, um nicht zu sterben.
    Dass das physische und geistige Leben des Menschen mit der Natur zusammenhängt, hat keinen anderen Sinn, als dass die Natur mit sich selbst zusammenhängt, denn der Mensch ist ein Teil der Natur. K. Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, MEW 40, 516.

    Ich machte mir klar, dass ich ein integraler Bestandteil der Natur bin, ein sehr wichtiger Teil der Natur, der Teil nämlich, wo sich Natur selbst reflektiert. Folgendes Gedankenexperiment macht dies klar:
    Angenommen, die Natur käme auf den Gedanken, sich selbst zu betrachten, um zu sehen, was da eigentlich mit ihr so abgeht, was das alles so keucht und fleucht. Nun, sie würde ein Wesen erschaffen, welches sehen (hören, fühlen, schmecken, tasten…) kann. Damit würde sich jedoch nur ein Ausschnitt zeigen und es würde verzerrte Ergebnisse liefern (womöglich, dass die Erde eine Scheibe sei und dass hinter dem Gestirn Gott mit seinen Engeln throne, und hin und wieder den Zeigefinger böse schwinge). Also bekommt das Wesen ein paar Hände und ein fettes Reflektionsorgan verpasst, mit dem es nicht nur Mikroskope und Radioteleskope basteln kann, sondern auch fundierte Theorien über noch-nicht sichtbare Elemente des Universums. Und das sind wir dann: wir sind Natur, sich selbst-reflektierende Natur. Menschen und die menschliche Gesellschaft sind das Auge der Natur. Und wenn sich irgendein Sinn irgendwoher ableiten lässt, dann dieser: unsere Aufgabe ist es, wahrzunehmen, wobei Wahrnehmung die mittelbare Wahrnehmung als Reflexion der unmittelbaren Wahrnehmung miteinschließt. Das ist unsere Aufgabe. Ist das nicht toll? Unsere Identität ist es, Natur zu sein, die sich selber betrachtet. Jede andere Identitätszuschreibung ist eine Entwürdigung von uns Menschen. Ich bin kein Deutscher, ich bin kein Mann, und ich habe keine Arbeit zu leisten als Deutscher, als Mann.

    Wenn von der Bertelsmann-Stiftung (die heute mit ihrem Religions-Monitoring stolz verkündete, dass 66% der Deutschen an einem Leben nach dem Tod glauben) eine nationalistische Kampagne gestartet wird wie „Du bist Deutschland!“ (2005/2006) oder daran anschließend die familialistische Kampagne „Du bist Deutschland – eine Kampagne für mehr Kinderfreundlichkeit“ (2007/2008), so haben wir es hier mit einer nicht zu unterschätzende Beeinflussung zu tun. Zitat aus Wikipedia: „Laut einer Schätzung im Vorfeld der Kampagne sollten 1,6 Milliarden mediale Kontakte mit den Bürgern erzielt werden. Dies entspricht einer rechnerischen Reichweite von 98 Prozent. Jeder Deutsche sollte somit durchschnittlich 16-mal erreicht werden.“ Die Bertelsmann-Stiftung sprach von einem vollen Erfolg, die dumpf geschwungenen Deutschland-Fahnen während der WM und EM deuten darauf hin, dass die Kampagne tatsächlich außerordentlich erfolgreich gewesen ist. Wir müssen uns vor Augen halten, dass der Bertelsmann-Konzern jährlich 100 Millionen Euro in seine Stiftungen pumpt (Ende 2008 aufgrund der Wirtschaftskrise nur 70 Millionen Euro). Zum Vergleich: Wikipedia konnte Ende 2008 weltweit 6 Millionen Dollar aufbringen, um die Online-Enzyklopädie aufrecht zu erhalten und auszubauen, also allein der Bertelsmann-Konzern gibt jährlich 20 mal mehr Geld aus für die Interpretation der Gesellschaft als Wikipedia weltweit. Und natürlich werden die Bertelsmann-Stiftungen bei ihrer Arbeit durch die nicht zu unterschätzende Infrastruktur des Medien-, Bildungs- und Dienstleistungs-Giganten unterstützt. Vom Einfluss der Kirchen, die ebenfalls für den Familialismus arbeiten, will ich hier erst gar nicht reden.

    Ich bin nicht Deutschland und es ist weit unter der Würde eines jeden Menschen, auf eine nationale oder ethnische oder geschlechtliche oder klassenspezifische oder was weiß ich für eine Identität reduziert zu werden. Jeder Mensch ist nicht nur ein Universum für sich, sondern ein Teil des Universums und nur diesem verpflichtet, also niemanden. Wenn es so etwas wie Pflicht gibt, so hängt diese nicht nur etymologisch mit dem Begriff „Pflege“ zusammen, sondern ist mit dieser identisch. Wir Menschen sind allenfalls dazu verpflichtet, uns gegenseitig zu unterstützen, was heißt, dass wir die Menschen untersützen, die diese Unterstützung als Hilfe zur Selbsthilfe benötigen. Aber ausgerechnet die Pflegeberufe gehören zu den am schlechtesten bezahlten. Menschen, die in Kitas arbeiten oder für Altenpflege zuständig sind, werden für diese Arbeit geradezu demütigend schlecht bezahlt. Wenn ich mich also zurücklehne und sage „Ihr könnt mich mal: ich habe keine Identität, die mich zu irgendwas verpflichtet, dann schränke ich ein: natürlich gehört es zu meiner Würde, Menschen zu unterstützen, die meiner Unterstützung bedürfen.“ Aber nicht aufgrund zugeschriebener Identitäten „Vaterrolle“, „Mutterrolle“, „Objekt des aktivierenden Sozialstaates“. Ich habe mich mit Mitte 20 sterilisieren lassen, weil es verdammt noch mal genug Kinder von alleinerziehenden Menschen gibt, die sich freuen, wenn sich jemand einmal die Woche um die Kinder kümmert, damit sie etwas Abstand gewinnen können. Man muss keine eigenen Kinder in die Welt setzen – es gibt eh viel zu viele, um die sich viel zu wenig gekümmert wird.
    Ich hoffe, dass die Kampagnen für ein neues „Nationalgefühl“ und Familialismus – die Bundesregierung spricht gerne vom „neuen Paradigma der Nachhaltigen Familienpolitik“ – und der damit einhergehenden und zentralen Lüge, dass Akademikerinnen unterdurchschnittlich viele Kinder bekommen („Akademikerinnen-Kinderlosigkeit“), nur einen vorübergehenden Erfolg haben. Ich hoffe, dass durch die Finanz- und Wirtschaftskrise klar wird:
    1. ein Nationalgefühl ist nur für den kleinen Mann und die kleine Frau gedacht. Wer viel Geld hat, bringt es vor dem deutschen Fiskus auf liechtensteiner Banken illegal in Sicherheit und hat mit keinen Sanktionen zu rechnen, die weh tun (wenn man überhaupt erwischt wird).
    2. wieviel Geld jemand bekommt, hat nichts mit Leistung zu tun und schon gar nicht mit Verantwortung, sondern mit Macht, Herrschaft und Ausbeutungsverhältnissen
    3. es wird viel zu viel gearbeitet. Es ist nicht genug Arbeit für alle da. Zum Jahresende wird offiziell mit über fünf Millionen „Arbeitslosen“ gerechnet. Die Dunkelsziffer ist wesentlich höher.
    4. dort wo Arbeit nötig ist: bei Kindern, der Bildung, Kranken und Alten, wird diese bewusst niedrig bezahlt. Das ist Absicht und gehört zum kapitalistischen System. Der Sachverständigenrat, die „fünf Wirtschaftsweisen“, äußerten sich 2003 ganz unverblümt: die soziale Ungleichheit in Deutschland müsse größer werden, vor allem im Berich Krankheit und Alter müsse das Lebensriskio privatisiert werden. Ihr 20-Punkte-Programm wurde weitgehend umgesetzt.
    5. es ist auch genug Vermögen da, genügend Ressourcen, dass es allen materiell richtig gut gehen kann. Aber das Vermögen ist ungleich verteilt. Nimmt man nur das Privatvermögen ohne Betriebsvermögen, hat die ärmere Hälfte der Bevölkerung einen Anteil von 1,6% am Gesamtvermögen in Deutschland. Die reichere Hälfte hat 98,4%. Tendenz der Schere: sie geht weiter auseinander, in Deutschland schneller als anderswoe. Berechnet man die Schulden mit, dann besitzt die ärmere Hälfte in Deutschland im Durchschnitt nichts, da deren Schulden ebensohoch sind, wie ihr Vermögen.

    Also erzählt mir nichts von Gott oder Religion oder von durch dadurch gestiftete Identitäten. Ich wüßte nicht, wozu sie gut sein sollen. Die sogenannten letzten Fragen kann man auch ohne Monotheismus und Esoterik beantworten, nämlich radikal demokratisch. Da die Seele sich nicht an Naturgesetze hält und Zeit und Raum für sie unerheblich ist, gibt es selbstverständlich ein Leben nach dem Tod. Ich werde wiedergeboren als Sklave in Rom, als Leibeigener in Russland, als Lehrerin in den Südstaaten, als Autohändler in Nigeria. Es gibt nur eine Seele, die zeitungebunden in die Menschen hinein- und wieder hinausspringt. Ich bin du und du bist ich. Jeder Mensch durchlebt immer und immer wieder das Leben aller Menschen oder aller vernunftbegabten Kreaturen des Universums. Ein bedauerlicher Gedanke für UngleichheitsbefürworterInnen, ein tröstlicher Gedanke für SozialistInnen, für die die Geschichte der Menschheit überhaupt erst nach der kurzen Phase der Herrschaft von Menschen über Menschen beginnt.

  • Sexismus – Diskriminierendes Deutschland I

    Mit dieser Reihe werde ich über Diskriminierungen berichten, mit denen sich Deutschland gegenüber seinen europäischen Nachbarstaaten im negativen Sinne besonders hervortut. Mir ist die Problematik bewusst, einen Staat zu „subjektivieren“. Deutschland ist kein handelndes Wesen. Dennoch haben wir in Deutschland Institutionen und Verhaltensmuster, die besonders diskriminierungsfördernd sind.
    Oder soziologischer formuliert (bitte nicht von der Sprache abschrecken lassen): Es gibt spezifische deutsche Merkmale, die sich staatspolitisch im Korporatismus und sozialpsychologisch in milieuspezifisch traditierte Habitus niederschlagen, welche strukturelle, insbesondere institutionelle Diskriminierungen einerseits und Syndrome gruppenspezifischer Menschenfeindlichkeiten andererseits verursachen. Wichtig hierbei ist, dass sich die verschiedenen Diskriminierungsformen (Rassismus, Sexismus, Klassismus, Behindertenfeindlichkeit …) in der Praxis überschneiden und gegenseitig bedingen.

    Historisch ist die besondere deutsche Neigung zur Diskriminierung meiner Ansicht nach auf die verlorenen Bauernkriege im 16. Jahrhundert und die damit einsetzende Refeudalisierung zurückzuführen, welche dafür sorgten, dass „wir“ bei allen demokratischen und menschenrechtlichen Erneuerungen gegenüber den anderen Industriestaaten hinterherhink(t)en.
    Aus besonderem Anlass beginne ich diese Reihe mit der geschlechterspezifischen Diskriminierungsform Sexismus.

    Sexismus in der Lohnentwicklung

    Bei gleicher Ausbildung, gleichem Beruf und gleichem Alter verdienen Frauen im Schnitt zwölf Prozent weniger als Männer. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Zusammenarbeit mit der Universität Konstanz. Die Berechnungen beziehen sich auf das Jahr 2006. Die Erklärung, dass Frauen deshalb weniger Geld verdienen, weil sie in schlechter bezahlten Berufen als Männer arbeiten, greift nur zum Teil. Vergleichen wir Frauen und Männer insgesamt und nicht die mit gleicher Ausbildung, Beruf und Alter, so ist der Lohnunterschied mit 24 Prozent zwar doppelt so hoch, betrachten wir jedoch den Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern im gleichen Beruf, so beträgt dieser immer noch 21 Prozent.

    Es lassen sich nach dieser Studie insgesamt fünf Ursachen für das Gender Pay Gap (Geschlechtsspezifische Lohnschere) finden:

    1. Frauen arbeiten in schlechter bezahlten Berufen als Männer (hierzu gibt es auch die These, dass frauenspezifische Berufe schlechter bezahlt werden als männerspezifische Berufe. Ein Beispiel: als in der Textilindustriestadt Nordhorn in den 1970er Jahren ein Automobil-Betrieb versuchte, dort einen Fertigungsstandort zu etablieren, wurde dies von den ansässigen Textilbetrieben verhindert. Grund: für die gleichen Fabriktätigkeiten wird in der männerspezifischen Automobilindustrie mehr gezahlt als in der frauenspezifischen Textilindustrie.)
    2. Nicht erfasst von der Studie waren die Überstunden. Männer leisten mehr Überstunden als Frauen. Dies kann zu einer leichten Verzerrung der Ergebnisse geführt haben. Allerdings ist hier zu berücksichtigen, dass Frauen mehr (unbezahlte) Hausarbeit leisten als Männer und sich daher Überstunden seltener „leisten“ können. Wer kennt nicht die Familienkonflikte, in deren Mittelpunkt die Kontroverse Überstunden – Hausarbeit/ Kinderversorgung steht?
    3. Hierarchien: Männer werden häufiger Gruppen- und Teamleiter und damit werden sie auch besser bezahlt.
    4. Erwerbsunterbrechungen und Phasen der Teilzeitbeschäftigung: Frauen unterbrechen häufiger als Männer ihre Beschäftigung oder wechseln von Vollzeit in Teilzeit aufgrund der Kindererziehung. Der IAB-Forscher Herman Gartner schlägt daher vor: „Um die Lohnunterschiede wirkungsvoll abzubauen, müssten sich die Erwerbsunterbrechungen gleichmäßiger auf Frauen und Männer verteilen. Beispielsweise könnte der gesetzliche Anspruch auf Erziehungsurlaub zwischen der Mutter und dem Vater aufgeteilt werden“. Hochqualifizierte Frauen sind im Alter zwischen 30 und 49 viermal so oft nicht erwerbstätig wie vergleichbar qualifizierte Männer. In diesem Alter arbeiten Männer mit Kindern sogar häufiger als Männer ohne Kinder, wie eine Studie der WZB herausfand.
    5. Generelle Zunahme der Einkommensschere: Der Niedriglohnsektor ist in den letzten Jahren stark gewachsen und gleichzeitig ist die Einkommensschere allgemein größer geworden. Da Frauen häufiger in den Niedriglohnsektoren arbeiten, sinkt das durchschnittliche Fraueneinkommen in Folge der größer werdenen Schere der Einkommen in Deutschland insgesamt.

    Negative Entwicklung:
    Deutschland ist europäisches Schlusslicht

    In allen europäischen Ländern, in denen nach der Statistik von 1995 die geschlechtsspezifischen Lohnunterschiede hoch waren, konnten sich die Löhne heute weitgehend angleichen. Mit einer Ausnahme: in Deutschland nahm der Lohnunterschied seit der Jahrtausendwende wieder zu und hat sich nun in den letzten 15 Jahren nicht verändert. Nur Zypern hat geringfügig einen noch höheren Lohnunterschied.
    Aber nicht nur hier ist Deutschland Schlusslicht. Auch im Studium finden sich noch immer weniger Frauen als Männer (47,5% unter den deutschen Studierenden an deutschen Hochschulen gegenüber 50% Anteil ausländischer weiblicher Studierenden an ausländischen Studierenden an deutschen Hochschulen), was erstaunlich ist, da sie inzwischen wesentlich häufiger Abitur machen als Jungen. In allen anderen Industriestaaten studieren mehr Frauen als Männer. Und da die Studierendenquote in Deutschland katastrophal niedrig ist, studieren in Deutschland absolut gesehen sehr viel weniger Frauen als in anderen Ländern.

    Um den Bogen zu bekommen – schließlich handelt dieser Blog von der deutschen Klassengesellschaft – studieren in Deutschland noch sehr viel weniger Frauen mit niedriger sozialer Herkunft als in vergleichbar anderen Ländern. Wenn wir jetzt noch berücksichtigen, dass in keinem anderen europäischen Land Arbeitslosigkeit und fehlender akademischer Abschluss so eng miteinander verzahnt ist wie in Deutschland, dann lässt sich hier vieleicht ein weiterer Grund für die geschlechtsspezifische Lohnungleichheit in Deutschland finden.

  • Deklassierung und Amoklauf

    Die intelligenteren Beiträge zum jüngsten Amoklauf stellen die Anerkennungsfrage in der kapitalistischen Konkurrenzgesellschaft (Freerk Huisken) bzw. in der Marktgesellschaft (Wilhelm Heitmeyer) in den Mittelpunkt. Aber reicht es zur Erklärung des Amoklaufes aus, auf einen Anerkennungsmangel zu verweisen?

    Looser
    Natürlich ist dieser Ansatz richtiger als der Hinweis auf Computerspiele. Der Verweis darauf, dass wir vom Kapitalismus zum Konkurrenzdenken gezwungen werden und dass die Marktwirtschaft inzwischen zu einer Marktgesellschaft mutiert ist, in der Menschen immer stärker ihre Mitmenschen nach ökonomischen Verwertungsmerkmalen bewerten, ist sehr wichtig. Ich hatte wenige Tage vor dem Amoklauf von Winnenden ein interessantes Gespräch mit einer Frau, die nach ihrem Studium jahrelang HartzIV bekam und entsprechend sensibilisiert seit kurzem an einer Schule arbeitet.
    Sie war entsetzt darüber, wie über HartzIV-Empfänger gesprochen wurde und in dem Zusammenhang fiel mir auf, dass ich von 13jährigen extrem häufig das Wort „Looser“ als Abwertungsbegriff höre. Als ich vor zwanzig, dreißig Jahren zur Schule ging, war es das Schlimmste, als „schwul“ bezeichnet zu werden, „du Spasti“ war ebenfalls ein Schimpfwort, die Begriffe spiegelten eine latente Behindertenfeindlichkeit, Sexismus und Homophobie. Wörter wie „Looser“ oder „Versager“ gehörten nicht zu unserem Wortschatz. Es gab auch Markenklamotten, aber die Adidas-Turnschuhe, die Wrangler und den Parka konnte man sich leisten, man musste nicht uptodate sein, es ging eher um Uniformität als um die teuersten Klamotten. Ich kenne keine Untersuchungen über Werteverschiebungen bei Schülermilieus. Zu Studierendenmilieus liegen verschiedene Studien vor und hier bestätigt sich, dass der Habitus der Betriebswirtschaftsstudierenden die Hegemonie in der Studierendenschaft übernommen hat und dass das bedeutende Alternativmilieu innerhalb der Studierendenschaft der 1980er Jahre sich nach und nach auflöste. Ein wenig platt und sicherlich unzulässig verallgemeinert kann man sagen, dass heute alle Studierenden Betriebswirtschaft studieren.
    Zudem liegen Studien zu Elternverhalten vor. Eine jüngere Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung (!) spricht von einer Klassengesellschaft und beobachtete, dass Mittelschichtseltern bestrebt sind, ihre Kinder von Kinder aus der sogenannten Unterschicht fern zu halten, was auch zu Wohnungswechsel in anerkanntere Stadtviertel führt. Der Leistungsdruck auf die Kinder aus Mittelschichtsfamilien sei enorm.

    Anerkennungsdissidenz
    Zu wenig erforscht sind die Phänomene, die ich als Anerkennungsdissidenz und Anerkennungssubsistenz bezeichne. Anerkennungsdissidenz meint das Aussteigen aus Anerkennungsstrukturen, Anerkennungssubsistenz meint das Aufbauen eigener Anerkennungsstrukturen, die von den hegemonialen Anerkennungsstrukturen unabhängig sind. Amokläufer sind nicht anerkennungsdissident. Sie bauen keine Anerkennungssubsistenz auf. Auch wenn sie sich in eine Scheinwelt flüchten, bleiben sie extrem abhängig von den Anerkennungsstrukturen, die ihnen nicht genügend Anerkennung geben können. In der Psychotherapie werden Anerkennungen mit Nahrungsmitteln verglichen. Man braucht sie zum leben und Menschen die hungern, essen auch giftige Nahrung. Giftige Nahrung ist die Metapher für negative Anerkennung, es ist besser gehasst als ignoriert zu werden.
    Die 80er Jahre erlaubten Anerkennungsdissidenzen und es gab mit den Alternativmilieus auch für Schüler Möglichkeiten sich jenseits des kapitalistischen Verwertungsdenkens Anerkennung zu holen. Huisken und Heitmeyer ist also Recht zu geben, wenn sie die mangelnde Anerkennung aufgrund des kapitalistischen Konkurrenzdenkens und des marktgesellschaftlichen Bewertungskategorien in den Fokus stellen. Dies erklärt aber nicht hinreichend, weshalb bestimmte Menschen zu Amokläufern werden.

    Mittelschichts-Protestmännlichkeit
    Alfred Adler und Otto Rühle untersuchten bereits in den zwanziger Jahren die sogenannte „Proletarische Protestmännlichkeit“. Wir können bei den jungendlichen Amokläufern von „Mittelschichts-Protestmännlichkeit“ sprechen. Es sind junge Männer aus der Mittelschicht, die sozial isoliert waren und die gegenüber ihren Eltern einer Deklassierung ausgesetzt sind. Wenn wir uns vor Augen halten, wer nach der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er Jahre auf der Straße marschierte und den Nationalsozialismus durchsetzte, dann haben wir es hier mit dem gleichen Täterprofil zu tun: junge Mittelschichtsmänner, die sich gegen eine Deklassierung wehren. Die Amokläufer von heute sind keine Neonazis, aber es wäre sinnvoll die Gewaltbereitschaft zu untersuchen, die mit einer bestimmten klassenspezifischen Männlichkeit einhergeht, die nicht ihre „angestammte“ Klassenposition einnehmen kann. Gerade in der jetzigen Weltwirtschaftskrise kann Deklassierung zu einem Massenphänomen werden. Zu untersuchen wären die Handlungsoptionen von heranwachsenden Männern aus der Mittelschicht, inwiefern lässt der männliche Mittelschichtshabitus eine Deklassierung, ein Nichtererben der elterlichen Klassenposition zu? Greifen die herkunftsspezifischen Anerkennungsstrukturen für diese Männer noch und sind sie in einer deklassierten Position offen für alternative Anerkennungsstrukturen die nicht in faschistischen Allmachtsphantasien münden?

    P.S. Nachdem ich diesen Blogbeitrag geschrieben hatte, stieß ich auf einen sieben Jahre alten Artikel aus dem „Freitag“, der im wesentlichen die gleichen Aussagen enthält wie mein Artikel: Gerhard Hafner: Lief Herr S. Amok?

    Hier noch ein spannender Beitrag von Prof. Katherine S. Newman, gefunden im Blog homo sociologicus

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