Niccolò Machiavellis Foltertrauma

· Theorie
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Niccolò Machiavelli

Niccolò Machiavelli 1469-1528

Lebenslauf

Niccolò Machiavelli(3. Mai 1469 Florenz – 15. Juni 1528 Florenz) war ein florentinischer Beamter der frühen Neuzeit, der vor allem für seine Abhandlungen über Herrschaftserhalt und -erweiterung (Il Principe und Discorsi) bekannt wurde.

Seine bedeutendste politische Leistung war die Ersetzung der Söldner-Armee von Florenz durch eine Miliz, mit der schließlich auch die verfeindete Stadt Pisa erobert werden konnte. Allerdings war diese Miliz gegen den Einmarsch der Medici unterlegen.

Machiavelli wurde seiner Ämter enthoben, verhaftet und schwer gefoltert. In dem halben Jahr nach seiner Folter schrieb er „Il Principe“. Bislang wurde – außer vom Soziologen Rene König [1]– dieser kleiner Ratgeber als ernsthafte staatspolitische Literatur wahrgenommen. Es ist aber davon auszugehen, dass Machiavelli mit dieser Schreibarbeit wesentlich sein Foltertrauma aufarbeitete. Dies würde erklären, weshalb der republikanisch gesinnte Machiavelli sein Büchlein einem Fürsten widmete – dem Fürsten, der ihn foltern ließ. In der Traumaforschung kann so ein Verhalten mit der Identifikation mit dem Aggressor erklärt werden. Sein eigentliches Hauptwerk, Discorsi, welches er zeitgleich mit „Il Principe“ begann, aber an welchem er jahrelang arbeitete, war wiederum vom republikanischen Geist durchzogen.

Machiavellis Foltertrauma

1512 eroberten die Medici wieder die Macht in Florenz. Im November jenen Jahres entließen sie Machiavelli aus seinem Amt. Rudolf Zorn beschreibt in der Einleitung seiner Machiavelli-Biografie Machiavellis Kerkeraufenthalt:

„Ein halbes Jahr nach seiner Absetzung wurde er wegen Verdachts an Teilnahme an einer Verschwörung gegen die Medici ins Gefängnis geworfen und sogar gefoltert. Über einen Monat war er im Verließ, ‚in der Gesellschaft von Ratten, so groß wie Katzen, und von Läusen, so groß wie Schmetterlinge‘. Er hatte die Folter ertragen, ohne sich Geständnisse abzwingen zu lassen. doch dieses Erlebnis hat ihn zutiefst aufgewühlt und dem Wahnsinn nahegebracht, der noch in drei grimmig-zynischen Sonetten aus dem Gefängnis unheimlich nachklingt. Wahrscheinlich war Machiavelli an der Verschwörung überhaupt nicht beteiligt, wie wir wissen, hielt er nicht viel vom Erfolg von Verschwörungen. Die Rädelsführer, zwei Freunde Soderinis, wurden hingerichtet, er selbst freigelassen, wahrscheinlich durch Vermittlung des Kardinals Giulio de Medici, des unehelichen Sohnes des ermordeten Giuliano. Vier verschiedene Verrenkungen hat er durch die Streckfolter erlitten, und noch lange waren seine Handgelenke geschwollen, wie er seinem Freund Vettori, dem florentinischen Gesandten in Rom, schrieb.“ [2]

Metallstange-zur-Folterung
Strappado ist eine äußert schmerzhafte Foltermethode, führt zu Verrenkungen und spätestens nach einer halben Stunde zur Ohnmacht. Machiavelli wurde sechsmal auf diese Weise gefoltert.
Sechsmal wurde er im Verlies zur Folterung geholt. Zwei der Sonnetten, die er als Bittgesuche schrieb um ihn aus dem Verlies zu entlassen, passten später nicht mehr in das Bild, welches sich die realistischen Aufklärer vonMachiavelli gemacht hatten. Einige bezweifelten gar, dass Machiavelli solch „unwürdige“ Bittgesuche geschrieben haben könnte:

„Zwei Sonnette, in denen er als unterwürfiger Bittsteller auftritt, verfasst er im Kerker und widmet sie Giuliano de Medici, mit dessen Toleranz er rechnet, auf dessen legendäre Gutmütigkeit er setzt; diese Verse sind auf so erbarmungswürdige Weise kriecherisch, sind so sehr durchdrungen vom Wunsch eines Verzweifelten, daß man sich Machiavelli tatsächlich nur schwer als ihren Urheber vorstellen mag. Manche seiner Biographen lehne es rundweg ab, in damit zu belasten. Ein Niccolò Machiavelli könne, so meinen sie, nicht so tief fallen, daß er sich selbst verrate.“ [3]

Unmittelbar nach der Entlassung aus dem Verlies und damit im selben Jahr seiner Folterungen begann er die Schriften, die ihn berühmt-berüchtigt machten: die „Discorsi“ und „Il Principe“. „Il Principe“ stellte er noch im selben Jahr fertig. Er schrieb es in einem Rutsch, wie im Wahn:

„Wenn der Abend kommt, kehre ich nach Hause zurück und gehe in mein Arbeitszimmer. An der Schwelle werfe ich die Bauerntracht ab, voll Schmutz und Kot, ich lege prächtige Hofgewänder an und, angemessen gekleidet, begebe ich mich in der Säulenhallen der großen Alten. Freundlich von ihnen aufgenommen, nähre ich mich da mit der Speise, die allein die meinige ist, für die ich geboren ward. Da hält mich die Scham nicht zurück, mit ihnen zu sprechen, sie um den Grund ihrer Handlungen zu fragen, und ihre Menschlichkeit macht, daß sie mir antworten. Vier Stunden lang fühle ich keinen Kummer, vergesse alle Leiden, fürchte nicht die Armut, es schreckt mich nicht der Tod; ganz versetze ich mich in sie. Weil Dante sagte, es gebe keine Wissenschaft, ohne das Gehörte zu behalten, habe ich aufgeschrieben, was ich durch ihre Unterhaltung gelernt, und ein Werkchen De principatibus geschrieben, worin ich die Fragen über diesen Gegenstand ergründe, so tief ich kann, betrachtend, was ein Fürstentum ist, wie viele Gattungen es gibt, wie man sie erwirbt, wie man sie erhält, warum man sie verliert.“ [4]

Diese Schrift mit dem ursprünglichen Namen „De principatibus“ („Vom Fürstentum“), die ausgerechnet einem der Medici gewidmet ist, die für seine Amtsenthebung, Gefangennahme, Folter und Verbannung verantwortlich waren, machte ihn berühmt-berüchtigt. Wenn vom skrupellosem Machiavellismus die Rede ist, dann sind vor allem einige Kapitel aus diesem „Il Principe“ („Der Fürst“) gemeint. Wohlwollende Kritiker hingegen sehen in den Handlungsanweisungen und Analysen den Anfang einer aufgeklärten Realpolitik als Ergebnis einer jahrelangen politischen Arbeit in der frühkapitalistischen Republik Florenz. René König, der als einer der ersten eine psychologische Deutung Machiavellis versuchte, mochte ihn hingegen in seiner 1940 in Zürich herausgegebenen und von den Nazis verbotenen Machiavelli-Biographie nicht als den aufgeklärten Realisten zu interpretieren:

„Er ist in dieser Zeit ein verzweifelter Patriot, der den Untergang seines Landes kommen sieht und gleichzeitig versteht, daß er nichts tun kann, um das Unglück abzuwenden. Er ist auch kein Realist, sondern hat im Gegenteil als Folge seiner sozialen (und politischen) Schwebelage ein zutiefst gestörtes Wirklichkeitsbewußtsein, in dem ihm Mythen schließlich einen höheren Realitätsgrad zu gewinnen beginnen als die Wirklichkeit. [5] […] Machiavellis Lehre vom Staat ist keine Theorie, die auf das Leben hin ausgerichtet ist, vielmehr wird sie als Bild zum Kunstwerk, wobei alle Wikrlichkeit in entscheidenster Weise ein für alle mal aufgehoben und ausgelöscht ist vor den ganz andersartigen Forderungen der Form.“ [6]

René König schrieb diese Interpretation Machiavellis vor der Etablierung der Traumaforschung, dennoch ist seine Beobachtung eines wirklichkeitsentrückten Machiavelli zutreffend. Machiavellis Verhalten, die von seiner republikanischen Orientierung abweichende Positionierung für die Fürsten, insbesondere die Medici, im „Il Principe“, lässt sich nur vor dem Hintergrund einer posttraumatischen Belastungsstörung durch die mittelalterliche Folterungen verstehen. Er schrieb dieses Buch innerhalb kürzester Zeit mit den von verschiedenen Folterungen noch geschwollenen Händen. Wenn wir davon ausgehen, dass es sich bei Traumatisierungsprozessen um zeit- und kulturübergreifende anthropologische Verarbeitungsmuster handelt, die weitgehend ähnliche individuelle Folgen haben, dann läßt sich Machiavellis Flucht in die Irrealität, sein Abwerfen der Bauerntracht „voll Schmutz und Kot“ als ein Verarbeitungsprozess seines Foltertraumas interpretieren. Seine Schrift „Il Principe“ ist dann zu lesen vor dem Hintergrund dieses Foltertraumas, die Widmung an die Medici wäre die bei Traumatisierungen typische Begleiterscheinung einer „Identifikation mit dem Aggressor“. Auch wenn wir unterschiedliche psychische Dispositionen der Individuen zwischen dem Florenz der Renaissance und dem europäischen 20. Jahrhundert einräumen, ist es nicht vorstellbar, dass „Il Principe“ von Machiavelli geschrieben wurde, ohne dass die unmittelbar zuvor durchlittenen Folterungen – er war dem Wahnsinn nahe – mitsamt der damit einhergehnden Todesdrohung, keine maßgebliche Rolle spielen sollte. Es ist nicht anders zu erklären als durch eine „Identifikation mit dem Täter“, dass jemand, der zu unrecht von Landsleuten gefoltert wurde, sich unmittelbar nach der Folter nichts sehnlicher zu wünschen scheint, als dass die Barbaren (Franzosen, Deutsche und Spanier) Italien verlassen sollen. Wenn wir davon ausgehen, dassMachiavellidurch die Folter einen wesentlichen Bereich seiner Realtitä abgespalten hat, dann liest sich sein „Principe“ sehr viel klarer. Barbara Schaeffler-Hegel sieht im „Il Principe“ Machiavellis eine „Reduktion der politischen Ordnung auf die technische Handhabung von Macht“:

„Den entscheidenen Beitrag Machiavellis, die kopernikanische Wende, die er der modernen Politik verpaßte, hat m. E. Ernst Cassierer geseh en, wenn er die Schärfe, mit der im Principe der Versuch unternommen wird, alle Fäden, mit denen der Staat fürher mit dem organischen Ganzen der menschlichen Existenz verbunde war, wie mit einem Seziermesser zu zerschneiden, ald en Beginn eines ganz neuen Diskurses wertet […] Wie später Bacon, Gassende, Marsenne und Descartes die Natur – so beschreibt Machiavelli schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts Macht , Politik und Staat als einen Mechanismus, der mit richtiger Technik nach eigenem Belieben und zu beliebigen Zwecken bedient werden kann. Was den Neukantianer Ernst Cassierer noch im 20. Jahrhundert begeisterte, und was vor ihm Bacon, Spinoza, Herder, Fichte und Hegel begeistert hatte, ist die Tatsache, daß Machiavelli von politischen Aktionen spricht, als ob sie Linien und Ebenen wären (Spinoza), daß im Principe politische Kämpfe abgehandelt werden, als ob man sich bei einer Schachpartie befände. Es ist Machiavellis Interesses am Spiel, das fasziniert. Ein Spiel, dessen Regeln im Rekurs auf die „Natur der Dinge“ ermittelt werden sollen. Macht und Politik werden im Principe von allem überflüssigen Beiwerk befreit […] Der technische Blick des Autors des Principe erklärt die körperlichen, sinnlichen und moralischen und natürlich alle weiblichen Ingredienzen der Macht für null und nichtig. Er legt dar, auf welche Weise der Staatskörper durch Gewalt erschaffen und durch Gewalt erhalten werden kann.“ [7]

Allerdings geht Machiavelli nicht tatsächlich darauf ein, was Gewalt konkret bedeutet. Seine Erfahrung im Verlies koppelt er von dem, worüber er im „Principe“ schreibt, gänzlich ab. Ja er befürwortet sogar ausdrücklich die Folter in den politischen Situationen, die auch zu seinen Folterungen geführt haben. In ihrer Kritik an die Rollentheorie beschrieb Frigga Haug, wie im aufkommenden Frühkapitalismus in der Renaissance die Individuen der bürgerlichen Gesellschaft sich selbst und alle anderen vorwiegend als (Theater-)SpielerInnen sahen, die bestimmte Rollen zu spielen hatten. Dies scheint in Verbindung mit seiner Folter gerade auch für Machiavelli gegolten zu haben. Seine Folterverarbeitung findet im Rollenspiel in seiner abgeschlossenen Kammer mit virtuellen Personen der Geschichte und der antiken Mythologie statt. Barbara Schaeffler-Hegel, die Machiavelli in dem Kapitel „Die mutterlose Gesellschaft und ihre Söhne“ behandelt, sieht noch zwei weitere Wirkungen des „Machiavellischen Radikalismus“: zum einen die antifeministische Komponentem die in der Gegenüberstellung von virtù und fortuna zum Ausdruck kommt und zum anderen „sein Beitrag zur Säkularisierung des Staates, die Beseitigung von sittlichen Bindungen, die die Macht bislang an transzendente Werte gebunden hatte“ [8] Durch seine Legitimation des Macht-Staates hatte er eine große Anziehungskraft vor allem für Faschisten, die sich noch vierhundert Jahre nach dem Erscheinen des „Principe“ auf diesen beriefen: „Einfluß auf Mussolinis Denken haben neben dem italienischen Nationalismus z.B. Georges Sorel oder Vilfredo Pareto; für den Nationalsozialismus lassen sich u.a. Gobineau, Richard Wagner, Paul Lagarde und H.S. Chamberlain anführen. Für beide Faschismen bildet Machiavelli eine Art geistiges Band.“ [9] Ebenso waren Fichte und Nietzsche, die als philosophische Wegbereiter des Nationalsozialismus galten[10], von Machiavelli beeinflusst.

Interessanterweise wurde Machiavelli von marxistisches Theoretikern wie Gramsci, Althusser oder Negri dann rezipiert und in einer Linie zur Aufklärung gestellt, als diese Theoretiker selber in Gefangenschaft waren und somit ein ähnliches Schicksal wie Machiavelli erlitten – wenn auch ohne Folter. An anderer Stelle, in dem Artikel Gesellschaftliches Trauma, nenne ich dies Schrift „Il Principe“ von Machiavelli ein Musterbeispiel für „Traumatische Theorie“. Traumatische Theorie liegt vor, wenn die mit einer Traumatisierung einhergehende psychische Disposition sich unbewusst in Theoriebildung niederschlägt. Paradigmatisch hierfür ist „Il Principe“.

Literatur von Niccolò Machiavelli

1499: Discorso sopra le cose di Pisa

1502: Del modo di trattare i popoli della Valdichiana ribellati

1502: Del modo tenuto dal duca Valentino nell‘ ammazzare Vitellozzo Vitelli, Oliverotto da Fermo, etc.

1502: Discorso sopra la provisione del danaro

1506: Decennale primo

1508-1512: Ritratti delle cose dell’Alemagna

1509: Decennale secondo

1510: Ritratti delle cose di Francia

1514: Della lingua

1515: Belfagor arcidiavolo

1517: Asino d’oro

1517: Andria

1518: Mandragola

1519-1520: Dell’arte della guerra

1520: Discorso sopra il riformare lo stato di Firenze

1520: Sommario delle cose della citta di Lucca

1520: Vita di Castruccio Castracani da Lucca

1520-1525: Istorie fiorentine

1525: Clizia

1525: Frammenti storici

1531: Discorsi

1532: Il Principe

Literatur über Machiavelli

Fink, Humbert (1990): Machiavelli. Eine Biographie , München

König, René (1979): Niccolo Machiavelli. Zur Krisenanalyse einer Zeitenwende , München/Wien

Schaeffler-Hegel, Barbara (1996): Säulen des Patriarchats. Zur Kritik patriarchaler Konzepte von Wissenschaft – Weiblichkeit – Sexualität und Macht , Pfaffenweiler

Zorn, Rudolf (1966): Machiavell

Weblinks

Claudia Roth Piermont: The Florentine. The man who taught rulers how to rule.

Siehe auch

Virtù

Gesellschaftliches Trauma

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