Repräsentationslücke und Faschismus

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In Münster haben gestern 8.000-10.000 Menschen gegen die AfD demonstriert. Anlass war ein Auftritt Frauke Petrys im historischen Rathaussaal. Die Mobilisierung war ein großer Erfolg, zumal die Menschen mehrere Stunden bei eisiger Kälte lautstark deutlich machen, dass die AfD und Petry in Münster nicht willkommen sind.

10000 demonstrieren gegen AfD

Diese Demonstrationen sind sehr wichtig, sie konfrontieren die AfD mit ihrem Wahn, sie seien das Volk. Es ist auch wichtig für die Menschen, die gegen die AfD kämpfen, denn sie sehen, dass sie nicht alleine sind. Ein wirklicher Widerstand ist so eine Demonstration allerdings nicht. Eine Demonstration ist eine Protestaktion, eine Demonstration des Widerstands, aber nicht der Widerstand. Daher unterstütze ich das Konzept des Organisationsteams, während der Bühne nur Repräsentant*innen der Gruppen sprechen zu lassen, die alltäglich Widerstand leisten, sich gegen die rückschrittlichen Tendenzen wehren, die von der AfD vorangetrieben werden. Hier gibt es allerdings ein großes Problem. Was ist mit den gesellschaftlichen Gruppen, die die AfD und ähnliche Organisationen bekämpfen, die aber keine gesellschaftliche Repräsentation haben? Der Beststeller zum Erstarken der rechten Parteien ist „Rückkehr nach Reims“, in dem sich der französische Soziologe Didier Eribon mit dem Rechtsruck seiner arbeiterlichen Herkunftsfamilie auseinandersetzt. Wäre Didier Eribon Münsteraner, so hätte er gestern keine Redezeit auf der Bühne erhalten. Denn er repräsentiert keine gesellschaftliche Gruppe. Oder?

Tatsächlich repräsentiert Eribon eine gesellschaftliche Gruppe, so wie er sind viele sogenannte „Bildungsaufsteiger*innen“ konfrontiert mit der politischen Orientierung ihrer Herkunftsfamilie. In Österreich votierten 17% der Menschen mit akademischen Abschluss für den Kandidaten der FPÖ, 83% für den Kandidaten der Grünen – 85% der Arbeiter*innen hingegen wählten FPÖ und nur 15% der Arbeiter*innen grün. Menschen, die aus dem Arbeiter*innenmilieu stammen und einen Hochschulabschluss anstreben oder erzielten, haben mehrheitlich einen politischen Konflikt mit den Eltern und Verwandten. Eribon repräsentiert also keinen Einzelfall, sondern ein Grundproblem seiner gesellschaftlichen Gruppe, die man als Working Class/ Poverty Class Academics (WCPCA) bezeichnen könnte.

Die WCPCA sind eine gesellschaftliche Gruppe. Und Eribons Buch zeigt die Relevanz dieser Gruppe. In den Vereinigten Staaten gibt es schon seit Jahrzehnten eine entsprechende informelle Organisierung dieser Gruppe von „Bildungsaufsteiger*innen“ in Form eines E-Mail-Austausches, in Deutschland ebenfalls seit ein paar Jahren. Neben dieser informellen Organisierung als E-Mail-Verteiler-Gruppe gibt es eine politische Organisation als autonomes Referat von Working Class Students in Münster, das sogenannte Fikus-Referat. Aber diese Organisierung unterläuft die Wahrnehmungsschwelle des politischen Establishments oder deren Wahrnehmungsbereitschaft. „Arbeiterkinder? Es gibt doch keine Arbeiter mehr!“ – doch die Arbeiter, das Proletariat und die de facto arbeitslose proletarische Reservearmee, gibt es und die wählen immer häufiger AfD, FPÖ, Front National, Brexit und Trump. Darauf macht Eribons „Rückkehr nach Reims“ eindrücklich und warnend aufmerksam.

Ich habe mich über den Protest in Münster gefreut und auch darüber, einfach nur teilnehmen zu können. In der Regel sitze ich auf der Bühne, drei- bis viermal die Woche, seit die AfD entstanden ist. Sehr wahrscheinlich bin ich der meistgefragte Referent zur AfD und habe entsprechend mehrere hundert Vorträge zur AfD gehalten. Daher freute ich mich, einfach mal im Meer der AfD-Gegner*innen in Münster baden zu können. Politisch richtiger wäre es wahrscheinlich gewesen, als Organisator der WCPCA-Gruppe in Deutschland und als Gründer des Fikus-Referates in Münster, das Bündnis „Kein Fußbreit den Nazis“ in Münster um einen kurzen Redebeitrag zu bitten, um auf die nächste Vollversammlung der studierenden Arbeiter*innenkinder an der Uni Münster hinzuweisen. Diese findet am 24.02.2017 statt, also genau 14 Tagen nach dem großartigen Protest in Münster. Vielleicht war es mein für Arbeiterkinder typisches Impostor-Syndrom (Hochstapler-Syndrom: das Gefühl, ein Hochstapler zu sein, wenn man etwas macht, was einem vermeintlich als Arbeiterkind doch gar nicht zusteht), das mich gehindert hat, diesen kurzen Redebeitrag anzubieten. Vielleicht war es auch die Müdigkeit, immer wieder in die Kampfposition zu gehen, um auf die Relevanz der politischen Selbstorganisierung von Working Class / Poverty Class Academics hinzuweisen. Vielleicht auch Arroganz, wer täglich mehrere Einladungen erhält, der wird irgendwann zu stolz, sich selber anzubieten: Wenn ihr nicht von euch aus merkt, wie wichtig mein Beitrag ist, dann habt ihr halt eure Gelegenheit verpasst. Die Soziologin Erika Haas fordert übrigens, dass Arbeiter*innenkinder arroganter werden, dass sie den Habitus der Souveränität einnehmen.

„Erfindet die Linke neu!“ fordert die US-amerikanische Politik- und Sozialwissenschaftlerin Nancy Fraser nach dem Erfolg von Trump in einem aktuellen Beitrag : „Diese Situation [Wahlsieg von Trump] birgt nicht nur Gefahren, sondern auch Chancen: die Möglichkeit, eine ’neue Linke‘ zu schaffen.“ Damit meint sie: „Vor allem aber werden wir auf jenen großen Teil der Trump-Wähler zugehen müssen, die weder Rassisten noch entschiedene Rechte, sondern Opfer eines ‚manipulierten Systems‘ sind – Menschen, die für das antineoliberale Projekt einer verjüngten Linken gewonnen werden können und müssen. […] Dazu müssen wir die Leiden von Frauen und von Schwarzen Menschen mit jenem Leid in Beziehung bringen, das so viele Trump-Wähler quält. Auf diese Weise könnte eine revitalisierte Linke das Fundament für eine machtvolle neue Koalition legen, die sich vornimmt, Gerechtigkeit für alle zu erkämpfen.“ (Nancy Fraser: Für eine neue Linke oder: Das Ende des progressiven Neoliberalismus, in: Blätter für deutsche und internationale Politik 2/17)

Auf die Trump- oder AfD-Wähler*innen gehen mehrheitlich studierende Arbeiter*innenkinder ständig zu, sie müssen auf sie zugehen. Meistens dann, wenn sie ihre Herkunftsfamilie besuchen. Zigtausende von allwöchentlichen Einzelkämpfen, von oftmals isolierten Einzelkämpferinnen, die es im Hochschulalltag im strukturellen „Habitus-Struktur-Konflikt“ zwischen Herkunfts- und akademische Kultur sowieso schon schwer haben. Auf die Trump- und AfD-Wähler*innen zuzugehen ist eine Metapher, sie lässt sich vom Bild her fortsetzen mit Die Trump- und AfD-Wähler in der Bildungsferne besuchen. Kurzfristig macht dies Sinn. Langfristig sollte es hingegen diesen „Ort“ der Bildungsferne nicht mehr geben. Mittelfristig ist also der Kampf gegen die sogenannte Bildungsferne, also die soziale Selektion im Bildungswesen angesagt. Das wurde bereits im Rahmen der nur zum Teil geglückten Entnazifizierung mit der Direktive 54 der Alliierten 1947 gefordert. Und auch hier sind die WCPCA gefragt. Wer sonst sollte die ausstehende Direktive 54 der Alliierten durchsetzen, die darin besteht, die deutsche Bildungsstruktur zu demokratisieren, wenn nicht die WCPCA? Hierzu ist ihre Selbstorganisierung gefragt. Die informelle Mitarbeit im E-Mail-Verteiler der WCPCA und die Gründung von zwei, drei, vielen autonomen Referaten von studierenden Arbeiter*innenkindern mit dem deutlichen Auftrag, die allseits bekannte Bildungsbenachteiligung aufgrund der sozialen Herkunft abzuschaffen. Der antifaschistischen Zivilgesellschaft hingegen kommt die Aufgabe zu, sich selbstkritisch hinsichtlich klassistischer Muster zu hinterfragen und von sich aus die offene Bereitschaft zu zeigen, die Repräsentationslücke zu schließen.

Die Linke neu zu erfinden, heißt, Klassismus ernst zu nehmen, heißt, der Repräsentation der von Klassismus betroffenen Gruppen Raum zu geben: in den Medien, in der Wissenschaft, in politischen Verbänden, in Antidiskriminierungsstellen, in Diskussionspodien und Veranstaltungen usw… und eben auch auf der Bühne von Anti-AfD-Kundgebungen.

Wen es interessiert: Die nächste Vollversammlung studierender Arbeiter*innenkinder (Studierende mit sogenannter „niedriger sozialer Herkunft“ wie es wissenschaftlich-abwertend heißt) in Münster ist am 24.02.2017 um 18 Uhr im S1. Das Referat besteht seit knapp 15 Jahren und ist bislang leider das einzige in Deutschland.

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