Ich bin nicht stolz darauf, im „AfD-freien“ Münster zu wohnen

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Die AfD erhielt bei den Landtagswahlen 2017 in NRW 7,4%. Die wenigsten Stimmen erhielt sie in Münster: Münster II: 4%, Münster I: 3,4%. Münster konnte zudem im Frühjahr 2017 ca. 10.000 Menschen zu einem Protest gegen die AfD-Vorsitzende Frauke Petry mobilisieren. Das ist kein Grund, sich als Münsteraner*in besonders gut zu fühlen oder gar stolz zu sein.

Schauen wir uns die Wahlstatistik an, AfD-Wahlergebnisse NRW , so fällt auf, dass direkt um die Ecke, in Gelsenkirchen, die AfD 15,2% erhielt. Dort, im Bezirk Emscher-Lippe ist die größte Arbeitslosigkeit in NRW zu finden. In Münster ist die geringste Arbeitslosigkeit.

Um es auf den Punkt zu bringen:

Arbeitslosenstatistik:
Ruhrpott: 11% – Münsterland: 4,5%
AfD-Wahlergebnis:
Ruhrpott: 11% – Münsterland: 4,5%

Sollte Münster ähnliche Arbeitslosenzahlen aufweisen wie Gelsenkirchen, würde die AfD nicht mehr zwischen 3 und 5% vor sich hindümpeln.

Ich gehe davon aus, dass sich die guten Ergebnisse im Ruhrpott auf einen sogenannten Habitus-Struktur-Konflikt zurückführen lassen. Die proletarische Männlichkeit, die in einer bestimmten kapitalistischen Phase der Vollbeschäftigung („Fordismus“) gefragt war, ist heute nicht mehr gefragt. Dies heißt allerdings nicht, dass einseitig nur diese Männlichkeit geändert werden müsste, sondern auch, dass die Struktur geändert werden müsste.

Mir ist anlässlich der Analyse der AfD-1.Mai-Demo in Erfurt aufgefallen, wie katastrophal es ist, dass der 1.Mai-Feiertag in der Bundesrepublik Deutschland tatsächlich die Hitler-Begrifflichkeit „Tag der Arbeit“ übernommen hat. Bis zur Einführung des 1.Mai als offiziellen Feiertags durch die NSDAP galt der 1.Mai als internationaler Kampftag der Arbeiterbewegung. Gegen diese Tradition wandte sich Hitler in seiner 1.Mai-Rede von 1933. Der 1.Mai wurde ursprünglich eingeführt in Chicago als Kampf gegen den 12-Stunden-Tag, also als Kampf gegen Arbeit nicht als Kampf für Arbeit. Die Nazis haben den 1.Mai als Tag zur „Ehrung der Arbeit“ und zur „Ehrung der Arbeiter“ („der Faust und der Stirn“) eingeführt. Am 2.Mai 1933 wurden die Gewerkschaften aufgelöst.

Wir müssen wegkommen von der von den Nazis als Feiertag eingeführten Arbeitsverherrlichung („Arbeit macht frei“). Deutschland ist ein superreiches Land. Es geht um Umverteilung. Die Aufgabe der Arbeitslosen ist nicht, „Arbeit zu finden“, sondern ihr Leben zu verbessern, für gerechte Umverteilung zu kämpfen. Der 1.Mai sollte als Feiertag umformuliert werden in „Tag der sozialen Gerechtigkeit“ (wenn schon nicht in „Arbeiter*innenkampftag“). Dies sollten sich zuerst die Gewerkschaften auf die Fahnen schreiben, denn die AfD hat bereits verkündet, dass es darum gehen soll, den Gewerkschaften den Begriff „Soziale Gerechtigkeit zu entwinden. Aber auch das Bildungssystem muss entsprechend umgebaut werden. Es sollte nicht mehr in erster Linie zur Selektion hinsichtlich des Arbeitsmarktes dienen, sondern auf eine Gesellschaft vorbereiten, die vor der Aufgabe steht, den extremen Reichtum sozial gerecht zu verteilen – und zwar weitgehend unabhängig von der sogenannte „Leistung“, die gar kein zentrales Kriterium mehr sein kann und auch noch nie war.

3 Kommentare

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  1. Jun

    Gerade dachte ich auch so. Es ging viel zu sehr um „Arbeit“ bei den Linken.
    Gerechte Arbeit ist eine Sache aber wegen der Flexibilisierung der Arbeit bzw Prekarisierung ist es immer schwieriger, sich mit „Arbeiter*innen“ zu identifizieren. Populistischsten haben dabei eigene Stärke sich selbst als „Volk“ zu nennen;“Egal, was du bist, du bist zumindest noch einer von uns.“ Diese Identität-Politik funktioniert recht effektiv. Aber das Linkslager konzentriert sich oft auf Arbeit und Leistung je nachdem der Position.Teils,große Nichtwählerschaft zeigt auch wahrscheinlich solche Schwierigkeit. Wir brachen wirklich eine Erweiterung der Politik.

  2. DK

    Guter Kommentar, stimme dir zum Großteil zu, aber diesen Satz „Dies sollten sich zuerst die Gewerkschaften auf die Fahnen schreiben, denn die AfD hat bereits verkündet, dass es darum gehen.“ verstehe ich nicht ganz, da fehlt ein Wort oder?

    Viele Grüße
    D.K.

    • Andreas Kemper

      Danke! Ja, der Satz sollte eigentlich heißen: „Dies sollten sich zuerst die Gewerkschaften auf die Fahnen schreiben, denn die AfD hat bereits verkündet, dass es darum gehen soll, den Gewerkschaften den Begriff „Soziale Gerechtigkeit zu entwinden.“ Habs korrigiert.

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