Die „Landkarten in den Köpfen“ vermessen – Zum Diskursatlas-Relaunch

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Der Diskursatlas Antifeminismus ist nun drei Wochen alt und damit bereits eine Woche älter als das Vorgängermodell Agent*in. Zeit für eine kurze Replik.

„Die Landkarten in den Köpfen“

Der Diskursatlas ist nach ersten Rückmeldungen in feministischen Umfeld sehr wohlwollend zur Kenntnis genommen worden, während das antifeministische Milieu anscheinend mit dem Relaunch der Online-Enzyklopädie zum Antifeminismus nichts anzufangen weiß und sich entsprechend nicht äußert. Merkwürdig ist das Schweigen angesichts des Mega-Shitstorms, den Agent*in in den Sommerferien nach nur einer Woche erfuhr. Anscheinend lässt sich die Angriffsstrategie mit dem Framing „Online-Pranger“ diesmal nicht fahren und etwas anderes fällt ihnen nicht ein. Es gibt also nichts zu berichten.

Daher werde ich mich im Folgenden ausschließlich der internen Weiterentwicklung der Online-Enzyklopädie widmen. Bevor ich dies mache, sei mir noch kurz der Hinweis gestattet, dass wir die Metapher „Diskursatlas“ anscheinend sehr gut gewählt haben. In der Recherche zum antifeministischen Narrativ „Komplementarität der Geschlechter“ stießen wir auf eine Äußerung aus dem antifeministisch-evangelikalen Milieu, welche zu Maßnahmen aufrief, die eigenen „Landkarten in den Köpfen“ zu schützen:

„Der Schmerz der Ungleichheit der Geschlechter gebiert den Wahn der Gleichheit der Geschlechter. Die Gleichheit, die hier gemeint wird, ist aber nicht mehr geschöpflich komplementär, polar und ergänzend, sondern gewissermassen abstrakt geschlechtslos. […] Was also ist zu tun, damit diese schleichende Revolution die ‚Landkarten in unseren Köpfen‘ nicht einfach umschreiben kann? Es ist zuallererst wichtig, das Verwirrspiel der Gender-Aktivisten zu durchschauen.“ (Dominik Klenk (Offensive Junger Christen): Editorial der Ausgabe Nr.5 des Magazins Salzkorn, siehe auch: Diskursatlas: Äußerungen zum Narrativ Komplementarität)

Wir schreiben diese „Landkarten in den Köpfen“ nicht um, der Diskursatlas stellt diese Landkarten des Antifeminismus in ihrer Gesamtheit dar – allerdings sind wir noch ganz am Anfang dieses Puzzles.

Neue Narrative

Seit Erscheinen des Diskursatlanten wurden vier neue Artikel zu antifeministischen Narrativen verfasst:

Die Arbeit zu diesen antifeministischen Narrativen, vor allem zur Geschichte der Narrative ist spannend.

Von der Homintern zur Homolobby

Dass antifeministische Diskurskoalitionen sich darauf geeinigt haben, dass unsere Nationen von einer weltweiten Verschwörung namens „Genderismus“ bedroht werden, war mir klar. Weniger klar war mir, wo überall eine uns „heimsuchende“ (Gerhard Amendt) Homolobby / Gay Mafia am Werk ist: In der Literatur, in der Politik, in der Kunstszene, in der Modeszene, aber auch in Verbänden zur Psychiatrie (American Psychiatric Organization), in Hollywood und selbst im Vatikan. Alles wird von der Homolobby heimgesucht. Interessant ist in diesem Zusammenhang die Verkettung mit einem anderen Narrativ, welches uns vor der Bedrohung durch den „Kulturmarxismus“ warnt, dessen Armee ja bekanntlich der „Genderismus“ ist. Dieses Narrativ fand sich im Kalten Krieg bereits in der McCarthy-Ära und verband sich mit der Angst vor der Gay Mafia. In Anlehnung an die kommunistische Komintern (Kommunistische Internationale) wurde vor der Homintern, der homosexuellen Internationalen gewarnt.

 „Die unverheiratete Person ist nur zur Hälfte Mensch“ (Fichte 1798)

Für Antifeminist*innen ist diese vermeintliche „Homolobby“ wohl vor allem gefährlich, weil sie „Landkarten in den Köpfen“ hinsichtlich der „Komplementarität der Geschlechter“ verändern will. Mit „Komplementarität“ ist hier die gegenseitige Ergänzung gemeint. Also erst in der Ehe bzw. in der Familie würden Männer und Frauen zu eigentlichen Menschen. Vorher seien sie nur so eine Art Halbwesen.

Dieses Denkmuster ist relativ jung, es setzte sich erst vor zweihundert Jahren durch, bestimmte aber bis in die 1970er Jahre die bundesdeutsche Gesetzgebung. Das Narrativ der „Komplementarität“ besagt: Frauen und Männer sollen heiraten und die Kinder brauchen sowohl Vater und Mutter. Inzwischen bröckelt dieses Narrativ wieder und der Antifeminismus versucht alles, um die alte „Landkarte“ beisammen zu halten.

„Frühsexualisierung“ oder Der langsame Reifungsprozess der „nordischen Rasse“

Die „Homolobby“ hat im antifeministischen Denken sicher auch daran Teil, dass „unsere Kinder“ angeblich „frühsexualisiert“ werden würden. So könne die „Gay Mafia“ den „natürlichen Reifungsprozess“ durcheinander bringen und die Kinder vom unschuldigen Pfad zur „Komplementarität“ abbringen. Dabei bräuchten doch gerade in nordischen Ländern die Kinder und Jugendlichen länger als anderswo, um sexuell komplementär eingenordet zu werden. So jedenfalls argumentierte in den 1920er Jahren der Rassenhygieniker Werner Villinger, Oberarzt am Landesjugendamt Hamburg, der als einer der ersten von „Frühsexualisierung“ sprach. Dies passt zum rassistischen Narrativ, welches auch von Björn Höcke vertreten wird, dass nämlich Europäer die „Groß-K-Arterhaltungsstrategie“ fahren mit starker Familienorientierung und entsprechender pubertärer späterer Reifung, während in Afrika „rassenbedingt“ die Klein-r-Arterhaltungsstrategie vorherrsche: Schnell viele Kinder gebären – für Familie sei da gar keine Zeit. Oder um es vulgärer mit Gloria von Thurn und Taxis auszudrücken: „Der Afrikaner schnackselt gern“.

Nicht weit entfernt von diesem völkischen Denken findet sich aktuell in den Bahnhofskiosken die dritte Ausgabe des der ‚Jungen Freiheit‘ nahe stehenden Hochglanzmagazins ‚CATO‘. Auf der Titelseite: Ihre „Durchlaucht“ Gloria von Thurn und Taxis, die dem ‚CATO‘-Herausgeber Andreas Lombard ein Interview gewährte. Auch Ihre Durchlaucht äußerte sich im Narrativ Frühsexualisierung und sah den großen Verwirrer (den Teufel!!!) an Einfluss gewinnen:

„Es gibt Perioden, da scheint der Teufel fröhliche Urstände zu feiern, dann gibt es Zeiten, da er zurückgedrängt wird und vorsichtiger agieren muss. […] Genau hier [‚Ehe für alle‘, hohe Scheidungs- und Abtreibungszahlen, ‚Recht auf Kinder‘] sehe ich die Handschrift des Durcheinanderbringers und Verwirrers. Das ist seine ureigenste Aufgabe. […] Geht alles auf das Konto des Durcheinanderbringers: Auf der einen Seite wird durch Frühsexualisierung ‚Frischfleisch‘ gezüchtet. Aber wenn sich jemand daran vergreift, schreit die Gesellschaft auf, und die Täter werden auf ewig verdammt. Verwirrend. […] Heute sind wir auf dem Weg in eine stramme, puritanische, selbstreferentielle, totalitäre Gesellschaft mit Denk- und Sprechverboten.“ (siehe Diskursatlas Antifeminismus: Frühsexualisierung)

Es scheint also sinnvoll, von Verkettungen der antifeministischen Narrative zu sprechen, die den sprachlichen Teil der antifeministischen Diskurskoalitionen bilden, deren anderer Teil aus einem übergreifenden Netzwerk verschiedener Akteur*innen besteht.

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