Wie konnte die AfD 4,7% erreichen?

· Artikel (Klassismus)

Die Alternative für Deutschland ist eine Partei, die im Februar 2013 installiert wurde. Sie hatte einen Vorläufer, die WA2013. Auch diese Organisation, die erst vor einem Jahr im September 2012 als Facebook-Gruppe in die Öffentlichkeit trat, hatte mit Bernd Lucke, Konrad Adam und Alexander Gauland eine sehr überschaubare Gründungsgruppe. Die Medien haben verschlafen, auf die Gefährdung der Demokratie hinzuweisen, die sich bereits aus den krassen Äußerungen dieser drei neoliberal-konservativen Männer herleiten lässt. Schauen wir noch einmal zurück:

Lucke: Arbeitslosengeld und Sozialhilfe generell streichen

Bernd Lucke zeichnet sich verantwortlich für den Hamburger Appell von 2005, wo nicht nur „eine niedrigere Entlohnung der ohnehin schon Geringverdienenden“ gefordert wurde, sondern auch dass „die Sozialpolitik von Lohnersatzleistungen zu Lohnzuschüssen wechseln“ müsse. Sozialhilfe, Arbeitslosengeld und Frühverrentung erzeuge Lohnansprüche, die der Markt nicht mehr finanzieren könne.

Adam: Kein Geld für Renter und Arbeitslose,  keine Bildung für türkische Jugendliche, Wahlrecht einschränken

Entsprechend äußerte sich Konrad Adam 2006 in einem Artikel „Warum soll ich für euch bezahlen?“. Er forderte die Leser*innen der konservativen WELT auf: „Jeder von ihnen könnte und sollte jeden Arbeitslosen, jeden Rentner und jeden Studenten danach fragen, mit welchem Recht er davon ausgeht, daß er ihm den Lebensunterhalt, die Rente oder das Studium bezahlt.“ Und selbst vor behindertenfeindlichen Aussagen schrak er nicht zurück:

„38 Millionen Erwerbstätigen stehen rund 20 Millionen Rentner und Pensionäre, 8 Millionen Behinderte, 6 oder 7 Millionen Arbeitslose und 2 Millionen Studenten gegenüber: Leute, die es als ihr gottgewolltes Recht betrachten, von dem zu leben, was andere für sie aufbringen müssen.“

Auch zur Bildungspolitik äußerte sich Adam immer wieder. In seinem Artikel „Bildung lässt sich nicht umverteilen“ finden sich deutlich rassistische Aussagen zum „türkischen Großstadtjugendlichen“:

Da er sich schwertut mit dem Lernen, aber gern zusticht, wenn ihm irgendetwas nicht passt, liegt er bei den Schulabschlüssen am unteren, in der Kriminalstatistik am oberen Ende der Skala: ein ziemlich hoffnungsloser Fall, aber gerade so, als mehrfach geschädigtes Opfer der Gesellschaft, der ideale Zuwendungsempfänger für die deutsche, pädagogisch hochambitionierte Betreuungsindustrie.“

Adam schloss sich daher der Position des Herausgebers der rechtslibertären Zeitschrift „eigentümlich frei“, André Lichtschlag, an, Arbeitslosen das Wahlrecht zu entziehen:

„Nur der Besitz schien eine Garantie dafür zu bieten, dass man vom Wahlrecht verantwortlich Gebrauch machte. Erst später […] ist die Fähigkeit, aus eigenem Vermögen für sich und die Seinen zu sorgen, als Voraussetzung für das Wahlrecht entfallen. Ob das ein Fortschritt war, kann man […] mit einigem Recht bezweifeln. Das Übergewicht der Passiven lähmt auf die Dauer auch die Aktiven […]“

heißt es in seinem Artikel „Wer soll wählen?“ von 2006. Adam war, wie viele weitere AfDler, Autor der „eigentümlich frei“, die die Parole „Freiheit statt Demokratie“ ausgibt. Es handelt sich hier also nicht um Polemik, sondern um ernstgemeinte politische Forderungen.

Gauland: parlamentarische Mehrheitsentscheidungen zählen nicht

Eine ähnliche Verachtung für das allgemeine Wahlrecht zeigt sich bei Alexander Gauland. Kurz vor der Gründung der WA2013/ AfD beklagte Gauland die Angst der Deutschen vor der Anwendung militärischer Gewalt. Er bezog sich positiv auf die berüchtigte „Eisen und Blut“-Rede Otto von Bismarcks und zitierte wörtlich:

„Nicht durch Reden und Majoritätsbeschlüsse werden die großen Fragen der Zeit entschieden – das ist der große Fehler von 1848 und 1849 gewesen – sondern durch Eisen und Blut.“

Diese Rede hielt Bismarck 1862, kurz danach wurde das Parlament aufgelöst, welches einer militärischen Aufrüstung im Weg stand.

AfD und Demokratie: Täter-Opfer-Verkehrung der Medien

Der Bezug auf Bismarck ist kein Zufall. Bismarck vertrat als ostelbischer Junker die Interessen des Landadels. Deren Nachfahren gründeten 2006 das Kampagnennetzwerk Zivile Koalition mit der programmatischen Formel „Reform der politischen Entscheidungsstruktur“. Eben diese Formel schrieb Hans-Olaf Henkel der neu gegründeten Bundespartei „Die Freien Wähler“ ins Programm, die von der WA2013 zunächst umgarnt wurde, die aber nicht konservativ genug erschien, weshalb aus den Kreisen der WA2013 die AfD gegründet wurde. Es verwundert also nicht, dass die NPD von der AfD als ihren „Eisbrecher“ sprach, dass Lucke unbekümmert in deren Wahlmilieu wilderte und dass tatsächlich die AfD bei der Bundestagswahl 2013 überall dort stark geworden ist, wo auch die NPD viele Stimmen holte.

Die oben genannten Fakten wurden von Blogger*innen zusammengetragen. Es ist nur die Spitze eines Eisberges, den ich in meinem Buch „Rechte Euro-Rebellion“ weitgehend freigelegt habe, eines Eisberges mit einer kristallinen Struktur von brutal kalten Kampagnennetzwerken und unternehmensnahen Thinktanks. Es ist unwahrscheinlich, dass die 360.000 ehemaligen Linke-Wähler*innen, die jetzt angeblich die AfD gewählt haben, sich über die Existenz und Ausstrahlung dieser sozialen Kältegeneratoren klar waren.

Statt deutlich und ausführlich auf diese Fakten hinzuweisen, inszenierten die Medien die AfD als vermeintliche Opfer der Antifa, die in Göttingen angeblich ein Haus mit Benzin übergossen und in Bremen angeblich eine vermummte Messerattacke auf Bernd Lucke starteten. Nichts davon stimmte, die Dementis kamen leise, zögerlich und zu spät – wie im Fall Thilo Sarrazin haben auch hier die Medien versagt. Ein rechtspopulistisches Wählermilieu ist in Deutschland immer schon vorhanden gewesen – es liegt auch an den Medien, ob sich hieraus eine erfolgreiche Partei bilden kann.

Nachtrag 26.09.2013

Bernd Lucke, der bereits für seine Kennzeichnung „Bodensatz“ für arbeitslose Ausländer*innen kritisiert worden war, wurde in der Talkshow von Anne Will mit seiner Wortwahl „Entartung der Demokratie und des Parlamentarismus“ konfrontiert (Ab Minute 43:40). Lucke versuchte zu erklären, dass der Begriff „Entartung“ ein ganz normaler Begriff sei, Ärzte würden ihn im Zusammenhang mit „Krebsgeschwüren“ verwenden. Wenig später sprach Bernd Lucke viermal von „Degenerationserscheinungen“/ „Degeneration“ in der Demokratie (ab Minute 47:47). Hier ein Link, der kurz die Übertragung dieser medizinischen Begrffe auf gesellschaftliche Entwicklungen erklärt: Degeneration/ Entartung

Diese Wörter sind Herrn Lucke ganz sicher nicht versehentlich „rausgerutscht“. Sie gehören zum Vokabular der Neuen Rechten. Eine Google-Suche nach „Degeneration der Demokratie“ führt bspw. direkt zur Blauen Narzisse, einer Website der Neuen Rechten, die ich hier nicht verlinken werde. Eine weitere Formulierung „Degeneration der Demokratie“ findet sich in einem Text von Friedrich August von Hayek, der die Lösung gegen diese „Degeneration“ in einem Zwei-Kammer-System sieht, wobei die gesetzgebende Kammer für 15 Jahre gewählt werden soll. Hayek war auch der Ideengeber für die Abschaffung des Wahlrechts für Arbeitslose.

Wie zuvor viele Twitter-Meldungen von AfD-Anhänger*innen bewusst die Vokabel „entarten“ benutzten, setzten auch die Verantwortlichen der offizielle Facebook-Seite der Afd den Spruch „Anne Will lässt Grundgedanken des ÖR entarten“ auf ihre Seite. Konrad Adam verteidigt in einem Artikel in der extrem rechten Wochenzeitung Junge Freiheit die Wortwahls Luckes mit den Worten „Die Antifa lebt vom Dritten Reich wie die Fliege vom Kot“. Die „Ungeziefer-Metaphorik“ aus der Nazizeit ist also auch Herrn Adam nicht ganz fremd.

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37 Kommentare

Comments RSS
  1. Eitan Einoch

    Wie konnte die AfD aus dem Stand heraus fast die 5-Prozent-Hürde schaffen? Ist das nicht offensichtlich? Die Partei hat mit ihrem EU- und Euro-Skeptizismus ins Schwarze getroffen. Da fallen ein paar fragwürdige Kommentare ihrer Parteikader in der Vergangenenheit nicht ins Gewicht. So lange es keine andere Partei gibt, die dem EU-Wahnsinn kritisch entgegen tritt, wird die AfD ein Gesprächsthema bleiben.

    • Andreas Kemper

      Die Euro-Skepsis war vor der Einführung des Euro größer. Dennoch hat es der Bund Freier Bürger als Anti-Euro-Partei trotz 6 Millionen-DM-Unterstütztung von August von Finck nicht annähernd geschafft, an die 5% heran zu kommen.

      • Eitan Einoch

        Ich denke, die AfD hat sich einfach besser und professioneller in der Öffentlichkeit präsentiert.

      • Ulrich R.

        da hat die Mehrheit der Bürger noch darauf vertraut was die Bundesregierung seinerzeit versprochen hat und was rechtlich und vertraglich beschlossen worden ist. Das mit dem No Bail Out Gebot, kein Staat für die Schulden eines anderen haften würde!! Das ist Teil der Verträge und wurde ausser Kraft gesetzt eben mal so….. alternativlos!

  2. realisator3000

    Vielen Dank für Die Zitatesammlung. Bei dem Wust aus „Die AfD ist am kompetentesten in Wirtschaft und ihr habt alle keine Ahnung von Wirtschaft!“ Schreihälsen ist es all zu oft gut, so klare Fakten zur Hand zu haben

  3. BTW13 und die AfD | NikeeyMy.de linked to this post.
  4. Angelika H.

    „… es liegt auch an den Medien, ob sich hieraus eine erfolgreiche Partei bilden kann….“. Ich dachte, es ist wichtig, was eine Partei heute und morgen will. Was schreiben Sie dann immer aus den Jahren 2006 u.ä. Schon jetzt behaupteten die Medien ständig, die AfD wolle das Wahlrecht für Arbeitslose abschaffen. Das ist doch von Ihnen abgeschrieben. Die Journalsiten beten doch alles nach, was irgend ein „Experte“ rauslässt. Selbst denken wird doch langsam in dieser BILDungsgesellschaft abgeschafft.

  5. Streiter

    Auch wenn ich nichts, aber auch gar nichts mit der AfD und ihren Forderungen/Thesen anfangen kann oder sie gar teile, kann ich keine Gefährdung der Demokratie erkennen.
    Diese polemische Befürchtung dient mE allein der Selbstbeweihräucherung von vermeintlichen Demokraten.
    Das Grundgesetz und die parlamentarischen Mehrheiten verhindern die Durchsetzung solch abstruser Forderungen wie die der AfD. Wesentlich mehr Sorgen bereitet mir die mangelnde demokratische Streit- ja, Streitkultur in diesem Land, wo jeder Andersdenkende ruckzuck zum Nazi abgestempelt wird.
    Wer den *politischen* Gegner besiegen will, hat gefälligst Alternativen anzubieten. Das Totschweigen des Themas „Euro“ durch die anderen Parteien und das einheitliche Gesabbel haben zum Aufstieg der AfD geführt. Und die AfD wird wieder in der Mottenkiste verschwinden. Ganz sicher.
    Dafür braucht es aber streitbare Demokraten und keinen Pranger. Die Menschen, die sich für die AfD engagieren und/oder sie gewählt haben bleiben (uns) nämlich erhalten. Deal with it!

    Er hat Jehova gesagt. :-p

    • Andreas Kemper

      Eine Streitkultur setzt voraus, dass der Gegenstand, über den gestritten wird, klar benannt wird.

      Es ist nicht hilfreich, Kritik als „zum Nazi abstempeln“ zu diffamieren.

      In dem Artikel kritisiere ich ja noch nicht einmal die Gründer der AfD – ich zitiere sie nur.

      • Werner Hupperich

        >>Es ist nicht hilfreich, Kritik als “zum Nazi abstempeln” zu diffamieren. <<

        Zumal, wer sich in der Biologisierung sozialer Verhältnisse übt und Menschenrechte gemäß "Blut und Boden" Ideologien definiert, nicht (von Anderen) "zum Nazi abgestempelt" _wird_, sondern sich höchst selbst [!] bereits entsprechend "gestempelt" _hat_.

        Es ist hierbei m.E. schon recht bemerkenswert, wie sich trotz eindeutiger Merkmale nationalsozialistischer Ideologie, deren Eigenschaften (Programmatik) ja nun einmal als klar definiert gelten müssen, die Propagandisten dieser Ideologie immer noch dreist als arme, zu Unrecht als Nazis "Abgestempelte" gerieren.

        Ich sehe hier eher einen Mangel in Bezug auf die nationalsozialistische Substanz der vertretenen Positionen als denn einen Mangel an "Streitkultur".

        Wo sollte dort der Ansatzpunkt für eine Debatte (ich gehe davon aus, dass mit "Streitkultur" vom Verfasser "Streiter" nicht gegenseites Köpfeeinschlagen gemeint sein soll..) zu verorten sein? Worüber etwa sollte man mit jemandem ernsthaft debattieren, der etwa über genetisch höher- und minderwertige Menschen schwadroniert, von prä- oder gar postnataler Selektion schwärmt?

        Nein. Was aussieht wie Nazi-Ideologie, riecht wie Nazi-ideologie und schmeckt wie Nazi-ideologie IST Nazi-Ideologie. Und KEIN zu Unrecht verkannter Humanismus aus dem Munde eines [Stammtisch-] Philantropen.

        MfG
        Werner Hupperich

  6. Intermezzo (478) | Blue Archive linked to this post.
  7. Wednesday

    Was den Traum Adam’s angeht, das Solidaritätsprinzip, den Gesellschaftsvertrag (so schlecht und ungerecht es auch funktioniert) zu kündigen: Es ist seltsam, wie wenig „Leute aus der Wirtschaft“ Ahnung von dem Wirtschaftssystem haben, in dem sie leben.

    • Wednesday

      Tja, für die, die meinen Kommentar nicht verstehen: wer finanziert die Infrastruktur, ohne die „die Wirtschaft“ nicht funktionieren könnte? Wer finanziert den Strassenbau, die Feuerwehr, die Polizei, die Schulen? Alle Einrichtungen, die privatisiert wurden, gehen den Bach runter oder werden so teuer, daß sich Kleinverdiener oder Erwerbslose deren Leistung nicht mieten können, oder nur unter Aufnahme von Schulden (die wiederum den sich als Machern der Republik Sehenden nutzen… oder kapiert ihr selbst dieses Verhältnis nicht?). Warum ist das wohl so? Wen wird eine Feuerwehr retten, die privatisiert wurde, wen wird die Polizei schützen, die privatisiert wurde? Und was ist mit denen, die sich deren Dienste und Schutz nicht leisten können? Wer wird studieren können, wenn die Ausbildung privatisiert wird? Breitflächige Privatisierungen werden allein einer Elite zugute kommen. Der Rest, die Peanuts, werden von vielen Leuten der AfD und FDP offenbar nur Ballast, der „Bodensatz“ wahrgenommen. Sie wissen nicht, wie die Wirtschaft funktioniert. Daß sie von diesem Ballast sogar profitieren.

  8. Bernd

    Die Eurorettungen zu Lasten der deutschen Steuerzahler und unter permanten Rechtsbrüchen (insgesamt mehr als eine halbe BILLION Haftungen für fremde Länder) hat zu schweren Verwerfen in der Politik geführt. AfD und Linken sind leider die einizgen Parteien, die das thematisieren. Die Abnickerparteien des ESM (CDU,SPD, FDP, Grüne) sind für mich nicht mehr wählbar. Die AfD ist eine echte Alternative.

  9. Michael Renner

    Nicht zu vergessen dieser Artikel in „eigentümlich frei“ in dem der Autor die Kriegserklärung Englands an Nazi-Deutschland als Verrat an der freien Wirtschaft bezeichnet, weil Hitler doch Stalin beseitigt hätte!

    http://ef-magazin.de/2009/09/03/1458-zum-70-jahrestag-der-britischen-kriegserklaerung-an-deutschland-vielleicht-das-groesste-desaster-der-weltgeschichte

    • Björn

      Dies ist ein alter Brief der dort veröffentlicht wurde und kein Artikel xD

  10. Angelika H.

    Dr. Sean Gabb, Autor bei ef – ist er Mitglied der AFD??
    Über 2 Millionen Menschen haben die AFD gewählt? Alle verliebt in Rechtsextreme? NPD-Wähler dürften es nicht gewesen sein, denn deren Prozentsatz hat sich wenig verändert. Nun, fragen Sie die Menschen aus den verschiedensten Lagern der Gesellschaft, warum sie trotz permanenter Hetze gegen die AFD diese gewählt haben.!! Und es wären noch ein paar mehr gewesen, wenn sie von Drahgi / EZB 1 Tag eher informiert worden wären: http://www.focus.de/finanzen/news/fuer-weiteres-wirtschaftswachstum-ezb-chef-draghi-verspricht-banken-neue-finanzspritze_aid_1109981.html

  11. Angelika H.

    Zu Lucke bei Anne Will: In keinem anderen Land der Welt als in Deutschland müssen Personen in der Öffentlichkeit sich regelrecht verrenken, um gewisse Worte nicht auszusprechen. Schlimm. Lucke hat jedoch auch noch andere Dinge gesagt: „Keine Einwanderung in unsere Sozialsysteme“ ist kein Slogan, der typisch ist für rechtsradikale Parteien. Zitat Regierungsprogramm cdu/CSU 2013: „Eine Zuwanderung, die darauf gerichtet ist, die europäische Freizügigkeit zu missbrauchen und die sozialen Sicherungssysteme unseres Landes auszunutzen, lehnen wir ab.“ Nun aber schnell, Herr Kemper, drauf auf den Mobb, welcher die CDU gewählt hat…..

    • Andreas Kemper

      So, jetzt werde ich allmählich sauer. Kein anderes Land der Welt hat eine menschenverachtendere Geschichte als Deutschland. Einem Professor sollte es nicht entgangen sein, wie der Begriff Entartung in der deutschen Geschichte konnotiert ist. Es ist dabei etwas anderes, diesen Begriff in der Physik zu benutzen – wobei mir auch dort der Begriff schwer über die Lippen gehen würde – als ihn auf demokratische Prozesse zu beziehen. Noch einmal: So ein Begriff „rutscht“ einem nicht versehentlich raus, wenn er nicht zum aktiven Wortschatz gehört.
      Luckes Hinweis darauf, dass in der Medizin der Begriff benutzt wird, um Krebszellen zu beschreiben, heißt weitergedacht doch nur, dass man auch den Begriff der Krebszelle für demokratische Prozesse benutzen dürfte. Denn das wäre ja – wie der Begriff Entartung – ein ganz normales Wort, welches auch in der Medizin benutzt wird. Noch einmal: Bei einem Professor müsste man das Reflexionsvermögen voraussetzen, dass Wörter kontextabhängig benutzt werden. Und es müsste Herrn Lucke doch bewusst gewesen sein, dass die Nationalsozialisten biologische Begrifflichkeiten auf soziale Prozesse übertrugen und damit eine Sprache der Unmenschlichkeit bedienten.
      Als wäre das alles noch nicht schlimm genug, schob er noch viermal (!) die Vokabel „Degeneration“ bzw. „Degenerationserscheinung“ hinter her. Im Zusammenhang mit demokratischen Prozessen wohlgemerkt. Das ist durch nichts zu entschuldigen.
      Noch ein Wort zum Thema „Professor“. Lucke ist kein Professor für Geschichte oder Rechtsextremismusforschung. Er ist Professor für Volkswirtschaftslehre. Es wurde in einem anderen Kontext darauf verwiesen, dass Luckes ebenfalls mehr als problematische Bezeichnung „Bodensatz“ für arbeitslose Ausländer*innen ein gängiger Begriff bestimmter Schulen der Volkswirtschaftslehre sei. Wenn es bestimmte Schulen der Volkswirtschaftslehre sein sollten, die solche Begrifflichkeiten perpetuieren, wie Lucke sie öffentlich benutzt und verteidigt (Bodensatz, Entartung, Degenerationserscheinung), dann wären die Länder und Hochschulen gefordert, zu reflektieren, was sie da eigentlich hervorbringen. Auch das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses dessen eugenische Grundlage der von Lucke geschätzte Thilo Sarrazin teilt, basiert auf volkswirtschaftlichen Kosten-Nutzen-Rechnungen. Und wenn Konrad Adam fragt, warum er für „die“ bezahlen soll, dann haben sich hier die richtigen zusammengefunden. Wenn bestimmte volkswirtschaftliche Denkweisen nicht mehr über die Selbstkontrolle verfügen, aufgrund der nationalsozialistischen Geschichte Grenzen in Kosten-Nutzen-Rechnungen zu ziehen, dann sind die Hochschulen gefragt.

      • Karl R.

        Andreas, welche demokratischen Prozesse meinst Du? Wenn wir schon beim Thema sind – entartete Zellen in gewisser Hinsicht mit dem Organismus nicht mehr verbunden sie führen ein Eigenleben dass so viel Resourcen kostet dass der Orgransimus zugrunde geht. Wenn eine Regierung gegen das Volk regiert und seine Interessen eher einem allmachts-kontrukt unterordnet kann ich nicht umhin ähnliche Schlüsse zu ziehen.

        Die ‚Nazis‘ haben vieles Ehrhafte in den Dreck gezogen – und somit auf Langwirkung mit ein Dutschland geprägt dass viel Aktivitäten in der funktionalen Nazi-Hetz-Jagd aufweisst ohne sich wirklich mit der Vergangenheit auseinander zu setzen (Der Braune Atom-Müll dass sind immer die *anderen*). Pfui!

        Mit Aussagen von Gauland, und manch anderem Gesagten kann ich mich nicht anfreunden. und auch z.B. mit der Polemik nach der Sendung von Anne Will; find ich kindisch und unpassend. Aber ich bin gespannt wie sich die AFD weiterentwickelt.

        Die Gründung und den Erfolg der AFD führe ich auf eine ganz einfachen Mechanismus zurück; Bevormundung und Bekämpungen und Ignorieren von nationalem Interessen und Gedankengut muss sich iregendwie Luft schaffen. So kommt es zu solch ‚Inselgründungen‘;
        cheers
        /K

      • Andreas Kemper

        Es gibt keine „nationalen Interessen“.

      • Ulrich R.

        Ich denke eher in keinem anderen Land der Welt kann so eine lächerliche Diskussion um ein Wort, ein Begriff geführt werden, den andere namhafte Politiker völlig unbescholten im Bundestag ebenfalls für ihre Zwecke benutzt haben wie Joschka Fischer und Helmut Schmidt.

      • Andreas Kemper

        Bernd Lucke benutzt diese Begrifflichkeiten ständig: „Entartung“, „Degeneration“, „Krebszelle“, „Verfallserscheinungen“, „Keimzelle“.
        Es kann tatsächlich mal passieren, dass einem so ein Audruck herausrutscht. Insbesondere dann, wenn man von den Artikeln und Diskussionen, die vor einhundert Jahren zur Rassenhygiene gehörten, keine Ahnunung hat. Nach den ersten Protesteten nach der Verwendung des Begriffs „Entartung“ hätte sich Luckr erkundigen müssen. Stattdessen haben er und die AfD das Vokabular der Rassenhygiene trotzig im noch größeren Umfang benutzt als vorher.

      • Andreas Kemper

        Bernd Lucke benutzt diese Begrifflichkeiten ständig: „Entartung“, „Degeneration“, „Krebszelle“, „Verfallserscheinungen“, „Keimzelle“.
        Es kann tatsächlich mal passieren, dass einem so ein Audruck herausrutscht. Insbesondere dann, wenn man von den Artikeln und Diskussionen, die vor einhundert Jahren zur Rassenhygiene gehörten, keine Ahnunung hat. Nach den ersten Protesteten nach der Verwendung des Begriffs „Entartung“ hätte sich Luckr erkundigen müssen. Stattdessen haben er und die AfD das Vokabular der Rassenhygiene trotzig im noch größeren Umfang benutzt als vorher.

      • freeshsol

        Vielleicht weil er schon mitbekommen hat, dass diese Zeiten vorbei sind und diese Worte nicht von Nazis erfunden wurden. Bei Ihnen hab ich manchmal den Eindruck Sie trauern der Nazizeit ein wenig nach, da Sie damit ihre Hetztiraden so schon untermauern können. 🙂 Und glauben Sie mir, Sie nutzen jeden Tag weitaus mehr „Nazi“ Begriffe als sie ahnen. Könnte es also sein, dass sie der eigentliche Rechtspopulist sind, welcher sich wie zahlreiche andere Linke hinter ihrer faschistischen Moral-Fassade verstecken, um nicht erkannt zu werden? Viele ihrer Posts deuten jedenfalls auf eine stark faschistische Einstellung gegenüber Menschen mit einer anderen Meinung hin. Was Diffamierungen und Hetzerische Propaganda an geht hätten Sie und ihre sich als „Links“ bezeichnenden Freunde es jedenfalls im 3. Reich sehr weit bringen können denk ich.

      • Andreas Kemper

        Diese Worte “Entartung”, “Degeneration”, “Krebszelle”, “Verfallserscheinungen”, … wurden nicht von Nazis erfunden, diese Worte bereiteten aber das Feld mit vor, aus dem die Nazis dann die Früchte zogen. Die Worte deuten auf eine sehr problematische Denkweise, auf Bewertungsmuster, auch Luckes Bezeichnung „Bodensatz“ für „nicht-verwertbare“ Menschen zählt dazu. Vielleicht speist sich diese Denkweise aus einer bestimmten protestantischen Volkswirtschaftslehre, einer Weltanschauung, die Malthus mit Lucke verbindet?

  12. Andreas Kemper

    Ich ziehe jetzt – nach dem „Entartungs-Posting“ auf der Facebook-Seite – eine Grenze. Wenn die AfD meint, bewusst Nazi-Vokabular propagieren zu müssen, dann sollte sie keinen öffentlichen Raum mehr bekommen – dies gilt auch für die Kommentarfunktion meiner Homepage. AfDler*innen können sich gerne in ihren eigenen Foren Nazi-Vokabular um die Ohren hauen. Ich hoffe sehr, dass dies auch der letzte Fernsehauftritt der AfD gewesen ist.

  13. frentmeister2

    Sehr guter Artikel, anmerken möchte ich aber noch das Herr Lucke, das Wort „Entartung“ schon viel früher gebraucht hat.

    http://lap-aachen.de/cms/index.php/aktuell/meldungen/123-afd-lucke-sprach-auch-schon-in-aachen-von-entartung

    Bei seiner Rede im Aachener Eurogress im Juli 2013 – einer der ersten Großveranstaltungen der AfD – sagte Lucke schon in den ersten Minuten seiner Rede vor seinen Anhängern: „Wir wollen erreichen, dass die etablierten Parteien in ihren Entartungen und in ihren Verkrustungen, ähm, von uns in Frage gestellt werden […].“ Im Saal saß auch AfD-Parteisprecher Konrad Adam, der zuvor gesprochen hatte. Dem ZDF sagte Adam am Tag nach der Wahl, man müsse nicht alles als „Bekenntnis zur Nazizeit werten“, was in Nazideutschland als Vokabular gebraucht worden sei.

    So So Herr Lucke ein Ausrutscher…

  14. Alexander Hohenfels

    Verehrter Herr Kemper, schauen Sie mal zur AfD in Sachsen, z.B.

    http://alternativernewsletter.wordpress.com/2013/09/07/absurdistan-in-sachsen-die-freiheit-ex-stasis-und-burschenschaften-extremisten-ubernehmen-afd-sachsen/

    http://alternativernewsletter.wordpress.com/2013/09/25/afd-sachsen-die-freiheit-ubernimmt-jetzt-vollstandig-frauke-petry-schwort-mitglieder-auf-strammen-rechtskurs-ein/

    Dort wir sehr gut recherchiert und diew Verbindingen zur FREIHEIT nachgewiesen. Zwar hat die FREIHEIT einige LINKS zu ihrer Homepage „trocken gelegt“ (vor allem die entlarvenden Fotos zu den Funktionären, die heute eine AfD-Maske tragen, aber dennoch: VIELE BESTÄTIGUNGEN für Ihre Recherchen.

  15. Hanno

    @Herrn Kemper: Kurze Verständnisfrage: Warum gibt es keine nationale Interessen ?

    • Andreas Kemper

      Weil die Nation ein Konstrukt ist.

  16. Hanno

    Versteh ich nicht so ganz, die Argumentation.

    1.) Parteien sind auch Konstrukte. Gibt es demnach keine Parteiinteressen ?
    2.) Ob Konstrukt oder naturgegeben. Real existieren tun Nationalstaaten ja. Warum sollen solche Konstrukte dann keine Interessen haben oder vertreten ? Hat Griechenland z.B. kein nationales Interesse daran, wirtschaftlich wieder auf die Bein zu kommen ?
    3.) Gibt es dann auch kein europäisches Interesse ? Müsste demnach ja ebenso ein Konstrukt sein.

    Also ich meine die Fragen ernst. Das soll keine Frontstellung wie von diversen AfD-Jüngern sein. Ich kann ihre Argumentation wirklich nicht nachvollziehen.

    • Andreas Kemper

      Das, was als „nationales Interesse“ verkauft wird, ist doch meistens im Interesse von Unternehmen. Bei den entscheidenden Fragen ähneln sich doch transnational die Interessen der Arbeiter*innen und stehen im Widerspruch zu Unternehmerinteressen.

  17. AfD | Blue Archive linked to this post.

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