Zur Metapolitik der Neuen Rechten in der AfD

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Wer die Strategie der Neuen Rechten in der AfD verstehen will, sollte sich mit deren „Metapolitik“ auseinander setzen. Der ehemalige NPDler Dr. Dr. Thor von Waldstein formulierte zum 15. Jahrestag des neurechten Institut für Staatspolitik Mitte Juni 2015 im Rittergut Schnellroda, worum es gehen solle:

1. Mut zur Setzung eigener Themen (z.B. „Abschaffung des deutschen Volkes“)
2. Kampf um die Sprache
3. Kampf um die Köpfe
4. Mut zur Provokation
5. Ende der Distanzeritis

Zum letzten Punkt sagte er, dass es darum gehen müsse, gemeinsam gegen den „Hauptfeind“ zu kämpfen, „den die europäischen Völker zersetzenden Liberalismus“. In den „Verkrustungen des Staates, der aus sich heraus unter keinen Umständen mehr reformierbar ist“ sei dies nicht möglich.
Dies erklärt, warum Björn Höcke davon spricht, dass die „AfD die letzte evolutionäre Chance“ bzw. „die letzte friedliche Chance“ sei, er zielt damit auf Götz Kubitscheks Vokabel „Vorbürgerkrieg“. Wenn Höcke gleichzeitig den Bürgerkrieg prophezeit, dann wird klar, dass das Gerede von der „letzten friedlichen Chance“ als vorgreifende Rechtfertigung für Gewalt gelesen werden kann: „Wir haben es ja friedlich versucht“, wird es dann später heißen, wenn „aufgeräumt“ und „ausgemistet“ (Frohnmaier), wenn „vertrieben“ (Höcke) wird. „Brandige Glieder“ ließen sich nicht mit „Lavendelwasser“ „heilen“ zitierte Höcke Hegel im Sinne der Gewaltoption der neurechten Metapolitik: „Der Verwesung nahen Lebens kann nur durch das gewaltsamste Verfahren reorganisiert werden“ zitierte Höcke Hegel weiter. Hegel hatte diese Sätze in seinem Artikel „Über die Reichsverfassung“ zu Machiavellis berüchtigten Büchlein „Il Principe“ geschrieben, welches er damals verteidigte. Bei Hegel hieß es unter anderem, wer gegen den Staat arbeite, müsste im Sinne des Machiavellis bestraft werden.

(Anmerkung: Dass Machiavelli damals schwer krank war, als er seinen „Machiavellismus“ entwickelte, er war durch Folter schwersttraumatisiert und „Il Principe“ sollte als Traumaaufarbeitung inklusive einer typischen „Identifikation mit dem Aggressor“ gelesen werden, konnte Hegel zu seiner Zeit nicht erkennen. Wenn dieser Machiavellismus in der Metapolitik der Neuen Rechten allerdings reformuliert wird, dann sollte psychoanalytisch mit Arno Gruen, Klaus Theweleit, etc hinterfragt werden, was in der Kindheit der Vertreter*innen der Neuen Rechten falsch gelaufen ist.)

3 Kommentare

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  1. Peter Glückstein

    es fallen nun auch die letzten Hemmungen …

    „Gratulation nach Frankreich

    Für unsere Vaterländer, für unser gemeinsames europäisches Haus geht es in dieser historischen Wendezeit um Sein oder Nichtsein.

    Die in- und ausländischen Altparteien stehen auf der Seite des Nichtseins. Unsere Verbündeten stehen auf der Seite des Seins.

    Wir gratulieren Marine Le Pen zu ihrem überragenden Wahlerfolg. Frankreich und Europa dürfen noch hoffen!

    Björn Höcke und André Poggenburg“

    (http://derfluegel.de)

  2. Telipinu Hatti

    Absolut richtig: Machiavelli als Vorläufer der „Neuen Rechten“ heran zu ziehen, ist lächerlich. Lest mal die Discorsi. Der Mann wollte den gewaltengeteilten Verfassungsstaat als „wohl geordneten Freistaat, in dem das Volk Fürst ist“ und vor allem den Rechtsstaat. Unsere Freiheitlich-Demokratische Grundordnung und wichtige Passagen des Grundgesetzes basieren teilweise auf ihm, über den Machiavelli-Übersetzer Carlo Schmid (SPD). Die Bundesrepublikanischen Notstandsgesetze tragen Machiavellis Handschrift.

    Vertreibungen waren für Machiavelli ein Mittel der Tyrannei, die Herrschaft der Alteingesessenen über die Einwanderer (sein Horrorbeispiel: Venedig) der lange Weg in den Untergang. Die Eidgenossenschaft mit ihrer föderal-protodemokratischen Kultur fand er noch am besten. Heute würde Machiavelli wohl als liberal oder als gemäßigt-konservativ gelten, mit einer starken sozialen Ader und einer guten Portion Kritik an kapitalistischen Monopolen (den Medici).

    „Der Fürst“ war nach den langen Kriegen in Italien eher eine Denkschrift, mit der die Medici aufgefordert werden sollten, das Land zu einen. Sie beherrschten gerade zwei der sieben maßgeblichen Staaten Italiens. Wer, wie Machiavelli, gesehen hat, was nach dem Ende der ersten Medici-Diktatur in Italien passiert ist, fühlt sich an den heutigen Nahen Osten erinnert: mörderisch-korruptes Borgia-Regime in Rom, von Frankreich gestützter „Gottesstaat“ mit all seinen Schrecken in Florenz, Putsche und Kriege in der Poebene, Invasionen Frankreichs und Spaniens, Seuchen mit extremen Todesraten, Massenvergewaltigungen, Flüchtlingsschwemme und nicht zuletzt 1494 der Zusammenbruch der größten Geldmacht der Zeit; der Medici-Bank. Nach solchen Erfahrungen wollte sogar Machiavelli den starken Mann.

    Trotzdem war das Modell von Machiavellis „Fürst“ immer noch besser als die meisten Herrscher seiner Zeit.

    Telipinu Hattis

    • Andreas Kemper

      Ich habe ganz bewusst nicht von der Discorsi gesprochen. In der Discorsi ist Machiavelli wieder der Republikaner, der er vor der Eroberung von Florenz durch die Medici gewesen ist. Ich spreche hier von einen ganz kleinen Zeitraum, nämlich dem halben Jahr nach den Folterungen durch die Medici. In dieser Phase hat Machiavelli „Il Principe“ niedergeschrieben, ein Machwerk, welches nur mit großer Phantasie und Interpretationsbereitschaft mit seinen republikanischen Schriften in Übereinstimmung gebracht werden kann. „Il Principe“ ist der literarische Versuch einer Traumaverarbeitung, allerdings unter der Maßgabe einer „Identifikation mit dem Aggressor“. Machiavellis Gedanken waren genauso verdreht wie seine durch die Folter verkrüppelten Hände, mit denen er „Il Principe“ niederschrieb. Auf diese „Identifikation mit dem Aggressor“ beruht die Macht autoritärer Regime. Deshalb ist „Il Principe“ (und nicht etwa die „Discorsi“) das zentrale Meisterwerk aller Regime, die auf Folter und Gewalt beruhen.

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