Zur Konstruktion eines zweiten „Landolf Ladig“

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Björn Höcke, Landesfraktions- und Landeschef der AfD in Thüringen, droht der Parteiausschluss. Der von einer Zweidrittelmehrheit des Bundesvorstandes angeschobene Parteiauschlussantrag basiert auf einem 19seitigem Gutachten (mit Anhang über 60 Seiten), welches sich zentral auf meine Recherchen bezieht. Es geht hier um Befunde, die nahelegen, dass Björn Höcke 2011 und 2012 unter dem Pseudonym „Landolf Ladig“ neonazistische Texte in Magazinen des Neonazis und stellvertretenden NPD-Vorsitzenden Thorsten Heise geschrieben habe.

Landolf Ladig zum Zweiten

Mir erscheint das Ganze wie ein Deja vu: Im Frühjahr 2015 machte ich erste Überschneidungen in den Texten von Höcke und „Ladig“ bekannt, mit den Zusatzinfos, dass „Ladig“ das Wohnhaus von Höcke beschrieben habe und Höcke den Herausgeber der „Ladig“-Texte, den Neonazi Thorsten Heise, persönlich kenne. Von den Medien wurde dies erst aufgriffen, nachdem der Bundesvorstand der AfD 2015 meine Hinweise ernst nahm und von Björn Höcke ultimativ verlangte, er solle das juristisch klären, durch eine Anzeige gegen meine Person und durch eine eidesstattliche Versicherung, dass an meinen Recherchen nichts dran sei. Höcke verweigerte dies. Allerdings wurde der Bundesvorstand unter Lucke und Henkel abgesetzt und die „Ladig“-Geschichte erschien auch den Medien nicht mehr wichtig.

Nun hat wieder der AfD-Bundesvorstand, diesmal unter Frauke Petry, meine Untersuchungen aufgegriffen. Ein Gutachten, stellvertretend unterschrieben von drei AfD-Bundesvorstandsmitgliedern, hält nun die Identität von „Ladig“ und Höcke zweifelsfrei für gegeben.

Meine Recherchen hatten zahlreiche weitere Indizien für diese Identität geliefert. Zudem hat das ZDF Anfang des Jahres auf Video-Aufnahmen hingewiesen, die Björn Höcke 2010 mitten in einer Neonazi-Demo zeigen, „Wir wollen marschieren!“ skandierend. Wer 2010 als verbeamteter Geschichtslehrer an einer Neonazi-Demo aktiv teilnimmt, dem ist auch zuzutrauen, dass er 2011/2012 unter Pseudonym Neonazi-Texte schreibt.

Meine Recherchen hatten allerdings auch AfD-Parteimitglieder in Thüringen alarmiert, die nun das Indizienmosaik vervollständigten, vor allem den ehemaligen AfD-Vorsitzenden Matthias Wohlfahrt. Wohlfahrt hatte sich zunächst skeptisch mit meinen Indizien befasst, als er jedoch den „Ladig“-Text aus der NPD-Eichsfeldstimme las, erkannte er eine Passage wieder, die Björn Höcke 2013 während eines Vortrags auswendig rezitierte, ohne dies als Zitat kenntlich zu machen. Wohlfahrt konnte sich hieran gut erinnern, weil Höcke zum Rezitieren der „Ladig“-Passage in die Mitte des Raums ging. Auch zwei weitere AfD-Mitglieder konnten sich an den Inhalt dieses Redeteils erinnern, der mit dem Ladig-Text übereinstimmt.

Wohlfahrt verwies zudem auf das ehemalige AfD-Mitglied Heiko Bernardy. Im Anhang des Gutachtens ist ein Fax von Bernardy zu finden, wo es heißt: „bei unserem… Treffen am… hat er [Höcke] unverblümt zugegeben, dass er Landolf Ladig sei…“. Bernardy führte zudem aus, dass selbst dem kleinsten NPD-Mitglied die früheren Aktivitäten Höckes bekannt gewesen sein sollen, heißt es weiter im 19seitigen Gutachten.

Landolf Ladig der Zweite

Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung behauptet Bernardy aktuell: „Die Möglichkeit, etwas missverstanden zu haben, ist immerhin real. Deshalb kann es für mich juristische Folgen haben, dies öffentlich zu behaupten. Zumal mir mindestens eine Person bekannt ist, welche unter diesem Pseudonym geschrieben haben will. Und diese Person ist nicht Höcke. Das lässt zumindest Zweifel aufkommen. So wie ich es mittlerweile verstehe, ist Landolf Ladig eine Kunstperson, unter der mehrere Autoren veröffentlicht haben“. In der FAZ ist zu lesen, dass Bernardy zunächst Kontakt mit dem zweiten „Ladig“ herstellen wolle, dieser habe dann aber gesagt, er wolle nicht reden.

Interessant. Die Möglichkeit, etwas missverstanden zu haben, ist natürlich immer real, auch dann, wenn man etwas richtig verstanden hat, das Gegenüber aber etwas andere meinte. Relevant ist also nicht, ob ein Missverständnis vorlag, sondern was Höcke bei dem Geheimtreffen am Burschenschaftsdenkmal gegenüber Bernardy gesagt hatte.

Dass nun eine weitere Person das Pseudonym „Landolf Ladig“ benutzt, ist auch sehr interessant und steht im Widerspruch zu Thorsten Heises Behauptung, „Landolf Ladig“ sei ein netter älterer Herr. Heises Aussage steht im deutlichen Widerspruch zu Bernardys Aussage. In Heises „Volk in Bewegung“ ist 2016 – nach der Veröffentlichung meiner Ladig-Indizien – ein weiterer Text mit dem Pseudonym „Landolf Ladig“ erschienen. Vergleicht man die vier Texte, so sind die ersten drei stilistisch sehr ähnlich, der vierte Text fällt hingegen komplett aus dem Rahmen. Der Stilvergleich deutet darauf hin, dass Bernardy und nicht Heise die Wahrheit sagt – allerdings bin ich kein Linguist, hier würde eine Untersuchung weiterhelfen. Aus psychologischer Sicht sind die Verhaltensweisen von Thorsten Heise und seinem Interviewer und NPD-Kollegen Patrick Weber spannend: Der Stellvertreter von Heise, Patrick Weber, der sicher auch über die Ladig-Identität informiert ist, wirkt im Interview sehr nervös, schnappt nach Luft und verdreht die Augen genau zu dem Zeitpunkt, als Heise sagt, Ladig sei nicht Höcke, und Heise begeht kurz darauf die freudsche Fehlleistung und spricht Höcke mit „Also Herr Ladig, äh, äh, äh … “ an. Dieser Live-Auftritt wirkte nicht überzeugend.

Bleiben wir zunächst jedoch beim Widerspruch zwischen Bernardy und Heise: Falls Bernardy recht hat, dass es eine zweite Person gibt, die unter dem Pseudonym „Landolf Ladig“ schreibt – und stilistisch sieht es danach aus -, dann wäre die Frage, warum plötzlich eine zweite Person beginnt, unter Pseudonym zu schreiben und warum Heise behauptet, es gäbe nur eine Person, die unter dem Namen „Landolf Ladig“ publiziert. Die logische Antwort wäre: Heise will Höcke schützen. Denn ein Argument für die Identität von „Ladig“ und Höcke war der Umstand, dass genau in dem Moment, in dem Höcke öffentlich in die AfD eintritt, „Ladig“ seine Artikelproduktion einstellt. „Ladig“ und Höcke gaben sich quasi die Klinke in die Hand.

Stellt sich nur noch die Frage, warum der Neonazi Thorsten Heise die Verbindung zwischen Höcke und „Ladig“ nicht aufklärt, warum allem Anschein nach sogar ein zweiter „Ladig“ als Nebelkerze zum Schutz von Höcke installiert wurde.

Höckes AfD – Vorfeldorganisation von Heises NPD

Heise und Höcke scheinen politisch gar nicht so weit auseinander zu liegen. Beiden Parteipolitikern scheint die Partei selber gar nicht so wichtig zu sein, vielmehr geht es um die Bewegung. Und Heise sagt ganz offen, dass er die AfD als Vorfeldorganisation der NPD sieht. Dies hatten vorher ähnlich deutlich schon andere NPDler so geäußert. Schon 2013 hatte der NPD-Vorsitzende Frank Franz betont, der AfD komme “ – natürlich ungewollt – eine Eisbrecher- und Türöffner-Funktion“ für die NPD zu. Frank Franz bezog dies damals allerdings nur auf die EU-Politik. Bei Heise und Höcke scheint es da sehr viel mehr Überschneidungen zu geben. Höcke bereitet den Weg, durch den dann Heises Leute (NPD, Die Rechte, Dritter Weg, Freie Kameradschaften) marschieren können. Die AfD meldet für 2017 die 1.Mai-Demonstration in Erfurt an, Heise hat angekündigt, dass 2018 die 1.Mai-Demonstration als NPD-Demo angemeldet wird.

Abschließend möchte ich in dieser Sache auf ein „Argument“ eingehen. Es wird behauptet, es gäbe keinen Beweis für die Identität von „Ladig“ mit Höcke, sondern nur Indizien. Diese Unterscheidung ist unsinnig. Denn es gibt keine einzelnen Befunde („Beweise“), die nicht hinterfragbar wären – auch Geständnisse, Filmaufnahmen, Zeugenaussagen, eidesstattliche Versicherungen garantieren keinen Wahrheitsgehalt. Auch diese „harten“ Befunde weisen nur auf Tatvorgänge hin, sie zeigen sie nur an, indizieren diesen Vorgang. Für sich alleine beweisen sie gar nichts. Es gibt also nicht den einzelnen Beweis, sondern immer nur beweisanzeigende Tatsachen: Indizien. Ein Beweis liegt dann vor, wenn Indizienreihen und -ketten ein Indizienmosaik ergeben, welches andere Erklärungen nicht mehr plausibel erscheinen lässt. Letztlich geht es also um die Frage, ob die Gesamtheit der Indizien überzeugend ist. Um diesen subjektiven Faktor kommen wir nicht herum.

Die Indizien für die Identität von Höcke und „Ladig“ sind so dicht, dass jede andere Möglichkeit unwahrscheinlich ist. „Ladig“ hat von Höcke plagiiert, Höcke hat von „Ladig“ plagiiert, „Ladig“ beschreibt Höckes Wohnhaus, Höcke kennt den Herausgeber von „Ladigs“ Schriften, „Ladig“ und Höcke sind die einzigen, die Wortkombinationen wie „organische Marktwirtschaft“ und „aufpotenzierende Krisendynamik“ benutzen und die das Opus Magnum „Der deutsche Genius“ mit „Genius der Deutschen“ verwechseln, usw. Ich muss das hier nicht alles wiederholen. Hinzu kommt jetzt noch, dass anscheinend ein zweiter „Ladig“ installiert wurde, was – wenn dies stimmen sollte – auf eine gemeinsame zukünftige politische Arbeit der AfD- und NPD-Vorsitzenden von Thüringen, Björn Höcke und Thorsten Heise hinweist und zwar unter der Prämisse, dass Heise jederzeit aufdecken kann, was „Ladig“ und Höcke miteinander zu tun haben.

Wir werden sehen, wie es weiter geht.

5 Kommentare

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  1. Wolfgang Brosche

    Wenn es diesen Ladig wirklich gäbe, könnte der sich ja mal zur causa äußern, aber geht ja nicht..

  2. Mo

    Hallo Andreas,

    bleib dran Andreas. Ich hatte Dich bereits auf ein Online Authorship Attribution Tool aufmerksam gemacht. Falls Du einen Korpus für Authorship Attribution aufbauen willst,um Höcke festzunageln. Die freeware PDF-XChange viewer hat ein OCR Extension für Deutsch
    https://www.tracker-software.com/pdf-xchange-viewer-ocr , damit kannst Du eine Texterkennung von pdf scans von Landolf Ladig Texten machen. Die txt-files sind dann nutzbar als Eingabe Daten für das Online Authorship Attribution Tool http://aicbt.com/authorship-attribution/online-software/.

    Das Fachgebiet hinter dem Tool heißt Computational Stylometry, und sie hat viele Open Source Programme hervorgebracht, um large scale Experimente zu machen. Bei der Suche nach dem Autor hinter dem Namen Shakespeare wird es genutzt.

    • Andreas Kemper

      Hallo Mo,

      danke für den Hinweis. Es wäre allerdings besser, wenn ausgebildete Linguist*innen eine stilometrische Analyse durchführen würden. Ich bin lediglich ein Soziologe, der sich mit Sprachforschung befasst und kein ausgebildeter Linguist.

  3. Mo

    Hallo Andreas,

    Höcke’s Reden sind ja auf youtube. Wenn Du die youtube Clips nach mp3 konvertierst, dann kannst Du das Programm FOLKER http://agd.ids-mannheim.de/folker.shtml nutzen. Es erlaubt Dir die Reden zu transkripieren. Die Schnellstart Anleitung hat nur eine Seite, und es ist auf Datenaustausch angelegt. Meine Anregung ist über eine Bekanntennetzwerke, soziale Netzwerke der Mailingliste, Facebook, twitter etc. ein Team von Freiwilligen zu versammeln.

    Zwei Freiwilligen erhalten einen Minuten-Zeitraum zugeteilt für die Transkription. Das „Vier Ohren“ Prinzip sorgt für die Korrektheit. Die Transkription gilt nur dann als korrekt, wenn die beiden Versionen gleich sind.

    Um die Freiwilligen Paare zusammen zu stellen brauchst Du Randomisierung, um sicherzustellen dass die beiden Freiwilligen sich nicht kennen. Dieses Online Tool hilft Dir Freiwilligen Listen zu randomisieren https://www.random.org/lists/ . Dasselbe Verfahren solltest Du auch mit Landolf Ladig Bekennern durchführen.

    Für die Arbeitsteilung könnte man die youtube Clips in eine Audio Datei konvertieren. Das Open Source Programm Audacity erlaubt es Audio Segmente mit Sprechpausen als Trenn-Kriterium zu erstellen. Die Audio Segmente könnten dann das Rohmaterial für FOLKER bilden.

    Für die Zeitersparnis könntest Du youtube’s automatic captioning Funktion https://support.google.com/youtube/answer/6373554?hl=en nutzen, um Höcke’s Youtube Reden ins Deutsche zu transkripieren. Da der Algorithmus nicht perfekt ist, müßtest Du den Rohtext immer noch von Menschen nachbessern lassen. Im Prinzip geht das mit der Kommentar-Funktion von youtube. Damit die Arbeitslast bewältigbar ist, solltest Du die youtube Reden in kleinere Video-Segmente aufteilen. Die Kommentatoren können mit dem „Daumen hoch“ Button über die beste Transkription abstimmen. Die Crowdsourcing Version könnte sich ebenfalls als brauchbar erweisen. Der Vorteil ist: man erspart sich die Installation von FOLKER.

    Die Crowdsourcing Versionen der Reden von Landolf Ladig Bekennern und Höcke könntest Du dann mit den Online Authorship attribution Tool analysieren – oder Du bittest die youtube Community das zu tun.

  4. nobbie

    Hat dies auf AfD Watch rebloggt.

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