Kollektivsymbolik: „Weiter“ ist besser als „höher“

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Ich bin in meinen Forschungen zur Kollektivsymbolik einen Schritt vorangekommen. Die Metapher ‚einen Schritt vorangekommen‘ kündigt schon an, worum es geht.

Zunächst zum Problem, zum Forschungsfeld: Mir ist aufgefallen, dass unsere Kollektivsymbolik klassistisch ist, weil diese Kollektivsymbolik das ‚Oben‘ zugleich mit dem ‚Guten‘ und mit der herrschenden Klasse gleich setzt; das ‚Unten‘ wird entsprechend mit dem ‚Schlechten‘, dem ‚Mangelhaften‘ und der beherrschten Klasse gleichgesetzt. Diese Kopplung habe ich hinreichend untersucht und ebenso das hieraus resultierende Problem, dass unsere Kollektivsymbolik, unsere Sprache bereits unser Fühlen und Denken in der Weise vorstrukturiert, dass die Reichen und ‚Gebildeten‘ gut, die Armen und ‚Ungebildeten‘ schlecht sind. Mit dem Kapitalismus wurde die feudale Kollektivsymbolik der Kathedrale nicht abgeschafft, sondern dynamisiert

Die Lösung des Problems besteht darin, dass wir Elemente dieser Kollektivsymbolik in ihrer Problematik kennzeichnen – da habe ich das Dachzeichen ‚^‘ vorgeschlagen, also zum Beispiel: ^niedere Herkunft, ^Oberklasse, ^Bildungsaufstieg, ^abgewertet, ^Hochschule – oder aber diese Wörter und Symbole nicht mehr benutzt.

Hier stellt sich ein weiteres Problem: Wenn wir keine sozialvertikalistischen Wörter und Symbole mehr benutzen, welche sprachlichen Elemente benutzen wir dann stattdessen?

Ein Beitrag von Beat Dietschy bei der diesjährigen Ernst-Bloch-Tagung brachte mich auf die Spur. Dietschy benutzte in dem Vortrag die Blochsche Formulierung „Enthimmelung“ und gab mir auf meine Nachfrage den Tipp, ich fände den Begriff in Blochs „Atheismus im Christentum“. Die Lektüre brachte mich dazu, die Fortschrittsorientierung in der Philosophie Ernst Blochs ernster zu nehmen. „Nicht nach oben, nach vorne“ ist eine Formulierung, die in „Atheismus im Christentum“ mehrfach vorkommt.

Statt von ‚Oben‘ und ‚Unten‘ zu sprechen, wäre es also sinnvoller, eine Symbolik des Fortschritts zu benutzen und eine entsprechende Kollektivsymbolik zu entwickeln. Die beherrschten Klassen wären in dieser Sprache nicht ‚unterdrückt‘ auf dem Weg nach oben, sondern z.B. ‚ausgebremst‘, ‚verführt‘, ‚entwirklicht‘ auf dem Weg in eine bessere egalitärere Gesellschaft.

3 Kommentare

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  1. thomasvilniusandrenio

    Dieser Beitrag bringt mich dazu zu empfehlen den Begriff „Fortschritt“
    als einen Tarnbegriff der im Geheimen herrschenden Klasse zu entlarven.
    Den Ausgebremsten soll wie beim Lastesel die unerreichbare Karotte vorgehalten werden und als Grund für diese Unerreichbarkeit irgendwelche änderbare Umstände gegeben werden.

    • Andreas Kemper

      Ja, es wäre zu hinterfragen, wie der Begriff ‚Fortschritt‘ gemeint ist. Es handelt sich ja um eine Metapher. Wichtig ist mir, Entwicklung / Fortschritt nicht im Sinne der ‚Höherentwicklung‘ zu denken, sondern im Sinne der ‚Vorwärtsentwicklung‘.

    • W-Day

      Was ist die „im Geheimen herrschande Klasse“? Die als herrschend bekannte Klasse ist doch total ungeheim.

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