Aufpotenzierende Krisendynamiken

· Allgemein
Autoren

Die Vorstellung, es käme zu einer neuen faschistischen Machtergreifung, erscheint uns heute absurd.

Die Zukunft ist ungewiss. Klimastudien zeichnen ein extrem düsteres Bild, die selbstgesteckten Klimaziele werden nicht erreicht. Hinzu kommen schwindende Ressourcen, „Peak Oil“. Und das Weltwirtschaftssystem ist instabil, die nächste Weltwirtschaftskrise kann jederzeit „ausbrechen“ und sich heftiger auswirken als die vorgegangenen.

So wie sich beim Weltklima bestimmte Wirkungen gegenseitig aufschaukeln, so haben auch die drohenden Weltkrisen Folgen: Die Klimapolitik führt bereits jetzt dazu, dass Millionen von Menschen flüchten müssen. Dies wird deutlich zunehmen. Und entsprechend könnte dies wieder eine rechte Bewegung fördern. Eine Bundeswehr-Studie warnt vor der gesellschaftlichen Instabilität in Folge von „Peak Oil“, also dem Zeitpunkt, ab dem die Erdöl-Förderung deutlich zurückgehen wird, weil es kaum noch Ressourcen gibt. Die Studie warnt explizit vor einer rechten Bewegung, die „Peak Oil“ für sich nutzen wird, um das System zu stürzen. Innerhalb der Nazi-Zirkel wird daher die Bundeswehr-Studie gefeiert. Die Weltwirtschaftskrise der 1920er Jahre bereitete den Boden für die Stärkung der NSDAP, entsprechen könnte eine kommende Weltwirtschaftskrise völkische Versprechungen einer autarken, organischen Wirtschaftspolitik stärken, attraktiv erscheinen lassen und vor allem verzweifelte Arbeitslose und verängstigte Angestellte in die Arme einer faschistischen Bewegung treiben.

In Nazi-Kreisen werden diese sich „aufpotenzierenden Krisendynamiken“ als konkrete Möglichkeit gesehen, das verhasste demokratische System zu stürzen und durch eine modernisierte Form einer völkischen, „organischen Marktwirtschaft“ auf Grundlage einer rassistischen Raumpolitik zu ersetzen. In Thorsten Heises „Volk in Bewegung“ finden sich entsprechende Artikel. Autor ist „Landolf Ladig“. Das Gutachten des AfD-Vorstandes zum Parteiausschluss Björn Höckes sagt sehr deutlich: Björn Höcke ist der Autor, der sich hinter dem Pseudonym „Landolf Ladig“ verbirgt. Die Argumentation ist plausibel, tatsächlich lassen die Indizien keine andere plausible Erklärung zu als die, dass der Geschichtslehrer Höcke 2011/12 Nazi-Texte unter dem Pseudonym „Ladig“ schrieb. Unabhängig davon ist aber Björn Höcke auch der einzige, der den strategischen Begriff „aufpotenzierende Krisendynamiken“ von „Landolf Ladig“ öffentlich benutzt; und er ist der einzige, der den völkisch-utopischen Begriff „organische Marktwirtschaft“ von „Landolf Ladig“ (als Bezeichnung für eine modernisierte NS-Wirtschaft) benutzt.

Die Vorstellung, es käme zu einer neuen faschistischen Machtergreifung, erscheint uns heute absurd. Kommt es allerdings zu den sich „aufpotenzierenden Krisendynamiken“,  Klimakatastrophen, Rohstoffmangel, Weltwirtschaftkrise mit je eigenen Folgekrisen, dann könnten wir tatsächlich in eine extrem instabile Situtation „hineinrutschen“, auf die bestimmte Kreise der völkisch-nationalen Bewegung, die weit in die AfD hineinreichen und zunehmend dominanter werden, sich vorbereiten. Höcke sagt, er denke in Generationen, die AfD sei eine fundamentaloppositionelle Bewegungspartei. Es geht um den Aufbau einer Bewegung, es geht um eine Vorbereitung auf den Tag X, an dem die sich „aufpotenzierenden Krisendynamiken“ (Ladig / Höcke) mit ihren „Perturbationen“ (Ladig / Höcke), die Gelegenheit zum Systemumsturz bieten. Ein moderner Begriff für diese Strategie stammt im Zusammenhang mit Klimakatastrophen von Naomi Klein: „Schock-Strategie“. Ich habe vor zehn Jahren als Volunteer in New Orleans die „Schock-Strategie“ miterlebt: die Auswirkungen des Hurricans Katrina wurden genutzt, um einen Großteil der schwarzen und armen Bevölkerung zu deportieren und so die Stadt-Gentrifizierung auf einen Schlag umzusetzen. An einer verwandten Schock-Strategie im größeren Umfang arbeitet die völkische Bewegung.

Das Parteiausschlussverfahren gegen Höcke soll im Dezember möglichst still beendet werden. Die Medien haben das Gutachten bislang nicht kritisch angemessen gegenbegutachtet – Höcke erhält viel mediale Aufmerksamkeit, aber leider in der Regel verharmlosend. Der AfD-Vorstand geht in seinem Gutachten sehr viel kritischer mit Höcke um als die Medien oder der Verfassungsschutz.

Vielleicht hilft das umstrittene Kunstprojekt des Zentrums für Politische Schönheit, Höckes Agenda ernsthaft kritisch zu analysieren und diese Aufgabe nicht der Heute Show („Der heißt Bernd!“) zu überlassen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: