Bilanz 2017 und Ausblick 2018

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„Bi-lanz“ steht für „Doppel-Schale“, also für eine Waage, metaphorisch für Abwägen. Ich würde jetzt, Ende 2017 gerne abwägen, wie meine soziologische Arbeit letztes Jahr vorangekommen ist, die diskurskritisch vor allem drei Themenfelder umfasst: Klassismus, Organisierter Antifeminismus und AfD.

Einleitend möchte ich schon einmal vorweg nehmen, dass meine Arbeitsfelder auf mich in der Weise zurückwirken, dass sie mit viel Anerkennung aber auch mit vielen persönlichen Angriffen verbunden sind. Dies hält sich eigentlich die Waage, in diesem Jahr ist das allerdings kurzzeitig gekippt. Eines der antifeministisch-kritischen Projekte, an denen ich maßgeblich beteiligt gewesen bin, war nicht nur mit massiven persönlichen Angriffen verbunden, sondern leider auch mit einem weitgehenden Ausbleiben von Anerkennung bzw. mit einem unsolidarischen Verhalten seitens des linksliberalen Milieus. Hierunter litt insbesondere meine Arbeit im Themenfeld „Klassismus“, wofür ich mich an dieser Stelle entschuldigen möchte. Ich brauchte mehr Zeit für mich, denn die permanenten Angriffe von rechts gehen an mir nicht einfach vorüber; vor allem, wenn sich diese auch noch nahtlos ins linksliberale Feld fortsetzen, muss ich von meiner Arbeitszeit zur Gesellschaftskritik etwas mehr Zeit für meine „psychische Reproduktion“ abzweigen. Ich habe im letzten halben Jahr nicht so „funktioniert“, wie ich es mir selber zuvor zugemutet hatte, dies hatte aber Gründe. Wenn in wenigen Woche das Online-Portal Agent*in (siehe unten) wieder online geht, wird es mir wieder besser gehen. So viel zu mir bzw. meiner psychischen Befindlichkeit, nun aber weiter mit einer Reflektion der konkreten Arbeit bzw. Arbeitsfelder.

Klassismus

Der Gegenstand „Klassismus“ wurde 2017 verstärkt unter dem Begriff „Klassismus“ behandelt. Die Initiative „Schule mit Courage / Schule ohne Rassismus“ hat ein Themenheft Klassismus herausgebracht, was mich sehr freute. Und auch das Neue Deutschland hat in seinem „Lexikon der Bewegungssprache“ den Begriff „Klassismus“ aufgenommen. Dass Francis Seek mit dem Buch „Recht auf Trauer“ 2017 erfolgreich quer durch die Bundesrepublik Vorträge zu Klassismus und Trauerarbeit halten konnte, freut mich sehr. Ich würde 2018 gerne mit Tanja und Francis das „Institut für Klassismusforschung“, welches sich noch immer in einer Gründungsphase befindet, ausbauen. Wir haben – ohne dafür zu werben – in den letzten Monaten jede Woche Vortrags- und Workshopanfragen erhalten.

In meiner Arbeit zur vertikalen Kollektivsymbolik im Zusammenhang mit Klassismus bin ich gut vorangekommen. Ich forsche zu der Frage, warum wir Oben mit dem Guten und mit der herrschenden Klasse verbinden und Unten mit dem Schlechten und mit der beherrschten Klasse.  Interessant für mich ist hier ein Beitrag von Brigitte Theißl im feministischen Magazin „Anschläge“ vom November 2017 mit dem Titel „Gegen die da unten“. Sie behandelt kritisch die klassistische Oben-Unten-Verortung und erwähnt mich als den Experten zu diesem Thema nicht. Das heißt, diese „Oben-Unten“-Metaphorik ist nicht nur für mich ein Problem. Enttäuschend war für mich eher die Teilnahme an einer Konferenz zur Raummetaphorik in Oldenburg, sehr ergiebig und spannend hingegen die Tagung der Ernst-Bloch-Assoziation in Berlin in den Räumen der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Hier brachte mich ein Beitrag von Beat Dietzsch dazu, Ernst Blochs „Atheismus in Christentum“ noch einmal zu lesen. Tatsächlich war dies das erste Buch von Bloch, was ich von ihm gelesen habe, bereits mit 16, also vor einer halben Ewigkeit. Sein dort ausgegebene Parole „Nicht nach oben, nach vorne“, führt mich nun dazu, das „kathedralische Denken“ nicht nur zu markieren, sondern den horizontalen Zeitstrahl gegen das vertikal-ständische Denken zu empfehlen. Wenn ich also gefragt werde, was denn statt „Oberschicht“ und „Unterschicht“ gesagt werden könnte, nicht nur zu antworten „Es geht hier vor allem um ein Bewusstmachen dieser vertikalistischen Topologie“, sondern „Wir sollen die Metaphorik der Progressivität und der Rückschrittlichkeit stärken: ‚Nicht nach oben, nach vorne‘.“ Wie genau das aussehen könnte, das wäre ein Thema für 2018. Ich bin übrigens der Ernst-Bloch-Assoziation beigetreten.

Ein letzter Punkt noch zu Klassismus: Der dritte Bericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat erstmals „Soziale Herkunft“ als siebtes Diskriminierungsmerkmal aufgenommen, ohne dass Soziale Herkunft als Diskriminierungsmerkmal anerkannt ist. Ich habe die entsprechenden Passagen herausgeschrieben, ihr findet sie unter anderem auf der Seite vom Fikus-Referat des AStAs der Uni Münster: Die Soziale Herkunft im dritten Antidiskriminierungsbericht des Bundes Es heißt dort jetzt immer: „Die sechs geschütztes Diskriminierungsmerkmale und ‚Soziale Herkunft‘.“ – eine Formulierung, die nach Änderung schreit, hoffentlich in einer fortschrittlichen Weise. Und der vierte Bericht der Internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU 2016) stellte fest, dass die Diskriminierung von Lehrkräften gegenüber Viertklässler*innen in den letzten Jahren kontinuierlich zugenommen hat. Immer seltener erhalten Arbeiter*innenkinder gegenüber Akademiker*innenkindern eine Gymnasialempfehlung – auch bei gleicher kognitiver Kompetenz und gleicher Leseleistung. Genau das ist eine Form von Klassismus. Die AfD schreibt zur aktuellen IGLU-Studie, es sei nicht die Aufgabe der Schule, sich um soziale Probleme zu kümmern. Es bleibt nicht bei diesem Klassismus, sondern er multipliziert sich mit dem Klassismus der Medien: Kaum eine Zeitung berichtete über diese Diskriminierung und wenn, dann meistens zudem noch falsch. Das heißt, es nützt kaum etwas, wenn die Wissenschaft den Klassismus feststellt, da bereits die Medien nicht über diesen Klassismus berichten. Ich würde das gerne 2018 noch einmal konkreter darlegen.

Organisierter Antifeminismus

Die kritische Forschung zum organisierten Antifeminismus war 2017 meinerseits geprägt von der Herausgabe der Internetplattform Agent*in, der Auseinandersetzung um diese Plattform und der Weiterführung dieser Plattform.

Agent*in, Information on Antigender Networks / Antigender-Networks Information, ist eine Interplattform zum modernen, vor allem internetbasierten, organisierten Antifeminismus. Dieser moderne Antifeminismus ist ein Diskurs, der nicht mehr wie noch in den 1960er Jahren offen die Vorherrschaft von Männern gegenüber Feministinnen zu verteidigen suchte. Ein solcher Antifeminismus wird heute nur noch selten vertreten, im Europa-Parlament bspw. nur noch vom polnischen Abgeordneten Janusz Korwin-Mikke. Es wäre aber absurd, zu behaupten, es gäbe im europäischen Parlament keinen Antifeminismus mehr. Der moderne Antifeminismus hat vielmehr die diskursive Strategie geändert: Er tritt heute als Opfer-Ideologie auf und versucht erst gar nicht mehr offen die männliche Vorherrschaft zu verteidigen, statt dessen wird verstärkt mit Verdrehungen, Fake-News, Hoaxes usw. gearbeitet. So werden emanzipatorische Prozesse als Totalitarismen dargestellt und die Kritik an Gender (soziale Konstruktion von Geschlecht) als „Genderismus“ umgedeutet oder es wird gleich von „Genderfaschismus“ gesprochen. Und auch die antifeministischen Netzwerke bedienen sich sprachlich dieser Verdrehungen: Ein antifeministischer Verein heißt dann „Frau200plus“ und wird als modern-feministisch gelabelt und ein antifeminisitsch-maskulinistischer Kongress wird dann gleich doppelt verdreht und dadurch eigentlich wieder richtig als „Deutscher Gender-Kongress“ bezeichnet.

Meine Idee einer Online-Enzyklopädie zum modernen Antifeminismus wurde nach dreijähriger Vorarbeit Ende Juli 2017 durch das Gunda-Werner-Institut der Heinrich-Böll-Stiftung umgesetzt. Wir sind gleichzeitig mit 430 Artikeln online gegangen. Genutzt hatten wir das Programm Mediawiki, welches für Wikipedia entwickelt worden ist. Wir hätten schon im Juli 2016 online gehen können, haben aber in Erwartung massiver Angriffe seitens der Antifeminist*innen ein Jahr lang jeden Artikel juristisch „wasserdicht“ gemacht, was eine sehr langweilige, aber letztlich erfolgreiche Arbeit war: Ist jede einzelne Aussage mit einem reputablen Einzelnachweis versehen worden, gibt es hiervon Screenshots, wurden ideologische Zuordnungen überprüft, wurde keine private Spähre verletzt, … ? Wir haben von den juristisch sehr versierten Gruppierungen (z.B. European Center for Law and Justice, Juristen-Vereinigung Lebensrecht e.V., Alliance Defending Freedom, …), zu denen wir Artikel hatten und auch sonst keine einzige Anzeige / juristisch wirksame Abmahnung erhalten. Wer Artikel zu Antifeminist*innen schreibt, weiß, wie schnell man sich eine Anzeige einhandeln kann. Auf der Grundlage eines Workshops mit einem Medienanwalt hat sich unsere Arbeit gelohnt, ich kann guten Gewissens jeden einzelnen Artikel weiterempfehlen. Wir haben sehr genau und gewissenhaft gearbeitet.

Da juristisch nicht gegen das Wiki vorgegangen werden konnte, wurde das Wiki als „Online-Pranger“ gelabelt. Dies wäre an sich kein Problem gewesen und wir haben damit gerechnet. Schließlich gehören die Kampfbegriffe „Feminazis“, „Genderfaschismus“, „Homo-Totalitarismus“, usw. zum Standard-Repertoire des Antifeminismus. Das muss allein schon aus juristischen Gründen nicht ernst genommen werden, da so etwas wie ein „Online-Pranger“ legal in Deutschland nicht betrieben werden kann. Online-Pranger wie bspw. WikiMANNia werden daher illegal betrieben. Dass wir ein Jahr lang damit befasst waren, jeden Artikel hinsichtlich der deutschen Gesetzgebung zu überprüfen, heißt auch, dass wir ein Jahr lang damit befasst waren, den persönlichen Rechten von Individuen Genüge zu tun, denn schließlich dienen diese Gesetze den persönlichen Rechten. „Pranger“ setzt voraus, dass man sich nicht wehren kann, dass einem die Hände gebunden sind, während sich die Meute über einen her macht. Eine juristische Wehrlosigkeit wird man den Institutionen des organisierten Antifeminismus wohl kaum unterstellen können. Und diese Organisationen hätten es sich nicht entgehen lassen, der verhassten Heinrich-Böll-Stiftung der verhassten Partei Bündnis90/DieGrünen juristisch einen reinzuwürgen. Zudem entbehrte dieser Vorwurf jeder Argumentation, es wurde nicht ausgeführt, worin das Prangern bestanden haben sollte. Mit dem Wiki Agent*in wurde kein Online-Shaming betrieben, es lag kein Doxing vor und es ging auch kein Shitstorm von unserem Wiki gegen dort genannte Antifeminist*innen aus. Die Informationen waren öffentlich frei zugänglich und wurden lediglich im Wiki zusammengeführt und ordentlich mit Einzelnachweisen versehen. Die deutliche überwiegende Zahl der Artikel waren außerdem noch keine Personenartikel. Dennoch verbreitete sich der Hoax, Agent*in sei eine „Personenliste“, leider auch in linksliberalen Medien und führte schließlich dazu, dass die Heinrich-Böll-Stiftung die Zusammenarbeit mit der Redaktion einstellte. Dass das Wiki Agent*in eingestellt worden ist, ist übrigens falsch. Das Wiki wird fortgesetzt und geht in wenigen Wochen wieder online. Wir können allerdings die Adresse agentin.org nicht weiterbenutzen, da diese von der HBS genutzt wird.

Dass die Heinrich-Böll-Stiftung diesen rechten Angriffen nachgegeben hat, finde ich persönlich sehr problematisch. Am Diskussionsprozess der HBS war ich nicht beteiligt. Und ich habe mich während der ganzen Zeit öffentlich nicht zur Agent*in geäußert aus Respekt vor diese internen Diskussionsprozess. Psychisch hat mir dieses Schweigen nicht gut getan – de facto war ich in einer „Pranger“-Situation: schweigend massiven Angriffen ausgesetzt. Das war nicht gesund und in einem ähnlichen Fall würde ich weniger Rücksicht nehmen.

Wir haben für die Fortsetzung des Wikis auch meiner Meinung nach ernst zu nehmende Kritiken aufgenommen. Dabei wird es vor allem um Transparenz gehen hinsichtlich Frage, warum eine Person einen Artikel „erhält“ (nicht dass auch nur eine Person in der alten Version zu Unrecht einen Artikel „erhielt“).

AfD

Ich weiß nicht, in welchem meiner Themenbereiche (Klassismus, Organisierter Antifeminismus, AfD) ich mich am meisten über die Medien ärgere. Es tut sich nicht viel.

Hinsichtlich der AfD freue ich mich darüber, dass ich mit meiner ideologiekritischen Analyse richtig zu liegen scheine: Die AfD setzt sich ideologisch aus drei Strömungen der Ungleichheit bzw. Ungleichwertigkeit zusammen: Neoliberalismus, Christlicher Fundamentalismus und Völkischer Nationalismus. Diese ideologische Divergenz zeigt sich besonders deutlich seit dem Einzug der AfD in den Bundestag. Die evangelisch/evangelikale Sektion der Christen in der AfD (ChrAfD) bröckelt zunehmend ab, wichtige Funktionär*innen dieser Strömung sind zu Frauke Petrys Partei Die Blauen übergelaufen oder sympathisieren offen und deutlich mit Petry. Und auch der Streit zwischen neoliberalen und völkischen Positionen gewinnt an Fahrt, seit Götz Kubitschek im Frühjahr 2017 die Leitlinie für den völkischen Flügel der AfD ausgab, dass „Verstaatlichung“ nicht nur zu bejahen, sondern ein Kernthema der Neuen Rechten seien. André Lichtschlag, ideologischer Verfechter des AfD-nahen Neoliberalismus hat diese Kampfansage verstanden und entsprechend gekontert.

Der völkische Flügel der AfD versucht seit dem Frühjahr, unter anderem mit der 1.Mai-Demo in Erfurt, den „Kleinen Mann“ für sich zu entdecken und gibt sich „sozial“. Während Höcke 2016 noch konstatierte, dass der soziale Frage nicht zwischen „Oben und Unten“ zu stellen sei, sondern zwischen „Innen und Außen“, gibt er nun, 2017, die Parole aus, die Frontlinie verlaufe nicht zwischen „Links und Rechts“, sondern zwischen „Oben und Unten“. Wobei „Oben“ das „Finanzkapital“ meint, die Kapitalismuskritik also in der Weise verkürzt wird, dass sie dem Kapital nicht weh tut und übrigens auch nicht der wohlsituierten Mittelschicht, die mit unserem antiquiert-reaktionären Bildungssystem weiterhin zunehmend erfolgreich ihren Kindern Vorteile vor den „Schmuddelkindern“ aus den Arbeiter*innenmilieus einräumt.

Gefreut habe ich mich im letzten darüber, dass der AfD-Bundesvorstand ein Parteiausschlussverfahren gegen Björn Höcke in die Wege geleitet hat, welches sich argumentativ explizit auf meine Recherchen bezieht. Explizit heißt, im Papier zum Parteiausschlussverfahren steht drin, dass man meine Texte lesen, meine Videos zu Höcke zur Kenntnis nehmen solle (versehen mit den entsprechenden Quellen). The Proof of the Pudding is the Eating. Da nützt es auch nichts, wenn Tageszeitungen wie die WELT oder die FAZ stets gegen meine Aufdeckungen in Sachen Höcke / Ladig agitierten.

Voraussichtlich wird das Parteiausschlussverfahren gegen Höcke im Sande verlaufen. Das Landesschiedsgericht wird sagen, dass nicht nachgewiesen sei, dass Höcke Ladig sei. Punkt. Glauben wird das niemand. Höcke ist weder in den Bundesvorstand aufgestiegen noch hat er seine Erfurter Demos weitergeführt.

Sehr gefreut hat mich natürlich die Aktion des „Zentrums für Politische Schönheit“ und da vor allem diese Seite: https://landolf-ladig.de/

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