AfD zur Grundschul-Studie

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Letzte Woche ist die vierte Internationale Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU 2016) erschienen. Sie hatte für Deutschland zwei unerfreuliche Ergebnisse: Erstens ist die soziale Benachteiligung in Deutschland größer geworden und zweitens ist die Lesefähigkeit gesunken. Während Deutschland bei der Lesefähigkeit sich noch immer im Mittelfeld bewegt, ist die Zunahme der sozialen Benachteiligung katastrophal.

Bei der sozialen Benachteiligung müssen die primäre und die sekundäre Benachteiligung auseinander gehalten werden. Primäre Benachteiligung liegt für Kinder vor, wenn ihre Eltern z.B. weniger Bücher haben. Sekundäre Benachteiligung liegt vor, wenn Kinder bei gleicher Leistung aufgrund ihrer Herkunft im Bildungssystem benachteiligt werden. In beiden Bereichen werden in Deutschland Kinder benachteiligt.

Primäre Bildungsbenachteiligung: Die unterschiedliche Bücherzahl zuhause müsste eigentlich vom Bildungsystem Schule ausgeglichen werden. Dies gelingt nur bedingt und in Deutschland sehr unzureichend. Nur die Länder Ungarn, Bulgarien und Slowakei haben eine noch stärkere Kopplung der Leseleistung der Viertklässler*innen an der Bücherzahl der Eltern (mehr oder weniger als einhundert Bücher) als Deutschland.

Leistungsvorsprung

Sekundäre Bildungsbenachteiligung: Die Gymnasialempfehlung durch Lehrkräfte erhalten Kinder aus den reicheren Klassen sehr viel häufiger als Kinder aus den ärmeren Klassen – auch bei gleichen kognitiven Kompetenzen und gleicher Leseleistung. Und diese Benachteiligung nimmt zu. War die Wahrscheinlichkeit für Kinder aus den reicheren Klassen (EGP I und II) gegenüber Kindern aus ärmeren Klassen (EGP V, VI und VII) bei gleichen Kompetenzen 2001 noch 2,63mal so groß, von Lehrkräften eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, so lag sie 2016 bereits bei dem 3,37fachen.

IGLU

Das eigentliche Problem ist also nicht in erster Linie die geringere Leseleistung, sondern die kontinuierlich stärker werdende Benachteiligung von Kindern der Working Class gegenüber Kindern aus privilegierten Elternhäusern. Wir können dies an folgender Grafik erkennen:

IGLU2

Während 14 Staaten eine schlechtere Lesefähigkeit aufweisen und Deutschland sehr nah an der Mitte liegt, zeigen nur die drei Staaten Bulgarien, Ungarn und Slowakei eine stärkere Kopplung der Lesefähigkeit an der sozialen Herkunft.

Ich habe mich gefragt, wie die AfD, die seit kurzem den Anspruch vertritt, die „Partei des kleinen Mannes“ zu sein, auf die IGLU-Studie reagiert. Ich habe nur eine Stellungnahme gefunden, eine Pressemitteilung der AfD-Sachsen-Anhalt, vom Sprecher für Bildung, Kultur und Wissenschaft, Dr. Hans-Thomas Tillschneider.

Es fällt zunächst auf, dass Tillschneider nur auf den Aspekt der schlechteren Lesefähigkeit eingeht, obwohl sich Deutschland da ganz gut im Mittelfeld hält. Auf die soziale Benachteiligung wird gar nicht eingegangen. Im Gegenteil heißt es bei Tillschneider: „Die Aufgabe der Schule ist nicht […] die Lösung aller möglichen sozialen Probleme“. Da irrt Tillschneider. Das Grundgesetz gebietet, dass niemand aufgrund seiner Herkunft benachteiligt werden dürfe. Das heißt, die Schule muss versuchen, die primäre Benachteiligung aufgrund der sozialen Herkunft auszugleichen. Komplett grundgesetzwidrig ist die festgestellte zusätzliche sekundäre Benachteiligung durch das Bildungssystem und die Lehrkräfte. Die AfD zeigt sich hier in aller Deutlichkeit als Partei der Privilegierten und zwar nicht nur der neoliberale Flügel der AfD, sondern gerade auch der völkische Flügel, der vordergründig einen sogenannten „Sozialpatriotismus“ vertreten will. Das kennen wir bereits aus der ständischen Bildungspolitik der Nazis, die gegen das von Hitler so benannte „akademische Proletariat“ die Arbeitsdienstpflicht einführte, also Arbeiterkinder bewusst vom Studium abhielt.

Inhaltlich findet sich bei Tillschneider nicht viel. Interessant ist aber, dass Tillschneider in Ermangelung von Inhalten sehr metaphorisch spricht. Er benutzt die Oben-Unten-Topologie, also die Kollektivsymbolik, die ich „sozialvertikalistisch“ nenne. Da wir in Metaphern denken, erscheint es uns so, als hätte Tillschneider etwas plausibles gesagt. Sozialvertikalismen sind klassistisch, weil sie das Unten mit den beherrschten und ärmeren Klassen und zugleich mit dem Wertlosen und Schlechten verbinden und das Oben mit den herrschenden und reichen Klassen und zugleich mit dem Wertvollen und Guten.

Zur Kennzeichnung dieser sozialen Vertikalismen nutze ich seit längerem das Dachzeichen ^. Ich habe es zudem rot hervorgehoben. (Ein Zufall wollte es, dass die Identitäre Bewegung, mit der Tillschneider sympathisiert, für sich selber auch das Dachzeichen als Symbol der „Bewegung“ nutzt, was ich sehr passend finde.)

Pressemitteilung von Tillschneider vom 5.12.2017:

AfD: Dramatischer ^Verfall der Lesefähigkeit – Etablierte Parteien schauen weg!

Wieder eine Studie, die belegt, was alle, die im Bildungsbereich arbeiten, auch ohne Studie wissen: Das ^Kompetenzniveau der Schulabsolventen ^sinkt schon seit Jahrzehnten. Dieses Problem ist das Hauptproblem des Bildungswesens, denn der Zweck der Schule ist nichts anders als die Vermittlung von Kompetenzen und Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Anstatt sich Gedanken darüber zu machen, wie der ^Verfall des Bildungswesens aufgehalten werden kann, ignorieren die Altparteien das Problem und befassen sich lieber mit Pseudoproblemen wie der sogenannten Inklusion oder ^belasten die Schule mit Aufgaben, die keine schulischen sind. Eben darin, in dieser Zweckentfremdung der Institution Schule, liegt ein Hauptgrund für den steten ^Niedergang des ^Bildungsniveaus. Die einzige Partei, die dieses Problem ins Auge gefasst hat und an seiner Lösung arbeitet, ist die AfD. Die Aufgabe der Schule ist nicht die Integration von Einwanderern und nicht die Lösung aller möglichen sozialen Probleme, sondern die Vermittlung von harten Kompetenzen!“

1 Kommentar

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  1. W-Day

    Es geht um die Angst vor dem Verfall des deutsch verstandenen Bürgerwesens, nicht des Bildungswesens, denn ein humanistisches Bildungswesen, auf das die BRd mal stolz gewesen sin soll, vermittelt zwingend nicht nur „harte Kompetenzen“ (was soll das überhaupt sein – der T. stellt sich womöglich so was wie Bootcamps vor?).

    Was das Bürgerwesen sein soll über die Sekundärtugenden hinaus, ist natürlich die Hingabe an den eigenen Ausbeuterverein. Der soll eifersüchtig „deutsch“ erhalten bleiben, darum ist es so schrecklich, hier z.B. für „Deutsche“, wenn sich Investoren aus dem Ausland an das „gute deutsche und saubere“ Kapital ‚ranmachen… und dann die Flüchtlinge. Die wollen sicher alles für sich, und dann steht der arme deutsche Michel wieder völlig ausgeraubt da … wie nach den ganzen „von außen“ provozierten Weltkriegen. Heul.

    In der Angst vor dem Verfall des Bürgerwesens ist natürlich auch die Angst vor den „wilden Horden“ aus dem „Ausland“, die keine Tischsitten haben. Machen sogar Theater, wenn man sie zurück ins Meer schmeisst. Tss. Auch hier lebende Migranten fürchten sich vor „schlechten Manieren“ und den vielen Kindern, die diese Ausländer aus dem Nichts zaubern können, wenn sie schon nichts anderes schaffen… woher ich das zu wissen meine? Als ÖPNV-Nutzerin höre ich nicht nur unfreiwillig mit, sondern werde auch angesprochen, gestern erst von einem bereits morgens angetrunkenen Leiharbeiter aus der ehem. Ostblock, das arme Schwein, aber eben trotzdem ein Rassist. So wirkt es sich aus, wenn am deutschen Wesen genesen wird – nach zwei Minuten Gespräch kommt die harte Kompetenz zum Vorschein.

    Daß dieser … Tillschneider von „Härte“ träumt, die er in diesen „harten Kompetenzen“ nekisch hervorzwinkern lässt, ist ja wohl konsequent für eine faschistoide* Gesinnung. Was dahinter sich verbirgt, wird von den meisten, die da zuhören wollen oder müssen, verdrängt.

    Übrigens, von Menschen, die in den 1980ern Abitur gemacht haben, hörte ich, daß ihre Mitschüler*innen keineswegs das bessere Textverständnis oder auch nur eine größere Intelligenz gehabt hätten, als die Kiddies von heute. Als einfacher Realschulenauswurf der 1980er kann ich das zumindest für meine Umgebung bestätigen. Und da hatte es auf meiner Schule nicht einen einzigen Menshcen türkischer Herkunft, oder gar „arabischer“! Ich war da eine von sehr wenigen Migrant*innen. Die Schule war trotzdem nur eine schlichte Faktenvermittlungsanstalt mit von ihrer Arbeit genervten Lehrer*innen, die sich nur mit den besten Schüler*innen Mühe gaben. Und diese sind ein Teil der Afd-Wählerschaft geworden.

    * Haha, mein Rechtschreibprogramm kennt den Begriff „faschistoid“ nicht!

    (Ich hoffe, mein Sarkasmus ist angekommen.)

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