Analyse von Markus Krall: ‚Freiheit oder Untergang‘ (2)

· Allgemein

Der Geschäftsführer von Degussa Goldhandel, Markus Krall, hat im 2021 ein neues Buch publiziert, welches wie sein Buch ‚Die bürgerliche Revolution‘ von 2020 zu einer Revolution aufruft, um das Allgemeine Wahlrecht abzuschaffen. In dem Buch ‚Freiheit oder Untergang‘ entwirft er eine nach-revolutionäre Verfassung, die ich als sakral-neoproprietaristisch, als rechtskatholischen Privateigentumsfanatismus bezeichnen würde.

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Inhalt:


2.1 Neoproprietarismus: Vorbild Manchesterkapitalismus
2.2 Apokalyptischer Endkampf als Reinigung vom Bösen
2.3 Ochlokratie: Herrschaft des Pöbels

Zum Teil 1:
1.1 Aufbau des Buches
1.2 Religiöser Fanatismus: Das Soziale als Einflüsterung Satans
1.3 Familismus
Zum Teil 3
3.1 Ständewahlrecht und Bonapartismus
3.2 Wahl- oder Erbmonarchie?
3.3 „Das heilige Deutschland
3.4 Zur Gefährlichkeit der sakral-neoproprietaristischen Ideologie

2.1 Neoproprietarismus: Vorbild Manchesterkapitalismus

Auf ca. 90 Seiten verteidigt Markus Krall im zweiten Kapitel die sogenannte „freie Marktwirtschaft“ in einer Art FAQ (Frequently Asked Questions (häufig vorkommende Fragen)). Er will damit vermeintlichen Vorurteilen gegenüber einer Form von marktwirtschaftlicher Gesellschaftsordnung entgegentreten, die man als eine moderne Variante des Manchesterkapitalismus bezeichnen könnte. Kurz zur Erinnerung: Manchester war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die größte Textilfabrikstadt. Friedrich Engels, dessen Vater dort ebenfalls eine Fabrik besaß, beschrieb in den 1840er Jahren „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“. Kinderarbeit war erlaubt, gleichzeitig gab es keine Schulpflicht, Arbeitsschutz war nur rudimentär vorhanden, die Gesundheitsversorgung war miserabel, ebenso die Wohnsituation. Aufgrund des kärglichen Lohns mussten die Arbeiter*innen oftmals 12-14 Stunden am Tag arbeiten, eine Versorgung für Alte und Kranke gab es nicht. Gewerkschaften waren nicht zugelassen, es gab kein allgemeines Wahlrecht und friedliche Proteste wurden wie 1819 in St. Peter’s Field in Manchester brutal niedergeschlagen (15 getöteten und 650 verletzten Arbeiter*innen). So viel zu den Fakten.

Krall hingegen behauptet, „das Manchestertum beziehungsweise der sogenannten und vielgescholtene ‚Manchesterkapitalismus'“ sei „eine Erfindung der sozialistischen Propaganda.“ (S. 62) Tatsächlich nämlich erreichte „im wirtschaftlich freiesten Abschnitt der Menschheitsgeschichte, dem 19. Jahrhundert“ laut Krall „die freiwillige karitative und ehrenamtliche soziale Tätigkeit einen historischen Höhepunkt.“ (S. 60). Und da die einzigen Verteidigungslinien gegen Armut, wie wir im letzten Abschnitt lesen konnten, nach Krall in der Leistung des Individuums, seiner Familie und karitativen Hilfe zur Selbsthilfe bestehe, sei also die „freie Wirtschaft“ des 19. Jahrhunderts auch die sozialste: „Die Marktwirtschaft ist aus sich heraus sozial.“ (S. 61) behauptet Krall, daher brauche es das Wort „sozial“ nicht. „Soziale Gerechtigkeit“, da folgt Krall Friedrich Hayek, sei ein „Wiesel-Wort“.

Thomas Piketty arbeitete in „Kapital und Ideologie“ heraus, dass die Legitimation des Manchesterkapitalismus, bzw. der „Eigentumsgesellschaften“, wie er sie nennt, nicht in erster Linie meritokratisch, nach dem Prinzip der Belohnung für Leistung durchgeführt wurde, sondern mit einem Stabilitätsargument: Die Stabilität der Gesellschaft muss aufrechterhalten werden, jede Kritik führe zu Instabilität und damit zu Tot und Vernichtung. Und die Stabilität ruhe auf das Privateigentum. Daher nannte Piketty diese Ideologie „sakraler Proprietarismus“ (von propius = Eigentum).

Krall formuliert eine neue Variante der Verteidigung einer modernen Form von Eigentumsgesellschaft, wir könnten hier von einem „sakralen Neoproprietarismus“ sprechen. Ganz wörtlich betont Krall die Heiligkeit des Eigentums: „Das private Eigentum ist sakrosant und nicht Gegenstand staatlicher Gewalt. Der Staat darf daher das Eigentum weder besteuern noch konfiszieren […] Die Gemeinwohlbindung des Eigentums ist in einer Verfassung eine überflüssige Floskel. […] Die freie Marktwirtschaft ist die verfassungsgemäße Wirtschaftsordnung eines solchen Staates. Ihr das Attribut sozial voranzustellen ist nicht notwendig“ (S. 236 f.) Die von ihm propagierte Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung entspräche der „göttlichen Ordnung der Dinge“ (S. 227f.)

2.2 Apokalyptischer Endkampf als Reinigung vom Bösen

Wie zuvor bereits angemerkt, leitet Markus Krall sein Buch mit dem Prolog „Der ewige kosmische Kampf“ ein. Nun aber stünden wir anscheinend vor der Entscheidungsschlacht. „Jetzt ist sie da.“ frohlockt Krall mit dem ersten Satz seines Kapitels „Die Krise“. Er bezieht sich auf den seiner Meinung nach aktuell existierenden „Klima- und Seuchensozialismus“, dem Ende der Deflations- und dem Beginn der Inflationsphase: „Jetzt gehen sie [die herrschende Klasse] den nächsten Schritt: den zu Rufmord und Hetze nach dem Vorbild sozialistischer und nationalsozialistischer Muster. […] Hätten die HerrInnen in Berlin und Brüssel die Geschichte des Widerstands in sozialistischen Diktaturen studiert, dann wäre ihnen klar, dass das zu nichts führt, außer zu einer Härtung und Entschlossenheit, ihnen die Stirn zu bieten. Dazu rufe ich alle freiheitsliebenden Menschen in diesem Land und auf diesem Kontinent auf: Bieten sie diesem System sozialistischer Unterdrückung, Zensur, Manipulation und Hetze gegen Andersdenkende die Stirn.“ (S. 248)

„Wir werden die uns gestohlenen Freiheiten nicht zurückbekommen, wenn wir sie [Hauptvertreter unserer politischen Klasse] nicht aus ihren Ämtern werfen und idealerweise dafür sorgen, dass ihre Rechtsverstöße mit den Mitteln des Rechtsstaates hart geahndet werden.“ (S. 243) In der Verfassung von Krall sieht „Hochverrat“ eine lebenslange Haftstrafe ohne Möglichkeit der Begnadigung vor. Die Auseinandersetzung sei unvermeidlich, (S. 243) es werde „die politische Klasse unvorbereitet treffen. Dieser Aufstand der Entmündigten und Enteigneten liegt außerhalb ihrer begrenzten Vorstellungskraft.“ (S. 244) Denn wir erinnern uns an Kralls Prolog: Hier kämpfen kosmische Kräfte, hier komme es zur entscheidenden Schlacht zwischen Satan / Sozialismus und Gott / Privateigentum: „Dieses Spannungsfeld zwischen Bürger und Staat wird definiert durch die epochale, geschichtliche, ja kosmische Auseinandersetzung zwischen den Grundideen der Freiheit und des Sozialismus. Da der Mensch als freies Wesen mit der Fähigkeit der Selbsterkenntnis, dem Cogito ergo sum des Individuums geschaffen ist, entspricht eine Verfassung der Freiheit der natürlichen oder noch klarer: göttlichen Ordnung der Dinge.“ (S. 227f.) Mit diesem Kampf würde die Freiheit gesunden, dass fließende Blut sei der Dünger der Freiheit: „Die Rückeroberung der Freiheit folgt dann dem Diktum Jeffersons: ‚Der Baum der Freiheit muss von Zeit zu Zeit mit dem Blut der Patrioten und der Tyrannen begossen werden. Dies ist sein natürlicher Dünger.“ (S. 229) Es sei ein Reinigungsprozess, eine Katharsis: „Dann ist sie da, die Katharsis, die notwendige Rebellion der Leistungsträger. Sie kann die Geburtsstunde der stalinistischen Tyrannei oder der freien Republik werden.“ (S. 18)

Doch von welcher Tyrannei und Diktatur muss Deutschland und Europa laut Krall eigentlich befreit werden?

2.3 „Herrschaft des Pöbels“

Markus Krall bezieht sich wie der AfD-Faschist Björn Höcke auf den antiken Geschichtsforscher Polybios und dessen Vorstellung von Geschichte als eines ewigen Verfassungskreislaufs: „Der Verfassungskreislauf des Polybios demonstriert uns eine gewisse Unvermeidlichkeit der Erosion von Freiheit, ihren Verlust als Resultat einer demokratischen Sklerose, wurzelnd in einer degenerativen Erkrankung des Wertesystems einer Gesellschaft.“ (S. 228) Und wie auch Höcke bezeichnet Krall unsere Demokratie mit einer Bezeichnung von Polybios als „Ochlokratie“, als ‚Herrschaft der Minderwertigen‘: „Die Demokratie ist zur Ochlokratie verkommen, zu einer Herrschaft des Pöbels, bei dem Mehrheit die Minderheit ausbeutet.“ (S. 233)

„Wenn der Staat überhaupt einen Sinn hat, dann den, die Freiheit des Individuums zu schützen“ (S. 228) doziert Krall. Der Staat soll also nicht sozial orientiert sein, wie es unsere Verfassung vorsieht („Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“ Artikel 20. (1)) Da der Staat nur die „Freiheit des Individuums“ – womit Krall die Freiheit des Privateigentums zu meinen schient – zu verteidigen habe, gilt dies vor allem für die demokratische Verfassung des Staates. Das Wahlrecht sei immer an Leistung gebunden gewesen und dürfe daher nicht als Menschenrecht betrachtet werden: „Das Wahlrecht zu verabsolutieren heißt seine historischen Begrenzungen zu ignorieren. Alle diese Einschränkungen waren von der Idee getragen, dass diejenigen Entscheidungen treffen sollen, die das Gemeinwesen ‚tragen'“. (S. 235) Heute werde „das Wahlrecht darauf reduziert, dass vier Wölfe und ein Schaf darüber abstimmen, was es zum Abendessen gibt.“ (S. 231) Damit dreht Krall die Metapher des Raubtierkapitalismus ins Gegenteil: Die Kapitalisten sind in seinen Augen die „Schafe“ und fragt: „Kann eine Demokratie der Selbstkorruption entkommen durch den Verkauf des Wahlrechts als Linsengericht, durch sein Brandopfer auf dem Altar des bürokratischen Umverteilungs-Leviathans?“ (S. 229)

Die „Herrschaft des Pöbels“ erleben wir laut Krall heute als „Klima- und Seuchensozialismus“: „Was [die] Alternative zur Freiheit ist, erleben wir zurzeit live und in Farbe in Form einer völlig neuartigen Form der Diktatur. Diese Staatsform ist eine Kombination aus Klima- und Seuchensozialismus.“ (S. 239) Der „Klimasozialismus“ habe noch nicht genügend Bedrohungen an die Wand gemalt, daher sei der „Seuchensozialismus“ etabliert worden, um die Diktatur zu etablieren: „Das Drohszenario ‚Palmen in Berlin‘ war halt nicht furchteinflößend genug für den größten Teil der Bevölkerung, um das Notstandsrecht zu akzeptieren. Ein größerer Knüppel musste her. Dieser Knüppel kam daher in Form einer Pandemie, einer Seuche, die in Wahrheit keine ist.“ (S. 240) Weiter heißt es: „Denn es ist egal, ob die Klimakatastrophe oder eine aufgeblasene Grippe […] für den Notstand herhalten muss: Hauptsache, man kann Sie einsperren, mundtot machen.“ (S. 242) Und letztlich setzt Krall die aktuelle Situation mit dem Nationalsozialismus gleich: „Die Sündenböcke sind das Vehikel, das die beginnende Diktatur braucht und benutzt, um sich zu verfestigen. So war es 1933, so wird es auch dieses Mal versucht werden.“ (S. 244) Hierbei scheint er zu vergessen, dass der Vater seines Arbeitgebers, August von Finck, 1933 mit dazu beigetragen hat, dass Hitler an die Macht kam.

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