Analyse von Markus Krall: ‚Freiheit oder Untergang‘ (1)

Der Geschäftsführer von Degussa Goldhandel, Markus Krall, hat im Mai 2021 ein neues Buch publiziert, welches wie sein Buch ‚Die bürgerliche Revolution‘ (Frühjahr 2020) zu einer Revolution aufruft, um das Allgemeine Wahlrecht abzuschaffen. In dem Buch ‚Freiheit oder Untergang‘ entwirft er eine nach-revolutionäre Verfassung, die ich als sakral-neoproprietaristisch, als rechtskatholischen Privateigentumsfanatismus bezeichnen würde.

Inhalt:

1.1 Aufbau des Buches
1.2 Religiöser Fanatismus: Das Soziale als Einflüsterung Satans
1.3 Familismus

Zum Teil 2
2.1 Neoproprietarismus: Vorbild Manchesterkapitalismus
2.2 Apokalyptischer Endkampf als Reinigung vom Bösen
2.3 Ochlokratie: Herrschaft des Pöbels
Zum Teil 3
3.1 Ständewahlrecht und Bonapartismus
3.2 Wahl- oder Erbmonarchie?
3.3 „Das heilige Deutschland
3.4 Zur Gefährlichkeit der sakral-neoproprietaristischen Ideologie

1.1 Aufbau des Buches

Zwischen dem Prolog „Der ewig kosmische Kampf“ (zwischen Satans Sozialismus und Gottes Kapitalismus) und dem Epilog „Notstand im Klima- und Seuchensozialismus“ finden sich drei Kapitel: die Wirtschaft, die Freiheit, die Ordnung.
Als Crash-Prophet verspricht Krall im Wirtschaftskapitel im Jahr 2021 eine derart starke Inflation, dass Ende 2021 (oder kurz danach) der Euro abgeschafft sei. Auf neunzig Seiten folgt dann eine Verteidigung der freien Marktwirtschaft, die die Vokabel „sozial“ nicht benötige, weil Marktwirtschaft immer sozial sei.
Das Kapitel „Die Freiheit“ behandelt kurz die fünf Säulen der Freiheit (Individualität; Eigentum; Ehe und Familie; Religion; Kunst und Kultur und Musik) sowie die sieben Todsünden als „Kardinaltugenden des Sozialismus“ (Wollust; Neid; Gier; Völlerei; Trägheit; Zorn; Hochmut).
Im letzten Kapitel „Ordnung“ führt Krall aus, dass die „kommende Krise“ die derzeitige „politische Klasse“ desavourieren werde, was sein Gutes habe, da diese dann nicht bei der verfassungsgebenden Versammlung dabei sein würden. Es folgt dann der Entwurf einer Verfassung mit 106 Artikeln, die das aktuelle Grundgesetz ersetzen solle, inklusive Ausführungen zum neuen – nicht mehr allgemeinen – Wahlsystem und zur vierten Gewalt, dem Wahlmonarchen.
Die insgesamt nur vier Seiten Anmerkungen werden nicht durch ein Literaturverzeichnis ergänzt. Das Buch „Freiheit oder Untergang. Warum Deutschland jetzt vor der Entscheidung steht“ enthält auf seinen ca. 250 Seiten inhaltlich keine wesentlich neuen Beiträge zu der von Krall 2020 ebenfalls beim Verlag Langen Müller herausgegeben Publikation „Die bürgerliche Revolution. Wie wir unsere Freiheit und unseren Wohlstand erhalten.“

1.2 Religiöser Fanatismus: Das Soziale als Einflüsterung Satans

Zunächst eine persönliche Erklärung: Wenn ich die Passagen in „Freiheit oder Untergang“ zu Satan lese, kommen mir Zweifel, ob man sich mit dem Buch überhaupt beschäftigen sollte, da es erscheint mir so weit von Intellektualität entfernt ist, dass mir das Lesen Schmerzen bereitet. Krall nämlich beschreibt bereits im Prolog das Grundproblem als einen kosmischen Streit zwischen einem personalisierten Gott und einem personalisierten Satan. Satan möchte Gott eins auswischen und manipuliert daher Menschen. Ergebnis dieser ständigen Einflüsterungen sei der Sozialismus, bzw. wie Krall in zahlreichen anderen Beiträgen formulierte: Der Sozialismus selbst sei Satan, das „Tier Sozialismus“. Unter „Sozialismus“ versteht Krall nicht nur eine Wirtschaftsform, in der zentrale Produktionsmittel verstaatlicht sind, sondern auch den Nationalsozialismus und die ideologischen Grundlagen von Merkel bis zur Europäischen Zentralbank. Sie alle sind des Teufels. Wer in personalisierter Weise von Gott und Satan spricht und aus einem angeblich persönlichen Streit dieser beiden ernsthaft die Existenz des Sozialismus erklärt, ist in meinen Augen derart intellektuell inkompetent, dass es für mich einer besonderen Überwindung bedarf, dessen Buch durchzuarbeiten.

Krall bezieht sich direkt auf die Apokalypse von Johannes im Neuen Testament, also auf die Zeilen, wo der Satan beschrieben wird. Und dies insbesondere auch in dem Kapitel, wo man Krall aufgrund seiner Tätigkeit als leitender Geschäftsführer von Degussa Goldhandel durchaus Fachwissen zutrauen sollte: Im Kapitel zur Inflation (S. 30-43) Krall sagt voraus, dass die Inflation 2021 so weit vorangeschritten sein werde, dass er „dem Euro nicht zutraue, das Ende des Jahres 2021 zu erleben oder zumindest, es allzu lange zu überleben.“ (S. 36). Allerdings habe die EZB bereits angekündigt, ein Digitalgeld „als staatliches Gegenstück zu Bitcoin“ in die Testphase zu bringen. Dieses werde den Euro als „Bargeld elektronisch nachäffen“, aber über ganz andere Eigenschaften verfügen (S. 37). Es entstünde damit eine „Vision wahrhaft apokalyptischer Natur“, die an die „Offenbarung des Johannes 13, 36“ erinnere: „‚Die Kleinen und die Großen, die Reichen und die Armen, die Freien und die Sklaven, alle zwang es [das Tier, Anm. von Krall], auf ihrer rechten Hand oder ihrer Stirn ein Kennzeichen anbringen zu lassen. Kaufen oder verkaufen konnte nur, wer das Kennzeichen trug….'“ (S.41) Dass Krall hier nicht einfach nur seine Vision mit Bibelzitaten illustrieren will, sondern tatsächlich das gehörnte Tier der Johannes-Apokalypse am Wirken sieht, erschließt sich aus seiner Bezugnahmen auf den russischen Publizisten Igor Schafarewitsch.

Folge man der „historisch-empirischen Betrachtung Igor Schafarewitschs“ , so habe „die Feindschaft des Sozialismus gegen die Freiheit des Individuums und damit gegen die Anerkennung der Individualität als solcher […] eine spirituelle, religiöse Wurzel.“ (138f.) Dieser „Antagonismus“ gehe darauf zurück, „dass Satan, der Feind des Menschen, von Neid auf das göttliche Geschenk der Freiheit des Menschen erfüllt ist.“ Allen Ernstes behauptet Krall, der Geschäftsführer von Degussa Goldhandel, dass Satans Streben darauf abziele, Gott zu beweisen, dass der Mensch es nicht verdiene, frei zu sein. Der Teufel versuche daher, so Krall, „die Freiheit des Menschen zu korrumpieren, und zwar auf zwei Ebenen: einer individuellen Ebene, die man Seele nennt, und einer Ebene der Rahmenbedingungen, die man gesellschaftliche Ordnung nennt. Die Seele korrumpiert sich durch Sünde, die Ordnung korrumpiert sich durch Unfreiheit und Unordnung. Beide stehen in korrespondierender Wechselwirkung zueinander.“ (S. 138) Der „Teufelskreislauf“ stelle sich in folgender Weise dar: „Die individuelle Sünde untergräbt die Ordnung, die in der Lage ist, Freiheit und Individualismus zu gewährleisten, und die Ordnung der Unfreiheit schafft Bedingungen zur Förderung der Sünde, weil im Sozialismus die Bereitschaft zu Brutalität, Grausamkeit und Verbrechen ein Überlebensvorteil ist. Daher gehen gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und moralischer Verfall immer Hand in Hand.“ (S. 138)

Diese Erzählung schließt Krall mit dem Fazit: „Der Sozialismus ist so gesehen der irdische Sendbote der diabolischen Intention, die Freiheit ad absurdum zu führen.“ (S. 12) Aber nicht nur die Freiheit sei durch das „Tier Sozialismus“ bedroht, sondern die gesamte Menschheit: „Der ultimative Völkermord, die Vernichtung der Menschheit ist das eigentliche Endziel des Sozialismus.“ heißt es auf Seite 14 und eine Seite weiter: „Die Gesellschaftsordnung der Unfreiheit ist aber für die Sozialisten und ihren satanischen Spiritus Rector keineswegs ein Selbstzweck und Zielbahnhof ihrer Reise. […] Der dämonisch gewollte Gipfel des Bösen, die gegenseitige massenhafte Vernichtung des Menschen, anstelle des aus der Freiheit resultierenden harmonischen Zusammenlebens, ist die Endstation der Ordnung der Unfreiheit. Es ist der Untergang der Zivilisation im Genozid.“

Wer es geschafft hat, diese Wahnideen zur Kenntnis zu nehmen, sollte sich jetzt nicht abhalten lassen, auch noch die restlichen Gedanken Kralls – insbesondere seinen Ausführungen zur derzeitigen angeblichen „Herrschaft des Pöbels“, der notwendigen Revolution, Abschaffung des allgemeinen Wahlrechts und Einführung einer Wahlmonarchie zu folgen. Meiner Ansicht nach handelt es sich hier nicht um persönliche Verrücktheiten, sondern um den Versuch der Etablierung einer sakral-neoproprietaristischen Ideologie. Dazu später, hier geht es jetzt vergleichsweise harmlos mit Kralls Formulierungen zum Familismus weiter.

1.3 Familismus

Der extreme Individualismus in Freiheit oder Untergang wird ergänzt um einen Familien-Egoismus, bzw. Familismus: „Ehe und Familie sind die Keimzelle der Gesellschaft und des Staates.“ heißt es auf Seite 142, was biologistisch zu begründen versucht wird. Der Zusammenhalt sei „vom genetischen Egoismus, dem Willen, dem eigenen Stammbaum zum Überleben zu verhelfen, von 500 Millionen Jahren Evolution in unser Streben eingepflanzt worden. […] Die Familie gibt ideellen und psychischen Halt untereinander, weil ihre Mitglieder aus genetischem Egoismus füreinander einstehen.“ (S. 143ff.)
Unter Familie versteht Krall allerdings nur die „traditionelle Form der Familie aus Mann, Frau und Kindern“(S. 143).
Und die Familie ist für Krall eine Verteidigungslinie der sozialen Sicherheit, das heißt, sie soll den Sozialstaat ersetzen:
„Zuerst ist das Individuum für sich verantwortlich. Es muss arbeiten, Vorsorge treffen, sich privat gegen Risiken versichern und sparen, damit es in der Not Reserven hat und so durchalten kann. Die zweite Verteidigungslinie der sozialen Sicherheit ist die Familie. Die Kern- und die Großfamilie sind zwei vom Aussterben bedrohte Arten in Deutschland, ja in Europa. Der Hautgrund dafür ist die Substitution der Familie durch den Sozialstaat. Die Menschen scheuen die Pflicht und die Verantwortung der Familiengründung, weil der Sozialstaat ihnen vorgaukelt, dass sie das nicht mehr bräuchten. Der Staat kann sich aber ohne Familien auf Dauer nicht mehr finanzieren, weil die Single- und Spaßgesellschaft nur eine demografische Katastrophe produziert. Wenn der Sozialstaat absehbar zusammenbricht, müssen wir uns auf die Verteidigungslinie Familie besinnen.“ (S. 60).
Hierzu eine kurze Anmerkung: Diese sogenannte traditionelle Familie hat es tatsächlich dominant nur in den 1950er/60er Jahren in Deutschland gegeben. Insbesondere ärmere Teile der Gesellschaft wie Mägde und Knechte oder die Arbeiter*innenklasse hatte nicht diese Beziehungsform als „Keimzelle“. Erst im 20. Jahrhundert wurden mit Krupp-Siedlungen etc. Teile der Arbeiter*innenklasse verkleinbürgerlicht.
Die dritte Verteidigungslinie, also die dritte Maßnahme gegen Armut sieht Krall in karitativer Hilfe: „Im wirtschaftlich freiesten Abschnitt der Menschheitsgeschichte, dem 19. Jahrhundert, erreichte die freiwillige karitative und ehrenamtliche soziale Tätigkeit einen historischen Höhepunkt.“ (S.60)

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