Wikipedias „Oma-Test“


Die deutschsprachige Wikipedia hat bekanntlich 8% Autorinnen und über 90% Autoren. Dies lässt sich bekanntlich nicht auf die Internetnutzung allein zurückführen, da in Sozialen Netzwerken der Frauenanteil wesentlich höher ist. In Facebook liegt er bei 56%. Aber auch in Wikipedia liegt der Anteil weiblicher Autorinnen nicht überall wie in Deutschland bei 8%. In den Vereinigten Staaten ist der Anteil nach einer Studie von April 2012 bei 14%, also fast doppelt so hoch wie in Deutschland. Es besteht also tatsächlich Spielraum, den Frauenanteil zu erhöhen. Es darf aber bezweifelt werden, dass dies von der männlich dominierten Administratorenschaft im deutschsprachigen Wikipedia wirklich gewünscht ist. Zwar werden unmissverständliche Aussagen wie die, dass Sue Gardner, die Geschäftsführerin der Wikimedia Foundation, mit ihren Aktionen Männer aus Wikipedia herausekeln wird, nur von einzelnen Admins geäußert. Aber Begeisterung für ihr Vorhaben, den Frauenanteil auf 25 Prozent zu erhöhen findet sich gleichfalls nicht. Und richtig ungemütlich wird die männliche Administratorenschaft, wenn die Erhöhung des Frauenanteils mit Änderungen in Wikipedia einhergehen soll.

Der Oma-Test

Wikipedia wird nicht nur zu 90% von Männern geschrieben und zu 90% von männlichen Admins verwaltet, die über Löschungen und Sperrungen entscheiden. Auch die Wikipedia-Kultur scheint sich insbesondere durch eine Abgrenzung von Mädchen und Omas zu identifizieren. Blicken wir ins Wikipedia-Glossar, so finden sich zumindest hier nur diese beiden geschlechtlichen Zuschreibungen:

Mädchenpensionat

„Wikipedia ist kein Mädchenpensionat“ wird manchmal als Argument vorgebracht, wenn sich jemand über den seiner Meinung nach rauen Umgangston in einer Diskussion beklagt, ein anderer Benutzer diese Einschätzung aber nicht teilt.

In der Analyse „Nimms wie ein Mann“ wurde darauf hingewiesen, dass einer Frau, die sich nicht „mädchenhaft“ verhält, sondern sich in Diskussionen „wie ein Mann“ verhalte, schnell auch die Selbstbezeichnung als Frau aberkannt wird. Das ist eine logische Konsequenz des Satzes „Wikipedia ist kein Mädchenpensionat“.

Die zweite geschlechtliche Zuschreibung grenzt sich ebenfalls negativ von Frauen ab:

„Oma-Test“

Nach altem Jargon das Laien-Verständlichkeitskriterium für Artikel. Aufgrund von Kritik an einer damit assoziierten geschlechts- und altersdiskriminierenden Konnotation, woran auch Deutungsversuche wie „ohne mindeste Ahnung“ nichts ändern konnten, wurde die Richtlinie umbenannt in Wikipedia:Allgemeinverständlichkeit. Aus eben jenem Grund ist dieser Begriff rein historisch zu betrachten und sollte heutzutage nicht mehr verwendet werden, um niemanden zu nahe zu treten.

Die ursprüngliche Benennung ging tatsächlich auf eine Beschreibung zurück, dass auch eine Oma den Artikel eines computer- und wikipediabegeisterten Enkels verstehen sollte, insbesondere wenn Themen wie Informatik, Mathematik und Naturwissenschaften behandelt werden.

In der Urfassung von Oma-Test heißt es am 11.04.2005:

Das Bestehen des Oma-Testes ist ein Qualitätsmerkmal eines guten Artikels der Wikipedia. Er sagt im übertragenen Sinne aus, dass die Qualität eines Artikels gut ist, wenn die Oma eines von der Wikipedia begeisterten Enkels den Inhalt eines Artikels nach einfachem Lesen verstanden hat. Der Oma-Test ist vor allem bei Artikeln mit naturwissenschaftlichem und mathematischem Inhalt von Bedeutung.

Es gabe mehrere Versuche, die Weiterleitung WP:Oma-Test löschen zu lassen. Heraus kam ein Kompromiss, wonach der Weiterleitung zwar bestehen bleibt, dass aber versucht werden soll, auf Autoren dahingehend einzuwirken, dass sie nicht auf WP:Oma-Test verlinken. Insbesondere vor dem Hintergrund, dass Wikipedia das Ziel verfolgt, mehr Frauen und mehr ältere Menschen als Autorinnen zu gewinnen, verwundert es schon sehr, dass WP:Oma-Test nicht einfach gelöscht wird.

„Schwerwiegender“ Sexismus-Vorwurf

Die geschlechter- und altersdiskriminierende Konnotation lässt sich argumentativ nicht entkräften. Dennoch wird noch immer auf diese Weiterleitung „Oma-Test“ verlinkt und zwar mit dem bekannten politischen  Trotzverhalten, welches mit den Worten „gegen politische Korrektness“, „Gutmenschenterror“, „man wird doch nochwohl sagen dürfen“ oder ganz einfach ignorant „das geht dich nichts an“, bzw. „das ist dein Problem, nicht meins“ legitimiert werden soll. Eine Kritik an geschlechterdiskriminierenden Verhalten, Bilderproduktionen (Oma-Test), Strukturen mit der Kennzeichnung „Sexismus“ wird in Wikipedia gleich als „schwerwiegender“ Vorwurf betrachtet, also nicht als Vorwurf, sondern als „schwerwiegender“ Vorwurf. Dies kann nicht damit zusammenhängen, dass Wikipedia besonders großen Wert darauf legt, nicht sexistisch zu sein und Sexismus damit als besonders schwerwiegend projektschädigend wahrgenommen wird oder dass darauf hingewiesen werden soll, dass sich die Person besonders schwerwiegend daneben benommen hat. Eigentlich hat Wikipeida einen besonders „lockeren“ Umgang mit allem, was als sexistisch wahrgenommen werden könnte. Daher muss „schwerwiegend“ woanders her kommen. Ich denke, dass die Vokabel „schwerwiegend“ auch ein Bestandteil in der Abwehr von Diskriminierungskritik ist. Es dürfen so nämlich nur in ganz wenigen Ausnahmefällen Sexismen benannt werden, nicht aber subtile, institutionelle, strukturelle Formen von Sexismus. Benennt man letztere als Sexismus, wird sofort abgewehrt: nein, also so ein „schwerwiegenden“ Vorwurf, der passt hier schonmal gar nicht. Und der oder die Sexismuskritikerin wird daraufhin gesperrt, die „schwerwiegende“ Sexismus-Kritik an einer Äußerung, einer Verlinkung etc. wird simsalabim in einen „schwerwiegenden“ Persönlichen Angriff verwandelt.

Sperren für Sexismus-Kritik

In der deutschsprachigen Wikipedia wird man nicht so schnell für Äußerungen gesperrt. Wikipedia ist ja bekanntlich kein Ponyhof. Persönliche Angriffe werden in der Regel zudem als Angriffe gegen die Person verstanden. Das heißt, die Aussage „dein letzter Satz ist dumm“ wird normalerweise nicht als persönlicher Angriff betrachtet und die Person wird nicht gesperrt, die Aussage „du bist dumm“ führt hingegen zu einer Sperre, weil es ein Persönlicher Angriff ist. Dahinter steckt die Idee, Kritik zulassen zu können, die auf eine Verhaltensänderung zielt. Wenn ich jemanden eine generelle Dummheit unterstelle, zielt dies nicht auf eine Verhaltensänderung. Im Falle der Sexismus-Kritik wird diese ungeschriebene Regel ausgesetzt. „Deine Verhaltensweise ist sexistisch“ führt zu Sperren. Zum einen hat dies mit der Verwandlung von Sexismus-Kritik über die Konstruktion des „Schwerwiegenden“ zum Persönlichen Angriff zu tun. Zum anderen kommt hier aber eine neue Formulierung herein, nämlich die der „Projektstörung“. Es geht bei den Sperren gegen Sexismuskritiker_innen nicht darum, dass sie seinen schwerwiegenden Persönlichen Angriff getätigt haben, sondern dass sie mit ihrer Kritik das Projekt „stören“. Dies erklärt auch, dass gar nicht erst die Benennung von Sexismus untersucht wird. Es ist völlig egal, ob sich jemand sexistisch verhalten hat oder nicht. Das Projekt soll nicht gestört werden mit schwerwiegenden Worten wie Sexismus. Momentan bin ich gesperrt, weil ich einen Wikipedia-Autoren ein sexistisches Verhalten „unterstellt“ habe und dies meines Erachtens sehr gut begründete. Die Ankündigung ist, dass ich jedesmal gesperrt werde, wenn ich diese „Anschuldigung“ wiederhole. Natürlich werde ich diese „Anschludigung“ solange wiederholen, bis es zu einer Überprüfung kommt, ob sich dieser Autor sexistisch verhalten hat. Dass ich hiervon nicht abrücke ist wichtig, da es eine reflektierte Grundsatzentscheidung  in Wikipedia geben muss, ob diskriminierende Verhaltensweisen, Regelungen etc. als diskriminierend bezeichnet werden dürfen.

Er hat „Sexismus“ gesagt

6 Kommentare

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  1. ke

    Momentan bin ich gesperrt, weil ich einen Wikipedia-Autoren ein sexistisches Verhalten “unterstellt” habe und dies meines Erachtens sehr gut begründete.

    Ist diese Diskussion noch online zu finden?

    Ich wäre in der Sache dafür, WP:Oma-Test nicht zu löschen, aber auch nicht einfach eine Weiterleitung dazulassen, sondern dort einen Hinweis vorzuhalten, dass der Begriff nicht mehr verwendet werden soll. Wurde die Möglichkeit in einer der Diskussionen auch schon erwogen?

    • Andreas Kemper

      Momentan bin ich gesperrt, weil ich einen Wikipedia-Autoren ein sexistisches Verhalten “unterstellt” habe und dies meines Erachtens sehr gut begründete.

      Ist diese Diskussion noch online zu finden?

      Ja, die Diskussion um meine Sperre ist hier

      VM1 1. Vandalismusmeldung

      und hier zu finden:

      VM2 2. Vandalismusmeldung: hier wurde mir untersagt, weiterhin ein sexistisches Verhalten als solches zu benennen.

      Und die Sperrprüfung, die den Namen nicht verdient, weil gar keine Prüfung stattfand, findet sich hier:
      Sperrprüfung Schwarze Feder

      Auf meiner Diskussionsseite findet eine gehaltvollere Diskussion statt: Diskussionsseite

      Ich wäre in der WP:Oma-Test-Sache dafür, weder die Weiterleitung dazulassen noch die Seite zu löschen, sondern einen Hinweise vorzuhalten, dass die Bezeichnung nicht mehr benutzt werden soll. Wurde die Möglichkeit schon erwogen in einer der Diskussionen?

      Das ist eine sehr gute Idee. Vielleicht ließe sich einfach der Glossar-Text übernehmen.

  2. dummmerjan

    „Die deutschsprachige Wikipedia hat bekanntlich 8% Autorinnen und über 90% Autoren. Dies lässt sich bekanntlich nicht auf die Internetnutzung allein zurückführen, da in Sozialen Netzwerken der Frauenanteil wesentlich höher ist. In Facebook liegt er bei 56%. “

    Inwiefern kann man aus der Beteiligung an sozialen Netzwerken auf die Beteiligung an einem enzyklopädischen Netzwerk schließen und damit diesen Begründungszusamenhang herstellen?

    Das wäre schon interessant. Denn wenn dieser Begründungszusammenhang nicht nachzuweisen ist, würde auch die logische Grundlage der Behauptung entfallen.

    Wie also ist dieser Zusammenhang zu begründen?

    • Andreas Kemper

      Es wurde mit diesen Zahlen nur die These außer Kraft gesetzt, die den extrem geringen Anteil von weiblichen Autori_innen bei Wikipedia mit einer größeren Internet-Affinität von Männern zu erklären versucht. Dass so wenig Frauen bei Wikipedia mitschreiben, lässt sich also nicht darauf zurückführen, dass Frauen wenig im Internet aktiv sind. Es muss andere Gründe geben. Ich sehe einen Grund im Androzentrismus Wikiepdias. Diesen Grund leite ich allerdings nicht aus obigen Zahlen ab.

  3. Karla_Anna

    „Wikipedia ist ja bekanntlich kein Ponyhof.“

    das ist dismriminierung von ponys.

    • Andreas Kemper

      Stimmt.

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