Schavans Doktorgrad oder zum Doppelcharakter der Dissertation


Nun verdichten sich also die Verdachtsmomente, dass auch die Bildungsministerin Annette Schavan in ihrer Dissertation plagiierte – auf 60 von 351 Seiten wurden Textstellen beanstandet.

Ich schreibe selber an einer Doktorarbeit und ich tue mich damit sehr schwer. Nicht so sehr deswegen, weil ich in keinem Stipendienprogramm bin und daher weder finanzielle noch institutionelle Förderung erhalte und auch nicht deshalb, weil Doktorand_innen jobmäßig nicht mehr die Privilegien wie Studierende haben (sogenannte Studijobs). Dies alles verzögert meine Doktorarbeit. Hinderlich im Sinne der Infragestellung meiner Arbeit ist eher der implizite „Geniekult“, das vorausgesetzte Schreiben der Dissertation „In Einsamkeit und Freiheit“.

Doppelcharakter: Forschung und Doktorwürde

Was mir sehr viel Spaß macht an der Dissertation ist das Zusammentragen von Text, Aha-Erlebnisse, das Verbinden von ähnlichen oder widersprüchlichen Aussagen zu etwas qualitativ Neuem, die gleichzeitige Enttäuschung und Bestätigung, wenn ich eigenständige Gedanken irgendwo schon formuliert wiederfinde, der allmähliche Aufbau mit den Verzweigungen eines Gedankenzusammenhanges. Das Forschen und kompakte Darstellen der Forschungsergebnisse ist das Tolle am Schreiben einer Doktorarbeit.

Was mir überhaupt keinen Spaß macht und mich ungemein bremst ist die ständige Beweislast, dass die Arbeit von mir selber ist. Nicht deswegen, weil ich nicht benennen könnte, was ich mir selber ausgedacht und mit vielen Zitaten anderer Wissenschaftler_innen plausibel zu machen versuche, sondern wegen der Geheimniskrämerei, die damit verbunden ist. Die Doktorarbeit soll schließlich eine Erstveröffentlichung meiner doktorwürdigen neuen Gedanken sein – und zwar an einem Stück. Dies lähmt den Austausch mit anderen Interessierten. Mir liegt es eher, einen neuen Gedanken zu äußeren und ihn zur Diskussion zu stellen, ihn in der öffentlichen Diskussion wirken und wachsen zu lassen, ihn notfalls zu verwerfen, darauf hin neue Gedanken zu entwickeln.

Diese Geheimniskrämerei hängt mit dem antiquierten Geniekult zusammen. Ein Doktor, eine Doktorin, ist jemand, der/die über „dem Pöbel“ steht, in besoderer Weise befähigt ist, zu denken, zu forschen, zu schreiben. Innerhalb unserer Klassengesellschaft ist der Doktorgrad daher ein Türöffner. Denn die Klassengesellschft legitimiert sich dadurch, dass die „Besten“ die „Entscheidungsträger“ sind. Und die „Besten“ sollen die „Besten“ sein qua Begabung, also einer angeborenen Befähigung, die mit der Dissertation und anschließendem Rigorosum bestätigt wird.

Der Doppelcharatker einer Dissertation besteht also darin, einerseits mit der Arbeit „die Wissenschaft“ voranzubringen, andererseits zu erweisen, dass eine Person „würdig“ ist, den Doktorgrad zu erhalten.

Zur doppelten Schädlichkeit des Doktorgrades

In doppelter Weise ist also daher die bisherige Praxis des Doktorgrades schädlich:

Sie hemmt den „wissenschaftlichen Fortschritt“ dadurch, dass in der Doktorarbeit die Doktorwürde des Doktoranden/ der Doktorandin zu erkennen sein muss. Hierdurch wird von der eigentlich wissenschaftlichen Arbeit abgelenkt, wissenschaftliche Kommunikation wird unterbunden.

Und sie bringt verstärkt die Karriereorientierung in Hochschule und Wissenschaft. Es wäre besser gewesen, wenn Guttenberg nicht studiert hätte, um mittels Doktorgrad politische Karriere zu machen, sondern wenn er sich gleich auf die Politikkarriere gestürzt hätte. Die Karrieristen und Karrieristinnen, die nur auf einen Doktorgrad aus sind, hemmen den wissenschaftlichen Fortschritt. Betrug ist vorprogrammiert, es gibt inzwischen einen blühenden Geschäftszweig von Ghostwritern, dem natürlich auch nicht am wissenschaftlichen Fortschritt, sondern am Geschäft gelegen ist.

Fazit

Wie also ist mit diesem antiquierten Zustand umzugehen? Eine Lösung innerhalb der Klassengesellschaft habe ich nicht zu bieten, zumal das Ganze noch durch die Trennung von Theorie und Praxis verkompliziert wird. Wenn ich für mich das Gefühl habe, irgendwann einen Doktorgrad „verdient“ zu haben, dann weniger für die Geistesarbeit in meiner Dissertation, als vielmehr für meine Verknüpfung von Theorie und Praxis, für die Wechselwirkung von theoretischem Hinterfragen und politischer Arbeit.

1 Kommentar

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  1. oma

    „… die gleichzeitige Enttäuschung und Bestätigung, wenn ich eigenständige Gedanken irgendwo schon formuliert wiederfinde…“

    Oja, das ist sehr ambivalent und mit dem Gefühl oder gar der gesicherten Erkenntnis verbunden, der/die Andere würde mit den „eigenen“ Gedanken erfolgreicher/gelesener/bestätigter öffentl. als man selber sein. Das geht bei mir soweit, dass ich fast schon hasse, was ich je geschrieben habe, weil es eh für die Tonne ist.

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