Wer ist dieser Tilman Krause?

· Allgemein, Artikel (Klassismus)

Ein aktueller Artikel zur Aberkennung von Schavans Doktorgrad mit dem Titel Schavan ist ein spätes Opfer des SPD-Bildungswahns, sorgt derzeit für ein Twitter-Gewitter. Tilman Krauses absurde Idee, die CDU-Bildungsministerin sei ein Opfer der SPD-Bildungspolitik der 1970er Jahre, wird mit dem Twitter-Hashtag #dieSPDwars verspottet. Aber Krause zielte nicht einfach gegen die SPD, sondern viel mehr gegen das, was er Bildungswahn nennt. Damit steht er nicht allein, vor wenigen Woche machte die Vokabel Abiturwahn die Runde. Und Krause kämpft bereits seit über einem Jahrzehnt gegen den Bildungswahn, der Arbeiterkindern den Hochschulzugang öffnen will.

Wer ist Tilman Krause? Krause ist ein „Literaturkritiker“, der für die Springerpresse arbeitet. Seine Kritik an der SPD-Bildungspolitik basiert auf einem Standesdünkel, den Krause dummdreist zur Schau trägt. Hier sind Beispiele aus seinem aktuellen Artikel vom 7.2.2013:

      „Der Ausverkauf von Bildung, der naive Glaube, jeder könne ein Intellektueller sein und der Aufstieg ins Bildungsbürgertum lasse sich in zwei, drei Jahren bewältigen – all diese törichten Illusionen sind auf sozialdemokratischem Mist gewachsen. […]

Was soll man aber von einer Frau halten, die, aus einfachen Verhältnissen kommend, promovieren will um jeden Preis, hauptsächlich aber ohne vernünftig studiert zu haben?“

http://www.welt.de/kultur/article113455288/Schavan-ist-ein-spaetes-Opfer-des-SPD-Bildungswahns.html

So warnte er vor zwölf Jahren im Zeitungsbeitrag „Achtung, erste Generation“ vor den Bildungsaufsteigern:

      „Mit dem ‚Bildungsboom‘ der siebziger Jahre, und das war von allen ‚Kulturbrüchen‘ im Gefolge von ’68 mit Abstand der größte, hielten an den Gymnasien und an den geisteswissenschaftlichen Fakultäten jene Heerscharen Einzug, die in erster Generation mit Gelehrsamkeit konfrontiert wurden. (…).

 

      Der Loslösung von ihrer proletarisch-kleinbürgerlichen Herkunft bedürftig (…) waren sie die denkbar leichteste Beute jener (…) Weltverbesserungspläne, die damals an den Universitäten grassierten. Sie kamen aus dem intellektuellen Nichts und fraßen brav, was ihnen angeboten wurde. Wie auch anders? Sie kannten ja nichts, von Haus aus. Dies sollte nun ihre geistige Heimat sein, und da schlugen sie umso tiefere Wurzeln, je kompromissloser sie mit ihren jetzt meist verachteten Ursprungsmilieus brachen.“

http://www.welt.de/print-welt/article430344/Achtung-erste-Generation.html

2002 ging es weiter in einer Laudatio für den rechts-konservativen Arnulf Baring:

      „In den Geisteswissenschaften gaben junge Leute, die nur noch Sekundärtexte lasen, hochgezüchtetes Lacancan und Derridada von sich; je ungeistiger, illiterater die Elternhäuser gewesen waren, desto delirierender.“

http://www.welt.de/print-welt/article388097/Konservativ-und-frei-Arnulf-Baring-zum-70-Geburtstag.html

Mit meiner kurzen Recherche habe ich dann für die Folgejahre keine entsprechenden Äußerungen mehr finden können. Selbst der Springer-Presse war es wahrscheinlich peinlich, in der Zeit der ersten PISA-Veröffentlichungen eine sogenannte „niedere“ sozialen Herkunft so zu bashen, wie sie es kurz zuvor ihrem leitenden Literaturredakteur noch gestatte. Selektionsweltmeister mit einem einem mäßigen Abschneiden in der Gesamtleistung zu sein, verbat für kurze Zeit das offene Eintreten für die die Diskriminierung von Arbeiterkindern.

Letztes Jahr gab es dann doch ein Comeback im Prolet_innen-Bashen. In Antisemitismus-Debatten ist es für bestimme Schichten immer sehr befreiend, das Proletariat und die Proletarisierung als die Schuldigen zu sehen. Die „alte Elite“ soll dann selbstredend projüdisch gewesen sein (wie sein Großvater, der nur versehentlich Mitglied im antisemitischen VdSt gewesen ist?). Und das Kleinbürgertum wird erst dann antisemitisch, wenn es sich „proletarisiert“. Also nicht die Angst vor einer Proletarisierung macht es antisemitisch, sondern die Proletarisierung selber. Proletarisierung heißt in dieser verdrehten Denkweise nicht, dass Kleinbürger in Fabriken arbeiten, sondern Proletarisierung heißt, dass das Kleinbürgertum für die niederen Instinkte der Untermenschen anfällig wird. Tilman Krause zu Günther Grass und seinem Gedicht, welches die Antisemitismus-Debatte auslöste:

      „[…] wie kann ein solcher Mann sich einen derartigen intellektuellen Offenbarungseid gestatten?

Aber vielleicht hat er ihn sich gar nicht „gestattet“, vielleicht rächt sich jetzt ganz einfach das lange Verdrängte, vielleicht kommt auf seine alten Tage eben doch der glühende Nazi, der er einmal war, durch die Hintertür wieder hereinspaziert? Man darf ja nicht vergessen, dass Grass, Walser, Wolf und andere aus illiteraten Elternhäusern stammen, die der NS-Ideologie geistig nichts entgegenzusetzen vermochten.

Diese Kleinhäusler und Kleinhändler waren das Milieu, mit dem die Nazis ihr „Weltreich“ aufzubauen gedachten. Die alten Eliten waren dem braunen Mob suspekt, sie wurden unterdrückt und wenn irgend möglich auch vernichtet. Doch dieses proletarisierte Kleinbürgertum der Grassens und Walsers, von beiden in der „Blechtrommel“ und im „Springenden Brunnen“ anschaulich beschrieben, das wurde nun auf einmal politikfähig. Von eben diesem ungeheuren Missverhältnis kündet nun, wie vor siebzig Jahren, Grassens angemaßte Präzeptorenrolle. Da gibt es noch viel aufzuarbeiten.“

http://www.morgenpost.de/kultur/article106156817/Grass-Anti-Israel-Gedicht-steckt-voller-NS-Stereotypen.html

Auf der Seite Archivalia finden sich weitere bemerkenswerte Zitate, Krause outet sich dort u.a. als Monarchist: http://archiv.twoday.net/stories/3013603/comments/3019690/comment

Wer dieser Tilman Krause ist, wie er tickt, sollte etwas klarer geworden sein, bleibt nur die Frage: Was soll man aber von einem leitenden Literaturredakteur halten, der, ein stolzer Abkömmling von Hofdienern, um jeden Preis standesdünkeln will, ohne je körperlich gearbeitet zu haben?

Nachtrag vom 01.09.2014

Nach Tilman Krause ist auch der Osten übrigens aufgrund der realsozialistischen Geschichte („Verproletarisierung“) grundsätzlich kulturlos: http://einwende.de/2014/08/ostdeutsche-regie-wir-schliessen-horizonte/

23 Kommentare

Comments RSS
  1. GBR

    Viele Worte, um den Begriff „Vollidiot“ blumig zu umschreiben….

    • Andreas Kemper

      Mit dieser Wertung würde sein Klassismus unsichtbar gemacht werden.

  2. TB

    Naja so ganz falsch sind manche Aussagen nicht.
    Nur die Schlussfolgerungen sind mehr als dähmlich.

    • Andreas Kemper

      Welche Aussagen sind nicht falsch?

  3. TB

    so z.B. „der naive Glaube, jeder könne ein Intellektueller sein „, die Schlussfolgerung, dass das was mit der Herkunft zu tun hat, ist dann wieder dähmlich.
    Gruß
    TB

    • Andreas Kemper

      Okay, es kommt darauf an, was unter „Intellektueller“ und was unter „könne […] sein“ zu verstehen ist. Tilman Krause ist nach meiner Definition kein Intellektueller.

  4. TB

    Kommt auf den Standpunkt an: Gründet man die Definition „Intellektueller“ allein auf Wissen(im Sinne von Gelernten), so wie es Herr Krause tut, gibt es recht viele, was er komischer Weise bemängelt. Erweitert man die Definition, um sagen wir mal, „freies Denken“, wird der Kreis schon kleiner.

    • Andreas Kemper

      Ja, wobei ich Intellektualität nicht mit der Fähigkeit zu „freiem Denken“ gleichsetzen würde.

  5. TB

    Nicht, wieso das ?

  6. TB

    Achso, ich meine Freies Denken auch als eine weitere Komponente, nicht als Alleinstellungsmerkmal.

    • Andreas Kemper

      Unter Intellektualität verstehe ich die Fähigkeit, die Widerstände gegen eine herrschaftsfreie Welt aufdecken und benennen zu können.

  7. TB

    hmm, für mich hört sich das eher nach einem Verwendungszweck an.
    So wie ich das sehe besteht Intellektualität aus mehreren Fähigkeiten, so z.B.Gedächnis, Fähigkeit zu eigene Gedanken, F. zu lernen, F. zu lehren, …

    • Andreas Kemper

      Das wäre eher eine individual- oder entwicklungspsychologische Definition, die sich kaum von der der Intelligenz unterscheiden würde. Daher würde ich den Begriff Intellektualität nicht auch noch individualistisch verstehen wollen, sondern im Hinblick auf gesellschaftliche Emanzipationsprozesse.

  8. TB

    Ich denke Intelligenz würde ich als ein Bestandteil von Intellektualität ansehen.
    Der Begriff ist für mich so eine Art Sammelbegriff. Ich würde aber nicht so weit gehen, da eine irgendwie geartete Bewertung(positiv/negativ) vorzunehmen.
    Wenn das Wirken von I. zu gesellschaftlichen Emanzipationsprozessen führt ist das schön.

    • Andreas Kemper

      Gut, da sind wir anderer Meinung. Meiner Meinung nach hat Intellektualität mit gesellschaftlichen Emanzipationsprozessen zu tun.

  9. TB

    Nebenbei: Folgt man meinem gedanklichen Aufbau(jetzt nur mal von der Struktur) versteht man die Aussagen von Herrn Krause besser.

    • Andreas Kemper

      Inwiefern?

  10. TB

    Wenn man vom Individium ausgeht, kann man das Beschweren über zu viele Intellektuelle nachvollziehen. Er bemängelt, das sich zu viele einfach so nennen, ohne das sie es tatsächlich sind. Und noch mal, die Gründe, die er für diese „Flut“ ausgemacht hat sind ziemlich dämlich.

    • Andreas Kemper

      Ja. Das stimmt.

  11. TB

    Ich finde jeder sollte sich an dem messen lassen, was er von anderen fordert.

    Danke das Sie sich die Zeit genommen haben und sich meine Gedanken angehört haben.
    War sehr interessant.
    Gruß
    TB

  12. queerfilmbremen

    Was für ein Wurm. Bin grade über seine Rezension von Rückkehr nach Reims gestolpert, und habe mich auch sofort gefragt: Was ist das denn für einer?
    Selten so viel Herablassung in einem Text gesehen: https://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article157112215/Nichts-ist-so-schwierig-wie-einfache-Verhaeltnisse.html

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