Soziale Dimensionierung als Alternative zu Studiengebühren


„Warum soll etwa eine Krankenschwester das Studium ihres späteren Chefarztes finanzieren?“ fragt die neue Bildungsministerin Johanna Wanka und befürwortet mit diesem Argument Studiengebühren. Sie kommt – wie ihre Vorgängerin Annette Schavan – aus „einfachen Verhältnissen“, eine Bauerntochter aus der DDR. Mit dieser Frage kann man unterschiedlich umgehen. 

Bildungswahn?

Tilman Krause wird ob solcher Fragen kopfschüttelnd an Wilhelm von Wolzog erinnern: Solange der Pöbel unter „eisernen Szepter geführt wurde, war es sanft, gut, mild. Jetzt ist es grausam, schrecklich, ungerecht“. Warum sollte eine Krankenschwester nicht das Studium ihres späteren Chefarztes finanzieren? Sollte sie sich etwa anmaßen, trotz Herkunft aus einfachen Verhältnissen, selber zu studieren? Wäre das nicht der Bildungswahn, vor dem der leitende Literaturredakteur der WELT so ausdrücklich warnt?

Mit Christian Füller würde ich diese Frage von Johanna Wanka, „Warum soll etwa eine Krankenschwester das Studium ihres späteren Chefarztes finanzieren?“, ernst nehmen. Natürlich argumentieren nicht alle ihren klassistischen Standesdünkel so offen wie dieser Tilman Krause. Aber ein Blick auf solche konservativ-bürgerliche Kleinparteien wie die Freien Wähler zeigt sehr deutlich, dass man gleichzeitig für die frühe soziale Selektion und gegen Studiengebühren sein kann. Es gibt den Standpunkt im Bürgertum, der Arbeiterkinder vom Abitur abhalten will und gerne auf das Zahlen von Studiengebühren für die eigenen Kinder verzichtet. Nicht alle, die gegen Studiengebühren sind, vertreten die Interessen von Arbeiterkindern.

Aber es gibt eine andere Möglichkeit, hier Gerechtigkeit herzustellen.

Zur Sozialen Dimension

In einem Papier von 2011 machen Ulf Banscherus, Klemens Himperle und Sonja Staack darauf aufmerksam, dass der Bologna-Prozess, der für den Umbau unserer Hochschullandschaft sorgte, etwas übersehen wurde, nämlich die dort vereinbarte Berücksichtigung der Sozialen Dimension:

    „Die soziale Dimension umfasst so mit also einerseits die Frage, ob Chancengleichheit beim Zugang zu höherer Bildung besteht – die soziale Herkunft ist hierbei ebenso relevant wie das Geschlecht. Andererseits umfasst die soziale Dimension auch die Studierbarkeit als wesentliche Voraussetzung für einen erfolgreichen Studienabschluss. Dieser Aspekt betrifft neben der Frage nach der Vereinbarkeit des Studiums mit beruflichen, sozialen und familiären Verpflichtungen auch die Frage nach der individuellen Arbeitsbelastung sowie – daraus abgeleitet – die Ursachen des Studienabbruchs.“ (143)

Sie kommen in dem Papier zum Schluss:

    Die soziale Dimension ist nach wie vor der blinde Fleck des Bologna Prozesses. Es wurden weder die Erwartungen an eine soziale Öffnung der Hochschulen noch die Ziele einer besseren Studierbarkeit und einer nachhaltigen Senkung der Abbruchquote erreicht. Auch ist – sowohl auf der europäischen Ebene als auch in Deutschland – keine konsistente Strategie in Bezug auf die soziale Dimension erkennbar. Reformbedingte Umbrüche ohne ein gesondertes Augenmerk auf bestehende strukturelle Probleme bergen jedoch die Gefahr einer Fortschreibung oder gar Verschärfung der Situation in sich. (153)

Soziale Dimensionierung statt Studiengebühren

Nimmt man die Frage der neuen Bildungsministerin ernst, dann gibt es zwei Möglichkeiten, die Gerechtigkeit herzustellen. Die erste besteht in der Einführung von Studiengebühren. Hierbei müsste gewährleistet werden, dass Arbeiterkinder nicht vom Studium abgeschreckt werden. Das wäre zu diskutieren vor dem Hintergrund, dass die Zahl der Abiturienten und Abiturientinnen mit einer „niedrigen“ sozialen Herkunft, die ein Studium aufnehmen, von 80 auf 50 Prozent gefallen ist. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass ausgerechnet Studiengebühren dazu führen könnten, diesen Trend umzukehren. Zu dem zeigen Untersuchungen, dass einst moderate Studiengebühren, die vielleicht nicht abschreckend waren, im Laufe der Zeit extrem ansteigen – anders als beispielsweise BAFöG, wo man schon mal ein Jahrzehnt auf einen Inflationsausgleich warten kann.

Wenn es also unwahrscheinlich ist, über Studiengebühren die Ungerechtigkeit abzuschaffen – und das scheint ja Johanna Wankas Motivation zu sein -, dann muss nach einer anderen Möglichkeit gesucht werden. Diese besteht darin, die Arbeiterschicht und ihre Kinder nicht mehr länger vom Studium auszuschließen. Und es trifft sich, dass sich die Bildungsministerien ohnehin zu dieser als „Soziale Dimension“ bezeichnete Maßnahme verpflichtet haben.

Wie aber können Hochschulen dazu angehalten werden, Arbeiterkinder nicht weiter zu benachteiligen? Ganz einfach: mit Geld. Die Mittelvergabe von Ländern an Hochschulen wird sozial dimensioniert. Je mehr Arbeiterkinder erfolgreich ihr Studium abschließen, desto mehr Geld gibts. Solange, bis die Hochschulen sozial dimensioniert sind, also die soziale Verteilung an Hochschulen, der sozialen Verteilung in der Gesellschaft entspricht. Ich bin mir sicher, dass dann auch die Krankenschwester ihre Steuern nicht länger verschwendet sieht, wenn Hochschulen sozial dimensioniert werden, da sie dann nicht mehr nur den Arztsohn, sondern auch ihre eigene Tochter mitfinanziert.

4 Kommentare

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  1. Alreech

    Und wenn die Tochter der Krankenschwester nicht studieren will, sondern von der eignen Autowerkstatt träumt, dann darf sie nach ihrer Lehrer zur KFZ Mechatronikerin und 2 Jahren als Gesellin 8000 €uro für einen Meisterkurs zahlen, während der Arztsohn eine hochwertige Ausbildung auf Kosten den Steuerzahlers bekommt ?

    Viele Arbeiterkinder bilden sich außerhalb der Hochschulen fort, und das auf eigene Kosten. Das wird so gut wie nie thematisiert.
    Aber schließlich ist das Studium ja keine schnöde Berufsausbildung, sondern Bildung. Zum Bildungsbürger wird man ja schließlich erst mit einem akademischen Titel.

    • Andreas Kemper

      Ich finde es problematisch, dass immer wie selbstverständlich davon ausgegangen wird, dass Arbeiterkinder eigentlich lieber eine Lehre machen und Akademikerkinder lieber studieren. Selbst wenn es so wäre, müsste doch zunächst hinterfragt werden, welche Ursachen das hat.

      Davon abgesehen bin ich auch für ein Meister-Bafög. Man sollte aber das eine nicht gegen das andere aussüielen.

  2. Toffee

    „Wie aber können Hochschulen dazu angehalten werden, Arbeiterkinder nicht weiter zu benachteiligen? Ganz einfach: mit Geld. Die Mittelvergabe von Ländern an Hochschulen wird sozial dimensioniert. Je mehr Arbeiterkinder erfolgreich ihr Studium abschließen, desto mehr Geld gibts.“

    Und wie sähe ein Weg aus, der diesen Ansatz mit Studiengebühren verknüpft?
    Ein „geht nicht“ erkenn ich nicht an 🙂

    • Andreas Kemper

      Das geht schon. Die Frage ist, ob es sinnvoll wäre, diesen Ansatz mit Studiengebühren zu verknüpfen. Vermögens- und Erbschaftssteuern finde ich sehr viel sinnvoller als Studiengebühren.

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