Klassismus und Marxismus

· Allgemein, Artikel (Klassismus)

Die aktuelle Ausgabe der PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft hat den Schwerpunkt „Klassentheorien“. Erfreulicherweise findet sich dort auch ein Artikel zum Thema „Klassismus“ (Christian Baron: Klasse und Klassismus. Eine kritische Bestandsaufnahme). Weniger erfreulich sind die dort zu findenen unnötigen Missverständnisse hinsichtlich meiner Positionen zum Thema Klassismus. In der nächsten Ausgabe der PROKLA (Nr. 176) im September 2014 wird voraussichtlich eine Replik von mir erscheinen, die ausführlich die Missverständnisse ausräumt. Nur kurz sei daher an dieser Stelle angemerkt:

Entgegen Christian Barons Vermutungen habe ich ein materialistisches und nicht-normatives Klassenverständnis, welches sehr wohl mit marxistischen Theorien zu vereinbaren ist, insbesondere mit der marxistischen Mehrwerttheorie. Und natürlich ignoriert der Klassismus-Begriff, so wie ich ihn verwende und verstehe, auch keine Ausbeutungsverhältnisse. Diese Missverständnisse sind ärgerlich, weil der zwischen uns bestehende Kontakt nicht genutzt wurde, um die wirklichen inhaltlichen Differenzen herauszuarbeiten.

Denn diese inhaltlichen Unterschiede bestehen durchaus. So kritisiert Christian Baron an „meinem“ Klassismus-Begriff, dass ein „Transfer aus der kritischen Rassismus-Forschung“ statt finde, „in der Rassen als Konstruktionen analysiert werden.“ (Baron 2014: 229) Seine Kritik daran: Klassen seien „in erster Linie analytische Kategorien, die Aussagen über Widersprüche innerhalb des kapitalistischen Systems treffen, nicht aber Beschreibungen von sozialen Gemeinschaften, wie es die Kategorien Ethnie oder Rasse sind.“ (ebd.: 229f.)

Tatsächlich wurde aber der Begriff „Klasse“ in ähnlicher Weise genutzt wie der Begriff „Rasse“. Mit dem Begriff „Unterklasse“ wurden vorwiegend nicht etwa von Marxist*innen „Aussagen über Widersprüche innerhalb des kapitalistischen Systems“ getroffen, sondern in diskriminierender Weise soziale Gemeinschaften beschrieben bzw. konstruiert.

Die Lösung liegt meines Erachtens darin, dem Begriff „Klasse“ eine doppelte Bedeutung bzw. Funktion zuzugestehen. Der Begriff hat sowohl eine sozialkritisch-analytische Funktion, in dem das strukturelle Ausbeutungsverhältnis thematisiert wird, als auch eine Funktion hinsichtlich der Beschreibung bzw. Herstellung von sozialen Gemeinschaften. Diese beiden Bedeutungen von „Klasse“ müssen auseinandergehalten werden, so wie man „Klasse“ als analytische Kategorie von „Rasse“ als zuschreibende Kategorie unterscheidet. Diese Unterscheidung ist eine analytische, tatsächlich beeinflusst ja das Klassenverhältnis, welches mit der analytischen Kategorie von „Klasse“ gemeint ist, die „Rassen“-Zuschreibungen, die ihrerseits wieder Folgen für das Klassenverhältnis und dessen Zusammensetzung haben. Anders ausgedrückt: Wer welche Klassenposition in der analytischen Bedeutung einnimmt, darüber entscheiden die gesellschaftlichen Zuschreibungen von „Rasse“, „Geschlecht“ und „Klasse“. Es handelt sich um zwei verschiedene Klassenbegriffe und „Klassismus“ bezieht sich auf den zuschreibend-diskriminierenden Begriff von „Klasse“ wie sich „Rassismus“ auf den zuschreibend-diskriminerenden Begriff von „Rasse“ bezieht. „Rasse“ und „Klasse“ in diesem Kontext beziehen sich auf Zuschreibungen, die ineinander übergehen, wenn sich beispielsweise die „Rassenhygiene“ gegen die weiße deutsche „Unterklasse“ wendet und diese „Unterklasse“ „plötzlich“ nicht mehr zur „arischen Rasse“ zählt.

 

2 Kommentare

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  1. Teodor Webin

    1. Warum hast du ein nicht-normatives Klassenverständnis und warum sollte ein solches denn nicht mit dem Marxismus vereinbar sein? Verstehen wir normative Wissenschaft als eine, die bestimmte Normen (und das können ja auch neue Normen im Rahmen einer neuen Moral sein), muss ein marxianisches Klassenverständnis normativ sein!
    2. Behauptest du hier gerade ernsthaft, dass es neben dem zuschreibenden Begriff „Rasse“ auch einen nicht-rassistischen analytischen Begriff von „Rasse“ geben könnte??? Eben nicht! „Rasse“ ist nur eine sprachliche Fremdzuschreibung, „Klasse“ ist ein reales soziales Verhältnis,

    • Andreas Kemper

      1. „Nicht-normativ“ bezieht sich auf den Kontext, in dem Christian Baron den Begriff benutzte. 2. „Rasse“ ist nicht nur eine sprachliche Fremdzuschreibung. Es wäre sonst nicht möglich, vom „Doppelten Bewusstsein“ zu sprechen, welches DuBois kritisch hervorhob.

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