AfD-Rhetorik oder Was ist Faschismus?

· Allgemein

In den letzten Tagen sind eine Reihe von gut recherchierten Büchern zur AfD erschienen, in denen versucht wird, die AfD politisch zu verorten (Häusler/Roeser: Die rechten „Mut“-Bürger, Friedrich: Der Aufstieg der AfD, Bebnowski: Die Alternative für Deutschland, Bednarz/Giesa: Deutschland dreht durch). Während dort der Faschismus-Begriff vermieden wird, bringen AfD-Politiker den Faschismus-Begriff selbst verstärkt in die politische Debatte. Im folgenden Artikel werde ich auf den Faschismus-Begriff eingehen, wie er von AfDlern benutzt wird, was davon zu halten ist und wie er – stattdessen – wissenschaftlich fundiert benutzt werden könnte. Anlass ist eine aktuelle Rede eines AfD-Mitgliedes.

Während einer MVgida-Demonstration, also einer Demo der Pegida in Mecklenburg-Vorpommern sprach Dr. Ludwig Flocken (AfD) von „Linksfaschisten“, der „schwarzroten Fahne der Linksfaschisten“. Die MVgida soll nach Erkenntnissen der taz von „NPD, rechte Hooligans und Freie Kameradschaften“ dominiert sein. Flockens Rede wurde von PI-News dokumentiert. In dieser Dokumentation wurden Nationalsozialisten als Sozialisten dargestellt durch die Schreibweise „NationalSozialisten“.

„Die Nazi-Diktatur war übrigens nicht rechts“

Es ist bereits seit langem in der AfD üblich, Nationalsozialisten mit Sozialisten gleichzusetzen. Bereits am 20.07.2013 teilte die AfD auf ihrer offiziellen Homepage mit:

„Sie wissen, dass Staufenberg ein Rechter war? Als einer der wenigen, die ihr Leben gegen die Nazi-Diktatur einsetzten? Die Nazi-Diktatur war übrigens nicht rechts. […] Wenn es einen Antifaschismus in Deutschland gab, dann waren es jene Widerständler.“

Auch die AfD-Berlin tweetete am 15.4.2014:

„DIE [Nationalsozialisten; A.K.] waren eher links als rechts. Heißen auch nicht umsonst Sozialisten.“

Genauso gut könnte man darauf verweisen, dass die NSDAP eine „Arbeiter-Partei“ gewesen sei. Das entspricht zwar nicht der Wahrheit, die NSDAP rekrutierte sich aus allen Teilen der Gesellschaft und sehr viel stärker aus dem Kleinbürgertum als aus der Arbeiterklasse, und vor allem der Adel war in den Führungskreisen der NSDAP überproportional vertreten, aber bereits damals wurde die NSDAP mit einer angeblichen „Proletarisierung“ der Gesellschaft gleichgesetzt. Die NSDAP betrieb als selbsternannte „Arbeiter-Partei“ übrigens eine „Entproletarisierung“. Es sollte nur noch eine organische ständisch-gegliederte Volksgemeinschaft geben mit „Arbeitern der Faust und Arbeitern der Stirn“. Mit marxistischem Klassenkampf hat dies sehr wenig zu tun. Die NSDAP wollte die Klassengesellschaft zur Stände-Gesellschaft zurückentwickeln, der Marxismus will die Klassengesellschaft auflösen.

In der Rede des AfDlers Flocken wird von „200 Linksfaschisten“ gesprochen, die am 1. Dezember in Dresden „einen Spaziergang von 8000 friedlichen Bürgern“ blockierten. Zum Hintergrund: Einige dieser sogenannten „Spaziergänger“ riefen mit bekannten Nazi-Parolen dazu auf, die „Multikultur“ „kaputt zu machen“, da diese „töte“. Die AfD Thüringen verbreitete diese Parolen unverhohlen auf ihrer offiziellen Website und sprach ganz dreist trotzdem ebenfalls von „Spaziergängern“. Ich berichtete darüber in meinem Beitrag AfD-Landtagsabgeordnete Muhsal macht sich ein Bild.

Muhsal 4

„Das System ist am Ende – wir sind die Wende“ war das Motto einer NPD-Kundgebung in Gießen. Hier in Dresden (Pegida-Demo) wird es passend ergänzt um „Multikultur tötet!“ und „Macht kaputt, was euch kaputt macht“. Foto auf der Homepage der AfD Thüringen.

Wer diese „Spaziergänge“ von „friedlichen Bürgern“ zu blockieren versuche, soll hingegen ein „Faschist“ sein.

Weiter behauptet Dr. Flocken, gerichtet an die AfD-Kritiker*innen: „Ihr seid die neue SA, gesteuert und bezahlt von unseren Steuergeldern aus dem Familienministerium; und weil seit einem Jahr auch Verfassungsfeinde im Auftrag der Regierung prügeln dürfen, heißt Ihr auch Leibstandarte Adolphine Schwesig.“ Auf die „Leibstandarte Adolf Hitler“ wird gleich noch einzugehen sein.

Noch ein weiteres Zitat aus der Rede von Dr. Flocke ist interessant: „Lest die Maobibel, Mein Kampf und den Koran, ihr findet jeweils ein wahnhaftes Gedankengebäude. Wer Eure Propaganda liest oder anhört, der findet ein Gedankengefängnis an politischer Korrektheit, und ein Ausmaß an Beschimpfungen, Unterstellungen und Lügen, das auch die genannten drei großen totalitären Ideologien selten hervorbrachten.“ Auch auf die Behauptung, „poltische Korrektheit“ sei ein „Totalitarismus“, der mit dem NS-Regime vergleichbar sei, werde ich noch eingehen. Doch der Reihe nach…

 „Linksfaschisten“, SA und „Leibstandarte Adolphine Schwesig“

Der Nationalsozialismus war nicht nur kein Sozialismus, er war überhaupt keine einheitliche Ideologie ohne Widersprüche. Es gab verschiedene Strömungen, die auch verschiedene Klassenfraktionen spiegelten. So galt die „Sturmabteilung“, die „SA“, die sich vorwiegend aus deklassierten Kleinbürgertum und Arbeitslosen rekrutierte, innerhalb der nationalsozialistischen Bewegung als links. Tatsächlich positionierte sich die SA aber vorwiegend gegen Sozialdemokrat*innen, Kommunist*innen, Anarchist*innen und Gewerkschaften, die sie überfiel, mit denen sie sich Straßenschlachten lieferte und die nach der Machtergreifung der Nazis auch die ersten Opfer der SA wurden. Wenn die SA von einer „zweiten Revolution“ sprach, so waren damit tatsächlich die Hoffnungen des verarmten Kleinbürgertums nach einer größeren Umverteilung gemeint. Wenn im Umfeld der SA oder von Gregor Strasser jedoch von Forderungen nach einem „völkischen Sozialismus“ oder einem „nationalen Sozialismus“ gesprochen wurde, so hatte das nichts mit dem Sozialismus gemein, den wir heute kennen. Strasser sprach sich gegen eine Verstaatlichung der Industrie, gegen eine Verstaatlichung des Handels und gegen eine Planwirtschaft im Sinne der Sowjetunion aus. Es gab in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts Vorstellungen von einem Sozialismus, der konkret gegen den Marxismus gewand war. Selbst Oswald Spengler, der Inbegriff des Konservativismus, hatte ein Buch zum „Preußischen Sozialismus“ verfasst.

Neben der innerhalb des NS-Regimes als „links“ geltende SA gab es auch konservative Kreise, die die Interessen der Gutverdienenden vertraten und ein Durchgreifen gegen die SA forderten. Im Juni 1934 ging Hitler dann tatsächlich gegen die SA vor und ließ den SA-Führer Röhm und weiteres SA-Führungspersonal erschießen. Zuständig für die Operation war die „Leibstandarte Adolf Hitler“. Wie verdreht der Beitrag von Dr. Flocke ist, zeigt sich schon am tatsächlichen Verhältnis von Leibstandarte und SA: Die Leibstandarte hat die SA nicht finanziert sondern vernichtet. Organisiert wurde die Erschießung des Führungspersonals übrigens von Josias zu Waldeck und Pyrmont, Ehemann von Altburg Marie Mathilde Herzogin von Oldenburg, einer Verwandten der AfD-Spitzenpolitikerin Beatrix von Storch, geborene Beatrix Herzogin von Oldenburg. Es kann also in der AfD nicht an fehlenden Geschichtskenntnissen liegen, wenn von „Linksfaschisten“ bzw. „linker SA“ (u.a. in den Kommentarspalten von von Storchs Internetblog „Freie Welt“) die Rede ist. Oder genauer ausgedrückt: Wenn von „linker SA“ geredet wird, dann befindet man sich in der Tradition der Nationalsozialisten, die sich damals rechts von der SA positionierten. Nachdem die SA die Linke in Deutschland durch Gewalt und Terror vor allem nach der Machtübernahme quasi „ausgeschaltet“ hatte, galt es nun, die SA zu entfernen, weil selbst diese als noch zu links betrachtet wurde.

Die „Herrschaft der Minderwertigen“ durch „direkte Demokratie“ verhindern

Doch auch einzelne Vertreter konservativ-faschistischer Kreise wurden im Juni 1934 „ausgeschaltet“. Der Vizekanzler Franz von Papen hielt kurz zuvor eine Rede, die letzte Rede, in der Hitler und sein Machtapparat öffentlich kritisiert wurden. Im Gegensatz zu Röhm wurde von Papen jedoch nicht ermordet, sondern lediglich versetzt. Sein Redenschreiber, Edgar Julius Jung, wollte nicht wie die SA oder Gregor Strasser eine soziale Umverteilung im Ständestaat, sondern mit einer „konservativen Revolution“ deutlich elitärere Ziele durchsetzen. Jung war einer der wichtigsten Vertreter der Bewegung der Konservativen Revolution, bzw. der Jungkonservativen. Er hatte 1927 das Buch „Die Herrschaft der Minderwertigen. Ihr Zerfall und ihre Ablösung“ verfasst. Aber auch Jung wurde (unter anderem aufgrund seiner Kritik an Goebbels in der Papen-Rede) während der „Säuberungsaktion“ gegen Röhm und Strasser ebenfalls ermordet.

An dieser Stelle möchte ich kurz einen Teil der sogenannten „Marburger Rede“ von Franz von Papen zitieren:

„Neben dem Erfordernis eines Herrschaftsprinzips aus höherer Verantwortung und überpersönlicher Dauer steht — sich gegenseitig bedingend — die Notwendigkeit der Stiftung einer neuen sozialen Ordnung. Das Gefühl ihrer Notwendigkeit bewegt alle europäischen Völker, welche die gewaltigen Veränderungen der Industrialisierung, der Verstädterung, der Technisierung und der Kapitalisierung durchgemacht haben. Daß diese Sehnsucht nach sozialer Neuordnung insbesondere im Faschismus und Nationalsozialismus lebt, braucht nicht besonders betont zu werden. Andererseits aber erkennen wir, wie ungemein schwierig es ist, Masse, die den Zusammenhang mit Blut und Boden verlor, wieder in Volk zurückzuverwandeln, da doch die gesunden ständischen Bindungen und Rangordnungen im liberalen Zeitalter verlorengegangen sind. Der Nationalsozialismus legt deshalb entscheidenden Wert darauf, die Seele dieser Massen zunächst für Volk und Staat zurückzugewinnen. Dies geschieht in der Hauptsache durch Erziehung, Zucht und Propaganda. Das nationalsozialistische System erfüllt somit zunächst die Aufgabe, zu welcher der Parlamentarismus zu schwach geworden war: den unmittelbaren Kontakt mit den Massen wieder herzustellen. Es ist so eine Art von direkter Demokratie entstanden, der es gelungen ist, die dem Staat entgleitenden Massen wieder zu gewinnen. Hinter dieser zeitbedingten Notwendigkeit steht aber als revolutionäres Ziel ein viel größeres: die Stiftung einer sozialen Ordnung, die auf gemeingültigen organischen Formen beruht und nicht nur auf einer geschickten Beherrschung der Masse. Während die Französische Revolution im Parlament und im allgemeinen Wahlrecht grundlegende Formen schuf, muß es das Ziel der konservativen Revolutionen sein, durch organisch ständischen Aufbau zu solch allgemeinen gültigen Prinzipien vorzustoßen. Die Vorherrschaft einer einzigen Partei an Stelle des mit Recht verschwundenen Mehr-Parteiensystems erscheint mir geschichtlich als ein Übergangszustand, der nur so lange Berechtigung hat, als es die Sicherung des Umbruchs verlangt und bis die neue personelle Auslese in Funktion tritt.
Denn die Logik der antiliberalen Entwicklung verlangt das Prinzip einer organischen politischen Willensbildung, die auf Freiwilligkeit aller Volksteile beruht. Nur organische Bindungen überwinden die Partei und schaffen jene freiheitliche Volksgemeinschaft, die am Ende dieser Revolution stehen muß.“

Franz von Papen (bzw. Edgar Julius Jung) habe ich hier so umfangreich zu Wort kommen lassen, um vor einer neuen faschistischen Entwicklung zu warnen, die in der AfD entstehen könnte. Konkret ist hier der Landesverband Thüringen der AfD, bzw. dessen Sprecher Björn Höcke gemeint.

Kennzeichen einer faschistischen Ideologie

Während Dr. Ludwig Flocken auf einer MVgida-Demonstration den Faschismus als aktuelle Gefahr von links ausmachen will, nutzte Götz Kubitschek die Legida-Demonstration in Leipzig dazu, die nationalsozialistischen Verbrechen zu relativieren. Während seiner völkischen Rede skandierte die Menge „Deutschland! Deutschland!“ und in Richtung SPD: „Volksverräter!“ Heute wird er neben der AfDlerin Tatjana Festerling, die für ihre HOGESA-Unterstützung bekannt wurde, in Dresden sprechen. Zudem sind zwei weitere „Überraschungen“ geplant.

Götz Kubitschek gab während eines Interviews in der Sezession mit Björn Höcke bekannt, diesen schon länger zu kennen. Er duzte ihn auch entsprechend. Höcke bedient sich der gleichen Sprache wie Kubitschek. Auch in der Gesellschaftsanalyse und in der Vorstellung der politischen Utopie scheint es keine großen Unterschiede zu geben. Hört man Kubitschek und Höcke länger zu, wähnt man sich zurückversetzt in die elitären Zirkel der jungkonservativen „Konservativen Revolution“. Tatsächlich hat die fundamentalistische Neue Rechte, zu der sich Götz Kubitschek zählt, ganz offen ihre ideologischen Wurzeln in diesen Kreisen. Und Höcke ist ideologisch ganz deutlich zu dieser fundamentalistischen Neuen Rechten zu zählen.

Ich würde daher gerne auf Faschismus-Definitionen zurückgreifen, die von dumpfen Diffamierungen (Sitzblockade = Linksfaschismus) absehen und einen objektiveren Zugang erlauben. Wenn wir nicht einfach Faschismus als eine ideologische Bewegung einer vergangenen Zeit betrachten, sondern als eine Ideologie, die auch heute noch präsent sein könnte, dann müssten sich Kernelemente einer Faschismus-Ideologie herausarbeiten lassen, mit denen eine Zuordnung aktueller politischer Ideologien zum Faschismus möglich wäre. Wie hier deutlich wird, beschränke ich mich auf die faschistische Ideologie. Man kann darüber streiten, ob jemand ein Faschist ist, wenn er eine faschistische Weltanschauung hat, oder ob dazu nicht auch noch eine sozialpsychologische Disposition gehört.

Eine  klare Definition der faschistischen Ideologie liefert Matthew N. Lyons:

„Faschismus ist eine Form rechtsextremer Ideologie, die die Nation oder Rasse als organische Gemeinschaft, die alle anderen Loyalitäten übersteigt, verherrlicht. Er betont einen Mythos von nationaler oder rassischer Wiedergeburt nach einer Periode des Niedergangs und Zerfalls. Zu diesem Zweck ruft Faschismus nach einer ‚spirituellen Revolution‘ gegen Zeichen des moralischen Niedergangs wie Individualismus und Materialismus und zielt darauf, die organische Gemeinschaft von ‘andersartigen’ Kräften und Gruppen, die sie bedrohen, zu reinigen.“

Beziehen wir diese Definition auf den Text von Franz von Papen / Edgar Julius Jung, so werden die faschistischen Bezüge deutlich: Die Rede von der „organischen Gemeinschaft“, die Forderung nach einer nationalen Wiedergeburt, der „moralische Verfall“ durch die Verstädterung… Von Papens/ Jungs Rede ist ein idealtypisches Beispiel für faschistische Ideologie.

Der Faschismusforscher Roger Griffin brachte Lyons Definition noch deutlicher auf den Punkt. Faschismus ist die Kombination eines Ultranationalismus mit einer Ideologie der nationalen Neu- bzw. Wiedergeburt. Er bezeichnet den Faschismus als „palingenetischen Ultranationalismus“. Palingenese meint Wieder (Palin) – Geburt (Genese), was Ultranationalismus ist, erklärt sich von selbst. Zum Beispiel, wenn ein Politiker für ein Konglomerat von Ansichten einsteht, welches zusammengenommen ein ultranationales Weltbild ergibt: der Islam sei ihm „wesensfremd“; die „ethnokulturelle Diversität“ müsse aufrecht erhalten werden; Preußen sei ein „ewiger Wert“; Integration reiche nicht, Ausländer müssten sich „assimilieren“, wer sich nicht assimilieren ließe, habe sofort das Land zu verlassen; gegen das globale Zinskapital sei eine „organische Martkwirtschaft“ einzurichten; Deutschland sei kein Einwanderungsland, sondern organisch gewachsen; etc.

Björn Höcke – ein palingenetischer Ultranationalist?

Die obigen Zitate sind von Björn Höcke, der als Landesfraktionschef der AfD in Thüringen und Sprecher des Landesverbandes der AfD in Thüringen durchaus ernst genommen werden sollte. Seine ultranationalistischen Sprüche sind inzwischen auf verschiedenen Internetseiten dokumentiert worden. Vertritt aber Höcke auch eine palingenetische Theorie? Einiges deutet darauf hin. Griffin hatte vor über zehn Jahren Begriffe wie „Dekadenz“, „Verfall“ oder „Degeneration“ als Kennzeichen eines palingenetischen Ultranationalismus ausgemacht. Und Höcke spricht sehr deutlich aus, dass Deutschland durch ein tiefes Tal gehen müsse, bevor es sich von seiner siebzigjährigen Neurose befreit habe und wieder es selbst werden würde.

Ich lasse diese Frage nach einem palingenetischen Ultranationalismus Höckes an dieser Stelle offen. Es sollte deutlich geworden sein, dass nicht die linken Kritiker*innen der AfD „Linksfaschisten“ sind, sondern wenn der Begriff Faschismus heute einen Sinn macht, dann müsste man sich genauer die jungkonservativen Ideologen in der AfD genauer anschauen.

Weiter oben hatte ich einen Punkt aus der Rede von Dr. Ulrich Flocken nicht behandelt und angemerkt, dieses später zu tun. Flocken behauptete: „Wer Eure Propaganda liest oder anhört, der findet ein Gedankengefängnis an politischer Korrektheit, und ein Ausmaß an Beschimpfungen, Unterstellungen und Lügen, das auch die genannten drei großen totalitären Ideologien selten hervorbrachten.“ Mit den „drei großen totalitären Ideologien“ meinte er Maoismus, Nationalsozialismus und Islam. Eigentlich sprach die Totalitarismus-Theorie von zwei totalitären Ideologien, den Nationalsozialimus und den Stalinismus bzw. Kommunismus. Geschichtsrevisionistische Ideologien versuchen immer wieder den Nationalsozialismus zu relativieren, indem dieser mit dem Kommunismus gleichgestellt wird. Björn Höcke hatte vor wenigen Tagen genau diese Relativierung bezweckt, als er mit der Kranzniederlegung in Buchenwald implizit auch den Nazis gedenken wollte, die später im Speziallager umkamen. Der Leiter der Gedenkstätte wies dies mit deutlichen Worten zurück. Diese geschichtsrevisionistische Szene, zu der Höcke zählt, versucht wie sein AfD-Kollege Flocken einen neuen Totalitarismus an die Wand zu malen: die sogenannte politische Korrektheit. Dieses „Gedankengefängnis“ sei genauso schlimm wie die „anderen Totalitarismen“ Stalinismus und Nationalsozialismus, ja vielleicht sogar schlimmer. Zur sogenannten „politischen Korrektheit“ gehört nicht nur, dass man „bestimmte Dinge“ über den Nationalsozialismus nicht mehr sagen dürfe, sondern auch die Antidiskriminierungspolitik und Emanzipationsbewegung, vor allem der sogenannte „Gender-Wahn“ bzw. „Genderismus“ bzw. „Gendermainstream“.

Der Lehrer Björn Höcke sieht die Mission der AfD darin, diesen „dritten Totalitarismus“, die „politische Korrektheit“, „abzuräumen“, die „Geisterkrankheit Gendermainstream“ aus den Schulen und Universitäten zu „vertreiben“. Emanzipatorische Bewegungen mit dem Nationalsozialismus auf eine Stufe zu stellen, diese als einen Totalitarismus darzustellen, der wie eine parasitäre Krankheit („Mehltau“) den Keimzellen der Nation (klassische Familien als „natürliche“ Geschlechterordnung) das Leben entziehe, ist bereits eine Verdrehung und Verharmlosung zugleich. Das Versprechen der „Vertreibung“ emanzipatorischer Bestrebungen sollte man sich mit ausreichender Phantasie ausmalen, um erkennen zu können, auf welche historische Mission Björn Höcke sich begeben will. Was soll es heißen, wenn die Neue Rechte heute nicht mehr wie die Nazis vom „Krebsgeschwür“ sprechen, von dem das organisch gewachsene Volk befreit werden solle, sondern vom „Mehltau“, welches zellulär den Organismus angreift, oder  von der „Geisteskrankheit“ der „Perversen“? Wie müssen wir uns das vorstellen, wenn Politische Korrektheit verschwörungsideologisch ein „Totalitarismus“ sein soll, so schlimm wie Nationalsozialismus und Stalinismus oder gar schlimmer? Was heißt das für die angestrebte politische Praxis derjenigen, die diese Ideologie eines vermeintlichen „PC-Totalitarismus“ als „Mehltau“ nicht nur verbreiten, sondern geradezu einhämmern?

13 Kommentare

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  1. Postmarke (@Postmarke)

    http://www.hoeckefon.de/ brachte mir manche unterhaltsame Momente

  2. J. G.

    Leider sind Ihnen in Ihrem Artikel einige kapitale Irrtümer unterlaufen, die ich nicht so stehen lassen kann:

    1) Der Nationalsozialismus war selbstverständlich eine Form des Sozialismus und das ist auch überhaupt keine Meinungsfrage, sondern ein trivialer Fakt. Es ist nämlich für die Frage, ob ein Staat sozialistisch ist oder nicht, völlig irrelevant, welche Reden Politiker dort gehalten, welche politischen Gruppen sich aus welchen Kreisen rekrutiert haben und wie man dort den Sozialismus fand. Entscheidend ist allein die Organisation der Wirtschaft und Gesellschaft diese war ganz klar sozialistisch – wer sollte das angesichts der 4-Jahrespläne, Kriegswirtschaft und staatlich gelenkten Kultur bestreiten können? Aber auch auf ideologischer Ebene war der Nationalsozialismus antikapitalistisch, da man im Kapitalismus (und dem damit verbundenen Liberalismus) eine Spielart des Judentums sah.

    Der Grundfehler ihrer Argumentation ist hier, dass sie den Sozialismus mit dem Marxismus verwechseln, obwohl doch bereits Marx selbst desöfteren auf ältere Vorstellungen vom Sozialismus verwies und abweichende sozialistische Ideen von Zeitgenossen kritisierte, dieser Begriff also auch von ihm und seiner Ideologie völlig unabhängig existiert.
    Der Begriff des Sozialismus ist insbesondere auch von etwaigen Ideen über die Stellung der Arbeiterklasse unabhängig, so dass es für diese Frage nicht relevant ist, welche Rolle die Nationalsozialisten für die Arbeiterklasse vorgesehen hatten.

    Und selbst wenn man sich eher nach nachzeitlichen Vorstellungen von Sozialismus richtet, sei angemerkt, dass die Umgestaltung des Wirtschaftslebens (etwa die Einführung von „Arbeitsführern“ in Betrieben oder die gleichgeschalteten Gewerkschaften) wohl eher an diesen erinnern als an kapitalistische Vorstellungen.
    2) Sie behaupten, es sei ein Zeichen von Geschichtsrevisionismus, wenn man den Nationalsozialismus mit dem Kommunismus gleichsetzt. Aber „Geschichtsrevisionismus“ bedeutet, dass man versucht, anerkannte historische Fakten umzudeuten.
    Allerdings handelt es sich bei der Bewertung der Frage, welche der beiden historischen Erscheinungen schlimmer gewesen soll, nicht um einen Fakt, sondern eben um ein subjektives Werturteil. Und selbst wenn es eine reine Faktenfrage wäre, wäre ihr Vorwurf imme rnoch haltlos, weil es dazu keinen internationalen Konsens gibt. Historiker in Polen oder der Ukraine werden das naturgemäß anders sehen als Historiker in Israel. Die Totalitarismustheorie wurde übrigens noch nie als „revisionistisch“ angesehen, sondern war immer eine seriöse akademische Position, die auch von wenig „rechtsverdächtigen“ Autoren wie Hannah Arendt geprägt wurde.
    3) Nachdem Sie oben schon beim Nationalsozialismus erkannt hatten, dass dieser keine einheitliche Ideologie war, ist verwunderlich, wieso sie das beim Faschismus nicht tun. Bennito Mussolino war bekanntermaßen kurze Zeit vor der Gründung der faschistischen Partei radikaler Sozialist und Atheist. Kurze Zeit später behauptete er dann, der größte Freund der Kirche in der Geschichte der Menschheit und Nationalist zu sein, weil er in der sozialistischen Bewegung für sich keine Zukunft mehr sah. Sein politisches Handeln war nüchtern betrachtet wenig von Ideologie geprägt, sondern eher von einem imperialistischen Streben. Insbesondere änderte er das faschistische Weltbild ständig, so dass einmal die Japaner die „gelbe Gefahr“ waren und dann kurze Zeit später die natürlichen Verbündeten des Faschismus. Einen besonderen Rassismus, der über das damals übliche in der westlichen Welt hinausging, gab es im faschistischen Italien nicht, bevor die Deutschen die Kontrolle übernommen hatte.

    Man könnte also sagen, dass es so etwas wie eine „faschistische Ideologie“ eigentlich gar nicht gibt und das meiste, was heute als solche bezeichnet wird, auf wenig erhellende Faschismustheorien der KPD aus den 30ern (die übrigens in ihrer antisemitischen Propaganda in Deutschland mit den Nationalsozialisten durchaus mithalten konnte) und die rhetorische Verbindung von Nationalsozialismus und Faschismus durch Hitler zurückgeht.

    Was es allerdings bei allem gab, was in dieser Zeit als faschistisch bezeichnet wurde, waren gewisse unorthodoxe Methoden, wozu z.B. die Bekämpfung politischer Gegner durch Gewalt und Terror sowie die allgemeine ideologische Verheerlichung von Gewalt gehören.

    Und eben diese Merkmale findet man heute auch bei der Antifa. Es wird ja nun von Antifaseite gar nicht bestritten, dass man dort Gewalt als legitimes Mittel zur Bekämpfung von selbst definierten „Rechten“ gutheißt, was sich auch in der praktischen Arbeit widerspiegelt. Dass diese Leute regelmäßig Wahlstände der AfD demolieren, ist auch unbestritten.
    Insofern ist es sicherlich intellektuell redlich, eine Parallele zum Faschismus zu ziehen, wo gerade diese Menschen ihn absolut jedem um die Ohren hauen, der ihre Weltanschauung nicht teilt.

    4) Inwiefern die Gender-Ideologie „emanzipatorisch“ sein soll, wäre auch noch zu klären. Ich sehe in dieser Bewegung eher eine religiöse Sekte, deren Argumentationsstrategien mehr an den voraufklärerischen Mystizismus erinnern, als eine Wissenschaft.
    Sie ist also so „emanzipatorisch“, wie die Homöopathielobby emanzipatorisch ist oder die Anti-Impf-Bewegung. Geboten wird bei allen dreien eine vermeintlich revolutionäre und freiheitliche Weltanschauung, die sich durch die völlige Ablehnung gängiger wissenschaftlicher Methoden auszeichnet – vor allem naturwissenschaftlicher.

    • Andreas Kemper

      1. Ich hatte ja bereits gesagt, dass es rechts-konservative Vorstellungen von einem „Preußischen Sozialismus“ gegeben hatte. Heute aber wird Sozialismus als Gegenmodell zum Kapitalismus verstanden. Dabei wird Sozialismus als „links“ eingeordnet, mit der Schreibweise National-Sozialismus soll ja gerade suggeriert werden, dass der NS-Staat links und nicht rechts gewesen sei. Das ist natürlich Unsinn. Insofern war der NS-Staat natürlich nicht sozialistisch, denn er basierte ja weiterhin auf einem kapitalistischen ökonomischen Modell. Und er vertrat explizit rechtsextreme Positionen. Oder wollen Sie behaupten, dass es im NS-Staat keinen Privatbesitz an Unternehmen, an Kapital mehr gab?
      2. Mit „Totalitarismus“ wurde ursprünglich die faschistische Ordnung bezeichnet. Dies wurde immer weiter aufgeweicht. Die Geschichtsrevisionist*innen müssen einige Fakten umdeuten, um Kommunismus als mindestens genauso schlimm darzustellen wie den Nationalsozialismus. Sie bezeichnen dann beides im Rahmen dieser Umdeutungen und Verdrehungen als Totalitarismen. Damit soll nicht gesagt sein, dass jede*r, der*die von Totalitarismen spricht auch ein*e Geschichtsrevisionist*in sei. Heute wird von diesen Geschichtsrevisionist*innen noch ein weiterer „Totalitarismus“ hinzugenommen, in dem behauptet wird, dass PC ein Totalitarismus sei, schlimmer als das NS-Regime.
      3. Es wurde auch nie behauptet, dass Faschismus eine einheitliche Ideologie gewesen sei. Er ist nach Roger Griffin ein „Idealtypus“ nach Max Weber. Verschiedene faschistische Ideologien haben einen gemeinsamen Kern. Und dieser Kern ist nicht Gewalt und Terror, sondern „palingenetischer Ultranationalismus“, der allerdings oftmals von Gewalt und Terror begleitet wird.
      4. Der Feminismus ist eine der wichtigsten Emanzipationsbewegungen des 20. Jahrhunderts gewesen. Es gibt keine „Gender-Ideologie“ oder „Genderismus“. Eine Kernaussage des Feminismus ist immer schon gewesen, dass man bspw. nicht als Mädchen geboren, sondern zum Mädchen gemacht wird, dass also Sex und Gender zu unterscheiden sei. Als Frauen vor einhundert Jahren in Europa und den USA anfingen, Hosen zu tragen, war dies bereits ein Ablegen von aufgezwungenen äußeren Geschlechtsmerkmalen, eine Transgender-Praxis. Und es ist natürlich ein emanzipatorischer Akt, sich einer aufgezwungenen Kleiderordnung zu entziehen. Männer haben diese Emanzipation im Großen und Ganzen noch vor sich.

  3. Rolf Steiner

    Dass die Nazis Sozialisten waren, ist eine bekannte, aber durch und durch verkommene Lüge. Wahr ist, dass das Großkapital sehr früh mit den Nazis zusammenarbeitete. Wahr ist, dass die Arbeiter zwar Arbeit, aber auf niedrigstem Lohnniveau hatten, vor allem, um die militärische Aufrüstung zu ermöglichen. Wahr ist, dass Leute wie Krupp, Thyssen u.a. mit einem gewachsenen Vermögen nach dem 2. Weltkrieg hervorragend weg kamen, während die unteren Schichten in ganz Europa die Leidtragenden waren. Doch das ficht die Rechtsradikalen ja kaum an, wenn sie uns ihren „Sozialismus“ schon wieder vorgaukeln wollen. Sie glauben selbst an ihre erbärmlichen Lügen.

    • Andreas Kemper

      Danke für die klaren Worte.

  4. J. G.

    1) Dass der Begriff des Sozialismus zwangsläufig „links“ ist, stimmt wie gesagt nicht – bei den Autoren der „Neuen Rechten“ gibt es von der Nachkriegszeit bis heute sozialistische Vorstellungen (Stichwort „Völkischer Sozialismus“). Früher gab es zwar den Begriff des „Kapitalismus“ nicht, ein diesem entgegengesetzer Entwurf war der Sozialismus aber schon immer.
    Ich denke, wir müssen hier die Begrifflichkeiten etwas klar stellen. Weder in der marxschen Theorie noch in einer anderen, die mir bekannt wäre, wird der Privatbesitz an Unternehmen oder Kapital, den Sie anführen, zur Definition des Sozialismus verwendet.
    Bei Marx definiert sich der Kapitalismus über das Privateigentum (zwischen Eigentum und Besitz besteht ein wichtiger begrifflicher Unterschied) an Produktionsmitteln – nicht an Kapital. Als Grundlage der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft sieht Marx die bürgerlichen Freiheitsrechte, allen voran das Eigentumsrecht.

    Daran gemessen war der Nationalsozialismus kein kapitalistisches System, da wie gesagt keine freie Marktwirtschaft bestand, sondern eine staatlich gelenkte Wirtschaft (basierend auf den 4-Jahres Plänen) , und auch kein gegenüber dem Staat durchsetzbares Recht am Privateigentum. Vielmehr wurde Menschen ihr Eigentum einfach entzogen, wenn sie sich nicht an die Vorstellungen der nationalsozialistischen Machthaber hielten und sie wurden im schlimmsten Fall in ein Konzentrationslager verschleppt.
    Wenn man diese Situation nach dem Modell des orthodoxen Marxismus einordnen würde, hätte man den als Begriff den Staatssozialismus, nicht den des Kapitalismus.
    Natürlich behauptet niemand, dass der Nationalsozialismus eine Umsetzung der von Marx entwickelten sozialistischen Idealvorstellung ist, aber es ist und bleibt eine Form von Sozialismus. Natürlich gefällt es Leuten nicht, die heute den Sozialismus fordern, dass auch der Nationalsozialismus oder die Sowjetunion sozialistisch waren, aber hier finden sie sich eben in der gleichen Situation wie Katholiken mit der Inquisition wieder. Auch diese können nicht einfach behaupten, die Inquisition sei eigentlich eine Form des Atheismus gewesen.

    2) Welche Fakten meinen Sie? Die absoluten Opferzahlen sind allein für den chinesischen Kommunismus größer als die von Hitler und Stalin zusammen. Die Ideologien sind wie erwähnt sehr ähnlich (sozialistisch organisierte Wirtschaft, Weltherrschaftsanspruch, totale Negation aller bürgerlichen Rechte, systematische Vernichtung aller unerwünschten Gruppen, gezielte Lenkung der Massen durch Propaganda, Antisemitismus usw.) und die Methoden unterscheiden sich nur oberflächlich. Man kann hier also sehr gut begründet beides gleichsetzen. Natürlich ist auch die gegenteilige Meinung vertretbar, aber der Vorwurf des „Geschichtsrevisionismus“ ist unseriös.

    3) Man könnte auch hier mal in medias res gehen: Wo unterscheiden sich Antifa-Mitglieder, die regelmäßig politische Gegner verprügeln, von Mussolinis Schwarzhemden, die regelmäßig politische Gegner verprügeln? Durch ihre edle Gesinnung?

    4) Diese These scheint mir wenig empirischen Rückhalt zu haben. Stellen Sie sich mal vor, die durchschnittliche Frau würde heute im konservative anmutenden Kostüm außerhalb des beruflichen Kontextes auftreten, wie das bis in die 1950er Jahre noch üblich war.
    Glauben sie nicht auch, dass die meisten Menschen darauf eher negativ reagieren würden („Spießig“, „Altmodisch“, „Gestrig“, usw)? Soll heißen: Mit Freiheit oder Emanzipation hat das nichts zu tun, es wurde nur ein Kleidungsstück durch ein anderes ausgetauscht.
    Genauso wird es mit der vermeintlichen Toleranz ihrer linksgesinnten Freunde auch ganz schnell vorbei sein, wenn sie im maßgeschneiderten Anzug mit Weste und Einstecktuch dort aufkreuzen.

    • Andreas Kemper

      1. Nach Marx ist Kapitalismus eine ökonomische Struktur einer Gesellschaft. Diese geht oftmals einher mit einer bürgerlichen Gesellschaft. In Deutschland bspw. aber nicht, dort entwickelte sich der Kapitalismus als ökonomische Struktur in einer nicht-bürgerlichen Gesellschaft, sondern in einer Gesellschaft, in der es bis 1918 noch das Kaiserreich gab und die ostelbischen Junker das Sagen hatten. Ebenso war das NS-Regime keine bürgerliche Gesellschaft, sondern eine faschistische Gesellschaft, sie hatte aber sehr wohl eine kapitalistische Grundstruktur. Hierauf hatte Rolf Steiner in seinem Kommentar aufmerksam gemacht. Eine antikapitalistische Entwicklung, wie sie Strasser oder Teilen der SA vorschwebten, wurde nicht zugelassen. Auch Feder konnte sich nicht durchsetzen. Dieses Regemie war also weder von seiner gesellschaftlichen Verfasstheit noch von seiner ökonomischen Struktur sozialistisch. Trotz der Zwangsarbeiten im NS-Staat war die Masse der Arbeitenden im marxschen Sinne „doppelt frei“ und die überwiegende Mehrheit von Unternehmen nicht verstaatlicht. Neumann bezeichnete daher die ökonomische Struktur des NS-Regimes als „totalitären Monopolkapitalismus“.

      2. Wenn man die „absoluten Opferzahlen“ nimmt… Genau das meinte ich mit Relativismus der NS-Verbrechen. Genausogut könnte man dann die Kindersterblichkeit in Indien mit den Vernichtungslagern des NS-Regimes vergleichen, um dann unschuldig in den Raum zu werfen, ob die akutelle Regierung in Indien nicht Ähnlichkeit mit dem Nazi-Regime hat. Auschwitz ist aber weder mit der chinesischen Kulturrevolution noch mit der Kindersterblichkeit in Indien vergleichbar.

      3. Wieviel Menschen wurden in den letzten Jahren von Rechtsextremisten in Deutschland ermordet? Und wieviele von der Antifa? Fällt Ihnen etwas auf? Sie könnten genauso gut den KuKluxKlan mit der Back-Panther-Bewegung vergleichen. Aber selbst das würde ich Ihnen nach der Logik Ihrer Argumentation tatsächlich zutrauen.

      4. Kompletter Unsinn. Es war den Frauen verboten, Hosen zu tragen. Es mussten dafür Sondergenehmigungen eingeholt werden. Heute haben Frauen durchgesetzt, alle möglichen Kleidungsstücke tragen zu dürfen. Eine Frau vor hundert Jahren, die in Mitteleuropa eine Hose trug, war Transgender. Heute interessiert es in der Regel nicht mehr.

  5. Rolf Steiner

    J. G. >>>> „Wo unterscheiden sich Antifa-Mitglieder, die regelmäßig politische Gegner verprügeln, von Mussolinis Schwarzhemden, die regelmäßig politische Gegner verprügeln? Durch ihre edle Gesinnung?“

    Weshalb wird nicht der durch und durch rassistisch verkommene NSU erwähnt. Oder der berüchtigte „Thüringer Heimatschmutz“? Aus dessen Personal die Mörder um diese Beate Zschäpe unter Mitwirkung des NPD-Vormannes Ralf Wohlleben sich entwickeln durften und von einer Horde von Verharmlosern des Nazi-Terrors bis heute unterstützt werden.

    Was für eine biedere Verharmlosung und viel zu billiger Vergleich, auf die damals schon moralisch verwahrlosten „Schwarzhemden“ des Nazi-Komplizen Mussolini hinzuweisen, wenn bei uns in Deutschland seit 1989 mehr als 180 Menschen durch Rechtsextreme ermordet wurden, die NSU-Opfer noch nicht mitgerechnet.

  6. Grundsätzlich halte ich politisch motivierte Gewalt für unerträglich. Was die ANTIFA an Gewaltbereitschaft vorlebt und auch ausübt, wird nicht akzeptiert. Das Ordnungskräfte des Staates dann dem linken Politholigans Grenzen aufzeigen muß, wird von Ihnen Herr Kemper kritisch gesehen ? Oder finden Sie diese Sachbeschädigungen am Eigentum von Kleinunternehmern (Kiosk, Tankstellenbetreiber, PKW Besitzern) als legitime Meinungsfreiheit ?

    Aber es kommt noch ein Sachverhalt, den die ANTIFA nicht bedenkt. Wenn bei Veranstaltungen der AfD oder anderen Parteien, gestört wird, dies mit Geschrei oder Wurfgeschossen am Eingang, wir verhindert, dass ich die Besucher ein objektives Bild machen von den Rednern.

    Automatisch wird ein Gastgeber als Opfer erkannt und dieser nutzt Opferrolle aus. Mit der Folge, dass Mitleid, ja auch Verständnis aufkeimt. Hinzu kommt noch der Medien PR für diese Partei, Medien die über Krawalle berichten, so dass auch noch die nicht anwesenden Wähler, die Gewalt ablehnen, diese ANTIFA Gewaltbereitschaft ablehnen, so eine (Opfer)Partei wählt.

    Hingegen finde ich enien Blog wie Ihren richtig. Sich sachlich mit den Themen zu beschäftigen, wobei einige Ihrer Thesen aus einer „Arbeiterklasse“ Perspektive aufgebaut sind für eine bessere soziale Gesellschaft. Dies ist nicht negativ. Teilen muß man nicht jeden Wunsch, aber überdenken.

    Was ich nicht verstehe, warum man aus diesem Hilfsarbeiter Hitler und seinen Anhängern solche Monster macht ? Es waren erbärmliche asoziale und psychisch kranke Massenmörder. Nicht mehr und nicht weniger, Würmer, die 15 Jahre diese Staat terrorisiert haben mit unsäglichem sozialen, seelischen und wirtschaftlichen Schaden.

    Höcke und Bachmann oder wie die alle heißen, sollte man, wie Sie es hier machen, mit Argumenten widersprechen, ja evtl. auch mit Protest vor Ort, aber ohne Gewalt.

  7. Weltmensch07

    Die AFD ist eine antisoziale , pro-kapitalistische Partei die auf dem Boden der Reaktion steht und Hetze gegen Minderheiten betreibt. Eine solche Partei ist für mich unwählbar. Deren Agitation richtet sich gegen den gesellschaftlichen Fortschritt. Mit dem Parteiprogramm und mit dem was deren Funktionäre propagieren hat diese Partei ihre neoliberale Fratze offenbart.

    Die AfD will die Arbeitslosenversicherung privatisieren und den Arbeitgeberanteil abschaffen – sie will die Lebensarbeitszeit verlängern – sie will Gewerbe- und Erbschaftssteuer abschaffen – sie will Alleinerziehende benachteiligen.

    „Unser Beitrag liegt zudem in der mittelstandsfreundlichen Reform der Sozialsysteme, zum Beispiel durch den Wegfall des Arbeitgeberbeitrags für ALG I.“ „Wir wollen das Arbeitslosengeld I privatisieren. Arbeitnehmern steht dann der Weg offen, mit eigenen und individuell maßgeschneiderten Lösungen für den Fall der Arbeitslosigkeit vorzusorgen. Dabei können private Versicherungsangebote ebenso eine Rolle spielen wie die Familie oder der Verzicht auf Absicherung zugunsten des schnelleren Aufbaus von Ersparnissen.“

    „Die Lebensarbeitszeit wollen wir parallel zum Anstieg der Lebenserwartung verlängern.“ „Wir fordern den Wegfall der Arbeitgeberbeiträge im Rentenalter, um die Weiterbeschäftigung von zumeist gut ausgebildeten Arbeitnehmern zu fördern.“

    „Die AfD will die Gewerbesteuer abschaffen. Um die kommunale Selbstverwaltung zu stützen, sollen die Kommunen eine andere Besteuerungsquelle bestimmen dürfen.“ „Die Alternative für Deutschland will die Erbschaftsteuer ersatzlos abschaffen.“

    „Eine staatliche Finanzierung des selbstgewählten Lebensmodells „Alleinerziehend“ lehnen wir jedoch ab. (…) Der Staat sollte stattdessen das Zusammenleben von Vater, Mutter und Kindern durch finanzielle Hilfen und Beratung in Krisensituationen stärken.“

    Und immer wieder taten sich FunktionärInnen und KandidatInnen mit Statements gegen den Mindestlohn hervor. (Wir hatten darüber häufiger berichtet.) Zuletzt machte Ulrich Siegmund damit auf sich aufmerksam (Listenplatz 15 in Sachsen-Anhalt und Direktkandidat Wahlkreis 5 – Genthin): „Mindestlohn ist vollkommener Quatsch. (…) Würde es nicht so viele Menschen geben die für so wenig Geld arbeiten, dann bräuchte man darüber gar nicht diskutieren. Mit Fortbildungen, Qualifizierungen, einer selbstständigen Tätigkeit oder einem Jobwechsel kann jeder sehr leicht mehr als 5 oder 6 Euro die Stunde verdienen.“[7]

    Überhaupt sprachen einige KandidatInnen eine deutliche Sprache, die aber leider vom Publikum kaum gehört wurde, denn welcher Hartz IV-Empfänger würde eine Partei wählen, deren Kandidatin sich für „die Absenkung von Hartz IV“ ausspricht? So jedenfalls äußerte sich Lydia Funke, Listenplatz 6 der AfD Sachsen-Anhalt auf die Frage, wie die AfD „die Differenz zwischen der Gesamtleistung ‚Hartz IV’ und dem Einkommen in den unteren Lohn- und Gehaltsgruppen“ (Wahlprogramm) vergrößern will.[8]

    Zusammengefasst: Nach und nach kommen immer mehr Facetten dieser Partei zusammen, so dass sich ein klares Bild abzuzeichnen beginnt: Die AfD ist eine marktradikale Partei, die staatliche Einflussnahme auf die Wirtschaft so gering wie möglich halten möchte. Arbeitslose und SozialhilfebezieherInnen betrachtet sie als KostgängerInnen der Allgemeinheit, deren Bezüge zusammengestrichen werden sollen.

    Unter der Parole der „Eigenverantwortung“ wird die Axt an den Sozialstaat gelegt. Der Sozialversicherungsschutz wird zu einer Privatangelegenheit der ArbeitnehmerInnen erklärt. Unternehmen sollen für die soziale Absicherung ihrer Beschäftigten möglichst nichts zahlen, genau wie staatliche Ausgaben für Sozialleistungen auf ein Minimum reduziert werden sollen.

    Zugleich möchte die AfD den Wohlhabenden und Unternehmern Steuergeschenke machen. Die AfD gibt sich gern als Partei der „kleinen Leute“. Das ist sie aber auf keinen Fall. In der AFD ist übrigens auch ein religiöser Fundamentalismus zu beobachten , kombininiert mit den faschistischen Tendenzen ein üble Mischung und eine Gefahr für alle freiheitsliebenden und kritisch denkenden Menschen.

  8. Telipinu Hatti

    Der Sozialismus im Parteinamen der NSDAP war ein Etikettenschwindel.

    Es gab und gibt eine Menge Regime, die nationalistische und sozialistische Ideen verbinden: die meisten realsozialistischen Regime waren repressiv gegen ihre nationalen und religiösen Minderheiten, stärker als gegen die Religion der Mehrheitsbevölkerung, und Staaten wie die UdSSR, Jugoslawien, Rumänien und China haben sich nationalistisch im Sinne des Mehrheitsvolkes gebärdet. Auch antisemitische Ansätze waren dort immer weit verbreitet: als Jude hatte man in der UdSSR sehr schlechte Aufstiegschancen, auch nach 1953. Honecker sagte über die Dissidenten mal, das seien doch sowieso alles Juden. Den Holocaust behandelten DDR-Geschichtsbücher bestenfalls stiefmütterlich, während die Kommunisten als Hitlers Opfer in epischer Breite dargestellt wurden, und mit Israel lagen fast alle sozialistischen Staaten auf Kriegsfuß, viele „Linke“ tun das bis heute. Der kulturelle Antisemitismus war dem -jede Sonderidentität ablehnenden- Realsozialismus immanent.

    Umgekehrt gab es ebenfalls Vermischungen: Der Faschismus hat syndikalistische Ideen aufgegriffen (und wurde von einem führenden Ex-Sozialisten namens Mussolini begründet) und der Nationalsozialismus hat u.a. faschistische Ideen weiterverarbeitet. Syndikalismus ist zwar nicht Marx, aber definitiv „links“ aus heutiger Sicht. Damit gibt es linke, sozialistische Wurzeln in der DNS des Nationalsozialismus, nicht nur Spenglersche.

    Nur hat die NSPAP ihre antikapitalistischen Standpunkte nie umgesetzt. Der real existierende Nationalsozialismus war monopolkapitalistisch, nicht einmal liberal, setzte auf Kartelle, hat die Arbeiterbewegung eingestampft, die Industriellen zu Gehilfen der Aufrüstung gemacht (eine staatlich kontrollierte Rüstungsindustrie hätte nie dieselbe Leistung bringen können) und die enteigneten jüdischen Betriebe an „Arier“ weitergegeben, nicht etwa verstaatlicht.

    Was sich aber sehr ähnelte, war der Staatsaufbau. Lenin hatte den ersten totalen Staat der Moderne errichtet, der weitaus repressiver war als Spanien während der Hochphase der Inquisition. Dieser Staatsaufbau, mit Einheitspartei, Sicherheitsorganen u.s.w., war neu und übertraf die meisten monarchischen und religiösen Despotien früherer Zeiten. Dieses Modell übernahm der NS-Staat komplett.

    Trotzdem warne ich vor einer Gleichsetzung! Wenn man schon „Massakervergleiche“ anstellt, muss man bedenken, wie wenig Zeit der Nationalsozialismus hatte. Es ist wahr, Lenin, Stalin, Mao und Pol Pot (und Ho Chi Min und Tito) haben zusammen mehr Menschen auf dem Gewissen als Hitler, das Tojo-Regime (und die nach dem Gesamtgewicht der Opferzahlen eher zu vernachlässigenden Figuren wie Mussolini, Franco, Antonescu, Tiso, Pavelic Horthy). Mao alleine kommt auf ca. 70.000.000 Tote +/- ein paar zig Millionen. Wenn aber die Achse den Krieg gewonnen und ähnlich viel Zeit und Untertanen gehabt hätte, wie später der Realsozialismus, dann hätte ein hundertmillionenfaches Morden begonnen, gegen das sich selbst Mao bescheiden ausnimmt. Hitlers Pläne im Osten sahen mindestens 150 Millionen Tote nach dem Krieg vor. Und so etwas wie die Stalinistischen Säuberungen waren für Deutschland nach dem „Endsieg“ ebenfalls geplant! Von Pol Pots Steinzeitkommunismus abgesehen, war keine der realsozialistischen Ideologien derart mörderisch wie der Nationalsozialismus.

    Was alle Gruppen, die sozialistische Versatzstücke mit Nationalismus mischen, gemeinsam haben, ist aber der Sozialpopulismus. Der fehlt bei der AfD ganz. Deren Forderungen sind manchesterliberal, wenn auch nicht marktradikal: die wirtschaftlichen AfD-Argumente gegen den Euro sind letztendlich Argumente gegen den Freien Handel.

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