Warum nicht Hofsommer der Neonazi „Ladig“ ist

· Allgemein

Seit ich vor zwei Jahren zum ersten Mal auf die Gemeinsamkeiten in Texten des AfD-Vorsitzenden in Thüringen, Björn Höcke, und den Texten des 2011/2012 unter Pseudonym schreibenden Neonazi „Landolf Ladig“ stieß, ist die Indizienkette dafür, dass Höcke und „Ladig“ identisch sind, stetig dichter geworden.

Dass es sehr enge Verbindungen zwischen Höcke und „Ladig“ gibt, wird inzwischen nicht mehr bezweifelt, einige ziehen aber in Erwägung, dass Höckes älterer Freund Heiner Hofsommer „Ladig“ sei. Heiner Hofsommer ist ebenfalls AfD-Mitglied und war Lehrer. Nachdem 2002 Eltern gegen rassistische Sprüche in seinem Unterricht protestierten und Hofsommer eine Anzeige wegen Volksverhetzung erhielt, tritt er aus dem Schuldienst als Lehrer zurück. Wenig später, wahrscheinlich im Zuge der Hohmann-Affäre (Hohmanns Bezeichnung „Juden als Tätervolk“ führten zum Ausschluss aus der CDU), ca im Jahr 2004, beginnt die Bekanntschaft bzw. Freundschaft von Hofsommer mit Björn Höcke, der ebenfalls als Lehrer in Hessen tätig ist. 2009 gibt Hofsommer ein Buch über die deutsche Geschichte heraus, auf der Rückseite findet sich eine wohlwollende Beschreibung von einem „Björn Hocke“ (sic!) – es handelt sich wohl kaum um einen Rechtsschreibfehler, sondern eher um eine leichte aber effektive Verschleierung. Gibt man „Björn Höcke“ in der Google-Suche ein, findet man diese Buchbeschreibung nicht. Höcke hatte 2007 gegenüber Dieter Stein geäußert, aufgrund seines Berufes als Geschichtslehrer nur unter Pseudonym schreiben zu wollen.

Die Junge Alternative Hessen, der Jugendverband der AfD Hessen, hatte Ende 2016 Heiner Hofsommer und Björn Höcke zu einer gemeinsamen Veranstaltung nach Büdingen eingeladen. In Büdingen trat die AfD bei der Kommunalwahl Anfang des Jahres nicht an, die NPD holte stattdessen 14 Prozent der Stimmen. Gerade in solchen Kommunen wie in Büdingen geht die AfD gerne auf Stimmenfang. Und in solchen Milieus kann man seine rechten Positionen weitgehend ungeschminkt äußern. Die Äußerungen von Heiner Hofsommer zeigen, dass entweder Hofsommer oder Höcke hinter den Nazi-Artikeln unter dem Pseudonym „Landolf Ladig“ verbergen müssen. Ich verweise auf die Indizienkette in zahlreichen Blogbeiträgen auf dieser Seite, die nahelegt, dass Höcke „Ladig“ ist. In der Büdinger Rede von Hofsommer kommen neue Indizien hinzu.

Der erste Artikel von „Landolf Ladig“ aus dem Jahr 2011 in dem national-völkischen Magazin „Volk in Bewegung“ beginnt mit der Benennung von zwei britischen Autoren, die ihre Wertschätzung für Deutschland zum Ausdruck bringen: Niall Ferguson und Peter Watson. Genau diese beiden Autoren führt auch Heiner Hofsommer als großartige Wissenschaftler in seiner Rede an. Er lässt sich umständlich von einem Parteimitglied das Buch von Peter Watson „Der deutsche Genius“ reichen und schwenkt die zerfledderte Ausgabe herum. Peter Watson wurde bislang von Björn Höcke in verschiedenen Reden und Interviews angeführt. Und genau wie im Artikel von „Landolf Ladig“ spricht Höcke vom „Opus Magnum“ und benennt den Titel falsch „Genius der Deutschen“ statt „Der deutsche Genius“. Dies passiert Hofsommer nicht. Er hat wahrscheinlich wirklich Ferguson und Watson gelesen und jemand der ein tausendseitiges Buch so durcharbeitet, dass es zerfleddert aussieht, der sollte den Titel kennen und diesen nicht ständig in der falschen Weisen benennen. Niall Ferguson war bislang die einzige Textstelle in den drei Artikeln von „Landolf Ladig“ aus den Jahren 2011 und 2012, die keinen direkten Bezug zu Björn Höckes Verlautbarungen hatte. Auch dieser Bezug ist nun nachweisbar.

ferguson

„Landolf Ladig“ bezieht sich (wie Heiner Hofsommer) in seinem NS-verherrlichenden Text auf Ferguson und Watson; Höcke bezieht sich auch auf Watson und benutzt wie „Ladig“ den falschen Titel „Genius der Deutschen“ statt den richtigen „Der deutsche Genius“

Hinzu kommt, dass Hofsommer in seinem Vortrag in Büdingen die Redewendung „Sitten-, Werte- und Normengefüge“ benutzt und davon spricht, dass Deutschland aufgelöst werde, wie „Schmierseife unter einem warmen Wasserstrahl“. Beide Redewendungen finden sich in der NPD-„Eichsfeldstimme“ Nr. 9 im Editorial von Thorsten Heise, dem bekannten Neonazi und dem Bekannten von Höcke. In der „Eichsfeldstimme“ Nr. 8 findet sich einer der drei „Ladig“-Texte. Auch hier ist es bei Hofsommer stimmig, er spricht von „Schmierseife“. Bei Heise – wenn Heise denn tatsächlich das Editorial geschrieben hat und nicht ein Ghostwriter – heißt es „Stück Schmierseife“, Schmierseife ist aber in der Regel nicht in „Stücken“ zu bekommen, und bei Höcke heißt es dann später „Stück Seife“. Und Höcke benutzt auch die Redewendung „Sitten-, Werte- und Normengefüge“, aber wie in der Eichsfeldstimme in der Reihenfolge „Werte-, Sitten- und Normengefüge“ und nicht wie Hofsommer in der Reihenfolge „Sitten-, Werte- und Normengefüge“(siehe auch hier).

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„Ladigs“ Texte erschienen in Magazinen des Neonazis Thorsten Heise, u.a. in der „Eichsfeldstimme 8“; in der „Eichsfeldstimme 9“ spricht Heise wie Höcke vom „Werte-, Sitten- und Normengefüge“ statt wie Hofsommer vom „Sitten-, Werte- und Normengefüge“ und wie Höcke vom „Stück [Schmier]seife“ statt wie Hofsommer von „Schmierseife“.

Fazit aus der Büdinger Rede Hofsommers: Hofsommer liefert mit seinem Verweis auf Niall Ferguson ein weiteres Indiz dafür, dass faktisch nur er und Höcke als Autoren hinter dem Pseudonym „Ladig“ in Frage kommen. Es ist ein weiteres Puzzlestück des bereits längst erkennbaren Bildes. Die Annahme, dass eine dritte Person in Frage kommt, kann faktisch ausgeschlossen werden. Dass Hofsommer „Ladig“ ist, ist nach seiner Rede eher zu verneinen. Er spricht von „Der deutsche Genius“ statt wie „Ladig“ und Höcke von „Genius der Deutschen“, er benutzt die Redewendung „Sitten-, Werte- und Normengefüge“ statt wie Höcke und Heise „Werte-, Sitten- und Normengefüge“, er spricht von „Schmierseife“, statt von einem „Stück Schmierseife“ (Heise) oder „Stück Seife“ (Höcke).

Vergleicht man dann noch die Reden Hofsommers und Höckes, dann wird deutlich, dass Höcke sehr viel faschistoider auftritt als Hofsommer. Immerhin finden sich bei Hofsommer positive Bezüge zu Jüdinnen. Bei Höcke gab es diesen positiven Bezug bislang nicht. Stattdessen macht die auf Hofsommers folgende Rede von Höcke wieder einige Anleihen beim Nationalsozialismus: „Das System Merkel, das sind die Schmeißfliegen, die sich um Merkel herum bewegen.“ „Ich will euch [die AfD-Jugend] als Vater und Mutter“. „Ich weise euch den Weg des totalen Triumpfes. […] Es sind nur die willensstarken Menschen, die Geschichte schreiben.“ „Statt von ‚Pflicht und Freude‘ redet man von ‚Selbstverwirklichung und Spaß'“ „Ich will diesen ganzen Müll nicht mehr hören! Ich will einfach nur noch Natürlichkeit!“ „Seit fünfzig Jahren ist das Unterste nach Oben gekehrt worden. Dieser rot-grün-schwarz-bunte Zeitgeist…riecht nach Fäulnis und Verwesung“. „Wir wollen nichts anderes als eine Rückkehr zum Natürlichen. Was wir brauchen ist das restlose Abräumen des Alten und Morschen.“ „Wir brauchen einen klaren Frontverlauf: Da draußen sind die Kräfte der Auflösung, hier drinnen sind die Kräfte des Bewahrens.“ Allein diese Rede ist derart faschistoid, dass sich die „Ladig“-Texte hier nahtlos einreihen.

Zur Sprache der Nazis findet sich hier ein Text von 1965: Alexander Bein: „Der jüdische Parasit“ Bemerkungen zur Semantik der Judenfrage. Zur NS-Rhetorik Höckes hatte ich bereits im Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung einen Artikel verfasst, die um die Büdinger Rede ergänzt werden müsste.

totaler-triumpf

Höcke auf dem Weg zum totalen Triumph des Willens?

Beispiele für die Nähe von Höckes Büdinger Rede an die AfD-Jugend mit dem NS-Vokabular:

  • „Schmeißfliege“: typisches NS-Vokabular für politische Gegner*innen, die als „Ungeziefer“ geschmäht werden.
  • „totaler Triumph“/ „willensstarke Menschen“: Ernst Forsthoff 1933: „Der totale Staat“ / Leni Riefenstahl 1934: „Triumph des Willens“
  • „Pflicht und Freude“: Ein im rechtsextremen Verlag erschienenes Buch heißt „In Pflicht und Freude – Das Erlebnis Hitler-Jugend
  • „Fäulnis und Verwesung“: „Der Jude ist kein Mensch, er ist eine Fäulniserscheinung.“ (Oberster Richter der NSDAP)
  • „restlose Abräumen des Alten und Morschen“: „Für den Nationalsozialisten ist Revolution etwas Großes und Gewaltiges: es bedeutet das Einreißen des Morschen und Alten und das Durchbrechen neuer, starker junger Kräfte.“ (Göring: „Aufbau einer Nation“)
  • „Da draußen die Kräfte der Auflösung“:„Das gleiche fürchterliche Bild des Chaos bei allen übrigen Erscheinungsformen des öffentlichen Lebens, ob Kunst, Literatur, Theater, Kino, Radio, Kirche, Schule, überall das ‚Ferment der Dekomposition‘, der großen Zersetzer und Zerstörer, der Jude und Freimaurer […]“ (Gottfried Feder: Das Programm der N.S.D.A.P)

Höcke und „Ladig“ unterscheiden sich nur im offenen direkten positiven Bezug auf den Nationalsozialismus – und dieser würde zum Rauswurf Höckes aus der AfD führen.

10 Kommentare

Comments RSS
  1. heinzelmann

    Das Nazi-Thema hat es Dir angetan- oder?

    • Andreas Kemper

      Sie haben sich noch nie mit KZ-Überlebenden unterhalten, oder? Sollten Sie auf diese Frage etwas relativierendes antworten wollen, können Sie bereits jetzt davon ausgehen, dass ich eine Relativierung des Nationalsozialismus in den Kommentaren nicht tolerieren werde.

  2. heinzelmann

    Andreas: Glaubst Du, das die Linken die Themen vorgeben dürfen?

    • Andreas Kemper

      Unsinnige Frage.

  3. heinzelmann

    Andreas: Warum? Linke bestimmen doch medial, wie wir über Flüchtlinge, die europ. Vergangenheit usw. zu denken haben? Oder siehst Du in diesen Themen Mehrheitsinteressen am Werk?Jemand muss nur sagen, das 3. Reich ist für ihn nicht das führende Thema, schon gehst Du scheinbar hoch!

    • Andreas Kemper

      Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung hat sich seit den 1950er und erst recht seit den 1940er Jahren in einem emanzipatorischen Sinn weiterentwickelt. Das sieht man, wenn man Umfragen sieht, dass sich die Mehrheit der Deutschen „links von der Mitte“ verortet. Denn was heißt das, wenn sie sich „links der Mitte“ verortet? Das heißt, dass die „Mitte“ „links“ von dem ist, was als „Mitte“ gedacht wird, denn die „Mitte“ ist das, was die Mehrheit der Deutschen ist. Es handelt sich um einen ganz normalen emanzipatorischen Fortschritt. Wir verbrennen heute keine Hexen und Ketzer mehr. Das ist gut so. Wir haben in den 1970er Jahren abgeschafft, dass Frauen eine Einwilligung vom Ehemann erhalten mussten in finanziellen Fragen. Wir haben in den 1960er Jahren die Prügelstrafe an den Schulen abgeschafft. Es gibt also einen ständigen Fortschritt. Die CDU der 1980er Jahre war progressiver als die CDU der 1960er Jahre und die CDU der 2010er Jahre ist progressiver als die CDU unter Kohl. Genau genommen beginnt die Geschichte der Menschheit erst, wenn weltweit Folter, Hunger und Krieg abgeschafft sind. Es gibt trotz allem Fortschritt auch immer wieder Rückfälle. Und solange eine Wiederholung von Faschismus möglich ist, muss die Erinnerung an die Nazi-Zeit Priorität haben. Und wenn jemand sagt, er sei Höcke-Fan und es interessiere ihn nicht, ob Höcke ein Nazi sei, dann kann man aus gutem Grund „hoch gehen“ – obwohl ich mich nicht erinnern kann, hochgegangen zu sein.

    • Marc

      Die Linke bestimmt die Berichterstattung? Das muss der Grund sein, warum Alan Posener gerade in der Welt ein stärkeres „racial profiling“ fordert, oder Alexander Grau im Cicero statt Asylrecht und Sozialstaat eine militärisch stärkere und abgeschottetere Nation. Der Focus berichtet lieber über „Verdacht auf Sozialbetrug durch Asylbewerber“ als über tägliche rassistische Angriffe.Statten Sie einfach mal der Medienrealtät einen Besuch ab, das kühlt ab! Würde eine nenneswerte Linke existieren, würde sie die globale Klassengesellschaft kritisieren, die Menschen zu Flucht u.a. vor deutschen Waffen und Elend zwingt, Das wäre mal ein Bezug auf „Mehrheitsinteressen“.

      • Andreas Kemper

        Danke, Marc.

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