Höcke spricht vom „guten Ruf“ Deutschlands aufgrund von Kolonialismus und Nazizeit

· Allgemein

In seinem Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“ befasst sich Björn Höcke u.a. mit der deutschen Kolonialgeschichte. Björn Höcke ist Fraktionsvorsitzende der AfD in Thüringen und zur Zeit beurlaubter Geschichtslehrer in Hessen. Höckes Thesen zum Kolonialismus: Da Deutschland Afrika mit dem Kolonialismus Kultur brachte, habe Deutschland noch heute einen guten Ruf in Afrika. Aber auch im Orient habe Deutschland einen guten Ruf aufgrund der engen Zusammenarbeit mit muslimischen Mächten im Kaiserreich und im Dritten Reich. Darauf könne man aufbauen, wenn man nicht mehr der US-Außenpolitik sklavisch folgte.

 

Nazi-Keule und Kolonialismuskeule

Höcke sprach ja bereits während der Dresdner Rede Anfang 2017 von einer notwendigen Wende um 180 Grad in der deutschen Erinnerungskultur. An Hitler sei nicht alles schlecht gewesen, das Holocaust-Mahnmal in Berlin sei ein Denkmal der Schande, usw. Nach dem Zweiten Weltkrieg seien die Deutschen durch die US-Amerikaner „umerzogen“ worden, seither hassten sich die Deutschen und man könne die „Nazi-Keule“ somit gegen alle aufrechten „Patrioten“ anwenden.

Aber auch die offizielle Geschichtsschreibung zum deutschen Kolonialismus werde als eine Art „Pendant zur deutschen Nazi-Keule“ verwendet: „Das schlechte Gewissen der wohlhabenden Europäer gegenüber den Armen Afrikas, an deren Schicksal sie schuld sein soll, fungiert hier als Pendant zur deutschen Nazi-Keule.“ (Höcke: 190)

 

Die Schuld europäischer Kolonialgeschichte: „kampfloser Rückzug“

Für den Geschichtslehrer Höcke besteht „möglicherweise“ die „größte Schuld“ der europäischen Kolonialisten in ihrem „oft kampflosen Rückzug“:

„Die meisten Ländern sind in Bürgerkrieg und Korruption versunken, was sich meist nicht einfach als Altlast des Kolonialismus erklären läßt. Die Bevölkerung, die sich vorher mit den europäischen Grundbesitzern zu arrangieren hatte, sieht sich nun dem Terror von Clanchefs und der Ausbeutungsgier international agierender Konzerne ausgeliefert. Möglicherweise besteht die größte Schuld der Kolonisten in ihrem oft kampflosen Rückzug aus der Verantwortung für Landschaften, die sie kultiviert haben.“ (Höcke: 190f.)

 

Beendigung der Entwicklungshilfe: ein ärmeres Afrika könne sich keine Einwanderungsbewegung nach Europa leisten

Hieraus schlussfolgert Höcke, dass die Entwicklungshilfe eingestellt werden müsse. Erst die „Wohlstandsvermehrung“ in Afrika durch die Entwicklungshilfe biete den Menschen in Afrika die finanziellen Möglichkeiten der Einwanderung nach Europa.

„Es gibt einige Diplomaten mit Afrika-Erfahrung, wie der frühere deutsche Botschafter n Tansania Guido Herz, die eine Einstellung der gescheiterten Entwicklungshilfe fordern und an die Selbstverständlichkeit erinnern, bei einer finanziellen Unterstützung auch verstärkt unsere Interessen zu berücksichtigen. Damit zielen sie auch auf die Eindämmung der Einwanderung ab, denn die Wohlstandsvermehrung in den unterentwickelten Ländern verstärkt paradoxerweise die Migrationsbewegung, solange der Abstand zu Europa bestehen bleibt. Die wirklich Armen besitzen gar nicht die Geldmittel, um die Reise in den gesegneten Kontinent anzutreten.“ (Höcke: 191)

 

Kultur: die Folge erfolgreicher Kolonisation

Kultur sei nach Höcke immer „die Folge erfolgreicher Kolonisation“. Daher seien die Deutschen in ihren ehemaligen Kolonien so beliebt.

„Man darf Kolonisation auch nicht ausschließlich negativ betrachten: Im Grund ist Kultur immer die Folge erfolgreicher Kolonisation. Doch nach der Landnahme muß die Tüchtigkeit, die Selbstausbeutung zur Grundlage des Wohlstands werden und nicht die Ausbeutung der Kolonie und ihrer Menschen. Das war bei der deutschen Kolonisierung im Osten ebenso der Fall wie bei der preußischen Binnenkolonisation. Das Ansehen, welches die Deutschen bei unzähligen Erdenbürgern in Afrika, Amerika und Asien genießen, die nicht durch die Narrative der westlichen Soziologen und Politologen erreicht werden, beruht auf einem Wohlstandsaufbau, der in der Zeit von 1850 bis 1918 aus dem Geist und der praktischen Tüchtigkeit der Deutschen erwuchs. Das bleibt den Menschen von Bagdad bis Zanzibar unvergessen.“ (191f.)

 

Hungersnöte gehören zum Weg in die Industrialisierung

Die „Wirtschaftsflüchtlinge“ sollten sich laut Höcke mal klar machen, dass Hungersnöte, Verzicht und „harter Arbeitsethos“ zum „harten, entbehrungsreichen Weg“ gehörten, den die Deutschen schließlich auch auf sich nehmen mussten:

„Es wird immer wieder ausgeblendet, daß der europäische-westliche Wohlstand das Ergebnis einer großen, mühevollen Anstrengung war, die auf Verzicht und hartem Arbeitsethos beruhte. In der Kombination mit einer außergewöhnlichen Innovationsfähigkeit machten sie den hohen Lebensstandard der Europäer erst möglich. […] In Deutschland gab es vor der Industrialisierung regelmäßig Hungersnöte und nur zwei bis drei Generationen vor uns lebten die Menschen noch in äußerst bescheidenen Verhältnissen! Die heutigen Wirtschaftsflüchtlinge sind offenbar nicht bereit oder nicht in der Lage, diesen harten, entbehrungsreichen Weg auf sich zu nehmen, sondern wollen die Früchte ohne Anstrengung ernten.“ (192f.)

 

Der gute Ruf Deutschlands im Orient aufgrund der engen Nazi-Zusammenarbeit bietet eine „solide Grundlage“

Nicht nur in den ehemaligen Kolonien sind die Deutschen anerkannt, sondern auch im „Orient“ aufgrund der engen Zusammenarbeit mit „muslimischen Mächten und Kräften“ im deutschen Kaiserreich und im Dritten Reich. Wären die Deutschen nicht mehr „sklavisch“ an der US-Außenpolitik gekoppelt, gäbe es eine solide Grundlage für eine Zusammenarbeit mit muslimischen Mächten im Orient aufgrund des im Dritten Reichs geschaffenen guten Rufes der Deutschen:

„Beim Blick auf die Geschichte sehe ich die traditionelle Islam-Abwehr des christlichen Europas, die Türkenkriege auf dem Balkan, aber auch die enge Zusammenarbeit mit muslimischen Mächten und Kräften während des Kaiserreichs und auch während der Zeit des Dritten Reiches. Der gute Ruf der Deutschen im Orient – ganz im Gegensatz zu dem der Engländer, Franzosen und heute auch der Amerikaner – bildet eigentlich eine solide Grundlage für einen möglichen modus vivendi, aber die intransigente Außenpolitik der USA, an die wir sklavisch gekettet zu sein scheinen, verhindert das.“ (Höcke: 194)

Zur Erinnerung: Höcke ist noch immer verbeamteter Geschichtslehrer in Hessen.

11 Kommentare

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  1. thomasvilniusandrenio

    Gut, dass Sie das Buch tatsächlich gelesen haben, Herr Kemper. Über andere schreiben ohne sie überhaupt angehört zu haben, das ist das Kennzeichen der heutigen politischen Auseinandersetzung.

    Mir fehlt allerdings die Widerlegung der Thesen Höckes.

    Außerdem wäre es korrekter, wenn Sie beispielsweise darstellen, von wem der Ausdruck „Denkmal der Schande“ tatsächlich stammt.

    Darf man im Bereich Geschichte nach Ihrer erworbenen Kompetenz fragen?

    • Andreas Kemper

      Ja, ich habe überlegt, ob ich tatsächlich Höckes Verlautbarungen widerlegen soll. Ab es hätte gefühlt etwas unangenehmes wie beim Erklären eines Witzes, nur dass Höckes Pamphlete ernst gemeint sind. Die Menchenfeindlichkeit in Höckes Aussagen erklärt sich von selbst.
      „Denkmal der Schande“ stammt tatsächlich von Höcke, auch wenn andere dass vielleicht vor ihm formuliert haben sollten. Der Kontext der Rede zeigt zweifelsfrei und eindeutig, dass Höcke nicht den Nationalsozialismus, sondern das Denkmal als Schande bezeichnet hat.
      Meine geschichtliche Kompetenz tut hier wenig zur Sache. Ich bin Soziologe mit ein paar Semestern in Geschichte und in Ur- und Frühgeschichte. Doch um Kenntnis vom Völkermord an den Herero zu haben, muss man kein Historiker sein.

      • Günther Koller

        Obwohl Nebensache, könnte die Frage, von wem der Ausdruck „Denkmal der Schande“ stammt, dann doc
        h nicht ganz uninteressant sein. Dass Höcke im Vorwort seines „Buchs“ (S.15) verbreiten lässt, dass er, als er das Holocaust-Mahnmal ein „Denkmal der Schande“ nannte, eine Formulierung des Intendanten des Humboldt-Forums Neil McGregor übernommen hat, verdient durchaus Beachtung. An diesem Punkt lässt freilich eine weitere Frage nicht lang auf sich warten. Ob es sich lohnt, solchen Nebensächlichkeiten auf den Grund zu gehen, darf bezweifelt werden.

      • Andreas Kemper

        Es lohnt sich überhaupt nicht, darauf einzugehen, da Neil McGregor vom „Mahnmal der eigenen Schande“ sprach, also nicht das Mahnmal, sondern die Shoa als „Schande“ bezeichnete. Höcke hingegen sprach vom „Denkmal der Schande“. Der Kontext, in dem er das gesagt hat, zeigt einwandfrei, dass Höcke nicht die Shoa, sondern das Denkmal als Schande bezeichnet hat.

  2. W-Day

    Haha, genau, was wäre die Welt ohne Europa bzw. Deutschland und „hartem Arbeitsethos“. Vielen Dank für die Ausschnitte aus der Logik eines „Herrenmenschen“ …

  3. Benjamin Goldstein

    Danke, dass Sie sich die Mühe gemacht haben. Es sagt viel über unsere Medienvertreter, dass sie nicht in der Lage waren Höckes politische Positionen mal richtig wiederzugeben. Ich wusste nicht, dass er außenpolitisch total planlos rumfaselt und sich den muslimischen Ländern zu und von den USA abwenden möchte. Ich wette auch, dass viele seiner Wähler das nicht wissen. Ich wusste auch nicht, dass er die Entwicklungshilfe streichen will. Da wäre ich mit im Boot, aber seine Begründung ist absurd und zeigt, dass er von Wirtschaft null versteht.

    • Günther Koller

      Höckes Positionen riichtig wiedergeben ? – Wie soll denn das gehen ?
      Ein Ding der Unmöglichkeit, möchte man meinen.

      • Benjamin Goldstein

        Na, die beiden Positionen sind doch hier glas klar wiedergegeben. Das haben die Leitmedien versäumt.

  4. stephenyoung472

    Vielen Dank für die gute Zusammenfassung!
    Höcke ist derzeit in der AfD wegen seiner Ideen zur Sozialpolitik/Rente etwas unter Sozialismus-Verdacht geraten, aber mit diesem Buch und den genannten Analysen/Thesen ist er gewiss AfD-Mainstream.

    • Andreas Kemper

      Mit Sozialismus im linken / marxistischen Sinn hat Höcke natürlich nichts zu tun. Seine Kapitalismuskritik ist verkürzt und strukturell antisemitisch. Unter dem Pseudonym „Landolf Ladig“ wurde zudem die NS-Wirtschaftspolitik als „Antiglobalisierungsbewegung“ als Anknüpfungspunkt für eine nationale Revolution benannt. Von Mainstream als Hauptströmung würde ich zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht sprechen, da neben der völkischen Strömung Höckes auch die sch damit widersprechende neoliberale Strömung von Weidel und Meuthen in der AfD befindet. Allerdings ist Höckes Ansatz auf dem Weg, Hauptströmung / Mainstream zu werden.

      • Günther Koller

        Ganz ausschließen lässt sich vielleicht nicht, dass in die irre Gedankenwelt Höckes ein Hauch von Nationalbolschewismus hineingeweht ist.

        Kaum zu glauben auch, dass das von Höcke zusammengeschusterte, alles in allem wirre Konglomerat aus obsoleten ideologischen Ansätzen das Zeug zum Mainstream hat.
        Der in Sachen politischer Strömungslehre nicht ganz so bescheuerte Alexander Gauland kann´s auch nicht mehr richten, und dass der Banksterbraut Alice Weidel letztlich die Ausstrahlung fehlt, um die intellektuellen und gestalterischen Defizite Höckes auszugleichen, versteht sich von selbst.

        Überhaupt fehlen wirkmächtige Vordenker oder Denkfabriken, um die AfD auf einen national-sozialistischen Kurs zu bringen.
        Spontan fallen einem da nur Witzfiguren wie Marc Jongen und sein Ziehvater Sloterdijk, oder der Rittergütler aus Schnellroda,ein, oder ein Haufen aufständischer Kluger (Tellkamp, Lengsfeld, Safranski, Sarrazin, Bassam Tibi u.a.), die sich neuerdings der AfD annähern, nicht zu vergessen in vorläufiger Distanz sich gefallende, mitlaufende Politologen wie Patzelt oder Publizisten wie Tichy usw.usf. – alle ein paar Nummern zu klein für eine machtvolle Strömung. Ein Oswald Spengler oder ein Carl Schmitt, auch ein Karl Kraus – das waren schon andere Kaliber zur Zeit der Konservativen Revolution.Und überdies ist kaum jemand von den zuvor Genannten dem Spinner Höcke zugeneigt.
        Ganz so doof sind diese Leute dann doch nicht, dass sie ihren mühsam erworbenen Ruf aufs Spiel setzen.

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