Gesellschaftliches Trauma

· Artikel (Sozialphilosophie)
Autoren

Sozialphilosophie

Lücken in der Traumaforschung

Zum Verständnis darüber, welche Effekte Gewalt hat, insbesondere für die Verfestigung von Herrschaftsverhältnissen, möchte ich zwei Aspekte ins Spiel bringen, die bislang von der Trauma-Forschung keine Berücksichtigung fanden.

Es hat bis zu den Eichmann-Prozessen gedauert, dass Traumatisierung gesellschaftlich anerkannt wurde, allerdings wird bis heute Traumatisierung nur als ein individualpsycholgischer Prozess verstanden. Bestenfalls wird eine „Weitergabe“ der Traumatisierung an enge Verwandte oder Beziehungsprtner_innen eingestanden und untersucht. Traumatisierung wird bislang nicht als gesellschaftliche Kategorie gefasst, und wenn, dann in einem metaphorischen Sinn. Dies ist die erste Forschungslücke: Was passiert, wenn gleich mehrere miteinander in Beziehung stehende Menschen traumatische Erfahrungen machen, wenn es zu einer gesellschatlichen Traumatisierung kommt?

Die zweite Forschungslücke betrifft den Effekt von Traumatisierung auf die Theorieetablierung. Als paradigmatisches Beispiel möchte ich Niccolo Machiavelli anführen, der unmittelbar nach seinen Folterungen das berüchtigte „Il Principe“ schrieb, welches von seinen republikanischen Auffassungen fundamental abwich. Obschon er mit verkrüppelten Händen innerhalb der ersten Monate direkt nach seiner Freilassung aus dem Kerker dieses dünne Buch verfasste, obschon die Identifikation mit dem Aggressor (Machiavelli widmete das Buch den Medici, die ihn foltern ließe und rechtfertigte indirekt seine Folter) sich geradezu aufdrängt, wird „Il Principe“ nicht als Trauma-Aufarbeitung interpretiert, sondern als ein elementarer Bestandteil der Philosophiegeschichte. Arno Grün hat zur Identifikation mit dem Aggressor einen Aufsatz verfasst („Die politischen Konsequenzen der Identifikation mit dem Aggressor“), geht davon aus, dass wir alle bereits Entfremdungserfahrungen gemacht haben und greift auf Etienne de la Boéties Schrift von 1548 „Von der freiwilligen Knechtschaft“ zurück, der bereits davon sprach, dass die erlebte Gewalt und Unterdrückung nicht an den Angreifer, sondern im Namen des Angreifers an Schwächere weitergegeben wird. Doch obschon la Boéties Schrift als Antwort auf Machiavellis „Il Principe“ interpretiert wurde, kommt auch Grün nicht auf die Idee, Machiavellis „Il Principe“ als Ergebnis der Identifikation mit dem Aggressor zu verstehen.

Virtù in der Matrix gesellschaftlicher Traumatisierung

Machiavellis „Il Principe“ sollte nicht deswegen verworfen werden, weil er es im Zustand einer extremen Traumatisierung geschrieben hat. Denn es dokumentiert einen bestimmten Umgang mit Gewalterfahrungen, den bereits Klaus Theweleit beschrieb, als er in seinem Buch „Männerphantasien“ den Zusammenhang der Gewalt in den Kadettenschulen mit der Entstehung von soldatischen Körpern darstellte. Theweleits Ansatz ist leider aus der kritischen Diskussion weitgehend verschwunden. Dies hat in doppelter Weise mit seinem positiven Rückgriff auf Wilhelm Reich zu tun. Zum einen sind zu Unrecht mit Bezug auf Michel Foucaults „Sexualität und Wahrheit“, der sich explizit gegen Reichs „Repressionsthese“ wandte, Ansätze, die die Relevanz von Gewalt- und Unterdrückungserfahrungen in den Mittelpunkt ihrer Untersuchungen stellen, zugunsten von Sprachanalyse verschwunden (der sogenannte „Linguistic Turn“); zum anderen hat Theweleit die heterosexistischen Momente bei Wilhelm Reich nicht ausreichend herausgestellt und zurückgewiesen. Es böte sich an, Theweleit und Foucault zu kombinieren, um Machiavellis Virtù-Machtkonzeption  in „Il Principe“ zu verstehen.

„Il Principe“ ist vor dem Hintergrund der Folter zu interpretieren. Die „Virtù“, der zentrale Begriff im „Il Principe“,  ist ein Machtbegriff, der Machiavelli selbst ermächtigt. „Virtù“ ist der Stream, der ihn auferstehen lässt, auf dem er weiter durch das Leben surfen kann, ein Machtgeflecht, eine eigene Realität, in der die Traumatisierung nicht aufgearbeitet werden muss, sondern im Gegenteil, die sich aus der Akkumulation immer neuer Traumatisierungen speist. „Virtù“ ist die Gefangenenlogik, es ist auffällig, dass linke Theoretiker dann Machiavelli für sich entdeckten, als sie in Gefangenschaft waren: Gramsci, Althusser, Negri. „Virtù“ hat seine Berechtigung, aber nur innerhalb eines bestimmten Systems. Es erlaubt das kurzzeitige Überleben in Gefangenschaft, sollte aber dringend ersetzt werden durch eine Traumaaufarbeitung, sobald diese möglich ist. Aber hier liegt das Problem, denn die Traumatisierung zieht eine Virtualisierung nach sich, die eigenlogisch ist, die ein komplexes System von Theorien, Sprache, Habitus und Institutionen bildet, die aufeinander bezogen sind, ein androzentrisches, patriarchales System. Da Machiavelli keine Traumatherapie zur Verfügung stand, basteltete er am „virtuellen“ System der Macht mit.

Virtù als gesellschaftliche Grundlage des Rechts-Aristotelismus

Ernst Bloch bot an, die Philosophie-Geschichte in einen Links- und einen Rechts-Aristotelismus zu teilen, je nachdem, wie das Materie-Konzept von Aristoteles interpretiert wurde. Wird Materie als primär und selbstschöpfend verstanden, gehört diese Philosophie in den Links-Aristotelismus, werden hingegen Form, Geist, Idee (oder heute moderner: Energie, Feld, Information) als primär und Materie nur als Hülle oder Träger verstanden, würde Bloch von einem Rechts-Aristotelismus sprechen.

Traumatisierung hat zur Folge, dass der unmittelbare Zugang zur Realität verhindert ist. Im Falle der körperlichen Gewalt wurde der eigene Körper geraubt und entfremdet. Diese Einheit gilt es wieder herzustellen in Traumatherapien. Es bietet sich allerdings fatalerweise auch eine Identifikation mit dem Agressor an. Die Ohnmacht lässt sich rein gefühlsmäßig auch dadurch überwinden, dass man an der Macht, der „Virtù“ des Aggressors, teil hat. Diese Identifikation bedeutet dann allerdings eine Verschiebung zum Rechts-Aristotelismus: das Urvertrauen, das Im-Körper-zuhause-Sein, das Vertrauen auf die Selbstschöpfung der Materie wird verschoben zur Treue in die Macht des Angreifers, zur Teilhabe an seiner Virtù. Virtù ist somit der Gegenbegriff zur Materie. Diese Teilhabe erfährt man nicht umsonst, der Preis ist die Übernahme der Perspektive des Angreifers, seines Machtapparates und seiner Ideologie. Diese Ideologie beinhaltet zentral die Negierung des Primats der Materie.

Rechts-Aristotelismus: Virtù gegen Fortuna

Bei Machivelli zeigt sich der Rechts-Aristotelismus in seiner Gegenüberstellung von Herkules und Fortuna, bzw. Virtù und Fortuna. In dem Absatz „Was Fortuna in den Angelegenheiten der Menschen vermag und wie man ihr entgegentreten soll“ im „Il Principe“ wägt er ab, wie sich Fürsten zu verhalten haben. Manchmal sei es sinnvoll besonnen, mal sei es sinnvoll stürmisch vorzugehen. Lasse sich nicht entscheiden, was in der Situation besser sei, so rät er:

„Doch halte ich es für besser, stürmisch als besonnen zu sein; denn Fortuna ist ein Weib, und es ist notwendig, wenn man sie niederhalten will, sie zu schlagen und zu stoßen. Man sieht auch, daß sie sich von denen, die so verfahren, eher besiegen läßt als von jenen, die mit kühlem Kopf vorgehen; daher ist sie als Weib stets den Jünglingen zugetan, weil diese weniger besonnen und stürmischer sind und ihr mit größerer Kühnheit befehlen.“

Fortuna und Virtù stehen bei Machiavelli in der aristotelischen Tradition von Materie und Form. Fortuna ist wie Materie das Passive, Weibliche, Virtù hingegen entspricht als Form dem Aktiven, Prägendem, dem männlichen Prinzip. Im 6. Kapitel seines „Il Principie“ geht Machiavelli auf die „hervorragendsten Fürsten“ ein, die sich jeder zum Vorbild nehmen solle. Hier kommt die Form-Materie-Beziehung direkt zum Ausdruck:

„Prüft man weiter ihre Taten und ihr Leben, so sieht man, dass sie vom Glück nichts anderes erhalten hatten als die Gelegenheit, diese bot ihnen den Stoff, in den sie die Form prägen konnten, die ihnen vorschwebte, ohne diese Gelegenheit wäre die Tüchtigkeit ihrer Gesinnung erlahmt, und ohne ihre Tüchtigkeit wäre diese Gelegenheit vergebens eingetreten.“

Die Fähigkeit Fortuna zu bezwingen nennt Machiavelli „Virtù“. Virtù ist nicht mehr die Rittertugend Virtus, sondern ein spezifisches Herrschaftsvermögen. Sowohl ein Fürst, ein Staatsgründer, der Uomo Virtuoso kann über Virtù verfügen, als auch ein Volk.

Machiavelli bestimmt Virtù als männlich (vir=Mann). In der aktuellen Männerforschung würde der Uomo Virtuoso als ein Repräsentant hegemonialer Männlichkeit beschrieben werden.

Literatur

  • Machiavellis Trauma. Warum der Maskulismus nicht emanzipatorisch ist, Freitag-Blog 12.06.2011 Online-Text (der Text erschien einen Monat vor den Anschlägen in Oslo, beim Attentäter Breivik finden sich Machiavellismus, Antifeminismus und soldatische Männlichkeit wieder)
  • Gesellschaftliches Trauma, 2011 Online-Text
  • Virtù, 2009 Online-Text
  • Virtualität und Trauma, 2009 Online-Text
  • Niccolo Machiavelli, Juli 2010 Online-Text

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: