Warum Wikipedia ein Männerclub ist

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Sue Gardner, die Geschäftsführerin der Wikimedia-Foundation, hält sich gerade in Deutschland auf. Eines ihrer Themen, über die bspw. Die Zeit oder der Focus berichten, ist die extrem niedrige Anzahl von Autorinnen bei Wikipedia. Ihr Ziel: die Verdopplung der Anzahl von Autorinnen von 13% auf 25%. Dies Ziel wird illusorisch bleiben, wenn nicht der Antifeminismus und die den Antifeminismus schützende Ideologie des „Postgender“ innerhalb von Wikipedia erkannt wird und die sonst eingeforderten Regeln auch in den Bereichen gelten, die die Antifeministen in Wikipedia für sich beanspruchen.

Bislang sind die Admins in ihrer Mehrzahl und der deutsche Wikimedia Verein sehr stur. Eine geschlechtersensible Sprache wird ebenso abgelehnt, wie etwa Quoten bei der Adminwahl – man ist eben „Postgender“. Dieses „Postgender“ geht soweit, dass der Vorsitzende des deutschen Wikimedia Vereins in seiner vormaligen Funktion als Admin Kategorien wie „Sexismus“ löschte. Die Begründung: die Wartungsarbeit dieser Kategorie sei zu hoch und die Neutralität werde verletzt (beides ist Unsinn: die wiederhergestellte Kateogrie machte überhaupt keine Arbeit und die Kategorie Sexismus in Wikipedia ist eine Themenkategorie („das Thema wird behandelt in“) und nicht eine Gegenstandskategorie („zur Kategorie gehören folgende Gegenstände“). Es bedurfte einer erheblichen Kraftanstrenung und endlose Diskussionen, die ich als Ersteller des „Portals Diskriminierung“ führte, um die Kategorie Sexismus wieder einführen zu können. Kurze Zeit später fand sich wieder ein Löschantrag.

Musste das Gebot der Neutralität herhalten, um eine Kategorie Sexismus löschen zu lassen (die lediglich angelegt wurde, um besser Artikel finden zu können, die sich thematisch mit dem Lemma Sexismus befassen) so fanden sich später zunehmend Artikel, die den Basisanforderungen an Belegung und Ausgewogenheit nicht entsprachen, sondern die einseitig die politische Meinung der antifeministischen Männerrechtsszene wiedergaben. Es war schließlich eine Frau, die sich als Admin dazu durchrang, einen der penetrant quellenlosesten Artikel im Bereich der Männerrechtsthematik zu löschen. Dies führte zur Gründung eines eigenen Männerrechts-Wikis und zu Hassattacken gegen den Löschantragsteller auf den entsprechenden Foren außerhalb von Wikipedia.

Es gibt Feministinnen, die bei Wikipedia nach ähnlichen Attacken nicht mehr mitschreiben, obwohl sie mit ihrem Wissen aus der Genderforschung für Wikipedia sicherlich eine Bereicherung wären. Das ständige Bashing bedient sich dabei sämtlicher Methoden des hate speech, einschließlich der bewussten Verhunzung des Namens. Einen Schutz seitens der überwiegend männlichen Adminschaft gibt es da kaum. Auch Hinweise darauf, dass Artikel wie Maskulismus, die den eigenen Regeln bei Wikipedia deutlich wiedersprechen (keine Verlinkung von Blogs und Foren, von illegalen schon gar nicht, keine Primärquellen, keine Theoriefindung, keine einseitige Literaturwiedergabe, …). Normalerweise würde man mit Verweis auf die Regeln den miserablen Zustand beheben. Hier jedoch würde der Versuch, eine Regelkonformität sofort einen Alarm in den entsprechenden Männerforen auslösen und zu einem sogenannten „Editwar“ führen, an dessen Ende dann einfach alle Hauptbeteiligten von den Admins gesperrt werden – ohne Berücksichtigung der Regelkonformität Veränderungsversuche. Anders ausgedrückt: den Admins ist es bestenfalls egal, was dort steht, Hauptsache die Leute machen keinen Ärger, keine Arbeit. Vielleicht ließe sich hier auch das Argument des „zu hohen Wartungsaufwands“, den der Wikimedia-Vorsitzende gegen die Kategorie Sexismus ins Feld führte, einsetzen.  Ob das auch in diesem Fall eine Löschung rechtfertigen würde? Wahrscheinlich ist das nicht.

Wer also versucht, in Wikipedia geschlechtersensibel zu schreiben, der landet auf der roten Liste entsprechender Männerrechtsforen, die Wikipedia genau beobachten und wo deutlich und unwidersprochen Drohungen ausgesprochen werden wie:

Wenn es zur Aufarbeitung der Genderscheisse geht, dann werden Leute wie XXX ihr Fett abbekommen (wenn sie es nicht schon abbekommen haben…äh…ich meine jetzt das Fett). Ich bin der festen Überzeugung, daß ihr Niedergang unaufhaltsam sein wird, zu weit sind ihre verstiegenen Theorien von der Wirklichkeit entfernt. Früher oder später wird dieser gap nach einer Bereinigung suchen. Und ich bin absolut dafür, den linken Schmierfinken den diskreten Rückzug ins Private zu verbauen. Wenn ich der Richter sein sollte, dann…hoho.

Das Problem besteht eben auch darin, dass Wikipedia-Autor_innen nicht geschützt werden. Wenn man als Autor_in in einem Verlag oder bei einer Zeitung schreibt, dann sind zumindest noch die besseren Verlage und Magazine bereit, ihre Autor_innen zu unterstützen, wenn sie ungerechtfertigt und mit massiven Bedrohungen für ihre Artikelarbeit angegriffen werden. Wikipedia-Autor_innen können sich glücklich fühlen, wenn sie nicht obendrein auch noch die Häme von Admins abbekommen. Eine Sensibilität für diese Problematik gibt es im deutschsprachigen Wikipedia nicht. Der Verein sucht eher die Zusammenarbeit mit Burchschenschaften als mit Institutionen der Genderforschung.

Jetzt wo Sue Gardner in Deutschland ist und fleißig Interviews zum Thema Gendergap in Wikipedia gibt, kratzt sich der Verein natürlich unschuldig am Kopf: … ja, wissen wir auch nicht, was man da machen kann. *Grübel, Grübel*

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