Sozialchauvinismus oder Klassismus?


In zwei Buchbesprechungen zu Christian Baron und Britta Steinwachs Faul, frech, dreist. Die Diskriminierung von Arbeitslosigkeit durch Bild-Leser*innen, erschienen 2012 in der Reihe Klassismus in der Edition Assemblage, wurde der Begriff „Klassismus“ für die Kennzeichnung der Diskriminierung von Arbeitslosen kritisisiert: Peter Nowak: Den Hass aufstocken und jung und politisch!: Faul, Frech, Dreist – Die Rolle der Bild. Dieser Begriff unterstelle, dass es sich bei der „Mittelschicht“ und der „Unterschicht“ um Klassen handele. Er sei kontraproduktiv, weil er die „Ideologie Mittelschicht“ für bare Münze nehme und so verhindere, dass sich Menschen, die sich zur Mittelschicht zählen, als Angehörige des Proletariats im Sinne von Karl Marx sehen. Außerdem würden nicht nur Menschen, die sich zur Mittelschicht zählen, diskriminierend über die da unten äußern, sondern auch die betroffenen Menschen selber. Daher wäre der Begriff „Sozialchauvinismus“ dem Begriff „Klassismus“ vorzuziehen und glücklicherweise würde in der Linken dieser  Begriff „Sozialchauvinismus“ immer häufiger Verwendung finden.

Lenins Definition von „Sozialchauvinismus“

An dieser Argumentation sind verschiedene Dinge problematisch. Den Begriff „Sozialchauvinismus“ hat Lenin verwandt, um damit die Befürwortung von Vaterlandskriegen zu kritisieren. Der „Opportunismus“ der Mittelschicht und des kleinbürgerlichen Teils der Arbeiterklasse würde sich in der Frage, ob man Vaterlandskriege befürworte, zum „Sozialchauvinismus“ entwickeln. Das heißt, der Begriff „Sozialchauvinismus“ bezieht sich auf die Kriegsbefürwortung. Der korrekte Begriff wäre „Opportunismus“.

„Race“ bei Marx

Aber es geht hier nicht nur um eine Wortwahl, sondern vor allem um den Gegenstand des Begriffs. Während jung und politisch! von Mittelschicht als Ideologie spricht, hat bereits Lenin von der Mittelschicht als Existenzweise gesprochen. Und auch Marx hatte neben den Klassenbegriff, der direkt aus den Produktionsverhältnissen resultiert, behelfsmäßig den Begriff „race“ eingeführt, mit dem die Existenzweise der Fabrikarbeiter_innen von denen der Juristen und Ärzte abgegrenzt wurde. Ich finde die These plausibel, dass der dritte Band des Kapitals von Marx deshalb unvermittelt im Kapitel „Die Klassen“ abbricht, weil Marx geahnt hat, dass die bürgerliche Gesellschaft noch nicht weit genug entwickelt gewesen ist, um die Klassentheorie angemessen darzustellen. Das heißt, zu den Zeiten von Karl Marx hatte sich die Gesellschaft noch nicht so ausdifferenziert, dass ein nennenswerter Teil der Arbeiter_innenkinder Ärzt_innen oder Jurist_innen werden konnten. Da es keine Differenzierung zwischen Fabrikarbeiter_innenkindern und zukünftigen Fabrikarbeier_innen gab, erschien es nicht relevant, die ökonomische Klasse von der Herkunftsklasse analytisch zu trennen.

„Erbschaft dieser Zeit“ und „Die feinen Unterschiede“

Als Lenin 1915 die Begriffe „Opportunismus“ und „Mittelschicht“ bzw. die entsprechenden russischen Bezeichnungen, verwandte, hatte sich in den kapitalistischen Industriestaaten dieser Automatismus Arbeiter_innenkinder->Arbeiter_innen bereits aufgelöst. Und es wurde deutlich, dass der „Opportunismus“ nicht über die Gesamtheit derer, die gezwungen sind, ihre Arbeitskraft zu verkaufen, gleich verteilt, sondern vorwiegend in den Reihen der kleinbürgerlichen Schichten anzutreffen war. Spätestens mit Ernst Blochs Analyse Erbschaft dieser Zeit müsste deutlich geworden sein, dass vor allem die Deklassierungsängste aus den kleinbürgerlichen Millieus zum Erstsarken des Nationalsozialismus geführt haben. Und mit Pierre Bourdieus Die feinen Unterschiede liegt eine Untersuchung vor, die die Differenzierung habituell bedingter Existenzweisen erlaubt.

Zusammenhang von Diskriminierung und Existenzweisen

Klassismus hat ebenso wie Sexismus und Rassismus Manifestiationen von Existenzweisen zur Grundlage. Sexismus hängt unmittelbar mit den Existenzweisen Mannsein und Frausein zusammen, Rassismus mit den Existenzweisen Weißsein und Schwarzsein. Diese Existenzweisen sind nicht biologisch oder gottgewollt vorgegeben, sondern existieren im Zusammenhang mit den entsprechenden Diskriminierungsformen. Entsprechend existiert Klassismus nicht ohne Klassen im Sinne der Existenzweisen, die Marx etwas unbeholfen mit „race“ kennzeichnete. Es handelt sich hierbei nicht um die Klassen Bourgeosie und Proletariat, sondern es wird auf einen Klassenbegriff zurückgegriffen, der im Englischen eher gebräuchlich ist als im Deutschen. Ähnlich wie bei den Existenzweisen Weißsein und Schwarzsein ist es beim Klassenbegriff, der nicht die aus der Kritik der politischen Ökonomie exakt abgegrenzten Klassenbegriffe, sondern die im Zusammenhang mit Diskriminierungen entstandenen Existenweisen meint, schwierig, hier exakte Definitionen zu liefern. Die klassenbezogene Bildungsbenachteiligung macht deutlich, dass hier viele Faktoren ineinander greifen: soziale, finanzielle, kulturelle Angriffe und das Ganze ist dann noch intersektionell verwoben mit Rassismus, Sexismus, Bodyismus.

Produktionsklasse und Reproduktionsklasse

Wenn mit dem Begriff „Klassismus“ auf eine Strukturkategorie „Klasse“ zurückgegriffen wird, dann ist damit nicht Klasse im Sinne der marxschen antagonistischen Klassen Bourgeosie und Proletariat gemeint. Es wird dieser marxsche Klassenwiderspruch und das Produktionsverhältnis allerdings genauso wenig in Frage gestellt, wie das Verweisen von „Rassismus“ auf die Strukturkategorie „Rasse“ das Konzept der Ausbeutung in der Aneignung von Mehrwert in Frage stellt. Es handelt sich zunächst nur um zwei unterschiedliche Klassenbegriffe innerhalb eines Konzepts.

1 Kommentar

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  1. Hallo

    Dieses Phänomen „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ gibt es ja relativ häufig, und diese Leute sind besonders stolz insgeheim darauf und schauen auf die herab, die es ihrer Meinung wohl mehr wegen fehlender Willensstärke als aufgrund ungünstiger sozialer Bedingungen nicht in eine besseres Leben schafften.
    Anscheinend gehört das zur Wesensart des lebendigen aktiven (und mithin auch männlchen) Menschen, auf andere herabzuschaun und die eigenen Leistungen zu loben, noch bevor in irgendeine Klasse im Ideologischen wie klassischen Sinne real ‚gehoben‘ oder hineingeboren.

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