Rektoratsentschluss der Uni Münster gegen Selbstorganisierung von studierenden Arbeiterkindern

· Artikel (Bildung), Artikel (Klassismus)

Anfang des Monats haben zwei Studien die kaum noch überschaubaren Bildungsberichte ergänzt, denen zufolge Arbeiterkinder im Bildungsbereich massiv diskriminiert werden. So hieß es in der einen Studie, dass immer mehr Arbeiterkinder vor einem Studium zurückschrecken. „Wir brauchen Initiativen, die sozial benachteiligten Jugendlichen die Aufstiegsangst nehmen“. An der Uni Münster gibt es eine solche Initiative, eingerichtet von Arbeiterkindern selber und zwar schon fast vor zehn Jahren. Dort finden inzwischen zweimal jährlich Vollversammlungen von studierenden Arbeiterkindern statt, wo sie sich beraten und an einer Hochschulpolitik mitarbeiten, um die Bildungsbarrieren gegen Arbeiterkinder abzubauen. Aus den Reihen der Arbeiterkinder werden Referent_innen gewählt, die als Arbeiterkinder Hochschulpolitik für Arbeiterkinder machen, da geht es ums Bibliothekensterben, um Latein-Voraussetzungen, Bafög oder Interventionen wie jüngst beim Forschungsprojekt zur Diskriminierungsfreie Hochschule, wo erfolgreich durchgesetzt wurde, dass auch soziale Herkunft als Diskriminierungsform anerkannt wurde. Überhaupt spielt neben finanziellen Problemen auch Anerkennung eine große Rolle.

Daher forderte die letzte Versammlung, an der der vierzig studierende Arbeiterkinder der Uni Münster teilnahmen, dass es an der Zeit sei, nach einem „Probelauf“ von neun Jahren, nun endlich die Selbstorganisierung von Arbeiterkindern auch in der Satzung der Studierendenschaft aufzunehmen. Diesem einstimmigen Votum folgte nach einer langen Debatte im Studierendenparlament dann auch der einstimmige Beschluss, diese Änderung durchzuführen. Nach neun Jahren wurde also endlich das Arbeiterkinderreferat mit den autonomen Frauen- , Schwulen-, Lesben-, Behinderten- und Ausländer-Referaten gleichgestellt. Es wurde damit anerkannt, dass Arbeiterkinder im Bildungssystem benachteiligt werden und dass es sinnvoll ist, dass sie sich selber organisieren, um gegen diese Benachteiligung vorzugehen.

In dieser Woche hat das Rektorat den einstimmigen Beschluss des Studierendenparlamentes kassiert. Arbeiterkinder seien nicht definierbar und sie seien daher nicht satzungskonform. Fazit: Sie können sich gerne organisieren, aber ihnen steht nicht die gleiche Anerkennung zu wie den anderen diskriminierten Gruppen an den Hochschulen. Ein Gespräch mit den Arbeiterkindern der Uni wurde vom Rektorat nicht gesucht, eine Teilnahme des AStA an der Rektoratssitzung wurde abgelehnt. Für die studierenden Arbeiterkinder, die an der Vollversammlung teilnahmen, ist dies eine Ohrfeige, die nicht weit hinter dem Zitat des US-Präsidentschaftskandiaten Romney zurücksteht, dass ihm die 47 Prozent Looser der amerikanischen Bevölkerung egal seien.

In zehn Jahren ist es den studierenden Arbeiterkindern an der Uni Münster gelungen, sich in der organisierten Studierendenschaft Respekt zu verschaffen. Davon scheint das Rektorat nicht viel mitbekommen zu haben, dort beginnt der gleiche Kampf um Anerkennung anscheinend nun von Neuem.

1 Kommentar

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  1. Andreas Kemper

    Klassismus findet in Hochschulen nicht nur gegen studierende Arbeiterkinder statt. Auch Lehrende sind davon nicht verschont, wie ein aktueller Artikel zeigt:
    http://www.classism.org/classism-academia

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