Zur Klassismus-Debatte

· Allgemein, Artikel (Klassismus)

Zur aktuellen Klassismus-Debatte möchte ich hier einige Anmerkungen unterbringen. Es sind unsortierte Gedanken, Anmerkungen, ergänzendes Material. Aus Zeitgründen ist dieser Beitrag in zwei Teile gegliedert. Den Abschnitt zu Klassismus als Empowerment-Begriff könnt ihr bereits jetzt schon lesen. Der Artikel zum Thema Klassismus als Gesellschaftsanalyse folgt in Kürze.

Klassismus! und Klassismus

Zunächst macht die aktuelle Debatte deutlich, dass zwischen dem Begriff Klassismus! als Empowerment-Begriff und dem Begriff Klassismus als gesellschaftlichem Begriff unterschieden werden muss.

Diskriminierungserfahrungen entziehen sich oftmals der Möglichkeit, diese zu verbalisieren. Die Betroffenen spüren, dass da etwas schräg läuft, aber es fehlen buchstäblich die Worte. Dass diese Worte fehlen, ist ja kein Zufall. Im Bereich Klassismus sind gleich von zwei Seiten die Vokabeln geraubt worden.

Klassenbegrifflichkeiten wurden seit Jahrzehnten lächerlich gemacht; Proletariat, Prolo, Proll wurden zu abwertenden Bezeichnungen. Und seit genau zwanzig Jahren gibt es einen konservativen Anti-PC-Diskurs, der sich gegen Empowertment und Maßnahmen gegen Diskriminierung wendet: Political Correctness, Gutmenschen, Ideologen, Tugenterror bzw. Tugendfuror… Die beiden Importeure dieses Diskurses, Matthias Matussek und Dieter E. Zimmer waren beide schon länger im Anti-Antidiskriminierungsgeschäft tätig. Als bekannter Antifeminist empfahl Matussek die konservative Strategie Anti-PC im SPIEGEL, Dieter E. Zimmer – der schon dreißig Jahre vor Sarrazin Thesen zur angeblichen Vererbung von Intelligenz  vertrat – machte diesen Diskurs in der ZEIT bekannt.

In diesem Klima Klassen-Diskriminierung zur Sprache zu bringen ist schwierig. Es erinnert an die von George Orwell in 1984 gezeichnete Gesellschaft, in der systematisch Formulierungen aus der Sprache getilgt wurden, die eine kritische Reflektion ermöglichen könnten. Aber selbst noch Orwell wurde vom konservativen Anti-PC-Diskurs annektiert. Während mit Workfare und einem Revival von Bürgerlichkeit und Refeudalisierung, dem Etablieren von deutsch-bürgerlichen Leitbildern Sekundärtugenden und Untertanmentalitäten eingefordert werden, können sich diese Neo-Spießer_innen als Rebell_innen darstellen. Man ist in allem korrekt, nur nicht im Umgang mit diskriminierten Gruppen. Dass die Tea-Party-Bewegung schon längst nicht mehr nur ein us-amerikanisches Phänomen ist, zeigen die überfüllten Hallen bei Sarrazin- oder Alternative-für-Deutschland-Veranstaltungen.

Dies also ist das politische Klima in dem Empowerment stattfindet. Es erklärt, warum vor laufenden Kameras ein Armuts- und Reichtumgsbericht umgeschrieben werden kann. Es erklärt, warum Politiker_innen vor Bundestagswahlen eine Faulheitsdebatte nach der nächsten raushauen können unter Beifall und Unterstützung der Massenmedien. Und es erklärt, warum eine Bildungsbenachteiligungsstudie nach der anderen ohne Konsequenzen verhallt.

Menschen, die sich gegen Diskriminierungen wehren, brauchen dafür Wörter. Wichtig hierfür ist die Wiedererkennbarkeit, es geht darum, gesellschaftliche Probleme nicht individuell wegzutherapieren, sondern aus der individualisierten Ohnmacht herauszukommen. Ernst Bloch benennt dies mit einem Prozess, in dem es darum gehe, vom Ergriff zum Begriff zu bekommen. Die Ergriffenheit in Form von Wut oder Traurigkeit kann in Selbstverletzungen umschlagen oder mündet in einer resignativen Gratifikationskrise, wenn sie nicht in eine machtvolle Sprache umgewandelt wird. Es geht darum, nicht mehr nur markiertes Objekt zu sein, sondern zum markierenden Subjekt zu werden. Der Begriff Klassismus ist hier genau richtig, da er zum einen Klassendiskriminierungen benennt, zum anderen aber auch einen Schulterschluss mit den anderen emanzipatorischen Bewegungen einfordert, Klassismus reiht sich als Empowerment-Begriff ein zwischen den Begriffen Rassismus und Sexismus, stärkt somit zugleich die Bewegung gegen Diskriminierung, fordert aber auch deren Solidarität.

Betrachten wir die Herkunft des Begriffs Klassismus, so zeigt sich, dass er tatsächlich als Empowerment-Begriff eingeführt wurde. Ich habe 2006 in den Vereinigten Staaten eine Studienreise gemacht, um zu erfahren, woher der Begriff Classism kommt. Die vor kurzem verstorbene Aktivistin Felice Yeskel, Gründerin von Class Action/ classism.org, bestätigte mir meine Vermutung, dass zunächst die Furies (dt.: die Furien), eine Gruppe von lesbischen Arbeiter_innentöchtern Anfang der 1970er Jahre in New York, diesen Begriff benutzte. Mit der selbstironisierenden Bezeichnung The Furies scheinen sie bereits vor über vierzig Jahren geahnt zu haben, dass sich irgendwann jemand besonders schlau vorkommen wird, wenn er mit Schlagwörtern wie Tugendfuror Emanzipation mundtot machen möchte. Ihre Beiträge hätten auch unter der Überschrift Bambule, Randale, Queer-Radikale! stehen können, dem Text von Clara Rosa, mit dem die aktuelle Klassismus-Debatte nach einigen Vorläufern hier vor einer Woche begonnen hat. Klassismus, bzw. Classism, ist hier ein Begriff mit Ausrufezeichen. Eventuell hatte vor den Furies bereits die Co-Counsel-Szene in den USA den Begriff Classism genutzt. Auch diese Vermutung teilte Felice Yeskel mit mir, konnte dazu aber nichts genaueres sagen. Das Re-Evaluations-Counseling wurde als Therapie ohne Therapeuten von einem Gewerkschafter für die Arbeiter_innenklasse entwickelt. Ziel dieser Selbsthilfe-Therapie ist, habituelle Verhaltensmuster zu durchbrechen, um rational gegen die Unterdrückung im Kapitalismus vorgehen zu können. RC-Counseling ist deutlich antikapitalistisch positioniert und hat eventuell schon vor den Furees den Begriff classism benutzt, um diese spezifische Diskriminierungsform verbalisieren zu können. RC-Counseling wurde übrigens in Europa von der Feministin Anja Meulenbelt in die politische Diskussion eingebracht, die sich in mehreren Artikeln für politische Therapie aussprach. Es ist kein Zufall, dass Anja Meulenbelt mit dem Buch Scheidelinien den Begriff Klassismus im deutschsprachigen Raum bekannt machte. Dort allerdings wurde der Begriff bereits gesellschaftsanalytisch benutzt. Bevor ich auf Klassismus als analytischen Begriff und nicht als Empowerment-Begriff mit Ausrufzeichen eingehe, möchte ich noch kurz ein paar Sätze zur Selbstorganisierung formulieren.

Es geht bei den Angriffen gegen den Begriff Klassismus nicht nur gegen den Begriff. Es geht hier auch um eine Selbstorganisierung, die mit dem Begriff Klassismus stattfindet. Vor allem geht es gegen eine Selbstorganisierung von Studierenden aus der Working Class. Die Hochschule sei nicht der richtige Ort, um über Klassenfragen zu sprechen, wird von bestimmten marxistischen Gruppen (die Marx gar nicht verstanden haben – doch dazu später mehr) eingewandt und unterstellt, hier wollen nur einige ihre Karriere sichern. Der Klassenkampf hingegen müsste im Betrieb, auf der Straße, unter Arbeitslosen, im Marx-Diskussionskreis oder wo auch immer stattfinden, jedenfalls nicht an der Uni. Es fällt auf, dass nicht etwa Arbeiterkind.de mit ihren über 60 Gruppen angegriffen wird, die explizit unpolitisch sind und daher auch keinen politischen Begriff wie Klassismus benutzen. Stattdessen werden vehement Selbstorganisierungsversuche von Working Class Academics angegriffen, die sich sehr wohl bewusst sind, dass es um Politik geht, dass wir in einem kapitalistischen Staat leben. Es wird nicht berücksichtigt, dass Befreiungsbewegungen oftmals an Hochschulen entstehen und dass es dafür Gründe gibt. Hochschulen sind eben mehr als ihre eigentliche „Bestimmung“, da sie zeitliche und materielle Ressourcen zur Verfügung stellen. Howard Zinn beschreibt in seiner Biografie, wie schwarze Studentinnen seiner Hochschule vor sechzig Jahren begannen, sich selbstbewusst in Cafés für Weiße zu setzen und wie die Hochschule genutzt wurde, um diese Anfänge der Bürgerrechtsbewegung zu reflektieren. In den 1990er Jahren erhielten die Kämpfe zwischen konservativen und emanzipativen Kämpfen in den USA das Label „Campus-Wars“, weil diese Kämpfe an Hochschulen geführt wurden. Die 68er-Bewegung wäre ohne Hochschulen zumindest in Deutschland undenkbar gewesen. Und auch die neueste Welle des Feminismus hat sich beginnend mit dem Tomatenwurf vor allem auch an Hochschulen entwickelt. Zudem sind die autonomen Frauen-, Schwulen-, Lesben-, Behindertenreferate an den westdeutschen Hochschulen sehr wichtig gewesen für die Entstehung der entsprechenden Anti-Diskriminierungsbewegungen.  Hochschulen dienen nicht einfach nur ihrer „Bestimmung“, akademische Arbeits- und Führungkräfte hervorzubringen, sie sind auch soziale, politische Orte.

Ein interessantes Phänomen: während immer schon bekannt war, dass Arbeiter_innenkinder im Bildungssystem benachteiligt werden, entstanden an Hochschulen zwar Frauen-, Lesben-, Schwulen-, Behindertenreferate, nicht aber Arbeiter_innenkinder-Referate. Meine Recherchen haben ergeben, dass Studierende mit niedriger sozialer Herkunft hier ganz einfach zwischen die Fronten der Alten und der Neuen Sozialen Bewegung gerieten. Die autonomen Antidiskriminierungsreferate entstanden im Zuge der Neuen Sozialen Bewegungen, die eine Politik des Alltags, der ersten Person, der Selbstorganisierung entwickelten. Das Persönliche ist politisch war damals die Losung des Feminismus, aber auch die autonomen Basisgruppen und die Alternativbewegung entwickelte entsprechende Politikmodelle „von unten“. Die Politisierung des Alltags war den vor allem männlichen Funktionären der marxistischen oder sozialdemokratischen gewerkschaftlich orientierten Gruppen fremd. Gabriele Theling war Mitglied im marxistischen MSB-Spartakus an einer münsteraner Hochschule und sie fühlte sich als Arbeitertochter dort nicht ernstgenommen, wie sie in ihrem Buch „Vielleicht wäre ich als Verkäuferin glücklicher geworden. Arbeitertöchter und Hochschulen“ schrieb. Das Politikmodell dieser gewerkschaftlich orientierten Gruppen ließ eine Selbstorganisierung von Arbeiterkindern an Hochschulen gar nicht zu. Dies Basisgruppen, die hingegen die autonome Selbstorganisierung von benachteiligten Gruppen unterstützten, verabschiedeten sich vom Proletariat als politischem Subjekt. Studierende Arbeiterkinder hatten keine Unterstützung, entweder aus politikformalen (GO-Gruppen) oder aus inhaltlichen (Basisgruppen) Gründen. Es ist unnötig zu erwähnen, dass die Meinungsführer von GO- und Basis-Gruppen Akademikerkinder waren und mit unterschiedlichen Argumenten sich die Hände reichen konnten in ihrer Einigung, dass Selbstorganisierung von Arbeiterkindern an Hochschulen Quatsch sei.

Als wir vor zehn Jahren in Münster die erste selbstorganisierte Vollversammlung von Arbeiterkindern gründeten, wurden wir massiv angegriffen. Diese Angriffe kamen in erster Linie von liberalen und christdemokratischen Studigruppen. Das Arbeiterkinder-Referat orientierte sich formal an die schon bestehenden autonomen Antidiskriminierungsreferate, zuerst waren allerdings alle politischen Gruppen dagegen, auch die linken.  Zur ersten Vollversammlung kamen 80 Studierende. Obwohl das Referat erfolgreich ist, vom Studierendenparlament nach zehn Jahren nun endlich auch in die Satzung übernommen wurde und obwohl es bei der letzten Vollversammlung der studierenden Arbeiter_innenkinder sechzig Interessierte teilnahmen, ist das Referat nach wie vor ein Unikum. Die Schwelle für eine Selbstorganisierung von Working Class Academics scheint sehr hoch zu sein. Wer Klassismus benennt, muss sich bereits auf Angriffe gefasst machen, wenn aus dieser bloßen Benennung Tendenzen einer praktischen politischen Selbstorganisierung deutlich werden, verstärken sich diese Angriffe. Auch als wir das Referat eingerichtet hatten, hörten die Angriffe nicht auf. Diese Angriffe kommen nicht nur von rechts. Eine Gruppe, die dem Gegenstandpunkt nahe steht, der ja oftmals das Engagement gegen Bildungsbenachteiligung kritisierte, weil die eigentliche Bestimmung der Hochschule in der Konkurrenzgesellschaft doch sei, kapitalismuskonforme Führungskräfte zu generieren und es daher nichts nütze, wenn Arbeiterkinder studieren, im Gegenteil, dass diese noch viel hinterhältigere Chefs werden, hat vor einigen Jahren nicht davor zurückgeschreckt, dass Referat für Arbeiterkinder in Münster zu okkupieren. Mit den Ressourcen des Arbeiter_innenkinder-Referates wurden dann Gegenstandpunkt-Veranstaltungen organisiert, in denen Freerk Huisken dann den anwesenden Arbeiterkindern erzählen konnte, wie dumm sie seien, wenn sie gegen Benachteiligung kämpften und auch noch glaubten, das wäre Politik. Diese Anekdote soll klar machen, dass einer Selbstorganisierung von studierenden Arbeiter_innenkindern nicht nur rechtskonservative Burschenschaftler entgegenstehen.

Der Begriff Klassismus ist also in erster Linie ein Begriff des Empowerments, es ist ein Begriff für die Selbstverständigung und Selbstorganisierung von klassendiskriminierten Gruppen. Ich bin auf die Hochschulen im Besonderen eingegangen, weil dies mein Lebensbereich ist. Den ersten Texten in dieser Klassismusdebatte eine Motivation der Karriereorientierung vorzuwerfen ist extrem unfair. Schließlich wird die Kritik an Arbeiterkind.de vor allem von politisch selbstorganisierten Working Class Academics geführt. Der Begriff Klassismus ist ein Begriff auch in der Kritik an die unpolitische Selbstorganisierung, wo es eben unreflektiert nur Charity geht, aber nicht um politische Solidarität.

Soviel erst einmal zum Begriff Klassismus mit Ausrufezeichen. An diesen hat sich die Gesellschaftsannalyse, die mit dem selben Begriff vorgenommen wird, zu orientieren. Hier gehts zum zweiten Teil: Klassismus als gesellschaftsanalytischer Begriff.

18 Kommentare

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  1. Jörg Friedrich

    Es gibt viele Gründe, warum es jemand in einer neuen Gemeinschaft schwer hat. Die eine ist in einer abgeschiedenen Landgegend aufgewachsen und kommt mit der Schnelligkeit der Stadt nicht zurecht. Der andere spricht einen ungewöhnlichen Dialekt, er versteht die Leute in der neuen Gemeinschaft nicht, wenn sie schnell reden, und sie verstehen ihn nicht. Die nächste kommt aus Vorpommern und studiert nun in Köln, Mentalität und Sozialisierung sind ganz verschieden. Und einer ist eben ohne Bücher und Wein, aber mit Fernseher und Bier erwachsen geworden und gerät nun von den Fußballgesprächen beim Bier in intellektuelle Debatten beim Wein. Diskriminierung ist überall, wenn man damit meint, dass feste Gemeinschaften das fremd erscheinende ausgrenzen und „draußen halten“ wollen und dass der Einzelne in einer neuen Gemeinschaft sich einem Anpassungsdruck ausgesetzt sieht, unter dem er das Gefühl hat, in der Fremde zu sein und seine Herkunft verleugnen zu müssen, was jedem nur begrenzt gelingt. Ich frage mich, was der Klassen-Begriff hier bringen soll? Vielmehr schafft er eine neue Diskriminierung, und zwar sogar in dreierlei Hinsicht: Er grenzt die aus, die zwar nach „äußeren Kriterien“ der Klasse zugehörig sind, sich aber nicht so fühlen. Der weintrinkende Bauarbeiter ist eben kein „richtiger Arbeiter“. Er grenzt zweitens diejenigen aus, die zur „falschen Klasse“ gehören. Wer aus „reichem Hause“ kommt, hat auf dem Bolzplatz nichts verloren. Drittens werden diejenigen doppelt diskriminiert, die eben aus anderen Gründen als der – für wesentlich angesehenen – Klassenzugehörigkeit diskriminiert sind. Der Junge aus Vorpommern in Köln soll sich mal nicht so haben, schließlich stammt er aus einem Ärztehaushalt.
    Meines Erachtens ist jede Klassenkonstruktion Grenzziehung und Reproduktion von Feindbildern, die letztlich das erhält und stabilisiert, was sie zu bekämpfen vorgibt.

    • Andreas Kemper

      Würdest du auch nicht von Rassismus oder Antisemitismus sprechen, weil dadurch ja erst Rassen und Juden geschaffen würden?

      • Jörg Friedrich

        Es gibt da einen entscheidenden Unterschied. Gerade der Antisemitismus zeigt das sehr gut. Dort ist es nämlich möglich und sogar häufig der Fall, dass die Person, die diskriminiert wird, aus ihrem Verhalten und Erscheinen heraus gar nicht als Jüdin oder Jude erkannt wird. Erst durch die bewusste Markierung wird sie ausgegrenzt und kann diese Ausgrenzung auch nicht überwinden. Umgekehrt kann es sein, dass ein Nicht-Jude, der vielleicht „jüdische Gesichtszüge“ hat, vom Antisemiten zuerst angefeindet wird, durch den Nachweis, dass er kein Jude ist, der Diskriminierung aber wieder entkommt. So funktioniert Antisemitismus, und auch jeder andere Rassismus. Das Abgenzungsmerkmal der Diskriminierung ist fest mit der Person verbunden, ob sichtbar oder nicht, und weil es da ist, wird auch diskriminiert, egal, ob das Verhalten, der Habitus, den Menschen zum Fremden macht oder nicht. Beim „Klassismus“ ist das aber anders (ich setze das Wort in Anführungszeichen weil ich meine, dass eben wenn man diese Art von Diskriminierung verstanden hat, merkt, dass Klassismus in der Art, wie es Rassismus gibt, eben nicht existiert). Da geht die Diskriminierung vom Habitus aus. In einer Gemeinschaft von feinsinnig-intellektuellen Weintrinkern wird der poltrig-laute Bier-Fußball-Fan (entschuldige die Klischees, das ist nur zur Illustration) immer diskriminiert, es nützt ihm nichts, dass er darauf verweist, dass er aus einem „Gebildeten-Haushalt“ kommt. Umgekehrt wird jemand, der sich eben unter den Gebildeten doch „wie ein Fisch im Wasser“ fühlt, nicht notwendig ausgeschlossen, wenn sich herausstellt, dass seine Eltern Arbeiter sind. Wenn du den Klassismus auf die – sicherlich vorkommenden – Fälle von Diskriminierung beschränkst, die dieser Darstellung widersprechen, dann wirst du meines Erachtens dem Großteil der Diskriminierungsfälle nicht gerecht. Den meisten Menschen ist es nämlich egal, wo jemand herkommt, wenn er sich nur so verhält, wie sie.
        Aber natürlich gibt es einen Zusammenhang zwischen Herkunft und Habitus. Den bestreite ich nicht. Diskriminierung, die du – wenn ich es recht verstehe – mit dem Klassismus-Begriff zu erfassen versuchst, setzt aber bein Habitus, und nicht bei der Herkunft an. Dieser Diskriminierung kann man begegnen, ohne das große Wort der Klasse zu brauchen.

      • Andreas Kemper

        @Jörg Friedrich:

        Natürlich bezieht sich Klassismus auch auf die soziale Herkunft und nicht nur auf den Habitus. Wir haben seit ein paar Jahren ein Elterngeld, welches dafür sorgen soll, dass mehr Akademikerkinder und weniger Arbeiterkinder geboren werden. Parallel dazu kam die passende Ideologie eines Thilo Sarrazin, der eine Verschärfung des Gesetzes fordert. Kindergeld solle abgeschafft werden und es sollen nur noch Akademikerinnen Geld für das Gebären von Kindern bekommen, da sich „das Problem mit der Unterschicht auswachsen müsse“. Die neue Partei Alternative für Deutschland hat ähnliches in ihrem Programmentwurf stehen.

        Arbeiterkinder werden ja nicht ausgegrenzt, weil ihr Habitus als doof empfunden wird, sondern sie werden ausgegrenzt, weil ihr Habitus ihrer Herkunft zugeordnet wird, die als doof empfunden wird.

        Ähnliches wirst du bei den Vornamen finden: Der Name Kevin ist an sich nicht doof. Die Privilegierten in ihrem Abgrenzungswahn haben allerdings eine sehr hohe Kompetenz darin, ihre Kinder so zu benennen, wie Menschen aus klassendiskriminierten Gruppen ihre Kinder nicht nennen würden. Dies erlaubt es ihnen dann, Kevin als „bescheuerten Unterschichtennamen“ zu diffamieren.

      • Jörg Friedrich

        In der Facebook-Diskussion neulich hattest du ja als typischen „Privilegiertennamen“ Hannah angegeben. Bei http://www.beliebte-vornamen.de lässt sich allerdings nachlesen, dass dieser Name seit 10 Jahren unter den ersten dreien der beliebtesten Vornamen für Mädchen ist, mehrere Jahre davon auf Platz 1. Das bedeutet doch dann entweder, dass wir eine sehr breite „Privilegiertenschicht“ haben (ich vermute, dass nicht alle „privilegierten“ Eltern ihre Töchter Hannah nennen) oder dass deine These, die „Privilegierten in ihrem Abgrenzungswahn haben allerdings eine sehr hohe Kompetenz darin, ihre Kinder so zu benennen, wie Menschen aus klassendiskriminierten Gruppen ihre Kinder nicht nennen würden“ schlicht empirisch nicht haltbar ist.

  2. Robin Urban

    Interessante Analyse… ich hatte keine Ahnung, dass es bereits organisierte Unigruppen gibt, die sich an Arbeiterkinder richten (und irgendwie hat mich auch der Artikel erst darauf gebracht, dass sowas eine gute Idee wäre). Der Widerstand gegen solche Gruppen ist indes nicht überraschend, auch wenn die Argumente einfach dämlich sind.

    Ich weiß nicht, ob meine Auseinandersetzung mit dem Thema empowernd war. Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich diesen Begriff überhaupt richtig verstehe. Dass sie jetzt in dieser Debatte gar nicht auftaucht, ist aber jedenfalls das Gegenteil davon.

    • Andreas Kemper

      Hallo Robin,
      es gibt seit wenigen Jahren sehr viele Gruppen, die zu Arbeiterkind.de gehören. Arbeiterkind.de ist allerdings bewusst unpolitisch.
      An politischer Selbstorganisierung gibt es nur das Fikus-Referat in Münster und den Dishwasher als Magazin.

      Dein Beitrag ist ebenfalls verlinkt worden, ich hatte ihn jedenfalls schon gelesen, bevor es „richtig los ging“. Zeitlich lag er etwas vor Clara Rosas Beitrag und es kann sein, dass deshalb dein Beitrag nicht mehr im Fokus ist. Dass überhaupt diese Beiträge eine breitere Diskussion ausgelöst haben, ist schon erstaunlich. Über Jahre haben Arbeiterkinder über ihre Erfahrungen geschrieben, ohne dass dies zur Kenntnis genommen worden ist.

      • Robin Urban

        Hi Andreas,

        Danke für den Buchtipp. Klingt spannend.
        An meiner Uni gibt es so eine Gruppe nicht und ich bin jetzt leider ein wenig zu fortgeschritten im Studium, um sowas noch zu starten (sprich: Ich hab keine Zeit).

        Ich finde übrigens nicht, dass man hier schon von einer „breiteren Diskussion“ und einer „Debatte“ reden kann, da die Masse der Beiträge doch schon recht überschaubar ist. Nur weil die Mädchenmannschaft sich mal herablässt, dazu was zu schreiben (und meinen Artikel weder verlinkt, noch als Kommentar freischaltet), ist das noch lange keine Debatte. Wenn es zu einer würde, würde ich das durchaus begrüßen, auch wenn interessant ist, wie auch hier wieder selektiert wird.

      • Robin Urban

        Ups, ich sehe erst jetzt, das ist noch gar kein Buch, sondern nur ein Projekt. Läuft das noch, ist es abgeschlossen und bereits erhältlich?

      • Andreas Kemper

        Du meinst das Buchprojekt? Das ist leider erst mal auf Eis gelegt.

  3. Augen weg

    ich finde der Antwort-Satz an Herrn Friedrich bringt es schön auf den Punkt: „Arbeiterkinder werden ja nicht ausgegrenzt, weil ihr Habitus als doof empfunden wird, sondern sie werden ausgegrenzt, weil ihr Habitus ihrer Herkunft zugeordnet wird, die als doof empfunden wird.“
    Danke für die gut verständlichen Worte zum Thema.

    • Jörg Friedrich

      Leider handelt es sich bei dem wunderschönen Satz um eine bloße Behauptung, die nicht belegt wurde und meines Erachtens auch nicht belegt werden kann. Es ist allenfalls eine Vermutung über die Intention des Diskriminierenden. In wessen Kopf die Verknüpfung: „Die Ablehnung des Habitus meint eigentlich die Ablehnung der Herkunft“ wirklich entsteht, ob es nicht vielleicht eine Konstruktion des Diskriminierten ist, um die Diskriminierung sozusagen von sich selbst auf seine Klasse projizieren zu können, ist meiner Meinung nach nicht entscheidbar.
      Man könnte also probeweise einmal annehmen, dass tatsächlich der Habitus gemeint ist, und nicht die Herkunft. Dann hat man als Betroffener zwei Möglichkeiten, mit der Situation umzugehen. Anpassung oder Stolz. Anpassung führt dazu, dass man den Habitus der Gemeinschaft übernimmt, von der man sonst ausgeschlossen ist. Man trinkt eben auch den Wein, auch wenn man Bier bevorzugen würde. Vielleicht findet man irgendwann Geschmack daran, entfremdet sich gleichzeitig von seiner Herkunft. (Milan Kundera hat das in „Die Unwissenheit“ sehr schön genau am Bier-Wein-Beispiel einer Paris-Emigrantin, die in die tschechische Heimat zurückkommt,beschrieben). Stolz setzt Selbstbewusstsein voraus, es zeigt der Gemeinschaft aber vor allem, dass der Habitus letztlich eben beliebig ist. Unter der Annahme, dass der Habitus das Problem ist und nicht die Herkunft „an sich“, hat man also Handlungsoptionen, die die Grenzen letztlich auflösen.
      Wenn man allerdings auf der These besteht, dass es der Gemeinschaft in jedem Fall darum geht,die Herkunft selbst zu diskriminieren, dann hat man quasi keine Handlungsoption als selbst abzugrenzen. Das macht dann die Grenzen letztlich nur stabiler und undurchlässiger.

      • Andreas Kemper

        Du meinst also, Arbeiterkinder sollen ihre Haut bleichen und ihre krausen Haare glätten, dann wird alles gut? Den Onkel-Tom-Weg gehen? Ich habe doch auf Sarrazin und das Elterngeld hingewiesen. Ich kann auch gerne nochmal des Gesundheitsministers Worte wiederholen: In Deutschland bekommen die Falschen die Kinder. Es geht gegen die Herkunft, nicht gegen den Habitus.

        Ich finde die Diskussionen hier schon witzig. Die einen sagen, wir „Antiklassisten“ hätten nicht verstanden, dass es nichts nützt, gegen Klassismus vorzugehen, weil der Kapitalismus dadurch noch nicht abgeschafft ist. Die anderen sagen, das Problem sei nicht die Herkunft, sondern nur die verschrobene Verhaltensweise aufgrund der Herkunft, wir sollten nur einfach unsere Verhaltensweise ändern, dann wäre alles gut.

        Könnt ihr, die Vertreter_innen dieser beiden Positionen euch nicht gegenseitig die Argumente um die Ohren hauen? Danke.

      • Jörg Friedrich

        Ich habe ehrlich gesagt den Eindruck, dass du meinen Kommentar nicht zu Ende gelesen hast, denn dann wüsstest du, dass ich Anpassung eben nicht als einzige und schon gar nicht als bevorzugte Reaktion auf Diskriminierung ansehe. Aber ich möchte hier nicht weiter eskalieren, darum verzichte ich auch auf eine Bemerkung zum Onkel-Tom-Vergleich. Danke für die Geduld.

  4. Carl

    Hallo,
    ich habe mich gestern ausgehend von clara-rosa durch die Klassismus-Erfahrungsberichte geklickt, die plötzlich wie Pilze aus dem Boden geschossen sind.
    Mit deinem konnte ich mich teilweise sehr gut identifizieren. Solche Situationen, wie du sie mit der Sekretärin der Studienberatung für Jura erlebt hast, kenne ich zur Genüge. Früher habe ich geglaubt, dass etwas mit mir falsch sei, weil manche Leute auf mich so reagieren. Inzwischen sage ich mir, dass es an denen liegt und wenn mir demnächst wieder einer dumm kommen sollte, werde ich mich wehren.

  5. Mona

    Das ist OffTopic, dennoch

    @Robin Urban

    … und meinen Artikel weder verlinkt, noch als Kommentar freischaltet

    Schonmal an den Sexismus a ‚la „Tussi“ nachgedacht, den du in deinem Text und Blog insgesamt produzierst? Könnte auf einem feministischen Blog durchaus ein Beweggrund sein, deinen Text nicht zu verlinken.

  6. anonyme_Untersch1cht

    Das ist halb off-topic, trotzdem:
    Nen Blog in dem es inhaltlich(!) dann doch eher gegen Sexismus geht, produziert „insgesamt“ Sexismus. Wegen eines Wortes. Sprache ist also wichtiger als Inhalt. Das ist doch völlig absurd. 😀

    @robin_urbach

    auch wenn interessant ist, wie auch hier wieder selektiert wird.

    Keine Ahnung ob das klassistisch ist oder einfach Sektenscheiße oder Beides. ;D

    @Mona
    sry, aber Sprache will ja auch was ausdrücken und geschlechtsneutrales „affektierter Arsch“ o.ä. kann sich doch allein schon deswegen nicht durchsetzen, weil „affektiert“ Bildungssprache ist. Im übrigen ist T. dann auch noch nen Dialektwort, z.B. im Pott. Davon abgesehen wird es im fraglichen Blog ja auch gerade nicht, in weiteren Bedeutungen verwendet, wie sie auch in irgendwelchen Lexika stehen. Es nicht zu verwenden, setzt der Verwendung im Alltag übrigens auch nichts entgegen, dann kann eben nur was nicht sprachlich ausgedrückt werden und alle werden das Wort weiterhin verwenden. Schließlich wollen die damit ja was bezeichnen. Von außen betrachtet, voll nicht nachvollziehbar, wie das jetzt „Sexismus“ produziert, geschweige denn „insgesamt“. Auch stellt sich die Frage nach der „richtigen“ Alternative 😉

    Aber macht mal, ist ja euer Bier.
    Finde das nur seltsam immer eher die Leute anzugreifen(weil ne solidarische Kritik ist das jedenfalls nicht), die eigentlich nicht feindlich sind…
    im übrigen machen manchmal Menschen noch was Anderes als sich oberreflektiert mit Sprache zu beschäftigen, sondern nehmen halt einfach die, die sie haben, so gesehen ist das ne Trennung in „oberakademisch“ und „Rest“.
    (übrigens, wenn ohne T. ein spezifisches Verhalten umschreibend ausgedrückt wird, dann kommt: „ach du meinst die T.“ ;D das auch nochmal so als Ergänzung btw)

    @maskulisten_in_löchern: Bitte Schnauze!

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