Elterngeld, „Kinderqualität“ und Gerechtigkeit


Vor zehn Jahren machte ein Aufschrei die Runde: „Deutsche Akademikerinnen seien zu 41% kinderlos“. Zudem würden sich in Deutschland zu wenig Männer um Kinder kümmern. Hierauf ersann die SPD das einkommensabhängige Elterngeld. Zuvor gab es das Erziehungsgeld: zwei Jahre monatlich 300 Euro, nur nicht für Reiche. Es war sozialkompensatorisch angelegt und sollte dafür sorgen, dass Kinder aus armen Haushalten keinen all zu großen Nachteil zum Start ins Leben haben. Nun aber gab es angeblich neue Zahlen, wonach 41% der deutschen Akademikerinnen kinderlos seien. Die Statistiker*innen, auf deren Zahlen sich die interessierten Poltiker*innen und Journalist*innen beriefen, dementierten sofort und mehrmals: Das Datenmaterial sei nicht ausreichend, es handele sich nur um Westdeutschland und es ginge auch nicht um geborene Kinder, sondern um Kinder im Haushalt. Hinzu kommt, dass ein sozialgruppenspezifischer Vergleich aus der Gegenwart nur etwas über eine zwanzigjahre zurückliegende Vergangenheit aussagen kann, da der Peek der Geburten fünfzehn bis zwanzig Jahre vor dem Ende der Gebärfähgikeit liegt. Die Zahl 41% sei jedenfalls komplett übertrieben.

Die falsche Zahl von 41% kam den Familienpolitiker*innen und Journalist*innen gelegen, um die Transferleistungen auf den Kopf zu stellen. Mit dem Elterngeld erhalten jetzt nicht mehr schlechtverdienende, sondern gut verdienende Mütter/ Väter Transferleistungen. War bei der SPD noch vorgesehen, dass ein Sockelbetrag von 300 Euro für Geringverdienende/ ALG-II-Beziehende nicht mit ALG verrechnet wird, hatte die CDU auch dies noch gekappt. Arbeitslose erhalten also im Endeffekt gar kein Elterngeld, Gutverdienende hingegen bis zu 1.800 Euro. Nach Aussagen von Renate Schmidt ging es hierbei nicht um Bevölkerungspoltitik, sondern darum, Kinderwünsche erfüllen zu können. Akademikerinnen könnten keine Kinder mehr bekommen, dies ließe sich aus den krassen Zahlen ablesen, das sei nicht fair. Mit einer nachhaltigen Familienpolitik sollte es mögich sein, dass sich Menschen ihre Kinderwünsche erfüllen und – ein zweiter Effekt – es sollte ermöglicht werden, dass sich mehr Männer um Kinder kümmern.

Seit 2012 liegen nun erstmals valide Zahlen vor. Die Kinderlosigkeit von Akademikerinnen liegt bei 27,4 Prozent und damit nur wenig über die Kinderlosigkeit von Nichtakademikerinnen. Allerdings findet sich dort auch ein Satz, der, im Gegensatz zu den ganzen dort befindlichen Tabellen zu Akademikerinnen/ Nichtakademikerinnen, nicht weiter ausgeführt wird: „Besonders betroffen sind arbeitslose Männer, bei denen im Alter von 40 Jahren mehr als die Hälfte kinderlos ist.“

Es geht nicht um Gerechtigkeit, nicht darum, ob Menschen in die Lage versetzt werden, Kinder zu bekommen und sie groß ziehen zu können. Würde die moralische Argumentation von vor zehn Jahren ernst genommen werden, nämlich die Menschen zu unterstützen, die sich am wenigsten einen Kinderwunsch erfüllen können, und mehr Männer für die Kleinkindbetreuung zu gewinnen, dann hätte die Familienpolitik sich nicht an Akademikerinnen, sondern an arbeitslose Männer orientieren müssen.

Tatsächlich spielte und spielt ein anderes Denken eine Rolle. Zum einen geht es um die bevölkerungsökonomistische Denkweise, die mit Begriffen wie „Bevölkerungsqualität“ und „Kinderqualtität“ operiert. Die „Qualität der Kinder“ von Akademikerfamilien wird als ^höher^ eingeschätzt, da der „Nettokindernutzen“ ökonomisch gesehen größer sei. Das ist postmoderne Sozialeugenik, die auch ohne den sarrazinschen Klassenrassismus der genetischen Intelligenzvererbung auskommt. Die Menschenverachtung zeigt sich bereits in den Begriffen. Aber es gibt noch einen zweiten wichtigen Grund für das Elterngeld: Hier ist das verrohte Bürgertum am Werk, welches gar nicht mehr einsieht, armen Menschen Transferleistungen zukommen zu lassen, wenn man sie genau so gut auch in die eigene Tasche stecken kann. Kaschiert wird dieser Egoismus mit der verantwortungsvollen Liebe zu den eigenen Kindern. Den eigenen wohlgemerkt.

11 Kommentare

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  1. Werner Hupperich

    >>Das ist postmoderne Sozialeugenik, die auch ohne den sarrazinschen Klassenrassismus der genetischen Intelligenzvererbung auskommt.<<

    Exakt. Der eugenische Aspekt "Intelligenz" ist lediglich vorgeschoben, um gegenüber dem staunenden Publikum zumindest den Anschein von Plausibilität zu vermitteln. Worum es tatsächlich geht, ist, die Pflege des Bildes von "Hütern und Herden". Intelligenz ist für Ökonomen nur in so fern von Relevanz, wie sie sich selbst kommodifizieren lässt oder aber sich als ökonomischer Faktor – sei es durch ihren Absenz oder durch ihr Vorhandensein – als Kosten oder Profit bilanzieren lässt. Menschen mit defizitärer Intelligenz taugen z.B. hervorragend zu ökonomischer Wertschöpfung, wohingegen intelligente Menschen durch notorischen Kritizismus den Ökonomen manch Tour zu vermasseln vermögen. Auf der anderen seite können sich natürlich ebensogut gering Intelligente als Kostenfaktor (wenn es etwa darum geht, sie als Produktivkräfte in anspruchsvollen Aufgabenreichen durch Bildung "fit" zu machen) erweisen, und Intelligente als überaus profitabel.

    Ein anderes Interesse an Intelligenz kennt die Ökonomie nicht. Klargestellt sei an dieser Stelle, dass ich bereits den Intelligenzbegriff als überaus kritisch betrachte. Vom neurologischen Standpunkt her wäre zunächst einmal der Begriff für den jeweiligen Kontext zu definieren, in welchem selbiger jeweils verwendet wird. Die Messung der kognitiven Leistungsfähigkeit eines Individuums vermag lediglich in sehr kleinen Teilbereichen Antworten zu liefern, aussagefähige Tests für emotionale und soziale Intelligenz sind nicht verfügbar. Die in "Intelligenztests" vorgegebenen Fragen legen auch die Antwortmöglichkeiten fest und weisen somit zwangsläufig die – m.E. unzulässige – Tendenz zur Trivialisierung auf. Konstruktivisten wie etwa Heinz von Foerster und Alfred Graf Korzybski wiesen mehrfach auf die Problematik hin.

    Wichtig erscheint mir die Feststellung, dass es den Klassenrassisten keineswegs daran gelegen ist, eine Gesellschaft von Intelligenzbestien zu fördern. Es geht, den Ansatz geben Sie mit dem Begriff "Klassenrassismus" sehr anschulich vor, um _Klassenvererbung_.

    Für die Recherche nach den ideologischen Wegbereitern der Neuzeit sei hier exemplarisch auf Peter Sloterdijks "Menschenpark-Rede" (Schloß Elmau, 1999) verwiesen. Es geht um die (biologistische) Legitimation einer Welt von (privilegierter) "Habender" und (unprivilegierter) "nicht Habender". So weit auch der klassische Biologismus, der es als eigenständige Ideologie längst weit über den Intelligenzbegriff hinaus gebracht hat. Zusätzlich werden ernstlich Züchtungsphantasien postuliert und vorgetragen, um sich langfristig der genetisch minderwertigen "nicht Habenden" zu entledigen. Mit einem signifikanten, in dauerhafter Armut abgeschobener und mangels Kaufkraft ökonomisch "nichtsnutziger" Menschen – die taugen dank automatisierter Produktion nicht mal mehr als "Reservearmee" (nach Marx) – wird seitens der "Hüter" über nichts weniger als eine (KZ-lose..) "Endlösung" fabuliert. Ganz ohne Blutvergießen, schlimmstenfalls durch ein wenig pränataler Selektion, bestenfalls durch Schaffung geeigneter ökonomischer Zwänge.

    Beste Grüße,
    Werner Hupperich

  2. futuretwin

    „….und mehr Männer für die Kleinkindbetreuung zu gewinnen, dann hätte die Familienpolitik sich nicht an Akademikerinnen, sondern an arbeitslose Männer orientieren müssen“

    Es wird immer ein anderer „Prototyp“ zugrunde gelegt, je nachdem wie es passt. Da steckt aber auch Klischeebildung drin, nicht nur Kalkül.
    Bei Zizek steht irgendwo, dass die Anti-Abtreibungspolitik eher den Prototyp einer unverheirateten weißen Akademikerin vor Augen hat und die Sozialkürzungspolitik eher den einer schwarzen Alleinerziehenden (bei ihm gings freilich um die USA).

    Eine Vermutung von mir wäre, dass ein größerer Teil der Männer (ob mit Arbeit oder ohne) gar keine Kinder will. Was natürlich keine biologischen Gründe hat, sondern eher welche der sozialen Prägung: Frauen wird immer noch signalisiert, dass sie ohne Mutterschaft weniger wert sind.

    Und da stösst die Politik auch auf Grenzen, zumindest, wenn man die reine Subventionspolitik meint. Anreize kann man schaffen, eine Veränderung der Kultur bewirkt dies jedoch nicht. Jetzt können Paare ja zwei Monate länger Elterngeld beziehen, wenn der Mann auch Elternzeit nimmt. Und was passiert? Die Männer nehmen genau diese zwei Monate! Das sie auch länger könnten, kommt niemandem in den Sinn!
    Das sind nicht nur die Männer „schuld“, sondern die Frauen arbeiten natürlich daran mit, immer im Hinterkopf, dass sie ja Rabenmütter sind, wenn sie früher in den Beruf zurückgehen. Ganz schlimm ist es natürlich Einjährige schon in die KiTa zu „stecken“. Fucking Brainwash!
    Das geht dann Hand in Hand mit Machismo: Männer die Elternzeit machen werden ja z.T. noch belächelt. Und dann kommt natürlich noch hinzu, dass die Männer halt meistens noch mehr verdienen, so dass es unterm Strich sich eher lohnt, wenn die Frau länger weg ist.
    Aber vielleicht ändert sich ja allmählich etwas. Jetzt ist es zumindest schonmal gegeben, dass Männer überhaupt Elternzeit machen.

    Hier ein schöner Text dazu:
    http://aufzehenspitzen.wordpress.com/2013/03/31/neue-vater-ein-perspektivenwechsel/

    Und auch der aktuelle Text auf dem Blog passt ganz gut rein.

  3. Rudi Dittmar

    Ich stimme Andreas Kemper zu, wenn er feststellt, das es um die bevülkerungsökonomistische
    Denkweise geht und die „Qualität“ der Kinder von Akademikerfamilien als höher eingeschätzt wird. Das es so ist, belegt aus meiner sicht schon alleine die Tatsache, das gering qualifizierte
    Flüchtlinge mehr oder weniger rigoros abgeschoben werden, andererseit aber die hochquali-
    fizierte „Personalreserve“ aus dem Ausland heftig umworben wird. Deshalb stimme ich auch
    der Aussage zu, das „verrohtes Bürgertum“ hier mit am Werk ist und sich die Taschen füllt.
    Ich bin mit Thomas Gestkamp einer Meinung der in „publik Forum 9/13“ schreibt:
    „Statt das herrschende Durcheinander als Ausdruck von Pluralismen zu verklären, muss
    die Regierung klar Prioritäten setzen – etwa für den weiteren Ausbau von KiGa und Krippe.
    Denn von Wahlfreiheit der Eltern, wie sie Konservative gern beschwören konnte schon in
    der Vergangenheit nie die Rede sein. Mit dem Steuersplitting, der Mitversicherung von
    Ehefrauen und der Witwenrente unterstützt der Staat seit Jahrzenten weniger die Familie
    als die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Vätern und Müttern.“
    In „publick forum 11/13“ antwortet Herr Christian Weisner (Initiator der Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“) auf die Frage, warum der konziliare Prozeß „Gerchtigkeit, Frieden und Bewhrung der Schöpfung und die kritische politisch-religiöse Bewegung zum erliegen gekommen scheint: „Das großartige an diesem konziliaren Prozeß war, das eine Verbindung
    hergestellt wurde zwischen diesen Begriffen.“ … „Ich denke das diese Verbindung heute
    verloren gegangen ist. Es gibt ja vielerlei Gruppen mit lobenswertem politischen und sozialen
    Engagement. Dieses müsste wider mehr zusammengebunden werden, auch im Sinne der
    Devise: Global denken – lokal handeln:“
    Genau das ist es, was in der gegenwärtigen Situation dringend gebraucht wird: Ein stabiles
    Netzwerk von Initiativen, die gemeinsam handelnd, den Werten „Gerechtigkeit, Frieden und
    Bewahrung der Schöpfung“ zu einem neuen Aufschwung verhelfen und dem „Raubtier-
    kapitalismus“ seine zerstörerische Kraft nehmen.

  4. Eitan Einoch

    Für berufstätige Eltern – egal ob Akademiker oder nicht – bedeuten Kinder ein Armutsrisiko. Für erwerbslose Eltern bedeuten Kinder ein zusätzliches Einkommen. Die meisten Kinder werden bereits in Familien geboren, die Sozialtransferleistungen beziehen, und viele von ihnen werden später ebenfalls vom Steuerzahler Unterstützung erhalten müssen. Während viele erwerbstätige Männer und Frauen sich ihren Kinderwunsch verkneifen, weil sie genau wissen, dass ihnen nichts geschenkt wird und sie KiTa-Ausflüge, Klassenfahrten, Schulbücher und Nachhilfe für ihre Kinder aus eigener Tasche bezahlen müssen, existieren bereits Hartz-IV-Großfamilien, die in dritter Generation Sozialleistungen beziehen und denen, Bildungs- und Teilhabepaket sei Dank, das Geld nachgeworfen wird. Das Klischeebild – junge Frau ohne Schulabschluss, ohne Ausbildung, ohne Job, aber bereits das fünfte Kind vom fünften Vater unterwegs – ist leider kein Phantasieprodukt. Man mag solches als bedauerliche Einzelfälle abtun. Aber auf lange Sicht, wenn die Zahl der Hilfeempfänger wächst und die Zahl der Steuerzahler sinkt, ist der ökonomische und soziale Zusammenbruch vorprogrammiert.

    • Andreas Kemper

      Okay, sie bedienen hier die klassistischen Stereotypen, die wir vom Rassisten Sarrazin kennen.
      Wo wird denn Menschen, die ALG-II beziehen, das Geld hinter her geworfen? Sie erhalten kein Kindergeld, kein Elterngeld, kein Betreuungsgeld. Das wird alles mit ALG-II „verrechnet“. Gut verdienende Eltern erhalten bis zu 1800 Euro monatlich, Kindergeld, Betreuungsgeld und sie können viel von den Steuern absetzen. Dass es manchmal trotzdem knapp wird, liegt nicht an Arbeitslose, sondern daran, dass die erwirtschafteten Vermögen in Deutschland nur noch in die Taschen des reichsten Zehntel unserer Gesellschaft fließen.
      Diese Vermögenskonzentration sollen jetzt die Armen ausbaden, sie sollen immer weniger bekommen, weil dieMittelschicht in Deutschland gerne nach oben buckelt und nach unten tritt.

      • Eitan Einoch

        Ob Sarrazin ein Rassist ist stelle ich mal dahin. Es ändert jedoch nichts daran, dass Kinder aus Familien, in denen Sozialleistungen dauerhaft bezogen werden, schlechte Chancen auf sozialen Aufstieg haben. Das liegt nicht ausschließlich an strukturellen Benachteiligungen, z.B. dass Grundschullehrerinnen Unterschichtskindern bei gleicher Leistung schlechtere Prognosen für die weiterführenden Schulen erteilen, sondern ebenso an ungünstigen familiären Verhältnissen.

        Das ist keine neue Erkenntnis. Umso verheerender ist die Tatsache, dass gerade in diesen Milieus die meisten Kinder geboren werden, während erwerbstätige Paare oft (zu) lange warten, ein hohes Risiko eingehen und Einkommenseinbußen hinnehmen müssen, wenn sie Kinder zeugen. Das Elterngeld soll diese Risiken abfedern, während es Erwerbslosen gleichzeitig KEINEN neuen Anreiz bieten soll, weitere benachteiligte Kinder in die Welt zu setzen. Oder um es salopp auszudrücken: Erst kommt der Job, dann das Kind!

        Klingt hart und vielleicht auch zynisch. Aber volkswirtschaftlich betrachtet ist es der richtige Weg.

        Was das Hinterherwerfen angeht… Das Bildungs- und Teilhabepaket wurde vor zweieinhalb Jahren eingerichtet, um bedürftige Kinder zu unterstützen. Nicht nur gibt es.darin Zuschüsse für Mittagessen in der Schule / KiTa und Vereinsmitgliedschaften, Ferienfreizeiten sowie Kunst- und Musikkurse, sondern es werden auch die KOMPLETTEN Kosten für Klassenfahrten und Lernförderung übernommen. Es handelt sich dabei um hunderte bis tausende Euro, die der Otto-Normal-Bürger aus eigener Tasche zahlen darf. Für Empfänger von Sozialleistungen ist es gratis. Da diese Gelder allerdings von den Anspruchsberechtigten kaum abgerufen wurden, stellten die Städte und Kommunen flächendeckend Sozialarbeiter ein, die den Leuten diese Leistungen hinterher tragen sollen. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen!

        Alles mit dem Ziel, dass die Kinder von heute doch bitte, bitte keine Sozialhilfeempfänger von morgen werden. Ob’s klappt? Ich wage es zu bezweifeln. Habe selber oft genug junge Leute getroffen, die es ganz bequem fanden, auf Steuerzahlers Kosten zu leben, die keinen Bock auf Schule, Ausbildung und Arbeit hatten. Und sie kannten die Tricks, wie man damit durchkommt. Wie heißt es so schön: Hartz IV und der Tag gehört dir!

        PS : Ich werde demnächst selbst Vater. Ohne das Elterngeld konnten ich und meine Frau uns gar keine Kinder leisten.

      • Eitan Einoch

        Ob Sarrazin ein Rassist ist stelle ich mal dahin. Es ändert jedoch nichts daran, dass Kinder aus Familien, in denen Sozialleistungen dauerhaft bezogen werden, schlechte Chancen auf sozialen Aufstieg haben. Das liegt nicht ausschließlich an strukturellen Benachteiligungen, z.B. dass Grundschullehrerinnen Unterschichtskindern bei gleicher Leistung schlechtere Prognosen für die weiterführenden Schulen erteilen, sondern ebenso an ungünstigen familiären Verhältnissen.

        Das ist keine neue Erkenntnis. Umso verheerender ist die Tatsache, dass gerade in diesen Milieus die meisten Kinder geboren werden, während erwerbstätige Paare oft (zu) lange warten, ein hohes Risiko eingehen und Einkommenseinbußen hinnehmen müssen, wenn sie Kinder zeugen. Das Elterngeld soll diese Risiken abfedern, während es Erwerbslosen gleichzeitig KEINEN neuen Anreiz bieten soll, weitere benachteiligte Kinder in die Welt zu setzen. Oder um es salopp auszudrücken: Erst kommt der Job, dann das Kind!

        Klingt hart und vielleicht auch zynisch. Aber volkswirtschaftlich betrachtet ist es der richtige Weg.

        Was das Hinterherwerfen angeht… Das Bildungs- und Teilhabepaket wurde vor zweieinhalb Jahren eingerichtet, um bedürftige Kinder zu unterstützen. Nicht nur gibt es.darin Zuschüsse für Mittagessen in der Schule /KiTa und Vereinsmitgliedschaften, Ferienfreizeiten sowie Kunst-und Musikkurse, sondern es werden auch die KOMPLETTEN Kosten für Klassenfahrten und Lernförderung übernommen. Es handelt sich dabei um hunderte bis tausende Euro, die der Otto-Normal-Bürger aus eigener Tasche zahlen darf. Für Empfänger von Sozialleistungen ist es gratis. Da diese Gelder allerdings von den Anspruchsberechtigten kaum abgerufen wurden, stellten die Städte und Kommunen flächendeckend Sozialarbeiter ein, die den Leuten diese Leistungen hinterher tragen sollen. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen!

        Alles mit dem Ziel, dass die Kinder von heute doch bitte, bitte keine Sozialhilfeempfänger von morgen werden. Ob’s klappt? Ich wage es zu bezweifeln. Habe selber oft genug junge Leute getroffen, die es ganz bequem fanden, auf Steuerzahlers Kosten zu leben, die keinen Bock auf Schule, Ausbildung und Arbeit hatten. Und sie kannten die Tricks, wie man damit durchkommt. Wie heißt es so schön: Hartz IV und der Tag gehört dir!

        PS : Ich werde demnächst selbst Vater. Ohne das Elterngeld konnten ich und meine Frau uns gar keine Kinder leisten.

      • Andreas Kemper

        Sie haben wieder keine Studien vorgelegt, sondern argumentieren aus dem Bauch, bzw. auf Vorurteilen.

        Fakt ist, da scheinen wir uns ja einig zu sein: Es gibt eine massive sekundäre Benachteiligung von Kindern aus ärmeren Haushalten. Die Studien müssen hier nicht extra vorgelegt werden, dazu kommt jeden Monat eine neue Untersuchung heraus, immer wieder mit dem gleichen Ergebnis: Arbeiter*innenkinder werden im Bildungssystem benachteiligt. Problematisiert werden aber nicht nur die Bildungsinstitutionen, die zu einer viel zu frühen sozialen Selektion zwingen. Problematisiert werden vor allem auch Akademiker*innen, die als junge Eltern ein ausgrenzendes Verhalten zeigen. „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern“ erlebt heute eine Renaissance. Akademiker*innen liegen im Schnitt sehr viel weiter bei der Einschätzung der Kompetenzen ihrer Kinder daneben als Eltern mit weniger angesehen Bildungsabschlüssen. Zum einen fordern reiche Eltern eine frühe institutionelle Trennung der Kindern, zum anderen wollen sie nicht zulassen, dass neutrale Instanzen über die Kompetenzen ihre Kinder und den entsprechenden Bildungsweg entscheiden, zum dritten weichen die Schulformentscheidungen für ihre Kinder am Stärksten ab von den tatsächlichen Kompetenz.

        Zur primären Benachteiligung finden sich ebenfalls Studien. Die Studien im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt zeigen, dass Eltern aus der sogenannten Unterschicht vor extremen Problemen stehen. Da die Armen immer ärmer werden und auch die Bildungseinrichtigungen wie z.B. Stadtteilbibliotheken gestrichen werden, müssen diese Familien und Alleinerziehenden unglaubliche Anstrengungen auf sich nehmen, um ihren Kindern einen angemessenen Start ins Leben zu ermöglichen. Da die Familienpolitik inzwischen nicht mehr sozialkompensatorisch, sondern bevölkerungspolitisch orientiert ist, wird es auch von der Seite immer weniger Unterstützung geben. Gleichzeitig wurde der Niedriglohnsektor ausgebaut, unterstützt von einer Workfare-Politik, die ALG-II-Empfänger*innen zwingt auch noch den beschissestens und miesest bezahlten Job anzunehmen. Immer mehr arme Menschen müssen mehrere Jobs gleichzeitig annehmen – dass sie dann keine Zeit für ihre Kinder haben, ist den verantwortlichen Politiker*innen weitgehend egal, da diese aus einem anderen Millieu kommen und von einem anderen Millieu gewählt werden. Die Folge ist, dass die Kinderarmut massiv zunimmt. Familien werden hier systematisch zerstört oder Famileingründungen gar nicht erst ermöglicht, es gibt ja nicht mal ausreichend bezahlbaren Wohnraum. Die gesellschaftliche Gruppe, die am kinderlosesten ist, dass sind nicht akademisch ausgebildete Frauen, sondern arbeitslose Männer.

        Und sie sind nicht auf die Vermögensverteilung eingegangen. Allein die Steuerhinterziehungen, die durch den Kauf der letzten Steuer-DVD aufgedeckt wurden, könnten die Almosen, die für ALG-II-Empfänger*innen ausgegeben werden, verdoppeln und verdreifachen. Das Vermögen steigt kontiunierlich, Herr Einoch! Wenn Sie sich Sorgen machen, dann schauen Sie sich, wohin dieses Vermögen geht. Oder geht es gar nicht um die Verteilung des Vermögens? Sondern um Gerechtigkeitsfragen, die einen müssen hart arbeiten, die anderen nicht usw. Das erzählen Sie dann aber erstens nicht Eltern oder Alleinerziehenden, denn für Kinder verantwortlich zu sein, ist Arbeit und diese Arbeit ist sehr viel größer, wenn man kein Geld hat, denn Zeit ist Geld. Und zweitens schauen Sie sich doch dann bitte die Arbeitsgerechtigkeit in diesem Land an. Wir waren ja oben einig, das bereits in der Schule die Arbeit und die Leistung von Arbeiter*innenkindern nicht gleichwertig geschätzt wird. Selbst wenn sie trotz primärer Nachteile eine Schüppe extra drauf legen, wird ihre Arbeit in der Schule weniger anerkannt als die Arbeit von Akademiker*innenkindern. Ihnen wird von Anfang an klar gemacht, dass sich Arbeit nicht lohnt, dass sie aber dennoch unter miesesten Bedingungen Arbeiten müssen. Auf der anderen Seite werden Kinder von Akademiker*innen von Anfang an bevorteilt, von den Institutionen, von den Lehrkräften, von den Eltern usw. Sie wachsen in eine Scheinwelt herein, die suggeriert, dass man alles erreichen kann, man müsse nur wollen. Und wenn es trotz aller Privilegierungen doch nicht klappt, winken beruhigende Erbschaften. Niemand spricht über Erben als Sozialschmarotzer*innen, dabei ist es dasselbe, ob man Geld vom Staat oder den Verwandten erhält – nicht ganz, denn in die Sozialkassen wurde Geld eingezahlt, in das Vermögen der zu beerbenden Verwandten nicht.

        Wir können das Ganze jetzt auch nochmal sozialpsychologisch aufrollen, Zusammenhänge von Armut und Depression, Anerkennungsverweigerung und Gratifikationskrise. Aber ich denke, es ist auch so deutlich geworden, dass ihre Stereotypisierungen nicht tragen. Sie werden Vater und haben wahrscheinlich Angst davor, dass das Geld knapp werden könnte. Dann schauen Sie doch bitte mal, wo das Geld sitzt, verdammt nochmal. Es sind nicht die Armen, die irgendwas wegnehmen, es sind die Superreichen.

      • Eitan Einoch

        Zum Thema „Superreiche“ möchte ich mich nicht näher äußern, da a) ich mich da nicht kompetent genug fühle und b) spielt es keine Rolle, ob Geld bei Reichen oder bei Nichtreichen verschwendet wird. Das Wort „Sozialschmarotzer“ habe ich nirgends verwendet und mag es auch nicht. „Hate speech“ hilft niemandem. Ich mache Menschen, die sich durch die Hartz-IV-Landschaft tricksen keinen Vorwurf. Immerhin ermöglicht das System Schlupflöcher, die dann ausgenutzt werden. Wer keine Lust auf Ausbildung und Arbeit hat, der findet auch Wege, ohne Sanktionen von Stütze zu leben. Einige dieser Tricks kenne ich, da ich beruflich mich einigen dieser Menschen zu tun hatte. Wie gesagt, kein Vorwurf an die Akteure, aber ein akzeptabler Zustand ist das nicht. Zwar finde ich, dass der Staat alles unternehmen muss, um a) Menschen, die arbeiten können und wollen, schnellstmöglich in Arbeit zu vermitteln und zu befähigen, ohne staatliche Hilfen auszukommen, aber ebenso auch b) Menschen, die arbeiten können, aber nicht wollen, zu pampern und zu pudern. Dafür bin ich nicht bereit Steuern zu zahlen. Wer mein Geld kriegt, der soll auch eine Gegenleistung bringen, sprich: Wieder auf eigene Füße kommen, eine Ausbildung machen, sich einen Job suchen und mir nicht länger auf der Tasche liegen als notwendig.

        Was die Arbeiterkinder angeht, so plädiere ich glasklar für unabhängige und standardisierte Klausuren und Prüfungen, die eine höhere Objektivität garantieren als das Urteil des jeweiligen Klassen- oder Fachlehrers. Bei Benotungen und Schulempfehlungen hat die soziale Herkunft, das Geschlecht oder andere leistungsfremde Dinge absolut nichts zu suchen! Dass das in Deutschland nicht der Fall ist und noch heute, im 21. Jahrhundert, die soziale Herkunft immer noch ausschlaggebend für den Schulerfolg ist, ist im meinem Augen ein Jahrhundertskandal!

        Wenn ich mir jedoch anschaue, wer hierzulande alles den Lehrberuf ergreift, wundert mich gar nichts. Als ich noch selbst in der Studienberatung einer Uni, die als Lehramtshochschule bekannt ist, gearbeitet habe, kamen oft gescheiterte Studierende natur-, sozial- oder ingenieurwissenschaftlicher Fächer in die Sitzung, heulten sich darüber aus, dass sie eine Fachprüfung endgültig vergeigt haben und wollten sich erkundigen, ob sie noch schnell, unter Anrechnung möglichst vieler Scheine, ins Lehramt wechseln könnten. Argh! Das sind also die Pädagogen, die dann auf unsere Kinder losgelassen werden…

      • Andreas Kemper

        Gut, dann haben wir schon wieder einen gemeinsamen Punkt – diesmal zum Thema Bildungsbenachteiligung.

        Ich kann allerdings die Redewendung „meine Steuergelder“ nicht verstehen. Es sind nicht „ihre Steuergelder“. Steuern sind Vereinbarungen, genau wie Geld nur eine Vereinbarung ist. Man kann nicht sagen, ich bekomme 2000 Euro monatlich, das ist mein Geld, und 500 Euro nimmt der Staat mir als Steuer weg. Geld oder Lohn ist schließlich keine Naturalie, die man herstellt. Sondern Geld ist ein Instrument, mit dem in einer komplex-arbeitsteiligen Gesellschaft der Zugriff auf gesellschaftliche Ressourcen gesteuert wird. Im Rahmen dieses Prozesses sind Steuern Korrekturen.

        Was allerdings in den letzten Jahren komplett schief gelaufen ist – neben der Einführung und dem Ausbau des Niedriglohnsektors -, ist die Entwicklung des Steuersystems. Dieses hat zu einer Vermögensverteilung geführt, die den Zugriff auf die gesellschaftlichen Ressourcen immer stärker auf das reichste Zehntel beschränkte. Die Häfte der Bevölkerung hat kein Vermögen mehr.

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