Begriffe für Antidiskriminierung: Anerkennungssubsistenz, Emblematik

· Allgemein, Diskriminierung

Ich würde gerne die zwei Begriffe „Anerkennungssubsistenz“ und „Emblem“ für Auseinandersetzungen in der Antidiskriminierungstheorie und -praxis vorschlagen. Beide haben zu tun mit der erkenntnistheoretischen Standpunkttheorie und der damit einhergehenden Antidiskriminierungspraxis.

Standpunkttheorie

Die Standpunkttheorie sagt aus, dass die Zugehörigkeit zu diskriminierten Gruppen einen erkenntnistheoretisch besseren Ort zum Problem der jeweiligen Diskriminierung schafft als die Zugehörigkeit zu einer privilegierten Gruppe. Menschen mit Gehbehinderungen bspw. nehmen die Behinderungen in der Stadtarchitektur besser wahr als Menschen ohne diese Gehbehinderungen. Hinzu kommt die interessenbestimmte Richtung von Fragestellungen. Was wie problematisiert wird, ist abhängig davon, ob man diskriminiert wird oder ob man durch diskriminierende Strukturen Privilegien erhält. Und mit diesen unterschiedlichen Problematisierungen gehen unterschiedliche Sprachpraxen einher.

Vom Ergreifen zum Begreifen von Problemen

Konkret geht es bei den von Diskriminierung betroffenen Menschen zunächst um unterschiedliche Wahrnehmungen, die vorsprachlich zu einer Unzufriedenheit führen, welche sie nicht loslässt, sie ‚ergreift‘. In der vorherrschenden Sprache, im vorherrschenden Begriffskomplex gibt es für die Unzufriedenheit noch keine zufriedenstellende Artikulationsmöglichkeit, es gibt aber das Ringen danach, eine gute Formulierung zu finden, den sprachlosen Platzhalter der Unzufriedenheit, den ‚Ergriff‘, auf den ‚Begriff‘ zu bringen (siehe Ernst Bloch). Da Sprache auf Anerkennung der Wörter durch andere beruht, erleichtert ein Gegenüber, welches ähnliche Diskriminierungserfahrungen gemacht hat und ähnlich davon unzufrieden-ergriffen ist, dieses Problem auf den Begriff zu bringen, um das Problem der Diskriminierung abzuschaffen. Der Austausch unter Gleichbetroffenenen erleichtert die Begriffsfindung, aber auch damit einhergehend die Kritik an der Sprache und der vorherrschenden Bilderproduktion, der Kollektivsymbolik der Herrschenden. In einem weiteren Schritt wäre die Vermittlung dieser Diskriminierungserfahrungen und Problemlösungswünsche über größere zeitliche und räumliche Kontexte wichtig, also eine Wissenschaft der Betroffenen.

Antidiskriminierung wird bekämpft

Diese Begriffsfindung geschieht nicht in einem unpolitischen Raum. Diskriminierung ^fällt nicht vom ^Himmel oder ^entsteigt nicht der ^Hölle. Sie findet täglich statt, individuell, institutionalisiert, materiell und symbolisch. Und sie findet nicht ‚zufällig‘ oder ‚aus Versehen‘ oder aus ‚Tradition‘ statt, sondern vor allem, weil es Profiteur*innen dieser Diskriminierung gibt, weil die Diskriminierung eine andere Seite hat: die Privilegierung. Ob den privilegierten Menschen diese Privilegierung wirklich gut tut, ob sie mit dieser Privilegierung tatsächlich glücklichere Menschen sind, tut hier erst einmal nichts zur Sache: Viele wollen diese Privilegierung und sind so mächtig, dass sie die Privilegierung und damit zugleich die Diskriminierung durchsetzen. Hierzu zählt zentral die Nichtanerkennung der Diskriminierung als ein Problem für die Diskriminierten. Und ein wichtiger Teil der Diskriminierung besteht darin, die Diskriminierten in ihre Ohnmacht zu halten und zu verhindern, dass sie die Diskriminierung (und Privilegierung) kollektiv als Problem auf den Begriff bringen können.

Kampf für Anerkennungs-Subsistenz

Beim „Kampf um Anerkennung“ (Honneth, Frankfurt a.M. 1992) geht es daher nicht einfach nur darum, anerkannt zu werden, bzw. von den ‚wichtigen‘, ‚mächtigen‘ Menschen und Institutionen anerkannt zu werden. Es geht beim Kampf um Anerkennung vor allem auch um einen „Kampf der Anerkennungsordnungen“ (Kemper,  in: Axel Honneth: Sozialphilosophie zwischen Kritik und Anerkennung, Münster 2004), den Kampf um autonome Räume gegenseitiger Anerkennung der Diskriminierten, um Anerkennungs-Dissidenz, also dem Sich-Herauszziehen aus den etablierten Anerkennungsgefügen, und Anerkennungs-Subsistenz, also sich gegenseitig als Diskriminierte selber ausreichend Anerkennung zu geben.

Das Gendersternchen ist nicht nur Bestandteil einer besseren Sprache hinsichtlich gesellschaftlicher Probleme, sondern zugleich auch ein Emblem wie z.B. die Regenbogenfahne

Sprache als Problematisierung und Emblematisierung

Anerkennung kann über Abzeichen, Embleme, stattfinden. Die Zeichen der Sprache gehören dann nicht zur Argumentation im Rahmen des Versuchs einer Problemlösung, bringen also nicht ein Problem auf den Begriff, sondern sind Bestandteil der Anerkennungspraxis einer gesellschaftlichen Gruppierung, sind also als Embleme zu verstehen. Dieser Unterschied zwischen Sprache als Problematisierung und Emblematisierung ist in der aktuellen Diskussion zur Frage „Mit Rechten reden“ relevant. Denn Sprache dient denjenigen, die Problemlösungen an „Führer“ delegieren, zur Emblematisierung, sie drücken mit der Sprache ihre Zugehörigkeit zur ^höherwertigeren Gruppe aus; im Demokratisierungsprozess seit der Aufklärung dient Sprache jedoch zunehmend der Problematisierung, da nicht der Adel, der König, der Führer über die Problemlösung entscheiden soll, sondern das bessere Argument. Demokratiefeindliche Sprache nutzt Sprache nicht zum demokratischen Fortschritt der politischen Problematisierung gesellschaftlicher Misstände, sondern zur Freund-Feind-Trennung durch das Setzen von Emblemen.

Emblematisierung der Problematisierung

Wenn wir allerdings davon ausgehen, dass es einen erkenntnistheoretisch besseren Ort für die Abschaffung von Diskriminierung gibt, der nämlich in der „organischen Intellektualität“ des Kollektivs der Diskriminierten liegt, dann ist im Zuge dieses Kampfes um Anerkennungsordnungen eine Emblematisierung von Sprache sinnvoll. Konkret: Die Benutzung des Gendersternchens oder die Formulierung ‚N-Wort‘ ist nicht nur Bestandteil einer besseren Sprache für gesellschaftliche Problemlösungen, sondern in der Benutzung dieses sprachlichen Ausdrucks drückt sich auch die Anerkennung für emanzipatorische Bewegungen aus, es ist ein Emblem wie ein Regenbogen-Button. In diesem Fall ist es allerdings ein Emblem der Solidarität gegen ^Unterordnung und kein Emblem für ^Unterordnung. Und es ist ein temporäres Emblem, welches als gleichzeitiges Problem-Zeichen in der Problemlösung zur Selbstauflösung drängt.

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