Zum Rassismus des AfD-Vorstandes


Konrad Adam, Vorstandsmitglied der AfD, im Artikel „Bildung lässt sich nicht umverteilen“:

„Nachdem das katholische Landarbeitermädchen in seiner Funktion als Menetekel der Schulreformer ausgedient hatte, musste ein Nachfolger her, um die Bewegung in Trab zu halten. Der ist auch bald gefunden worden. Die Wahl fiel auf den Großstadtjugendlichen aus Hartz-IV-Milieu, männlichen Geschlechts, türkischer Herkunft und muslimischen Glaubens […] Da er sich schwertut mit dem Lernen, aber gern zusticht, wenn ihm irgendetwas nicht passt, liegt er bei den Schulabschlüssen am unteren, in der Kriminalstatistik am oberen Ende der Skala: ein ziemlich hoffnungsloser Fall, aber gerade so, als mehrfach geschädigtes Opfer der Gesellschaft, der ideale Zuwendungsempfänger für die deutsche, pädagogisch hochambitionierte Betreuungsindustrie.“

http://www.eurozine.com/pdf/2011-08-17-adam-de.pdf

22 Kommentare

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  1. Andreas Kemper

    Ich werde hier keine rassistischen Kommentare freischalten. Chauviniert euch woanders.

  2. Hans Herrmann

    Was den Linken an der Wahrheit nicht gefällt, wird eben als Rassismus, Populismus oder Chauvinismus bezeichnet. So einfach ist die Welt! 😀

    • Andreas Kemper

      Rassismus liegt dann vor, wenn ein bekannter Journalist türkische Jugendliche pauschal als Messerstecher darstellt. Deutlicher kann man ein rassistisches Stereotyp kaum weiterverbreiten. Konrad Adam kalkulierte diesen rassistischen Effekt bewusst ein.

  3. Reschke

    wo werden denn in dem oberen Zitat türkische Jugendliche pauschal als Messerstecher dargestellt? Bitte genau lesen, Satz analysieren und dann die Aussage erkennen.
    Jemanden für etwas verurteilen, was er nicht gesagt, ist ist höchst undemokratisch.

    • Andreas Kemper

      Okay, sie meinen also, ich müsste korrekterweise schreiben, dass Adam „Großstadtjugendlichen aus Hartz−IV−Milieu, männlichen Geschlechts, türkischer Herkunft und muslimischen Glaubens“ pauschal als Messerstecher bezeichnet? Oder wo ist ihr Problem? Konrad Adam ist auch dann ein Rassist, wenn er pauschal „Großstadtjugendliche aus Hartz−IV−Milieu, männlichen Geschlechts, türkischer Herkunft und muslimischen Glaubens“ als Messerstecher diffamiert. Und Ihnen sollte bewusst sein, dass sie hier Rassismus verteidigen.

  4. Frank

    Der Herr Adam prangert das deutsche Schulsystem an. Rassismus konnte ich da nicht entdecken.

    • Andreas Kemper

      So. Können Sie nicht? Was sagen Sie dann zur Stereotypisierung von türkischen Jugendlichen als Messerstecher?

  5. Frank

    Ich habe mir die Mühe gemacht den ganzen Text zu lesen. Fand das Fazit gar nicht schlecht.
    Ich versuche mir gerade ein Bild über die AfD zu machen und ich lese gern erst einmal die Negativrezensionen. Da sind sie ja ganz fleissig^^.
    Ich verstehe ihre Intention nur nicht ganz. Können sie mir aber gern erklären.
    Die Partei gibt es ja erst seit kurzer Zeit und ich halte es für etwas verfrüht ein Urteil zu fällen.
    Und der oder der hat das oder das mal irgendwo mal geschrieben und daraus Rassismus ableiten zu können, ist absurd. Das was ich auf der Webseite von AfD gefunden habe, war gar nicht so unvernünftig.

    • Andreas Kemper

      Ich zitiere ja keine Hinterbänkler, sondern ausschließlich Vorstandsmitglieder und Leute aus dem wissenschaftlichen Beirat. Es ist schon relevant, wenn gleich mehrere Leute aus Vorstand/ wiss. Beirat antidemokratische Positionen vertreten. Wahlprogramme sind erstmal für die Wahlen da und bilden nicht wirklich die Einstellungen und Interessen ab.

  6. 19camerata44

    Fakt ist, dass die AfD keine Berührungsängste mit extremen Rechten hat. Die Rechtsextremen, die Herrn Lucke nützlich sind,kommen nicht mehr mit Glatzkopf und Springerstiefeln daher sondern im Nadelstreifen. Das muss man erkennen und entsprechend handeln. In den unterschiedlichen Diskussionsforen werden diese Fakten von den Claqueuren der AfD ignoriert und ausgeblendet. Wenn Wlecke bereits zu früherer Zeit bei den Republikanern ein Vorstandsamt besetzte, dann bestätigt sich doch der Verdacht, dass die AfD ein Sammelbecken für extreme Rechte ist. Dazu passen dann die Aussagen von Adam und der Besuch von Schachtschneider (Mitbegründer und Unterstützer der AfD) bei der NPD!

    • Frank

      Fakt ist, sie erzählen da etwas was sie nicht belegen.

      • 19camerata44

        Ich empfehle Ihnen mal die Seite von „BürgerInnen und Bürger gegen extreme Rechte“ In der Ausgabe vom 18.3.2013 der SZ ist nachzulesen, dass bei einer Pressekonferenz der AfD die Vorstandsdame Dagmar Metzger von einem Journalisten darauf hingewiesen wurde, dass Schachtschneider bereits bei der NPD referiert habe. Darauf erwiderte Metzger, dass man Schachtschneider nicht vorschreiben werde, wo er referiert.

  7. Leonard Siebeneicher

    Das eigentliche Thema dieses PDF’s scheint die Bildung zu sein?

    Ob sich Adam in diesem Schreiben als Rassist outet, dem will ich mich nicht anschließen! Ein Hin und Her. Einerseits schüttet er übliche Stigmas gegen die Unterschicht aus …
    („Eltern von dem Geld, das ihnen der Staat zum Wohle ihrer Kinder überweist, am liebsten Flachbildschirme kaufen“),
    und stellt sich andererseits selbst auf ihre Seite, indem er folgert, daß es klassistische Muster gibt, die einen Intensivtäter erst zum Intensivtäter machen könnten:

    „Bildung wird nicht versäumt oder ausgeschlagen, sondern vorenthalten und verweigert … Die Bildungsdiebe müssen bestraft, die Bildungsopfer entschädigt, die Politiker endlich tätig werden.“

    Aber, was mich stört: in keinem Moment zweifelt er an der gängigen Anschauung, daß Bildung in Schulen stattfinden würde:

    „Am Lehrer hängt, ob die Erziehung glückt, der Unterricht etwas taugt und die Schüler eben nicht nur für die Schule, sondern auch fürs Leben lernen“

    Er scheint eine positive Lösung für die „Unterschicht“ anzustreben. Trotzdem benutzt er gängige Stigmen. Bei dem Hin und Her weiß ich nicht wie ich seine Schrift einschätzen kann.

    Manchmal flackert es in mir auf: vielleicht stimmt meine frühere Einschätzung, daß eine Ökonomisierungsideologie wirkt?
    Dann würde ein Hartz-IV-Empfänger als nichts anderes als ein Kostenfaktor wahrgenommen. Soll Kindern von Hartz-IV-Empfängern ein anderes leben ermöglicht werden, dann nicht um ihrer Selbst willen, sondern damit sie kein Kostenfaktor für den Steuerzahler darstellen.

    Ich habe ein mulmiges Gefühl bei ihm. Ist es ein Vorurteil? Ich weiß es nicht. Es ist eine Situation, wo ich nicht so recht weiß, ob ich mich wegen meinen eigenen Gedanken schämen muß.

    Wie ich vorher schrieb:
    Sarrazzin ist mir lieber: bei ihm weiß ich woran ich bin.

    ( ~~~ )

    Was ist Bildung?
    Was ist eine Chancengleichheit in Schulen?

    Unser „deutscher“ Bildungsbegriff ist gekoppelt an die Autorität von Bildungseinrichtungen, die wiederum zertifizieren wer „gebildet“ ist.

    Eine Wut empfinde ich, jedes Mal, wenn ich das Wort Chancengleichheit zusammen mit dem Wort Bildung sehe.

    Was wird aus denen die das Belehrtwerden nicht ertragen können, wie steht es in diesem Fall um die Chancengleichheit? Ausgeblendet, existiert nicht, nirgends erwähnt.

    Das hartneckige Ausharren auf die Anschauung, daß Bildung in Bildungseinrichtungen stattfinden würde:
    so krümmt sich manch ein Deutscher sogar im Denken vor Autoritäten.

  8. Werner Hupperich

    Lieber Herr Siebenschleicher,

    wenn Eltern vom für ihre Kinder gedachten Geld „Flachbildschirme“ kaufen, statt sie unmittelbar ins Wohlergehen des Nachwuchses zu investieren, so ist das zweifellos Ausdruck eines Mißstands, der sich am zutreffendsten wohl mit „ethischer Verwahrlosung“ umschreiben ließe. Bloß: Die Entrüstung darüber kann so lange nur eine Geheuchelte sein, wie die Gründe dafür ausgeblendet werden.

    Aus Sicht etwa der Hersteller von „Flachbildschirmen“ sorgt das zweckentfremdete Kindergeld für Zufriedenheit und Wachstum (ökonomische Komponente). Marktpsychologisch mag dies als Beispiel zu taugen, wie effizient sich „Kaufen und Verkaufen“ als oberste gesellschaftliche Werte etablieren lassen, vom kritisch-rationalen, philosophischen Ansatz her würde die „(schöne) Kindheit zu (großen) Flachbildschirme“ Metapher bloß zu belegen vermögen, welch irrationale Blüten die „Konsumsphäre“ (nach Adorno) zu treiben vermag.

    Es läuft also bei näherer Betrachtung _immer_ auf eine Wertedebatte hinaus, Herr Siebenschleicher. Anders gesagt: Es verhält sich mit dem durch den „Flachbildschirm“ benachteiligten Kind nicht anders, wie es sich z.B. mit Wohlhabenden verhält, der sein privates Vermögen lieber in eine Yacht investiert – statt die gleiche Summe wie für’s Hobby etwa ins Gesundheitswesen zu investieren. Schlicht eine Frage des Egoismus also, welcher den Neoliberalen bekanntlich als Tugend gilt. Insofern handeln solche Eltern zwar vielleicht moralisch falsch, aber dennoch gemäß den ökonomisch dominierten Wertsetzungen in dieser Gesellschaft _rational_. Sie haben sich den in dieser Gesellschaft etablierten Wertsetzungen gefügt und dürfen insofern als überaus angepasst gelten.

    Ein Satz noch zum Thema „Chancengleichheit“: Die Verlogenheit besteht schlicht darin, dass tatsächlich der eine oder andere „Unterschichtler“ Karriere machen und es „zu etwas bringen kann“, es jedoch nicht alle können. Die Selektion (70:30) des dreigliedrigen Bildungswesens ist eigens so konzipiert, dass neben den 30 Prozent „Elite“ stets 70 Prozent „niedrig Qualifizierte“ produziert werden. Dieses Verhältnis erweist sich heute angesichts zunehmend durch Robotik und Automatisierung obsoleter niedrigqualifizierter Arbeitsplätze als nicht mehr zeitgemäß. Die ganze Debatte bezüglich „zu wenig Hochqualifizierter“ ist dem allzu unflexiblen Selektionsmechanismus des Bildungswesens geschuldet.

    Insofern übt Adam eine Kritik an seiner eigenen Ideologie – allerdings, da er sie in Schlagwörtern und Phrasen kleidet, hält sich für ihn das Risiko, dass sie als Kritik wahrgenommen und als solche rezipiert wird, in Grenzen..

    Beste Grüße,
    Werner Hupperich

  9. Leonard Siebeneicher

    Herr Hupperich.

    So gesehen ist es keine Wertedebatte:
    Es ist eine Klischee-Debatte.

    Die Entrüstung richtet sich nicht gegen Menschen, es wird nicht über Werte von Menschen gesprochen. Jene Wesen die ein Schicksal haben, mit ihrem Leben, mit der Liebe und anderen Dingen hardern. In Zentrum solcher Debatten stehen bloß Klischees.

    Mich wunderts, daß nach so einer Anrede mit „Beste Grüße“ abgeschlossen wird, während mein Name als „Siebenschleicher“ ins Lächerliche gezogen wurde; für mich drückt sich in dieser Weise Verachtung aus.
    Ja, es schmerzt mich. Sind Sie zufrieden?

    Zu einem „Beste Grüße“ kann ich mich Ihnen gegenüber jetzt nicht überwinden, Herr Hupperich.
    Es wäre nicht aufrichtig.

    • Werner Hupperich

      >>“Mich wunderts, daß nach so einer Anrede mit “Beste Grüße” abgeschlossen wird, während mein Name als “Siebenschleicher” ins Lächerliche gezogen wurde; für mich drückt sich in dieser Weise Verachtung aus.
      Ja, es schmerzt mich. Sind Sie zufrieden?“<<

      Sehr geehrter Herr Siebenschleicher,

      wie für jeden Leser offensichtlich, habe ich mich zu keiner Zeit geringschätzig über Ihren Namen geäußert. Ich möchte Sie also bitten, solche Unterstellungen künftig zu unterlassen. Dies wäre immerhin ein erster Schritt im Kontext Ihrer Besorgnis um meine Zufriedenheit.

      Beste Grüße,
      Werner Hupperich

      PS: Im Übrigen stellen auch Klischees eine (Be-) Wertung dar und sind somit Teil einer Wertung. Somit wäre mir selbst bei einer "Klischee-Debatte" nicht klar, worin und in wie fern ich _konkret_ in meinen Aussagen falsch liege. Selbstverständlich determiniert das in einer Gesellschaft vorherrschende Werteverständnis unmittelbar die Art und Weise, wie Menschen _miteinander_ umgehen. Anders gesagt – um Ihre Stichworte aufzugreifen – entscheidet das Werteverständnis, welche Werte "Leben", "Liebe" und "Dingen" zugemessen werden. Ethik und Moral stellen keine absoluten Größen dar, sondern sind variable Maßstäbe, welche _immer_ (im Form eines intersubjektiven Konsens) Resultat des Werteverständnisses eines gesellschaftlichen Kollektivs sind. Ich formulier's noch mal anders: Wie über einen Gegenstand und gedacht (Prozess des Wertens) wird, bestimmt unmittelbar den Umgang mit ebendiesem Gegenstand.

      • Leonard Siebeneicher

        Ein Klischee ist keine Bewertung, es ist zunächst neutral. Eine Abstraktion. Eine vereinfachte Anschauung mit der sich im Denken verwalten lässt. Das Problem mit dem Klischee ist, daß es als „Abkürzung“ benutzt werden kann um sich ein Urteil zu erhaschen.

        Herr Hupperich,
        zum zweiten Mal sage ich Ihnen … unmißverständlich … daß ich die Veränderung meines Namens zu „Siebenschleicher“ als eine Geste der Verachtung empfinde.

      • W-Day

        Dein Gesprächspartner heisst Sieben_eicher. Das „schl“ setzt viell. Dein Unterbewusstsein hinzu. Bitte gegenprüfen. MfG.

      • Werner Hupperich

        Stimmt. Sie haben vollkommen Recht – das war mir in der Tat gar nicht aufgefallen.

        Hierfür entschuldige ich mich in aller Form bei Herrn Siebeneicher.

        Dass diese Falschschreibung jedoch nicht aus böser Absicht herrührt, sollte dadurch offensichtlich sein, dass ich mir ansonsten die Mühe sachlicher Einlassung zum Thema hätte ersparen können. Ein kurzer, klarer Hinweis – wie jener von Ihnen – hätte das Mißverständnis deutlich schneller aufzuklären vermocht.

        Mit freundlichen Grüßen,
        Werner Hupperich

  10. Leonard Siebeneicher

    Danke, Herr Hupperich, daß sie meinen richtigen Namen benutzen.

    Zu diesem Zeitpunkt sprach ich über meine Empfindungen, die die Veränderung meines Namens in Siebenschleicher verursacht hatte. Zu dem Zeitpunkt hatte ich nicht genügend Distanz, es klarer auszusprechen. Das war ein Fehler von mir.

    Später, als ich „die Veränderung meines Namens zu “Siebenschleicher” schrieb, war es auch ohne das Eingreifen eines Dritten eindeutig. Falls Sie das Gefühl hatten, daß ich Ihnen zu Unrecht eine üble Absicht unterstellt hatte, möchte ich die Richtigkeit ihres Gefühls bestätigen, und bitte Sie um Entschuldigung für mein Verhalten.

    Was in meinen Augen noch beigetragen haben könnte …
    in dem Moment ging ich davon aus, daß mein Kommentar „Sarrazzin ist mir lieber: bei ihm weiß ich woran ich bin.“ falsch aufgefasst geworden wäre.
    Mir lieber sein, in dem Sinne wie mir ein Fliegenpilz unter Steinpilzen lieber ist als ein Knollenblätterpilz unter Champignons.

    Obwohl ich ärgerlich war, hatte ich in meinem Rahmen aber immer noch versucht, inhaltlich auf ihre Aussagen einzugehen.

    ( ~~~ )

    Die Frage nach Klischees hatte mich beschäftigt.
    Vielleicht interessiert es Sie, daß Sie dazu etwas sagen?

    Jetzt folgen naive Worte, naive Gedanken. Sprachliche Aussagen einzukleiden, daß sie sich wissenschaftlich anhören, das liegt mir nicht.

    In diesem Moment, greife ich ein Klischee aus der Luft:
    es ist das Bild eines Arbeitslosen, der am Strand liegt und anscheinend die Sonne genießt.
    Es ist eine Metapher, dieser Mensch existiert nicht. Trotzdem steckt in diesem Gedankenbild die Macht, bestimmte reale Menschen zu verärgern, sogar ihren Hass zu erregen.
    Würde man deswegen fordern, es gäbe nicht genug Kontrollmöglichkeiten gegen den Missbrauch von Sozialleistungen, dann hätte man wohl deren Stimme.
    Dann würde die Durchsetzung dieser Entscheidung wirkliche (lebende) Arbeitslose betreffen.
    Als das Klischee den Hass weckte, hatte es als Stigma gewirkt.

    Wir können sagen: was soll dabei sein, es gibt Menschen aus allen Klassen, die sich hin und wieder gern an den Strand legen, dabei andere (wichtige) Dinge vernachlässigen. Das Verhalten ist nicht in Ordnung, allerdings gibt es egoistische Menschen in allen Bevölkerungsschichten. Es wäre ein Unrecht wenn wir die Gesamtheit arbeitsloser Menschen für ihre wenigen schwarzen Schafe büßen lassen.

    Was uns selbst nicht bewusst ist — obwohl wir uns auf die Seite des ‚lebenden‘ Arbeitslosen schlagen wollen, ihn von den Folgen eines missgeleiteten Urteils bewahren wollen, führen wir das Bild des „Arbeitslosen, der am Strand liegt“ fort!
    Wir beteiligen uns an einer hitzigen Diskussion wegen einem Arbeitslosen, der als lebender Mensch nicht existiert.

    ( Das Bild eines Arbeitslosen am Strand hätte auch anders interpretiert werden können.
    Wie das Bild eines arbeitslosen Mannes, der sich verbraucht hat, der Familie und Freunde verloren hat. Als die Zeit zum Sterben kommt, ist sein letzter Wunsch, nicht im Krankenhausbett zu sein. Im Leben war er begraben, wie er im Tode begraben sein wird. Dieses letzte Mal den freien Himmel über sich sehen, den Wind fühlen, das Wasser hören. )

    Momente, wo ich den Eindruck gewinne, daß — unter Benutzung von Klischees (benutzt als Stigmen) — mit Meinungen Harve gespielt wird.
    Wie schafft man es, in unserem Land wirkende Klischees (die ein destruktives Potential haben) zu überwinden, ohne selbst von ihnen ‚indirekt‘ eingefangen zu werden.

  11. Werner Hupperich

    Sehr geehrter Herr Siebeneicher,

    ich war ja nicht zuletzt deswegen über Ihre – unter dem Aspekt meiner irrtümlichen Falschschreibung Ihres Namen ja auch nicht _unbegründeten_ – Resonanz auf meinen Beitrag so überrascht, weil ich gar keine (wesentliche) Kritik an Ihrem Beitrag geäußert hatte.

    Nachdem nun also das Mißverständnis (hoffentlich) aus der Welt geschafft ist, möchte ich – ebenfalls naiv – auf Ihren aktuellen Beitrag antworten: Liegt denn nicht auch gerade der Ursprung von Klischees in falschem Werteverständnis? Ich meine, einem der Empathie fähigen, sozialen und politisch emanzipierten Menschen käme es doch schwerlich in den Sinn, Klischees auf den sprichwörtlichen Leim zu gehen, oder?

    Dass durch solch propagandistisch geschickt in Szene gesetzten Schubladen wie jenem, von Ihnen angeführten „Arbeitslosen am Strand“ (Bsp. „Florida-Rolf“ und „Arno Dübel“) werden vorsätzlich und gezielt Feindbilder geschaffen. Diese Form medialer Feindbildpflege kommt allerdings dermaßen plump und durchschaubar daher, dass man sich durchaus mitunter schon zu der Frage genötigt sieht, wie miserabel es im vorgeblichen „Land der Dichter und Denker“ um das kollektive kritische Bewusstsein der Bevölkerung bestellt sein muss, um mit solch durchsichtigen Manövern signifikante Teile der Bevölkerung hinter’s Licht führen zu können.

    Um es (rein aus Platzgründen) verkürzt zu formulieren: Die von Ihnen angesprochenen Klischees wird man m.E. in dieser – per definitionem _konkurrenzbasierten_ – Gesellschaft nicht (mehr) überwinden können. Oder, einfacher: Da ist ist nicht etwa – um diese Metapher zu gebrauchen – ein ominöser „Wurm“ im System, sondern das System _ist_ der „Wurm“. Das Feindbild des „Sozialschmarotzers“ funktioniert nur deswegen, weil die gesellschaftlich etablierte Ideologie (hier: „Arbeitende“ sind mehr Wert [sic!] als „Nichtarbeitende“) einer Sortierung von Menschen in Klassen nicht nur Vorschub leistet, sondern weil diese Sortierung _systemimmanent_ ist – und die Klassen somit nicht (bloß) Symptom einer (womöglich _heilbaren_) Krankheit sind, sondern deren elementare Ursachen. Ich sag’s noch mal etwas anders: Ohne Klassen funktioniert der kapitalistische Laden gar nicht erst. Vorgenannte Feindbilder sind somit _immer_ auch dem Konfliktpotential zwischen ebendiesen Klassen geschuldet.

    Abmildern resp. entschärfen ließen sich solche Konflikte allenfalls dadurch, dass die Demarkationslinien zwischen den Klassen einerseits (zumindest halbwegs glaubhaft) als durchlässig präsentiert werden und andererseits ihr Abstand nicht zu weit auseinander liegt. Das funktionierte eine Jahrzehnte überraschend reibungslos. Einen einigermaßen humanen Umgang mit erwerbslosen Lohnarbeitern betreffend ziemlich exakt so lange, wie einerseits die Konkurrenz der Staatssozialismen (UDSSR, DDR) es politisch geboten erscheinen ließ, sich nicht die Blöße zu geben, Menschen ohne Arbeit faktisch aus der Gesellschaft auszuschließen. Andererseits wurde lange Zeit die Erwerbslosikgeit als temporäres Phänomen aufgefasst, so wie eine „Reservearmee“ an Produktivkräften (nach Marx) vorgehalten. Durch steigende Produktivität bei abnehmendem Bedarf an Produktivkräften ist diese Illusion nunmehr geschwunden. Auf der politischen Agenda (Schröders..) stand daher das dauerhafte Abschieben zukünftig nicht mehr benötigten (und somit buchstäblich _entwerteten_) Humankapitals in die dauerhafte Armut.

    Die von Ihnen angesprochenen Klischees existieren also in der Tat, Herr Siebeneicher. Allerdings existieren sie nicht losgelöst von dem, was ich als „Werte“ bezeichnete. Ich räume hierbei freimütig ein, dass auch ein noch so sehr humanistisches, an ethischen Grundsätzen orientiertes Werteverständnis die Gegensätze dieser Klassengesellschaft nicht aufzuheben vermögen. Gewiss aber die Folgen signifikant abzumildern – womit immerhin vielen Menschen das Leben ein Stück weit erträglicher zu gestalten gelänge.

    Mittelfristig verhält es sich mit diesem System meiner Ansicht nach wie mit einer baufälligen Immobilie: Irgendwann sind die Grenzen der Flickschusterei erreicht, und es hilft nur noch Abriss und Neuaufbau..

    Mit freundlichen Grüßen,
    Werner Hupperich

  12. Leonard Siebeneicher

    Hallo Herr Hupperich.

    Nach Ihrer Antwort möchte ich das, was ich schrieb, noch einmal überarbeiten. Warum ich an der Anschauung festgehalten hatte, ein Klischee sei „getrennt“ von einer Wertung.

    (Mit Voreingenommenheit meine ich hier das Festhalten an einem Klischee.)

    Ein voreingenommener Zeichenschüler zeichnete den Schatten einer Vase „vasenförmig“. In Wahrheit hatte der Schatten der Vase (durch die breite Beleuchtungsquelle) eine dreieckige Form. Ein anderes, ähnliches Beispiel ist, wo voreingenommene Beteiligte eines Zeichenkurses versuchten einen Fußball zu zeichnen. Die Facetten des Fußballs wurden von vielen sechseckig gezeichnet. Obwohl sie in Wahrheit fünfeckig waren.

    Ich ging davon aus, daß das Festhalten an einem Klischee (also die Voreingenommenheit durch ein Klischee) die Beobachtungsgabe eines Menschens einschränkt, oder im schlimmeren Fall sogar aufhebt. Falls Voreingenommenheit sich sich gegen empfindende Wesen richtet, kann Unterdrückung und Leiden die Folge sein.

    Eine Wertung existiert nicht außerhalb eines Bewertenden. Bei einem gegen ein Klischee negativ voreingenommenen Menschen, denke ich, verhält sich jenes Klischee (Stereotyp) wie eine brennende Kerze sich zu einer Scheune verhält, die mit trockenem Stroh gefüllt ist.

    In dem was Sie Wertedebatten (Wertungsdebatten?) nennen, denke ich, wird das Anhaften an Klischees eine ähnliche Wirkung auf die Beobachtungsgabe beteiligter Voreingenommener Redner haben: über Menschen heftig diskutierend, verliert man den Menschen aus den Augen. Wiederum sind es lebende Menschen, gegen die sich die Wut, der Zorn und der Hass entlädt.

    Vielleicht könnte man es umdrehn:
    Würde das Klischee (Stereotyp) des ausnützerischen Langzeitarbeitslosen nicht einen so großen Resonanzraum finden, gäbe es keine „Wertedebatte“. Es würde langweilen, bis man es überdrüssig ist und sich anderen Themen zuwendet.
    Deswegen finde ich aber auch Ihren Umkehrschluss interessant, wo Sie aus diesem „Resonanzraum der Wut“ für das Klischee des „ausnützerischen Arbeitslosen“ Rückschlüsse auf die Beschaffenheit eines Teiles unserer Bevölkerung machen.

    Daß diese Voreingenommenheit vieler Menschen gegen Arbeitslose ein Teil eines „kapitalistischen Systems“ sein soll, das kann ich nicht beurteilen. Daß diese Voreingenommenheit für politische Zwecke mißbraucht werden kann, ist schlimm genug.

    Können wir annehmen, daß dieselben Menschen, die gegen angeblich „ausnützerische Arbeitslose“ aufschreien, unter einem kommunistischen System gegenüber Langzeitarbeitslosen plötzlich zum Mitfühlen fähig werden?
    Oder, würden andere (oder sogar Dieselben?) dann gegen „ausnützerische Intellektuelle“ aufschreien?

    In jeder Regierungsform sind es Menschen, die Entscheidungen treffen. Um einem Hassenden das bewusste Beobachten einhauchen zu können, es müssten wohl eher Götter sein?

    ( ~~~ )
    @ W-Day
    Danke für ihr Kommentar. Ich glaube, es hat viel zur Entspannung beigetragen!

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