Was hätte Marx zu Sarrazin gesagt?


Wie hätte sich Karl Marx zu Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ geäußert? Thilo Sarrazin hat Statistitiken gewagt interpretiert und er hat vom rassistischen Bevölkerungstheoretiker Dr. Dr. Volkmar Weiss plagiiert, wobei Sarrazin wahrheitswidrig behauptet, auf Weiss nur als DDR-Experten eingegangen zu sein. Marx hat sehr deutliche Worte gefunden zu einem Vordenker der Bevölkerungspolitik, nämlich zum „Plagiator Malthus“.  Ich denke, eine Kritik an Sarrazin sähe nicht viel anders aus. Viel Spaß beim Lesen

Karl Marx: Malthus‘ Verteidigung der reaktionärsten Elemente der herrschenden Klasse

„Wenn die Auffassung Ric[ardos] im ganzen im Interesse der industriellen Bourgeoisie ist, so nur, weil und soweit deren Interesse koinzidiert mit dem der Produktion oder der produktiven Entwicklung der menschlichen Arbeit. Wo sie in Gegensatz dazu tritt, ist er ebenso rücksichtlos gegen die Bourgeoisie, als er es sonst gegen das Proletariat und die Aristokratie ist.

Aber Malthus! Ce misérable [dieser Elende] zieht aus den wissenschaftlich gegebenen (und von ihm stets gestohlenen) Vordersätzen nur solche Schlüsse, die der Aristokratie gegen die Bourgeoisie und beiden gegen das Proletariat „angenehm“ sind (nützen). Er will deshalb nicht die Produktion um der Produktion willen, sondern nur soweit sie das Bestehende erhält oder ausbauscht, dem Vorteil der herrschenden Klassen konveniert.

Gleich seine erste Schrift, eines der merkwürdigsten literarischen Beispiele vom Erfolg des Plagiats auf Kosten der Originalwerke, hatte den   praktischen Zweck, die Perfektibilitätstendenzen der Französischen Revolution und ihrer Anhänger in England im Interesse der bestehenden englischen Regierung und Grundaristokratie als Utopie „ökonomisch“ nachzuweisen. D.h., es war ein panegyrisches Pamphlet für die bestehenden Zustände gegen die historische Entwicklung, dazu eine Rechtfertigung des Kriegs gegen das revolutionäre Frankreich.

Seine Schriften 1815 über Schutzzölle und Grundrente sollten teils die frühere Apologie des Elends der Produzenten bestätigen, speziell aber das reaktionäre Grundeigentum gegen das „aufgeklärte“, „liberale“ und „progressive“ Kapital verteidigen, ganz speziell einen beabsichtigten Rückschritt der englischen Gesetzgebung im Interesse der Aristokratie gegen die industrielle Bourgeoisie rechtfertigen. Endlich seine „principles of political economy“ gegen Ricardo hatten wesentlich den Zweck, die absoluten Forderungen des „industriellen Kapitals“ und der Gesetze, unter denen sich seine Produktivität entwickelt, zu den den existierenden Interessen der Grundaristokratie, der „Established Church“ (zu der Malthus gehörte), der Regierungspensionäre und Steuerverzehrer „vorteilhaften“ und „wünschenswerten Grenzen“ zurückzuführen. Einen Menschen aber, der die Wissenschaft einem nicht aus ihr selbst (wie irrtümlich sie immer sein mag), sondern von außen, ihr fremden, äußerlichen Interessen entlehnten Standpunkt zu akkommodieren sucht, nenne ich „gemein“.

Es ist nicht gemein von Ricardo, wenn er die Proletarier der Maschinerie oder dem Lastvieh oder der Ware gleichsetzt, weil es die „Produktion“ (von seinem Standpunkt aus) befördert, daß sie bloß Maschinerie oder Lastvieh oder weil sie wirklich bloß Waren in der bürgerlichen Produktion seien. Es ist dies stoisch, objektiv, wissenschaftlich. Soweit es ohne Sünde gegen seine Wissenschaft geschehn kann, ist R[icardo] immer Philanthrop, wie er es auch in der Praxis war.

Der Pfaffe Malthus dagegen setzt der Produktion wegen die Arbeiter zum Lasttier herab, verdammt sie selbst zum Hungertod und zum Zölibat. Wo dieselben Forderungen der Produktion dem landlord seine „Rente“ schmälern oder dem „Zehnten“ der Established Church oder dem Interesse der „Steuerverzehrer“ zu nahe treten oder auch den Teil der industriellen Bourgeoisie, dessen Interesse den Fortschritt hemmt, dem Teil der Bourgeoisie opfern, der den Fortschritt der Produktion vertritt wo es also irgendein Interesse der Aristokratie gegen die Bourgeoisie oder der konservativen und stagnanten Bourgeoisie gegen die progressive gilt -, in allen diesen Fällen opfert „Pfaffe“ Malthus das Sonderinteresse nicht der Produktion, sondern sucht, soviel an ihm, die Forderungen der Produktion dem Sonderinteresse bestehender herrschender Klassen oder Klassenfraktionen zu opfern. Und zu diesem Zweck verfälscht er seine wissenschaftlichen Schlußfolgerungen. Das ist seine wissenschaftliche Gemeinheit, seine Sünde gegen die Wissenschaft, abgesehn von seinem schamlosen und handwerksmäßig betriebnen Plagiarismus. Die wissenschaftlichen Konsequenzen von Malthus sind „rücksichtsvoll“ gegen die herrschenden Klassen in general und gegen die reaktionären Elemente dieser herrschenden Klassen in particular; d.h. er verfälscht die Wissenschaft für diese Interessen. Sie sind dagegen rücksichtslos, soweit es die unterjochten Klassen betrifft. Er ist nicht nur rücksichtslos. Er affektiert Rücksichtslosigkeit, gefällt sich zynisch darin und übertreibt die Konsequenzen, soweit sie sich gegen die misérables richten, selbst über das Maß, das von seinem Standpunkt aus wissenschaftlich gerechtfertigt wäre.

Der Haß der englischen Arbeiterklassen gegen Malthus – den „mountebank-parson“ [marktschreierischen Pfaffen], wie ihn Cobbett roh nennt (Cobbett ist zwar der größte politische Schriftsteller Englands während dieses Jahrhunderts; es fehlte ihm aber die Leipziger Professoralbildung, und er war ein direkter Feind der „learned languages“ [des gelehrten Stils])  – ist also völlig gerechtfertigt; und das Volk ahnte hier mit richtigem Instinkt, daß es keinen homme de science, sondern einen gekauften Advokaten seiner Gegner, einen schamlosen Sykophanten der herrschenden Klassen gegenüber habe.

Der Erfinder einer Idee mag sie ehrlich übertreiben; der Plagiarius, der sie übertreibt, macht stets „ein Geschäft“ aus dieser Übertreibung.

Malthus‘ Schrift „On Population“ – die erste Ausgabe -, da sie kein neues wissenschaftliches Wort enthält, ist bloß als eine zudringliche Kapuzinerpredigt“

Karl Marx: Theorien über den Mehrwert, MEW 26 Teil 2, 110ff.

4 Kommentare

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  1. Hallo

    Sorry für die Einmischung, aber: ich nenne das von Marxen einen sehr maennlichen Gedankentext, den man als Frau kaum lesen kann, obgleich man die Hauptaussage schon versteht: die Herrschenden brauchen Beherrschte und herrschen über die Beherrschten und dazu ist ihnen jedes Mittel Recht.
    :)Nun denn, meine Gedanken sind viel viel einfacher, weil sie sich – Mann staune nich – in Historie und deren Schriften auch gar nicht besonders auskennen (wollen), vielleicht u.a. deshalb, weil den Schriften so viel Erklärungswut zusammen mit viel Rhetorik innewohnt, dass ich schon wieder den Herrschfaktor über mir spüre, dem ich meine Gedanken nur ungern aussetze. Es ist immer sofort ein Antigedanke an.
    ( Ich=Gedanke. Das kann man doch nicht gleichsetzen! Warum nicht? Mach ich doch nichts anderes, als denken. Fühlen/Empfinden als Vorstufe von Denken, jedes Gefühl ein Gedanke bei mir! Abstraktes Sein. Ich bin die Abstraktion meines Körpers in jeder X-tel Sekunde. )
    Meine insb. intellektuellen Männern viel zu banalen Gedanken: Die realkollektive Wirklichkeit namens Welt braucht viele Beherrschte (Arme, geistig Niedere, mental Unentwickelte als passend Mitentwickelte (Frauen)), damit es Herrschende (Reiche, geistig Höhere, mentale Revolutionaere (Männer)) gibt. Das normale globale und regionale Volk (Frau/Familie) ist den mentalen Revolutionaeren (Männern/Kriegern) Nahrung wie kleine Fische den Grossen Fischen sozusagen, also Mittel zu ihrem Zweck,
    sich immerimmer weiter ___nach innen und aussen___ zu entwickeln — also **intensiv auszubreiten**, männliche Herden zu schaffen gleich wie **Feuerstätten der Produktion** — und damit individual einer dieser privilegierten Herden angehörig mindestens soviel oder eher mehr Ressourcen-Platz zu besetzen als-wie die Mehrheit aller Niederen (Frau/Familie/Volk/Masse) und für sich allein umzuwandeln in Gewinnkapital und somit Luxus/MehrHABE als auch damit erreichbare *Privilegien*, eben ‚etwas mehr Luxus‘, der natürlich bereits in der geistigen Freiheit steckt (Privilegien für Monopolist/Oligarchist, aber auch für den einzelnen Mann gegenüber „seiner“ Frau und Familie), während den Armen/Unentwickelten/Mitentwickelten (geistig Unfreien und emotional Abhängigen) gerad‘ mal so viel bleibt, um als diese „Nahrung“ und billige Arbeitskraft (Soziale Putzkraft für Familie und Staat) erhaltungswichtig reproduzierbar wie Lebendmaterial zu Zwecken freier kapitalistisch männlicher Heer- und Herden-Arterhaltung zu dienen, so bis an den ihren Tod von den „Fleischfressern“ im doppelten Sinn frei zu unfrei ausgebeutet.
    Dieser Gedanke: „männliche Herde“ und „Feuerstätte der Produktion“ heisser Herd, produktive Herde, Erde, Mann ist die Erde, Mann hat die Erde, Mann besitzt das Gehirn der Frau, Mann kontrolliert ihre Gedanken global und individual.

    • Jonas

      Ich finde diese Gedanken sehr interessant und überzeugend. Ich habe nur den Gedanken gehabt, dass die Macht-Relationen, die sie hier deutlich machen, auch zwischen anderen Relationen als Mann/Frau auftreten. z.B. zwischen Ausländern/Inländern, ChefIn/Angestellter, und in vielen anderen Relationen. Dass Gedanken kontrolliert werden durch Machttechniken, ist gruselig, ist aber Gegenstand auch meiner Beobachtung resp. Erfahrung.

  2. Stinkstiefel

    Apropos Weiss, ein Kommentar, den ich bei Rohde gefunden habe:

    „Herr Rohde, Sie sind auf dem richtigen Weg. In
    arbeitsteiligen Gesellschaften gibt es keine Minderwertigen
    und Höherwertigen. Meine Großvater väterlicherseits war ein
    ungelernter Arbeiter, sein Vater wiederum war Analphabet
    und ein Steinbrucharbeiter, der jeden Winter arbeitslos
    war, d. h., die Familie lebte am Rande des Existenzminimums.
    Mein Vater ist als ganz junger Mann im Krieg gefallen. Ich
    habe ihn nicht kennengelernt. Der Großvater mütterlicherseits
    war Klempnergeselle und Briefträger, aber auch nicht dumm.
    Und wo kommt die Intelligenz her, wenn sie eine starke
    erbliche Komponente haben soll: In meinem Falle besonders
    über die Großmütter. Ich habe über 4000 direkte Vorfahren
    von mir namhaft machen können. Und da kommen dann doch
    einige recht bedeutende Personen zum Vorschein: ein Dutzend
    Pfarrerfamilien, rund vierzig Müllerfamilien, ein Leibjäger
    des KuKurfürsten ein Superintendent usw. Neben hunderten
    Bauern, Gärtnern, Häuslern und Handwerkern, darunter viele
    sehr arme Leute.“ 24 6 2009

    http://krohde.wordpress.com/article/wikipedia-oder-knol-meinungsfreiheit-xk923bc3gp4-73/xml

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