Höcke bleibt Ladig

Vor sechs Jahren hatte ich herausgearbeitet, dass hinter den neonazistischen Texten, die unter dem Pseudonym „Landolf Ladig“ veröffentlicht wurden, der Thüringer AfD-Vorsitzende Björn Höcke steckt. Auch heute noch finden sich in aktuellen Interviews und Beiträgen von Höcke deutliche, erklärungsrelevante Überschneidungen mit zentralen Aussagen von Ladig aus den Jahren 2011/2012.

In einem aktuelllen Interview der AfD-nahen Zeitschrift „Die Kehre“ mit Björn Höcke1 finden sich zwei Textpassagen, die inhaltlich die Positionen von Landolf Ladig aus dem Jahr 20122 wiedergeben. Ich veröffentliche hier eine Gegenüberstellung der Texte:

Das „dekarbonierte Wachstum“ als „Materialismus“ der „K-Gruppen“

2021 Interview mit Höcke in „Die Kehre“, S. 32f.
„Es ist wohl ein Treppenwitz und Unglück zugleich, daß ausgerechnet die deutschlandverachtenden Grünen das Thema Natur- und Umweltschutz restlos gekapert haben […] Die AfD hätte mit einem solchen Naturverständnis einen Vorsprung vor den klassischen »Umweltschutzparteien« wie den Grünen, die doch – zumindest nach dem Abtreten ihrer konservativen Gründer – sehr materialistisch aufgeladen sind, was sicherlich auch ein Erbe der marxistischen K-Gruppen ist. Ihre Agenda der Energiewende trieft jedenfalls vor Materialismus: Sie verspricht dekarbonisiertes Wachstum, das es nicht geben kann. Die Grünen suggerieren, daß wir weiterhin jedem dekadenten Luxus frönen und unsere Vergnügungen ausleben können, wenn wir nur hier und da ein paar Euro mehr bezahlen, um unser schlechtes Gewissen zu befriedigen. Das ökologische Dilemma der wachstumsdogmatischen Ökonomie wird von ihnen nicht ernsthaft hinterfragt.“

2012 Text von Ladig in Volk in Bewegung S. 12f.
„Es ist bekannt, daß die „Die Grünen“ bzw. ihre Vorgängerorganisationen in ihren Anfangsjahren maßgeblich von konservativen Persönlichkeiten wie Baldur Springmann, Herbert Gruhl und Rudolf Bahro geprägt wurden, die eine radikale Industrie-, Konsum- und Wachstumskritik äußerten. In den achtziger Jahren erfolgte jedoch die Unterwanderung der „Grünen“ durch K-Gruppen-Funktionäre, die die aufstrebende Ökopartei als Vehikel auf dem Weg zur politischen Macht benutzen wollten. […] Die Aktivisten, die die grüne Bewegung vor 30 Jahren enterten, waren kommunistisch orientiert: und folglich mit einer materialistischen Weltanschauung ausgestattet. […] Dabei postulieren „Die Grünen“ selbstverständlich ein sogenanntes „grünes Wachstum“, das durch den ökologischen Umbau der Gesellschaft angeblich naturverträglich generiert werden könne. Angegrüntes, dekarbonisiertes Wachstum ist aber Augenwischerei“

Höcke kennzeichnet hier die Partei die Grünen sehr ähnlich wie zehn Jahre zuvor Ladig die Grünen beschrieb. Ursprünglich sei Natur- und Umweltschutz ein offenes Thema gewesen. Dann aber seien die Grünen entstanden, die das Thema „gekapert“ (Höcke) bzw. geentert (Ladig) hätten. Dabei seien die Grünen ursprünglich von Konservativen gegründet (Höcke) worden bzw. in der Entstehungsgeschichte seien die Grünen von „konservativen Persönlichkeiten“ geprägt (Ladig) gewesen. Dann jedoch hätten die marxistischen „K-Gruppen“ (Höcke / Ladig) die Grünen unterwandert. Und damit erhielt der „Materialismus“ (Höcke / Ladig) Einzug bei den Grünen und auch die Wachstumsideologie. Die Grünen forderten seither ein „dekarboniertes Wachstum“ (Höcke / Ladig), was aber „nicht möglich“ (Höcke) bzw. „Augenwischerei“ (Ladig) sei.

Eine kurze inhaltliche Anmerkung: Natürlich bezogen sich die Grünen von Beginn an positiv auf „Wachstum“. Kapitalistisches (!) Wachstum war allerdings nicht – wie Höcke/Ladig suggerieren – das Kernanliegen der Marxist*innen in den grün-alternativen Listen bzw. der Bundespartei „Die Grünen“. Die Gleichsetzung Marxismus = Materialismus = Kapitalismus => Marxismus = Kapitalismus scheint aber für Faschist*innen noch immer eine plausible Argumentation zu sein.3

„Versöhnung von Ökologie und Ökonomie“ als zentrales Zukunftsthema

Kommen wir zur zweiten Textpassage, die deutliche Überschneidungen zeigt:

2021 Interview mit Höcke in „Die Kehre“, S. 32
„Auch die Wirtschaftsliberalen in der Partei sollten einsehen, daß Ökologie und Ökonomie versöhnt werden müssen. Dazu muß alles auf den Prüfstand – vom Geldsystem über die Globalisierung bis hin zu unserer Art des Wirtschaftens. Das sind große Zukunftsthemen. Wir müssen den Grünen das Thema Naturschutz wieder entreißen, weil es nur bei uns richtig aufgehoben ist! Dazu muß die AfD sich aber auch insgesamt bewegen. Es reicht nicht, abfällig vom »Ökowahn« zu sprechen und die vorhandenen ökologischen Probleme auszublenden.“

2012 Text von Ladig in Volk in Bewegung S. 15
„Die gegenwärtig vorrangig staatspolitisch motivierte Zuwendung zu raumorientierten Konzepten, wie sie beispielsweise die NPD als bedeutendste identitär ausgerichtete Partei vertritt […] braucht unbedingt eine ergänzende ökologische Begründung. Wenig wahrgenommene Hintergrundanalysen […] belegen das Wissen um die Zusammenhänge. Die Versöhnung von Ökonomie und Ökologie wird das zentrale Thema des 21. Jahrhunderts.“

Höcke forderte in den Ladig-Texten (2011/2012) vor Entstehung der AfD (2013), dass die NPD eine „ökologische Begründung“ benötigte. Entsprechend fordert Höcke 2021, also zehn Jahre später (!), dass die AfD das Thema Ökologie stärker berücksichtigen müsse. Die „Versöhnung von Ökologie und Ökonomie“ (Höcke / Ladig) sei „das zentrale Thema des 21. Jahrhunderts“ (Ladig) bzw. das „große Zukunftsthema“ (Höcke – inklusive „Geldsystem“, „Globalisierung“, „Art des Wirtschaftens“, wovon Ladig 2011/2012 auch explizit sprach).

Diese Überschneidungen in den beiden Textpassagen würden dekontextualisiert nicht viel beweisen. Auch nicht, wenn wir weitere typische Ladig-Formulierungen aus dem aktuellen Höcke-Interview (bspw. der Begriff „Vernutzung“) hinzunehmen. Sie sind aber weitere Puzzleteile im Gesamtkontext eines schon lange fertig gepuzzelten Bildes, welches plausibel die Autorenschaft von Höcke bei den Ladig-Texten zeigt. Eine ausführliche Synopse findet sich in meinem Text Ladig-Höcke-Synopse.

Nochmal zur Relevanz der Höcke-Ladig-Identität und zum Neonazi Thorsten Heise

Auch inhaltlich ist der Artikel nicht besonders problematisch, bewegt sich im Rahmen des von der AfD gewohnten. Dass aber Höcke nach zehn Jahren noch immer zentrale Thesen aus den drei kurzen Ladig-Texten von 2011/2012 wiederholt, lässt darauf schließen, dass er sich nicht großartig von seinem Alter Ego entfernt hat. Höcke ist noch immer Ladig. Und Landolf Ladig schrieb in einem der Texte, dass die beiden Weltkriege Angriffskriege gegen Deutschland gewesen seien, u.a. weil sich im nationalsozialistischen Deutschland eine erste Antiglobalisierungsbewegung entwickelt habe, die mit ihrer „organischen Marktwirtschaft“ (Ladig/Höcke)so erfolgreich gewesen sei, dass sich dieses Modell auf andere Staaten übertragen hätte. Doch leider, so Ladig (Höcke), seien der NS-„Antiglobalisierungsbewegung“ nicht genügend Friedensjahre vergönnt gewesen. Da es aber in wenigen Jahren aufgrund sich „aufpotenzierender Krisendynamiken“ (Ladig/Höcke) zu Systeminstabilitäten komme, müsse sich die identitäre Systemopposition auf die Führung in der kommenden Revolution vorbereiten. Dies schrieb Ladig in den Magazinen seines Bekannten Thorsten Heise, einem führenden Neonazi in Deutschland mit Kontakten zu nazi-terroristischen Gruppierungen wie NSU und Combat 18. Heise wiederum nahm nach dem Bekanntwerden der Ladig-Höcke-Identität seinen Nachbarn (Heise und Höcke leben in den Nachbargemeinden Fretterode und Bornhagen) in Schutz und behauptete ohne plausible Begründung, dass jemand anderes als Höcke Landolf Ladig sei. Da Björn Höcke sich bis heute nicht durchringen konnte, zu seinen Ladig-Texten zu stehen, könnte es ihm politisch das Genick brechen, wenn Heise ihm in den Rücken fällt und mit entsprechendem E-Mail-Verkehr die Identität von Höcke und Ladig zeigen sollte. Mit anderen Worten: Björn Höcke ist durch Thorsten Heise erpressbar. Und je wichtiger Höcke wird, um so stärker könnte der Druck von Heise mit seinen Kontakten zum Naziterrorismus werden. Eine Erpressung von Höcke durch Heise käme allerdings überhaupt erst in Frage, falls es überhaupt einen Interessenunterschied zwischen Höcke und Heise geben sollte. Wenn Höckes Agenda in die gleiche Richtung wie die von Heise geht, erübrigt sich eine Erpressung.

Fazit: Höcke bleibt Ladig

Der Text von Höcke in der „Kehre“ ist banal. Nicht banal ist der implizite Beleg, dass Höcke noch immer Ladig zu sein scheint, dass seine Funktionärstätigkeit in der AfD ihn nicht von seiner Agenda von vor zehn Jahren abgebracht zu haben scheint. Dass Höcke öffentlich nur die vergleichsweise harmlosen Ladig-Thesen und -Forderungen wiederholt, bedeutet nicht, dass er die NS-verharmlosenden Umsturzforderungen aus seiner Agenda gestrichen hat. Letzeres konnte und kann er eben nur unter Pseudonym äußern.

Einzelnachweise

  1. Jonas Schick im Interview mit Björn Höcke: „Wer sein Land liebt, will auch dessen natürliche Grundlagen erhalten“, in: Die Kehre. Zeitschrift für Naturschutz, Nr. 6/2021 Sommer 2021, S. 30-35[]
  2. Landolf Ladig: Ökologie und Postwachstumökonomie. Die Krise des Liberalismus, in: Volk in Bewegung 1/2012, S. 12-15, URL: https://politicalbeauty.de/landolf/Volk%20in%20Bewegung%20%282012-1%29%20-%20Die%20Krise%20des%20Liberalismus.pdf[]
  3. Ich möchte mich zu den Inhalten hier nicht breit äußern. Nur ganz kurz: Die K-Gruppen haben die Grünen nicht geentert und die materialistische Wachstumsideologie hineingebracht. Ich war in den 1970er Jahren selber in einer Regionalgruppe aktiv, noch bevor die ganzen grünen, bunten Listen sich zur Bundespartei zusammenschlossen. Es waren von Anfang an AKW-Gegner*innen, Sozialdemokrat*innen, Feminist*innen, Gewerkschafter*innen, KBWler*innen, Anarchist*innen usw. in der Liste unserer Industriestadt vertreten. Esoteriker*innen, , Rechte und Konservative fanden sich eher in der Liste einer ländlich und touristisch geprägten Nachbarstadt. „Wachstum“ war für diese kleinen Listen natürlich wichtig, ein zentrales Plakat war: „Grün wächst“. Aber die Fokussierung auf kapitalistisches Wachstum setzte erst ein, als die Wähler*innen-Basis der Grünen zu den gutverdienenden Bevölkerungsgruppen gehörten. Das ging also nicht von den marxistischen Gruppen in der Partei aus.[]

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