Die unsichtbare Hand der Eugenik


Das letzte Jahr muss schrecklich gewesen sein für diejenigen, die die neoliberale Marktwirtschaft zu rechtfertigen haben. Aufgrund einer Studie, die ein massives Schwinden im Vertrauen der Marktwirtschaft sieht, vor allem unter dem Aspekt der sozialen Gerechtigkeit, sah sich ein Expertengremium des Bundeswirtschaftsministeriums gezwungen, Wege zur Wiederherstellung des Vertrauens zu empfehlen. Da weder mit einer Beschneidung der Managergehälter, noch mit einem verbindlichen Mindestlohn in die Wirtschaft eingegriffen werden solle, also weder oben gestutzt noch unten angehoben werden sollte, da man mit der „unsichtbaren Hand“ Adam Smiths nicht in Konflikt geraten wolle, blieb nur die Empfehlung, auf allen Ebenen eine größere Bildungsgerechtigkeit herzustellen.

Doch kaum war das Papier draußen, entschieden sich die reichen Bürger und Bürgerinnen Hamburgs zu einem Aufstand gegen die Bildungsreform. Erstens dürfe es auf gar keinen Fall objektive Kriterien dafür geben, welches Kind für ein Gymnasium geeignet sei, dass müsse man gefälligst schon den (wohlhabenden) Eltern überlassen. Zweitens müsse auf jeden Fall die frühe Selektion nach der vierten Klasse bleiben. Schließlich seien Kinder unterschiedlich begabt und je früher man die Spreu von dem Weizen trennt, umso besser.

Gut, dass dann der Sarrazin mit einer nie zuvor gewesenen Kampagne in die Charts gedrückt wurde. Wir erinnern uns: in einer Woche gab es einen längeren Artikel im Fokus und einen in der FAZ, wo Sarrazin als Medien-Opfer und als Musterbeispiel für Couragiertheit stilisiert wurde. In dieser Woche brachte die BILD jeden Tag einen ganzseitigen Vorabdruck seiner Buches „Deutschland schafft sich ab“ und der SPIEGEL, nicht weniger dumpfbackig, brachte ebenfalls einen mehrseitigen Vorabdruck in seinem Literaturteil, direkt vor der SPIEGEL-Beststeller-Liste. Der Bertelsmann-Konzern schließlich brachte das Buch heraus und konnte sich auf sein Medien-Imperium ebenso verlassen, wie auf den Konvent für Deutschland mit seinem Hans-Olaf Henkel und Klaus von Dohnanyi, die Sarrazin sofort hilfreich zur Seite sprangen.

Sarrazin spricht hier nicht nur von einer gruppenspezifischen Vererbung von Intelligenz, sondern er führte auch einen Begriff wieder ein, den die Pädadogik vor einem Vierteljahrhundert entsorgt hatte: die Bildungsfähigkeit. 1938 wurde der Begriff der Bildungsunfähigkeit in das Reichsschulgesetz übernommen und erlaubte die Aussonderung von Kindern, die nicht „bildungsfähig“ seien. Oder wie Sarrazin sagen würde: „Eine gute Schule macht ein dummes Kind nicht klug“. Diese Aussonderung ist vor dem Hintergrund des Erbgesundheitsgesetz zu betrachten, mit dem ca 140.000 Hilfsschüler zwangssterilisiert wurden. Diese Zwangssterilisierungen gab es nicht nur in Deutschland, sondern auch in Schweden, bis in die 1970er Jahre. Aber in Deutschland wurden das Erbgesundheitsdenken zu einer rassistischen Wissenschaft mit etlichen Forschungseinrichtungen. Viele dieser Rassenhygieniker konnten nach dem Kriegsende ohne große Unterbrechung weiterhin ihr biologistisches Begabungs- und Eugenik-Modell fortsetzen.

Der Rassenhygieniker Karl-Valentin Müller bspw. wurde 1946 mit einer Begabungsstudie in Niedersachsen beauftragt und kam – abweichend von der Empfehlung der allierten Kontrollkommission zum Schluss, dass es unbedingt ein streng und früh selektierendes dreigliedriges Schulsystem geben müsse, da es drei verschiedene Begabungstypen gibt. Dieser Karl-Valentin Müller war an der Gründung der Gesellschaft für Bevölkerungspolitik beteiligt, wie viele weitere ehemalige Rassenforscher_innen der NS-Zeit. Die Uni-Klinik Münster wurde geradezu ein Sammelbecken für ehemalige NS-Rassenhygieniker. Jötten und Reploh waren an der Zwangssterilisierung tausender Hilfsschüler beteiligt. Sie waren nach 45 Dekanen, genau wie Mauz, der in der Nazi-Zeit an der berüchtigten Aktion T4 (Ermordung von Menschen mit Behinderungen) beteiligt war oder wie der Doktorvater von Josef Mengele, Otmar von Verschuer, der mit Hilfe des Atomministeriums das Humangenetische Institut in Münster aufbaute und dort weitere ehemalige Rassenforscher beschäftigte. Verschuer gründete die bis heute bestehende rassistische Zeitschrift „Mankind Quarterly“, die das Material für die Behauptungen der gruppenspezifischen Vererbung von Intelligenz liefert, auf die sich letztlich Sarrazin stützt, und er publizierte noch in den 1960er Jahren über Eugenik. Einer seiner wissenschaftlichen Kollegen am Humangenetischen Institut war Heinrich Schade, genau wie Josef Mengele bereits ein Assistent von Verschuer zu Frankfurter Zeiten, noch bevor Verschuer Dekan des Kaiser-Wilhelm-Insituts für Anthropoloige, menschliche Erblehre und Eugenik wurde, welches bekanntlich mit den Körperteilen forschte, welche Mengele ihnen aus Auschwitz zusandte. Heinrich Schade publizierte noch bis in die 1980er Jahre, bspw. in „Deutschland – ohne Deutsche“, in dem vom drohenden „Volksselbstmord“ gesprochen wird.

Die Publikation von Sarrazin ist also durchaus nicht neu. 1984 eben das „Deutschland – ohne Deutsche“, 2000 veröffentlichte Volkmar Weiss, von dem Sarrazin viele Ideen übernommen hatte, zum Teil wörtlich ohne dass dies als Zitat kenntlich gemacht wurde, sein „Die IQ-Falle. Intelligenz, Sozialstruktur und Politik“ und 2007 erschien das Buch von Manfred Pohl „Das Ende des Weißen Mannes. Eine Handlungsaufforderung“. In allen drei Büchern steht in etwa das, was Sarrazin mit seinem Bestseller 2010 verkündete: In Deutschland kriegen die Falschen, nämlich die erblich bedingt dummen Menschen, also die deutsche und islamische „Unterschicht“, die Kinder. Manfred Pohl übrigens gründete genau diesen Konvent für Deutschland, aus dem sich die Verteidiger Sarrazins rekrutieren: Hans-Olaf Henkel und Klaus von Dohnanyi.

Diese Biologisierung von Intelligenz, gekoppelt mit einer Bevölkerungspolitik, ist also nicht neu, aber in Zeiten der Krise gewinnt sie an Bedeutung. Erstmals seit 45 wurde mit dem Elterngeld diese Ideologie auch gesetzlich verankert: Akademiker_innen sollen mehr Kinder kriegen, die „Unterschicht“ soll weniger Kinder kriegen. Die Idee des Eltengeldes stammt aus Schweden und wurde dort in dem Jahr umgesetzt, als die eugenischen Zwangssterilisierungen abgeschafft wurden.

Es geht letztlich um Privilegiensicherung. Die Bildungsabschlüsse haben zunehmend diesen selektiven Charakter. Dies zeigt sich an den ganzen Plagiaten bei Doktorarbeiten. Nicht nur Guttenberg, sondern auch Mitglieder des „Ausschusses für Industrie, Forschung und Energie“ im Europaparlament und ebenso Kultusminister wurde des Plagiarismus in ihren Doktorarbeiten überführt. Das heißt, selbst bei den Entscheider_innen in der Bildungs- und Forschungspolitik wird Bildung nur noch als Selektions- und Karriereinstrument gesehen. Es geht um die Titel als institutionelles Kapital. Der Inhalt der Bildung interessiert nicht. Privilegiensicherung – und wenn die Leistungskriterien sich nicht dieser Privilegiensicherung anpassen, dann muss nachgeholfen werden durch Plagiate und Biologisierung von Intelligenz. Wenn nämlich Intelligenz sozialgruppenspezifisch vererblich wäre, dann müsste man gar nicht mehr bei den einzelnen Arbeiterkindern oder Akademikerkindern überprüfen, ob sie dumm oder intelligent sind. Man weiß ja, wo sie hingehören qua Geburt.

Anfang Januar 2012 erscheint im VS-Verlag das Buch „Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz: Von Galton zu Sarrazin: Die Denkmuster und Denkfehler der Eugenik“. Herausgeber sind Michael Haller und Martin Niggeschmidt. Mein Beitrag hat den Titel: „Sarrazins deutschsprachige Quellen“

4 Kommentare

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  1. Telipinu Hatti

    Interessanter Weise ist in Gegenden, in denen die IGS dominiert, der Wohlstand und die Bildung der Eltern genau so entscheidend wie in Bayern. Die deutsche IGS hat bisher keinen Beitrag dazu geleistet, die soziale Selektion zu beheben. Beim Bildungsstand der Migranten und auch bei PISA liegen die dreigliedrigen Länder wie Bayern, Baden-Württemberg und Sachsen seit Jahrzehnten vorne, beim sozialen Ungleichgewicht jedenfalls nicht schlechter als die Länder mit hoher IGS-Präsenz.

    • Andreas Kemper

      Deswegen braucht es einen umfassenderen Ansatz, in dem die „Schule für alle“ nur ein Aspekt ist. Sämtliche strukturelle Benachteiligungen müssen beendet werden. Wenn der sozialen Selektion nur halbherzig entgegengetreten wird, wie im Fall der IGS, dann bringt das natürlich nicht viel.

  2. Chris

    Vielleicht interessiert es keinen ausser mir aber Sie wissen ja besser als, dass das genannte Buch als „Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz…“ veröffentlicht wurde. Tun Sie mir einen kleinen Gefallen und updaten Sie?

    • Andreas Kemper

      Hallo und danke für den Hinweis.

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