Hans-Olaf Henkels DNA-Fauxpas


Dohnanyis DNA

Hans-Olaf Henkel in der Laudatio zum Deutschen Mittelstandspreis für Thilo Sarrazin:

Thilo Sarrazin ist ein deutscher Widerstandskämpfer im besten Sinne des Wortes. Ich kann keinen besseren Zeugen dafür aufbieten, als den ehemaligen Ersten Bürgermeister meiner Heimatstadt, Klaus von Dohnanyi. Es liegt wohl in der DNA von Dohnanyis Familie, dass Klaus von Dohnanyi oft dann eingreift, wenn Politiker, Pressemeute und andere Vertreter unserer sich politisch korrekt gebenden sogenannten Elite, Einzelnen die Ehre abschneiden wollen und die Meinungsfreiheit bedroht ist.

Henkel spielt mit der DNA sowohl auf Sarrazins erbbiologische Thesen an, als auch darauf, dass Dohnanyis Vater von den Nazis ermordet wurde.

„Es liegt wohl in der DNA von Dohnanyis Familie“: Klaus von Dohnanyis Großvater, Karl Bonhoeffer, war kein Widerstandskämper, sondern Eugeniker. Er war Richter am Erbgesundheitsobergericht und dort für mindestens zwanzig Zwangssterilisierungen persönlich verantwortlich. Bereits 1923 befürwortete er Zwangssterilisierungen, wenn erwiesen sei, „daß die Gefahr einer Schädigung des Volkskörpers durch die Fortpflanzung dieser Individuen tatsächlich besteht.“

Ich verweise hier auf die 2008 von Alice Halmi publizierte Arbeit Kontinuitäten der (Zwangs-)Psychiatrie. Eine kritische Betrachtung, die sich in mehreren Kapiteln mit Karl Bonhoeffers Eugenik auseinandersetzt. Ab Seite 143 geht sie ausführlich auf Bonhoeffers Artikel „Ein Rückblick auf die Auswirkung und die Handhabung des nationalsozialistischen Sterilisationsgesetzes“ ein, den er nach der Nazi-Zeit verfasst hat und der mit dazu beigetragen hat, dass das Erbgesundheitsgesetz der Nazis von der Bundesregierung nicht als Nazi-Gesetz angesehen wurde, was wiederum dazu führte, dass Zwangssterilisierte jahrzehntelang kein Recht auf eine Entschädigung hatten.

Wenn Henkel den „Widerstandsgeist“ von Klaus von Dohnanyi, also seine Verteidigung von Sarrazins rassistischer Erbbiologie, mit einer Vererbungslehre erklärt, dann meinte er wohl eher den Großvater von Dohnanyi als dessen Vater. Als Hobbygenetiker hatte Henkel wohl im Sinn, dass sich die Qualitäten immer vom Opa zum Enkel vererben.

Es geht hier nicht darum, Klaus von Dohnanyi in Sippenhaftung für seinen eugenisch-motivierten Großvater zu nehmen. Es sollte hier im Gegenteil gezeigt werden, wie unsinnig der ganze Vererbungsquatsch ist. Das Dohnanyi Sarrazins Erbbiologie verteidigte kann allerdings durchaus damit zu tun haben, dass auch sein Großvater für seine eugenische Theorie und Praxis angegriffen wurde.

Plagiator Sarrazin ?

Henkel stellt in seiner Laudatio Sarrazin weiterhin als Opfer dar. So schreibt er unter anderem:

Wetten, dass eine Armee von Internetschnüfflern  seine Doktorarbeit schon längst auf Plagiate hin von der ersten bis zur letzten Seite überprüft haben?

Mag sein. Ich habe mir nicht seine Doktorarbeit vorgeknöpft, sondern „Deutschland schafft sich ab“. Und das ist teilweise wörtlich plagiiert von Volkmar Weiss „Die IQ-Falle“ aus dem Jahr 2000. Ich zitiere hierzu aus einer Erklärung von Volkmar Weiss von seiner Homepage:

Das Sarrazin-Erfolgsbuch – inwieweit ein Plagiat?

Als Sarrazin Ende August 2010 sein Buch „Deutschland schafft sich ab“ herausgebracht hatte, kamen Kollegen und Bekannte auf mich zu und gratulierten mir. Denn für jedem, der mein Buch „Die IQ-Falle: Intelligenz, Sozialstruktur und Politik“ (Graz: Stocker 2000) kannte, stand außer Zweifel, daß Sarrazin sich in beträchtlichem Umfang auf meine Vorleistung gestützt hatte. Sarrazins eigene Zutaten waren sein Stil, sein Antiislamismus und einige neuere Statistiken, wie die Entsprechung von IQ-Testwerten und PISA-Ergebnissen, die er aus Sonderdrucken kannte, die ich ihm 2009 nach seinem Interview in „Lettre International“ an seine Dienstadresse in Frankfurt am Main geschickt hatte. Was er nie erwähnt hat, geschweige denn mir dafür persönlich gedankt hätte.
Den logischen Aufbau eines Vorgängerbuches zu übernehmen, ohne dabei seitenweise wörtlich abzuschreiben, das gilt nicht als Plagiat im engeren Sinne, wenn man sich zu der Vorlage bekennt. Sarrazin erwähnt und zitiert mein Buch auch an mehreren Stellen. Als Frank Schirrmacher ihn am 1.10.2010 bei einem Interview für die FAZ auf den Kopf zu fragte, welche Vorleistung Volkmar Weiss für ihn tatsächlich erbracht hat (da seine Zitierungen diesen Anteil eher herunterspielen), hielt Sarrazin es für opportun, statt der Wahrheit die Ehre zu geben, den Anteil zu leugnen und gar von „betrüblichen Verirrungen“ meinerseits zur sprechen. Das empört mich, mußten doch in dem Moment in seinem Kopf  Texte gegenwärtig sein, die sich wie eine Zusammenfassung seines Buch lesen, nur daß sie von mir schon ein paar Jahre früher veröffentlicht worden waren. Auf der einen Seite also ein SPD-Politiker, der Millionen mit einem Buch scheffelt, dessen Quellen er zu verdunkeln sucht, auf der anderen Seite ein Wissenschaftler, der sich über seine Rolle im Hintergrund amüsieren könnte, wenn er von dem Großverdiener nicht auch noch beleidigt würde. Für die Massenmedien scheint aber eine solche Rollenverteilung eine selbstverständliche zu sein, gegen die man sich nicht wehren darf. Was ich dennoch mit dieser Erklärung versuche.
Darüber hinaus lässt sich zeigen, dass Sarrazin auch wörtlich von Weiss abgeschrieben hat ohne dies zu kennzeichnen. Er hat gegenüber Schirrmacher nicht die Wahrheit gesagt, als er behauptete, Weiss habe er nur als DDR-Experten zitiert.
Soviel zu Sarrazins „kompromisslosen Aufrichtigkeit“ (Henkel). Vielleicht sollte man bei so viel wissenschaftlicher Genauigkeit Henkels Vorschlag aufgreifen und tatsächlich Sarrazins Doktorarbeit auf Plagiate untersuchen.

Siehe auch:

Karl Bonhoeffer – Klaus von Dohnanyi – Thilo Sarrazin

5 Kommentare

Comments RSS
  1. adahgio

    Empfehle zur weiteren Lektüre auch das 2012 erschienene Buch: „Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz“ Denkmuster und Denkfehler der Eugenik von Galton bis Sarrazin http://www.von-galton-zu-sarrazin.de/

  2. Andreas Kemper

    Ein weiterer Artikel findet sich im Freitagblog: https://www.freitag.de/autoren/andreas-kemper/hans-olaf-henkels-dna-fauxpas

  3. Irene G.

    Wenn Konservative behaupten, Intelligenz sei eine rein genetische Sache, und das offenbar Blödsinn ist, dann kann man daraus noch nicht schließen, dass das Gegenteil wahr ist und Intelligenz nur eine Frage des Zufalls und der Sozialisation ist.

    Oder nimmst du an, dass optimal geförderte Akademikerkinder am Ende allesamt Intellektuelle sind? Ich sehe mal davon ab, Gegenbeispiele aus Politik und Prominenz namentlich zu erwähnen 😉

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