Crash statt Care: Virtuelle und apokalyptische Männlichkeit (1)

In diesem Beitrag begründe ich, warum die Benennung dessen, was zunehmend als „toxische Männlichkeit“ bezeichnet wird, besser mit „virtueller“ („fanatischer“) und „apokalyptischer“ Männlichkeit benannt werden sollte.
Der Artikel hat zwei Teile. Im ersten Teil wird der Begriff „Toxische Männlichkeit“ kritisiert. Im zweiten Teil wird der Begriff „Apokalyptische Männlichkeit“ als besondere Form einer „Virtualisierten Männlichkeit“ angeboten.

Inhaltsverzeichnis

Teil 1

  • „Toxische“ Männlichkeit?
    • Zum Problem der Gift-Metapher
    • „Gift“ ist kollektivsymbolisch mit Weiblichkeit verbunden
    • „Tarzan in der Psychologie“ – C. G. Jung und die pro-faschistische „Ganzheitlichkeit“ und „Tiefe“
    • „Tiefe, heile“ Männlichkeit? Männliche „Identität“?
    • Der Begriff „Toxische Männlichkeit“ fokussiert nicht die Ursache für die problematisierte Männlichkeit

Teil 2

„Toxische“ Männlichkeit?

Im ersten Teil des zweiteiligen Artikels zum Thema Toxische/ apokalyptische Männlichkeit möchte ich den Begriff der Giftigkeit problematisieren sowie die Herkunft des Begriffs „Toxische Männlichkeit“ aus der mythopoetischen Männerbewegung, die sich auf C. G. Jung stützte.

In den letzten Monaten hatte ich Kritik am Begriff „Toxische Männlichkeit“ geäußert. Dieser Begriff wurde vor allem im Zusammenhang mit Anschlägen benutzt, um das Verhalten der Attentäter von Hanau, Halle usw. zu erklären. Fast alle mörderischen Anschläge der letzten Monate gingen von Männern aus: seien es unpolitische „Amokfahrten“ wie bspw. in Münster, Anschläge im Namen des IS oder die Vielzahl von rassistischen/faschistischen Anschlägen.

Zum Problem der Gift-Metapher

Ich möchte für einen reflektierten Umgang mit Metaphern (wie z.B. „toxisch“) plädieren. Empfehlenswert sind die Untersuchungen von George Lakoff und Mark Johnson, die sie bspw. in ihrem Buch „Leben in Metaphern“ dargelegt haben. Hier eine Buchempfehlung von 3sat:

Ein Beispiel für eine problematische Metapher ist die Kollektivsymbolik des Giftes. Die Verbreitungseigenschaften und die Tödlichkeit von Gift legt es nahe, Gift als Metapher zu benutzen. Allerdings wird mit einer Metapher nicht nur ein einzelnes Bild benutzt, sondern auch die Eigenlogik und die Verbindungen, die mit Gift einhergehen, bieten sich für weitere Metapherbenutzungen an und es droht, dass damit die eigentliche Logik durch die Logik der Bilder verzerrt oder gar ersetzt wird. Jürgen Link spricht deshalb von einem synchronisiertem System der Kollektivsymbole. Und vor dieser Gefahr sind selbst kritischen Linguist*innen nicht gefeit.

Ich werde mich später in meinem Artikel auf die Sprachanalyse des Nationalsozialismus von Victor Klemperer, einem jüdischen Linguisten, stützen. Zuvor aber möchte ich eine Passage von ihm heranziehen, um zu zeigen, wie problematisch Metaphern sein können.
Eines der wohl bekanntesten Zitate von Victor Klemperer ist die Warnung: „Worte können sein wie winzige Arsendosen: sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“ (Victor Klemperer: LTI, S. 26) Und eigentlich ist genau diese Giftmetaphorik selber das Problem, dass sie hier darstellt. Die Metapher macht plausibel, was Worte anrichten können. Aber diese Plausibilisierung geht mit der Gefahr einher, andere Bezüge aus dem Wirkungsfeld des Giftes, wie ‚Krankheit‘ und ‚Körper‘ ebenfalls metaphorisch zu benutzen, die Bilderlogik auszuweiten. Und ehe man sich versieht, ist man mit der Gift-Metaphorik beim „Volkskörper“ angelangt, dem die „Vergiftung“ droht, und mit dieser Metaphorik des „Volkskörpers“ erleichtert man den Faschisten ihre Ideologie zu plausibilisieren (siehe bspw kritisch.: Hans-Walter Schmuhl: Kinderheilkunde in der NS-Zeit: Sozialsanitäres Großprojekt – Arzt am „Volkskörper“, Dtsch Arztebl 2010; 107(45): A 2226–31) Dieser Versuchung konnte leider Victor Klemperer in seinem hervorragenden Buch LTI nicht widerstehen und so lesen wir dann dort Folgendes:

„An jenem Abend der Königsberger Führerrede sagte mit ein Kollege, der Hitler wiederholt gesehen und gehört hatte, er sei davon überzeugt, daß der Mann in religiösem Irrsinn enden werde. Auch ich glaube, daß er sich wirklich für einen neuen deutschen Heiland zu halten bestrebt war, daß in ihm die Überspannung des Cäsarenwahns in ständigem Zwist mit Wahnideen des Verfolgtseins lag, wobei beide Krankheitszustände sich wechselseitig steigerten, und daß eben von solcher Krankheit her die Infektion auf den vom ersten Weltkrieg geschwächten und seelisch zermürbten deutschen Volkskörper übergriff.
Doch weiter glaube ich unter dem Gesichtspunkt des Philologen, daß Hitlers schamlos offene Rhetorik gerade deshalb so ungeheure Wirkung tun mußte, weil sie mit der Virulenz einer erstmalig auftretenden Seucheauf eine bisher von ihr verschonte Sprache eindrang, weil sie im Kern so undeutsch war wie der den Faschisten nachgeahmte Gruß, wie die dem Faschismus nachgeahmte Uniform – das Schwarzhemd durch ein Braunhemd zu ersetzen., ist keine sehr originelle Erfindung -, wie der gesamte dekorative Schmuck der Massenveranstaltungen.
Aber soviel auch der Nationalsozialismus von den ihm vorangegagenen zehn Fahren Faschismus gelernt hat, so vieles an ihm Infektion durch fremde Bakterien ist: im letzten war oder wurde er doch eine spezifisch deutsche Krankheit, eine wuchernde Entartung deutschen Fleisches, durch durch Rückvergiftung von Deutschland her ist der an sich gewiß verbrecherische, aber doch nicht ganz so bestialische Faschismus gleichzeitig mit dem Nazismus zugrunde gegangen.“

Victor Klemperer: LTI. Notizbuch eines Philologen, Stuttgart 2010, S. 68f.

„Wuchernde Entartungen“ im „Volkskörper“. Das klingt eher nach dem Flügel der AfD als nach der Analyse des Philologen Klemperers. Diese Bilder bieten sich als Ausweitung des Bildes des Gifts durchaus an, wir verstehen damit, was er meint, aber wir denken dann zugleich mit Worten und in Bildern, die den Nazis ihre Propaganda erleichtert. Dieser Hinweis soll weniger die Leistungen Klemperers schmälern, als vielmehr eine Warnung sein, möglichst bewusst und sparsam mit Metaphern umzugehen. Und dies gilt insbesondere für die Metapher Gift.

„Gift“ ist kollektivsymbolisch mit Weiblichkeit verbunden

Den Begriff „toxisch Männlichkeit“ (giftige Männlichkeit) empfand ich aus zwei Gründen als unpassend. Zum einen ist „giftig“ weiblich konnotiert, man spricht von der Giftmischerin („Arsen und Spitzenhäubchen“) und man benennt Tiere, die mit Gift töten oder Krankheiten verbreiten mit weiblichen Artikeln (die Spinne, die Schlange, die Ratte), während Tiere, die für brachiale Gewalt stehen, männliche Artikel haben: der Löwe, der Bär, der Tyrannosaurus. Bei den Attentaten geht es aber um brachiale Gewalt mit Fahrzeugen und Schusswaffen. „Toxische Männlichkeit“ lädt ein, nach „toxischer Weiblichkeit“ zu fragen und diese lässt sich viel leichter plausibilisieren als die „Giftigkeit“ von Männern. Sind die „Waffen der Frauen“ nicht immer schon giftig, bezirzend, verhexend, Gift im brodelnden Topf der Hexe oder auf den Lippen der Verführerin, im Apfel bei Eva wie bei der bösen Schwiegermutter von Schneewittchen. Kollektivsymbolisch ist Weiblichkeit verknüpft mit „hintenherum“, „falsch“, „schleichend“, während Männlichkeit mit „direkter“ „Brachialität“ verknüpft ist: Frauen „giften“ sich an, Männer „bölken/brüllen“. Man könnte von einem „Archetyp“ der „Giftmischerin / Hexe“ sprechen, allerdings wäre die Betrachtung von Archetypen sehr verengend angesichts des synchronisierten Systems der Kollektivsymbolik. Denn „Gift“ steht auch für Kontaktgefährlichkeit, Unsichtbarkeit, „schleichende“ Verbreitung und knüpft an andere Kollektivsymbole an. Die kritische Theorie der Kollektivsymbolik betont gegenüber einer Archetypenlehre vor allem auch gesellschaftliche Ursachen und gesellschaftlich bedingte Wandelbarkeiten von Symbolen, während Archetypen als Symbole – vor allem in der Lehre von C. G. Jung – essentialistisch, unwandelbar, gedacht werden. Hierauf wird gleich noch einzugehen sein.

Gift, Toxis, ist kollektivsymbolisch weiblich konnotiert:
Die Schlange, die Spinne, die Giftmörderin, die Hexe…

Gegenübergestellt ergibt die Frage: „Was ist denn jetzt wirklich toxischer: Männlichkeit oder Weiblichkeit“ eine klare plausible Antwort: „Weiblichkeit“.

Nicht nur die Portale der antifeministischen „Männerrechtsbewegung“ nehmen die Gelegenheit war, schon allein aus Gründen der „Gerechtigkeit“ zu fragen, warum denn immer nur über „toxische Männlichkeit“ gesprochen werden müsse, und nicht „auch mal“ über „toxische Weiblichkeit. Auch Zeitungen, Boulevardblätter, Blogs, Videomagazine nehmen das Thema auf – und nur selten kritisch reflektiert. Es bietet sich fast wie von selbst an: Wenn wir über „toxische Männlichkeit“ sprechen, liegt die Frage nahe, was denn mit der „toxischen Weiblichkeit“ sei; wenn aber erst einmal von „toxischer Weiblichkeit und Männlichkeit“ gesprochen wird, dann droht aufgrund der Kollektivsymbolik nicht nur eine Gleichsetzung, sondern eine deutlichere Zuschreibung der Toxik an die Weiblichkeit als an die Männlichkeit. Zumal der Begriff „Toxische Männlichkeit“ in der Regel bislang eher mit brachialer Gewalt in Zusammenhang gebracht wurde, und die ist oftmals unmittelbar und sichtbar tödlich und nicht langsam und unsichtbar wie das Gift.

Ist es nicht ungerecht? Alle sprechen über „toxische Männlichkeit“ und niemand über „toxische Weiblichkeit. Der Begriff verleitet dazu, Weiblichkeit zu kritisieren, obwohl mit toxischer Männlichkeit die Ursache für typisch männlich-brachiale Gewalt benannt werden soll.

„Tarzan in der Psychologie“ – C. G. Jung und die pro-faschistische „Ganzheitlichkeit“ und „Tiefe“

Und tatsächlich scheint der Begriff „toxische Männlichkeit“ aus einem Zusammenhang zu kommen, der die „Giftigkeit“ auf die Frauen zurückführt. Zunächst wurde der Begriff „toxische Männlichkeit“ in der us-amerikanischen mythopoetischen bzw. Wild-Men-Bewegung benutzt. Diese stützte sich auf die Jungianische essentialistische Archetypenlehre. Bevor ich auf die Männerbewegung eingehen werde, möchte ich eine Kritik an Carl Gustav Jung einbringen, da Jungs Psychologie noch immer relevant ist, beispielsweise in den Publikationen des rechten Bestseller-Autoren und Psychologen Jordan Peterson.
Grundsätzlich wäre hier eine Kritik des Theorie der Symbolik des „Massenunterbewusstseins“ wichtig, als deren geistige Zulieferer vor allem die drei Gustavs: Carl-Gustav Carius, Gustave Le Bon und Carl Gustav Jung zu nennen sind. Mit Ernst Bloch würde ich diese psychologische Richtung als Rechts-Schopenhauerismus, als psychologische Variante des Rechts-Aristotelismus, bezeichnen. Unter Rechts-Aristotelismus versteht Bloch die Entwertung der Materie zur toten „Klotz-Materie“, die durch einen externen Geist, eine nicht-materielle Schöpfungskraft betrieben werden müsse. Der Links-Aristotelismus sieht hingegen Materie als selbstschöpferisch, sie benötige keine externe Kraft von außen, um lebendig zu werden, sie organisiere sich aus sich selbst und entwickele sich aus sich selbst weiter. Diese philosophische Position führt zu Antworten auf sozialphilosophische, gesellschaftliche Fragen: Was ist der Raum des Politischen, des gesellschaftlich Veränderbaren durch Selbstorganisierung gesellschaftlicher Gruppen? Der Links-Aristotelismus gibt sich mit der Grundlage lebendiger Prozess-Materie statt toter Klotz-Materie nicht mit angeblichen Unmöglichkeiten des „gottgewollten“ oder „schon-immer-so“ zufrieden. Gewalt- und Herrschaftsverhältnisse sind konkrete veränderbare Probleme und in der Selbstorganisierung der Benachteiligten werden gesellschaftliche Fortschritte hin zu einer gewalt- und herrschaftsfreien Gesellschaft erkämpft. Und dies gilt auch für die Fortschritte in der Bewusstseinsphilosophie, in der Psychologie, mit der konkreten Forschung zu Gewaltintrojektionen, Traumatisierungen, soldatischen Männlichkeiten, aber auch therapeutischen Heilungsmöglichkeiten im Zuge der humanistischen Psychologie insbesondere unter dem Einfluss des Feminismus.

Mit dem Rechts-Schopenhauerismus meint Bloch die psychologische Linie des Rechts-Aristotelismus: „das irrationale Raunen aus dem Bauch der Blut-und-Boden-Natur, des Archaischen, des bejahten Willens zum Leben; aber eines Willens wirklich zum Krieg und eines Lebens als Schlachthaus und Freudenhaus zusammen.“ (Ernst Bloch: Schopenhauers Pessimismus, in: Ernst Bloch: Abschied von der Utopie? hrsg. von Hanna Gekle, Ffm 1980, S. 32) Zu dieser Rechten zählt Bloch Ludwig Klages, C. G. Jung und Friedrich Nietzsche. In dieser kulturpessismistischen Linie geht es nicht um die kritische Analyse und Verarbeitung konkreter Gewalt-Erfahrungen und in der Folge um Fragen einer gewaltfreien Pädagogik, sondern um die Anpassung an das Gegebene.

„In dieser Linie liegt ebenfalls […] der Schüler und Freund von Freud, C. G. Jung in Zürich, der die Freudsche Psychologie kritisierte, mit deutlicher Beziehung auf den jüdischen und alles zersetzenden Analytiker in Freud. […] Indem nun statt des Hellwerdens des Unbewußten im Gegenteil die Krankheit gerade darin besteht, daß wir die Intellektuellenbestien haben und die Asphaltliteratur; und diese Leidenden sollen mit Gewalt zurückgestoßen werden in das Kollektiv-Unbewußte vor 500.000 Jahren, in Blut und Boden psychologischer Art, in die Zeit, wo die Urmärchen gegolten haben, in der es den Urtrieb, die Urwelt und den Urwald gab, wo es raunte und rauschte und Diluvium herrschte und die Archetypen der reinen, wilden und steinzeithaften Neandertalerphantasie gegolten haben. Dahin, ins Kollektiv-Unbewußte soll zurückgestoßen werden, um dann die Heilung zu finden, um dieses nicht mehr in Heullauten, sondern in unserer Sprache ohne Verlust auszudrücken; also Blut und Boden in der Propagandasprache von Goebbels.“

Ernst Bloch: Schopenhauers Pessimismus, in: Ernst Bloch: Abschschied von der Utopie? hrsg. von Hanna Gekle, Ffm 1980, S. 34f.

Auf die „Propagandasprache von Goebbels“, die Bejahung des Fanatismus, werde ich unten weiter eingehen. Da die Kritik Blochs an Jung als übertrieben empfunden werden könnte, zitiere ich hier aus einem Radio-Interview vom Juni 1933, kurz nach dem Ermächtigungsgesetz, nach der Stürmung der Gewerkschaftsbüros, der Errichtung des KZs Dachau, nach der Bücherverbrennung, in denen auch Freuds Schriften in Flammen aufgingen:

„Sehen Sie, es ist eins der schönsten Vorrechte des germanischen Geistes, voraussetzungslos das Ganze der Schöpfung in seiner unerschöpflichen Mannigfaltigkeit auf sich wirken zu lassen. Bei Freud sowohl wie bei Adler wird aber ein einzelner individueller Gesichtspunkt, wie zum Beispiel Sexualität oder Machtstreben, dem Ganzen der Erscheinungswelt kritisch gegenübergestellt. Dadurch wird ein Teil der Erscheinung ausgesondert und in immer kleinere Bruchstücke zersetzt, bis der nur im Ganzen waltende Sinn bis zum Unsinn und die nur dem Ganzen eigene Schönheit bis zur Lächerlichkeit entstellt ist. Ich konnte mich mit dieser Lebensfeindlichkeit nie befreunden. […]

Wir leben heute in einer Zeit der Völkerwanderung, aber sie verläuft innerlich in der Seele des Volkes. Es ist eine Völkerverwandlung. Zeiten der Massenbewegungen sind immer Zeiten des Führertums. Jede Bewegung gipfelt organisch im Führer, welcher durch sein ganzes Wesen Sinn und Ziel der Volksbewegung verkörpert. Er ist eine Inkarnation der Volksseele und ihr Sprachrohr. Er ist die Spitze der Phalanx des bewegten Volksganzen. Die Not des Ganzen ruft immer einen Führer auf, unbekümmert um die jeweilige Staatsform. Nur in Zeiten zielloser Ruhe hebt die ziellose Konversation parlamentarischer Beratungen an, welche immer die Abwesenheit einer tieferen Bewegung oder einer ausgesprochenen Notlage bekundet; selbst die friedfertigste Regierung Europas, der Schweizerische Bundesrat, wird in Zeiten der Not mit außerordentlichen Vollmachten ausgerüstet, Demokratie hin oder her. Es ist auch eine natürliche Tatsache, dass der Führer jeweils an der Spitze einer Führergruppe steht, welche in früheren Jahrhunderten eine feudale Adelsschicht gebildet hat. Adel glaubt naturnotwendig an das Blut und an Rassenausschließlichkeit. Westeuropa versteht die besondere seelische Notlage des jugendlichen deutschen Volkes nicht, da es sich weder historisch noch psychologisch in derselben Situation befindet.“

Dr. C. G. Jung und Dr. A. Weizsäcker Zwiegespräch, wiedergegeben auf Schallplatte in der Berliner Funkstunde am 26. Juni 1933, zit. n.: Tilman Evers: Mthos und Emanzipation. Eine Eine kritische Annäherung an C. G. Jung, Hamburg 1987/2003, S. 251ff.

Der Schweizer C.G. Jung macht sich hier also ohne Not gemein mit der NS-Ideologie und bezeichnet die Psychologie von Freud und Adler im antisemitischen Jargon als „zersetzende“ „Lebensfeindlichkeit“. Dieser steht gegenüber, was heute noch von Neurechten (die damit gar nicht so „neu“ sind) als „Metapolitik“ bezeichnet wird, einer „Ganzheitsschau“, die allerdings nur echten Germanen vorbehalten sei. Der Nationalsozialist Adolf Weizsäcker zeigt sich hocherfreut: „Ich bin Ihnen besonders dankbar, Herr Dr. Jung, gerade für diese Antwort. Ich glaube, sie wird auf manchen wie eine Befreiung wirken.“ antwortet er und ebenso erfreut wird er über Jungs Ausführungen zur „Volksseele“ und deren „Inkarnation“ im „Führer“ gewesen sein. Auch wenn sich Jung später distanzierte, so zeigt sich in diesen Äußerungen nicht nur eine Anbiederung an den Nationalsozialismus nach Machtergreifung und Bücherverbrennung, sondern auch die Nähe der Psychologe Jungs zur Ideologie des NS-Systems. Und es blieb nicht bei diesem einen Interview. In einem Brief an seinem nationalsozialistischen Schüler Wolfgang Kranefeldt rief Jung mit einer antisemitischen Begründung implizit zum Verbot der Schulen der jüdischen Psychologen Sigmund Freuds und Alfred Adlers auf:

„Gegen die Dummheit kann man bekanntlich nichts tun, aber in diesem Fall können die arischen Leute darauf hinweisen, dass mit Freud und Adler spezifisch jüdische Gesichtspunkte öffentlich gepredigt werden, und zwar, wie man ebenfalls nachweisen kann, Gesichtspunkte, welche einen wesentlich zersetzenden Charakter haben. Wenn die Verkündigung dieser jüdischen Evangelien der Regierung angenehm ist, so ist es halt eben so. Anderenfalls ist ja auch die Möglichkeit vorhanden, dass dies der Regierung nicht angenehm wäre …“

Brief von C. G. Jung an Wolfang Kranefeldt vom 9.02.1934, zit. nach Ostow, M. (1977). Letter to the Editor. Int. R. Psycho-Anal., 4:377-377.

Solche Forderungen lassen sich durch nichts rechtfertigen.
Wichtig hierbei ist nicht nur die Ablehnung der Freudschen Psychoanalyse mit dem Fokus auf die Sexualität, sondern auch der Adlerschen Individualpsychologie und hier dann der Bezug auf Macht und Unterdrückung. Dies ist für die Auseinandersetzung um Männlichkeit besonders wichtig. Denn die Kritische Männlichkeitsforschung von Raewyn Connell bezieht sich explizit auf Alfred Adlers frühe Analysen, besonders auf seine Konzeption des „männlichen Protests“ und attestiert seinen Forschungen einen feministischen Standpunkt. Adler untersuchte Machtverhältnisse und entdeckte, dass Menschen mit ohnmächtige Existenzweisen wie Frauen im Patriarchat, entsprechend auch Jungen und Männer, einen überzogenen „männlichen Protest“ entwickeln könnten, unabhängig vom Geschlecht. Adler löste somit Männlichkeiten von biologisch oder religiös behaupteten urzeitlichen Veränderbarkeiten und sah in ihnen konkret gesellschaftliche Auswirkungen von Machtverhältnissen. C. G. Jung sag hingegen nur „spezifisch jüdische Gesichtspunkte“, die einen „wesentlich zersetzenden Charakter“ hätten, „die arischen Leute“ in Regierung sollten sich überlegen, ob die „Verkündigung dieser jüdischen Evangelien“ ihnen angenehm wäre. Jung verdeckte die von Adler in den Blick genommenen Machtverhältnisse und setzte essentialistische Männlichkeits- und Weiblichkeitsvorstellungen, Archetypen, dagegen. Jung wurde für die mythopoetische Männergruppenszene relevant, der von Susan Faludi ein antifeministischer Backlash vorgeworfen wurde. Die Angriffe Jungs gegen Adler haben also zumindest indirekt auch mit Fragen der Konstruiertheit von Geschlecht durch Macht und Unterdrückung zu tun.
Bloch sah einen wesentlichen Unterschied in den Psychologien Freuds und Jungs. Freud ging mit analytischen Bewusstsein in die Tiefe des Unbewussten, Jung hingegen und die anderen „Krypto-Faschisten der Psychologie“ wollten das analytische Bewusstsein ersetzen:

„baute Freud auf den Grund ab, so geschah das nicht mit den Mitteln des Grunds, sondern mit hellstem, analytischem Bewußtsein. Und der Gang ins Unbewußte war ihm erst recht nicht die Heilung, sondern heilend ist allein das schärfste Bewußtsein, sofern es die ‚Komplexe‘, also gerade die Unbewußtheit des Unbewußten durchsticht. Dagegen nun gehen heute die Liebhaber des Traumdunkels an, die Prinzhorn, Jung, Klages, die offenen oder Krypto-Fascisten der Psychologie. Sehr interessant hier, wie die Fascisierung der Wissenschaft gerade jene Elemente Freuds ändern mußte, die noch der aufgeklärten, materialistischen Periode des Bürgertums entstammten. […]
Ungeheuerlich wird von hier aus der Heilwert künstlerischer oder religiöser ‚Phantasie‘ betont; denn sie vor allem führt ja jene Gestalten herauf, deren der jeweilige Zeitgeist ermangelt. Sie vor allem belebt die ‚Archetypen der alten Triebbilderwelt‘ und übersetzt sie in gegenwärtig verständliche Sprache‘, damit das bloße Bewußtsein sie fasse. ‚Wer mit Urbildern spricht, spricht wie mit tausend Stimmen, er ergreift und überwältigt, zugleich erhebt er das, was er bezeichnet, aus dem Einmaligen und Vergänglichen in die Sphären des immer Seienden, er erhöht das persönliche Schicksal zum Schicksal der Menschheit, und dadurch löst er auch in uns alle jene hilfreichen Kräfte, die es der Menschheit je un je ermöglicht haben, sich aus aller Fährnis zu retten und die Nacht zu überdauern.‘ Kurz, der ‚holde Wahnsinn‘ in Kunst und Religion ist kein Symptom von Krankheit, sondern ein Symbol von Heilung; im Opiat urvergangener Träume ist hier die letzte, die subastanziellste Kompensation einer ‚unbefriedigten Gegenwart‘. […] Es ist ein Ästhetizismus, der alle ‚Archtypen‘ wahllos liebt, wenn sie nur recht tief im Altertum stecken, im möglich urvergangenen, zeitfreien, prozeßentrückten. So ensteht ‚Psychosynthese‘, nämlich synthetische Versammlung und Führung zum ‚Erbschatz ursprünglichen Fühldenkens‘; so sind im Archaikum sämtliche Kategorien schöpfersicher Phantasie vorauf enthalten, unvermehrbar. Schüttelt freilich auch solch tiefe Urseele ‚die dünne Staubschicht des XIX. Jahrhunderts‘, ja, ‚fünftausend Jahre Zivilisation‘ mühelos ab, so gehen ihr die paar Jahre Fascismus immerhin erstaunlich nahe und haben die Kategorien ihrer Phantasie offenbar doch vermehrt, nämlich um die des Abschüttelns selber, um Tarzan in der Psychologie. Unter Archetypen läßt sich gut munkeln, laut bramarbasieren, wenig verwirklichen, vor allem geschieht nichts Neues in ihrer Nacht. ‚In jedem dieser Bilder‘, sagt C. G. Jung, ‚ist … ein Stück Leid und Lust, das in der Ahnenreihe sich ungezählte Male ereignet hat und durchschnittlich auch immer denselben Ablauf nahm.‘ Imago ist also nicht einfacher Schein, sondern Schein aus der ‚Tiefe‘; und diese ‚Tiefe‘ ist bei C. G. Jung eine hoffnungslose, angeblich urgewesene. Sie begrenzt daher nicht nur künstlerische Phantasie, sie ekrasiert erst recht revolutionäre oder den Vorstoß ins noch nicht Bewußte, noch nie Gedachte, nie Erfüllte. Alle Heilung sowohl wie alle Schöpfung ist Rückverbindung mit den alten Mächten und Bildern des Lebens, ist gerade – Nichtschöpfung.“

Ernst Bloch: Erbschaft dieser Zeit, Frankfurt a.M. 1935/1985, S. 344ff.

Ernst Bloch kritisiert an Jung vor allem diese „Rückverbindung“, „re-ligio“ des „fertig Vorgesetztem“, die hoffnungslose Entwirklichung. Sehr gut hingegen ließe sich der „Tarzan in der Psychologie“ mit dem Faschismus verbinden. Und dieser „Tarzan in der Psychologie“ wurde fünfzig Jahre später von der „mythopoetischen Männerbewegung“ wiederentdeckt, der die „tiefe Männlichkeit“ der archetypischen Ahnenverbindung gegen die „toxische Männlichkeit“ setzte.
Die Rückwärtsgewandtheit der Psychologie Jungs passte so gut zum Faschismus, weil dieser nach Bloch auch durch Ungleichzeitigkeit geprägt war.

„Neben der guten Stube lockte irrationaler Trieb, wie bekannt; der Überdruß am durchrationalisierten Dasein hatte ihn verstärkt, gewisse ‚ungleichzeitige‘ Züge in zurückgebliebenen Schichten kamen ihm au fond entgegen. Der Trieb reichte vom dumpfen Weibersehnen über Berserkertum bis zu jenen Wildgefühlen, jenem bewußten Unbewußten, dem Benn lyrischen, Klages philosophischen, C. G. Jung medizinischen Ausdruck gab.“

Ernst Bloch: Gauklerfest unterm Galgen (1937), in: Ernst Bloch: Erbschaft dieser Zeit, Ffm 1985, S. 84

Die urzeitliche Archetypenlehre C. G. Jungs ist insbesondere für ungleichzeitige Milieus anziehend, da diese Milieus mit ihrer Männlichkeit konkret „aus der Zeit gefallen“ und entsprechend anfällig für zeitlose Ewigkeitspostulate sind.
Betrachten wir heute die Milieus, die vorwiegend autoritär wählen, so findet sich wieder das Merkmal der ungleichzeitigen Männlichkeit. Ich würde hier unter Bezugnahme auf Bloch, Gramsci und Adler von „ungleichzeitig-fordistischer Protestmännlichkeit“ sprechen. Das Aus-der-Zeit-Fallen fordistischer Männlichkeit in postfordistischen Gesellschaften macht diese anfällig für mythische Virtualisierungen.

„Tiefe, heile“ Männlichkeit? Männliche „Identität“?

Carl Gustav Jungs Archetypenlehre ist Ende der 1980er Jahre von der sogenannten „Mythopoetischen Männerbewegung“ aufgegriffen worden. In diesem Kontext wurde von „toxischer Männlichkeit“ gesprochen. Die mythopoetische Männerbewegung wurde vor allem von Robert Blys „Wild-Men-Bewegung“ dominiert. Mythische Helden, die von C. G. Jung als die „Archetypen“ des Königs, des Kriegers, des Magiers und des Lovers charakterisiert würden, inspirierten Jungen und Männer auf positive Weise, weckten in ihnen verschiedene Formen „männlicher Energien“, führte Frank S. Pittman 1993 in seinem Buch ‚Man Enough: Fathers, Sons, and the Search for Masculinity‘ aus:

„The heroes that continue to inspire boys and men are characterized by aspects of masculine identiy that psychoanalyst Carl Jung calls ‚archetypes‘. These myths and heroes resonate with something inside us, something of our own, something universal. They make us aware of what is inside ourselves. […]
The four archetypes of the mature masculine, as described by Jungian analysts, mythologists, and Bly colleagues Robert Moore and Douglas Gillette, are King, Warrior, Magician, and Lover. The King is the energy of just and creative ordering […] The Warrior is the energy of self-disciplined, aggressive action […] The Magician is the energy of initiation and transformation […] The Lover is the energy that connects men to others and the world. […]
When these archetypes that are in all of us are not developed into their fullness and are not used to connect with others, when we fear we don’t have enough of them so weoverdo them, instead of a King we get a Tyrant, instead of a Warrior we get a Bully or a Sadist, instead of a Magician we get a Detached Manipulator, instead of a Lover we get a Love Addict. My practice, my movie screen, and my world are all filled with men who are grotesquely overdoing one or more of these masculine archetypes.“

Frank S. Pittman: Man Enough: Fathers, Sons, and the Search for Masculinity, New York 1993, S. 192f.

Der heranwachsende Mann brauche erst die Liebe und die Segnung der Mutter, dann die Liebe und die Segnung des Vaters und schließlich müsse er sie verlassen und im Wald oder im Unbewussten seine Männlichkeit finden, die dann als „reifes“, „heiles“, „tiefes“ Mannsein betrachtet wird:

„According to Bly’s formula, the boy who would be a man must feel his mother’s love and her blessing and then he must leave her. He must feel his father’s love and his blessing, and then he must leave him and go alone into the forest, or the unconscious, or the unmapped world, and find his manhood.“

Frank S. Pittman: Man Enough: Fathers, Sons, and the Search for Masculinity, New York 1993. S. 132

Findet sich kein Vater, der die Mannwerdung unterstütze, drohe die Männlichkeit „toxisch“ zu werden.

„Why do man love their masculinity so much? Because men have been trained to sacrifice their lives for their masculinity, and men always know they are far less masculine than they think they should be. Women, though, have the power to give a man his masculinity ot take it away, so women become both terrifyingly important and terrifyingly dangerous to men. It’s all quite crazy, but this, too, is a part of the masculine mystique. In order for men, women, and society to come to grips with the toxic levels of masculinity we continually witness, we need to undertand (sic!) how men become men“ (xvi)
„Without a ‚father in residence,‘ we may go through life toward an ideal of exaggerated, even toxic, masculinity.“ (106f)

Frank S. Pittman: Man Enough: Fathers, Sons, and the Search for Masculinity, New York 1993

Schuld am Entstehen dieser „toxischen Männlichkeit“ seien in erster Linie die fehlenden Väter oder väterlichen Mentoren. Von hier ist es aber nur ein kleiner Schritt den Frauen, Müttern oder dem Feminismus die Schuld für toxische Männlichkeit zu geben, nämlich dann wenn sie der ‚Vater-Sohn-Initiation‘ im Wege ständen. Heute arbeitet die antifeministische Strömung in der Väterbewegung genau mit diesem Argument: Würden Kinder nicht von Mutter und Vater erzogen, würden diese das sogenannte „Parental Alienation Syndrome“ (PAS) entwickeln, also psychisch erkranken.

Argumentiert wird mit einem vergeschlechtlichen Energie-Haushalt. Energien sind per Definition Wirkmächtigkeiten. Und nach Pittman / Bly / Jung sind Archetypen Energien in menschlichen Körpern. Es handelt sich also nicht nur um Bilder, um Metaphern, sondern um reale Wirkmächtigkeiten. Diese Denkweise funktioniert, in dem – wie oben beschrieben – die Wirkmächtigkeit von Materie verneint wird. Und damit können reale Gewalt- und Machtverhältnisse, die letztlich immer mit brachial verletzender Gewalt, mit der materiellen Beeinträchtigung oder Vernichtung des biologischen Körpers des Menschen zu tun haben. Um es mit Klaus Theweleits letzten Worten aus dem Nachwort vom April 2019 der Neuauflage der „Männerphantasien“ auszudrücken:

„Ein Leben kommender Menschen, das diesen Namen verdient, hängt an anderem; hängt daran, dass die Präambeln der Menschenrechtsverordnungen (und das zugehörige Verhalten) sich abkoppeln von Luftblasen-Formeln wie ‚Würde‘ und ‚Respekt‘ und dem schrecklichen Adjektiv ‚unantastbar‘ – wo doch permanent und ohne jede Rücksicht ‚angetastet‘ wird.
Wäre es nicht schöner, etwas tatsächlich Existierendes an ihre Stelle zu setzen, nämlich ‚die Haut‘, eine wirkliche Grenze. ‚Menschenrecht‘ solle sein das Recht auf Unversehrtheit der haut gegenüber unerwünschten Eingriffen. Haut, die aber berührbar ist, wo gewünscht, gegenseitig.“

Klaus Theweleit: Männerphantasien. Vollständige und um ein Nachwort erweitertete Neusausgabe, Berlin 2019

In dem die brachiale, haut-verletzende Gewalt ignoriert bzw. verleugnet wird und damit auch die traumatisierende Wirkmächtigkeit, die Existenz und Wirkmächtigkeit des ‚Gewaltintrojekts‘ im Körper, das die Symbolisierungsfähigkeit, die Sprachfähigkeit angreift, weshalb bei Trauma-Opfern zunächst Körpertherapien anstehen; in dem die Materialität der Gewalt als Ursache für Ohnmächtigkeit und Errichtung von Macht- und Herrschaftsverhältnissen verleugnet wird, wird Energie nicht mehr als etwas Materielles gedacht, sondern als etwas Immaterielles, dem Körper und seiner konkreten Prozessmaterialität entrückte vor- und damit überzeitliche Virilität, Männerenergie. Tatsächlich gibt es diese Virilität, diese Männer-Energie, ich nenne sie mit Machiavelli „Virtù“, sie ist allerdings nur wirkmächtig innerhalb einer männlichen Scheinwelt, der Virtualität, und erhält diese Scheinwelt nur mit Gewalt und Gewaltandrohungen aufrecht – letztlich ist diese Scheinwelt damit apokalyptisch. Dies wird im zweiten Teil des Artikels ausgeführt.

Hier soll nicht der Sprache oder dem Symbolischen die Wirkmächtigkeit abgesprochen werden. Wäre Sprache wirkungslos, hätten die Nazis kein Propagandaministerium gehabt. Doch allein schon in der Metapher des Gifts zeigt sich das Primäre der Materialität: Es wird gesagt, dass eine bestimmte Form von Männlichkeit wie Gift sei, es wird nicht gesagt, dass Gift wie eine bestimmte Form von Männlichkeit sei. Wir erklären über Materialität und dies hat nichts damit zu tun, dass das eine sichtbarer oder weniger komplex sei als das andere, das Besondere an der Gift-Metaphorik ist ja gerade die Unsichtbarkeit und die komplexe chemische Reaktion im Gegensatz zu brachialen blutigen Gewalt.

Die Neue-Mann-Bewegung, die statt gesellschaftliche Herrschafts- und Gewaltverhältnisse in Frage zu stellen, nur an einem „Neuen Mann“ arbeiten will, ist notwendig reduziert und greift auf Mythen und Rituale zurück. Das Problem wird weniger im Androzentrismus, in der patriarchalen Ausrichtung unserer Gesellschaft gesehen, sondern vielmehr in einer defizitären Männlichkeit, also einem Mangel an Männlichkeit. Kritik an der Neue-Mann-Bewegung wurde im April 1995 im Profeministischen Männerrundbrief formuliert.

„Wir haben uns nach langer Diskussion auf den Begriff .. Neue MannBewegung“ (NMR) geeinigt. da dieser den ideologischen Kern der
Bewegung auf den Punkt bringt: Der neue Mann , der sich abgrenzt
vom identitätslosen Softie der Ver gangenheil. Der bestimmt ist von
einem Gefuhl des .,ldentitiätsverlusts“. und zwar des Verlustes einer spezifisch männlichen Identität. Der verunsichert ist, weil althergebrachte männliche Identifikationsmuster immer mehr ihre Gültigkeit verlieren und diese Feststellung an seinem männlichen Bewußtsein knabbert. Und der sich auf die Suche nach einer neuen ldentität macht.“

Die Rundbrief-Männer: Wohin des Wegs, bewegter Mann?, in: Männerrundbrief Nr. 6, April 1995, S. 4

Der Begriff „Toxische Männlichkeit“ fokussiert nicht die Ursache für die problematisierte Männlichkeit

Der aktuelle Bezug des Begriffs „Toxische Männlichkeit“ geht nicht mehr auf die Mythopoetische Männerbewegung zurück. Neu eingeführt wurde der Begriff von Terry A. Kupers in seinem Aufsatz „Toxic Masculinity as a Barrier to Mental Health Treatment in Prison“, erschienen 2005 im Journal of Clinical Psychology. Dieser Aufsatz richtet sich an Psycholog*innen bzw. Therapeut*innen, die mit männlichen Gefängnisinsassen arbeiten. Er sollte ein kritisches Bewusstsein für eine vor allem im Knastsystem existierende Männlichkeit schaffen.

„Toxische Männlichkeit beinhaltet die Notwendigkeit, aggressiv zu konkurrieren und andere zu dominieren, und umfasst die problematischsten Neigungen bei Männern. Dieselben männlichen Neigungen fördern den Widerstand gegen Psychotherapie. Einige der Belastungen und Komplexitäten des Lebens in Männergefängnissen werden untersucht. Der Zusammenhang zwischen hegemonialer Männlichkeit und toxischer Männlichkeit wird untersucht. Die Diskussion geht weiter zum Zusammenspiel zwischen individuellen männlichen Merkmalen und institutioneller Dynamik, die die toxische Männlichkeit verstärken. Auf eine Diskussion einiger struktureller Hindernisse für die psychische Gesundheitsbehandlung im Gefängnis und auf Widerstände seitens der Gefangenen folgen in diesem Zusammenhang einige allgemeine Empfehlungen für den*die Therapeut*in“

Terry A. Kupers: „Toxic Masculinity as a Barrier to Mental Health Treatment in Prison“, in: Journal of Clinical Psychology, Vol. 61(6), S. 713 (eigene Übersetzung)

Der Begriff „toxische Männlichkeit“ wird von Terry A. Kupers als ‚Männlichkeit im Knastsystem‘ entwickelt, aber dieses System wird wird mit dem Begriff der „toxischen Männlichkeit“ nicht benannt. Der Begriff „Toxische Männlichkeit“ fokussiert nur individualistisch das Erzeugnis des Knastsystems, aber nicht das Knastsystem selber, obwohl es genau um dieses System geht, um die systematische Fabrikation „toxischer Männlichkeit“, – wenn man im problematischen Gift-Bild bleiben will – in der „Giftfabrik“ Männerknast. Das männliche Knastsystem ist eine eigene Welt, eine Scheinwelt, in der eine machiavellistische Männlichkeit gefordert und gefördert wird, wie Kupers ausführt:

„Es gibt viele Hindernisse für die psychische Behandlung in Männergefängnissen. Das Hauptaugenmerk liegt hier auf geschlechtsspezifischen Fragen. Toxische Männlichkeit ist die Konstellation sozial regressiver männlicher Merkmale, die dazu dienen, die Herrschaft, die Abwertung von Frauen, Homophobie und mutwillige Gewalt zu fördern. Die toxische Männlichkeit umfasst auch ein starkes Maß für die männlichen Neigungen, die zu Resistenzen in der Psychotherapie führen. Im Gefängnis ist die giftige Männlichkeit übertrieben. Es kommt zu Kämpfen auf dem Gefängnishof, Angriffen auf Beamte, dem hässlichen Phänomen der Vergewaltigung im Gefängnis und anderen hyperkompetitiven, manchmal gewalttätigen Interaktionen. […] Toxische Männlichkeit vermehrt sich im Gefängnis wild. Der Gefängniskodex, der in Männergefängnissen gilt, ist eine Übertreibung des unausgesprochenen Männerkodex von außen. Laut Kodex zeigt ein echter Mann oder ein Stand-up-Betrüger keinerlei Schwäche, zeigt keine anderen Emotionen als Wut, hängt von niemandem ab, ist niemals verletzlich, schnatzt nicht, kooperiert nicht mit den Behörden und leidet unter Schmerzen in der Stille.“

Terry A. Kupers: „Toxic Masculinity as a Barrier to Mental Health Treatment in Prison“, in: Journal of Clinical Psychology, Vol. 61(6), S. 713ff (eigene Übersetzung)

Nicht nur die Folge, die gefährliche Auswirkung, sondern auch das System, das Herstellungs- oder zumindest das Fördersystem, müssten benannt werden. Dafür ist der individualistische Begriff der „toxischen Männlichkeit“ nicht geeignet, vor allem dann nicht, wenn er vor allem für die Existenzweise von Männern außerhalb des Knastsystems, bei Attentätern etc. verwandt wird. Das Knastsystem ist eine eigene Wirklichkeit, und vor allem als Männerknast eine männliche Vir-tualität („Vir“: der Mann), in der das „Toxische“, die „Toxik“, oder besser: das Vir-tuelle, die Vir-tù, hervorgebracht wird. Ähnliches gilt für die Armee und die Kasernierung.
Um diese Virtualität, den Fanatismus und die Apokalyptik wird es im Teil 2 des Artikels gehen.

3 Kommentare

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  1. Torsten Galke

    Vielen Dank für die Kritik am Begriff der toxischen Männlichkeit. Meine Kritik am Begriff geht in eine andere Richtung, widerspricht dem hier Angeführten in keiner Weise. Ich finde das Persönlichkeit grundsätzlich als passives Ergeignis und nicht als aktiver Prozess gesehen wird. Gerade die oben angeführte Kritik an Jung zeigt das. Die Archetypen sind ja keine selbst kreierten Ideale für die eigene Persönlichkeit, sonder selbst wirkende Mechanismen aus dem kollektiven Unterbewusstsein, denen man sich, um wieder gesund zu werden hingeben muss, es fließen lassen soll und sich den Gefühlen hingeben soll. Dieses Loslassen, Hingeben oder sich mitreißen lassen impliziert eine Naturkraft derer sich gesunde Menschen hingegeben haben und nur blockierte, verklemmt und intellektualiserte (jüdische) Menschen können das nicht mehr. Also eine free-floating Emotionalität ist das Ideal dahinter. Ich bin Heilpraktiker und kann darüber stundenlang referieren wie in fast allen Bereichen der Naturheilkunde und New Age Psychologie das so propagiert wird. Leider ist das Ergebnis einer solchen Praxis, über bestimmte Teilbereiche der Bewusstmachung von Traumata wertlos für die Entwicklung von Persönlichkeit im konstruktiven Sinn. Selbst in der Traumatherapie sind diese Techniken sehr umstritten, ich würde das ablehnen.
    Der Begriff der Toxität ist ein passiver. Es wird etwas von außen, das eigentlich gesund ist, vergiftet und man muss es heilen, mit einem Gegengift. Das Gegengift wiederum ist auch eine passive Form der Persönlichkeitsformung. Das ist meine Kritik am Begriff. Er impliziert keine Beteiligung am Prozess, hin zur Entstehung oder zur Veränderung. Die Persönlichkeitsentwicklung als aktiven Prozess zu sehen und ihn als solchen von der Kindheit an zu erklären und den Menschen mit auf den Weg zu geben, ist hilfreicher als von vergifteten Rollenbildern zu sprechen, die ja selbst schon konstruiert sind. Die Vorstellung das wir unserem Charakter willenlos ausgeliefert sind und diesen nicht ändern können, steht hinter dieser passiven Psychologie.
    Wir kreieren unsere Persönlichkeit kontinuierlich selbst. Es ist eine Maske die wir täglich neu, ob bewusst oder unbewusst, erzeugen. Es ist an uns selbst dieser eine Form und einen Ausdruck zu geben und nicht eine von außen indizierte Wirkmächtigkeit. Das ist die positive Auslegung von Spiritualität, you create your own reality. Sie steht im Kontrast zu den passiven religiösen, esotherischen, mythischen und magischen Auslegungen von Geist(Spirit). Tiefe Erkenntnis des eigenen Geistes zerlegt ihn und macht bewusst wie er sich zusammensetzt, ohne sich davon mitreißen zu lassen und beobachtet das Geschehen der Gefühle. Diese Erkenntnis das Emotionen selbst erzeugt werden und man diesen Prozess beeinflussen kann, ist eine Emanzipation aus dem trüben jungschen Archetypen die uns angeblich beherrschen. Es ist die Überwindung des Verhältnisses von Beherrschten und Herrschaft, auch in der gesellschaftlichen Dimension.

    Wenn es erwünscht ist kann ich Quellen zu meinen Thesen nacharbeiten.

    • Andreas Kemper

      Hallo Herr Galke,
      danke für Ihren Kommentar.

      Ich habe da keinerlei Widersprüche. Im zweiten Teil werde ich auf die „Kohährenzarbeit“ eingehen, also genau auf die Aktivität, die Sie hier ansprechen. Mit Heiner Keupp sehe ich unser „Selbst“ als „Patchwork-Identität“, wir sind ständig mit verschiedenen Stimmen in uns in der Diskussion und müssen diese kohärent gestalten, das ist ein aktiver Prozess, und das macht man nicht nur „mit-sich-selber“ aus, sondern die „Stimmen“ kommen von außen, sie entsprechen unserer Patchwork-Gesellschaft – und da geht es vor allem darum, die ^unterdrückten, diskriminierten Stimmen zu hören und lauter zu machen. Ich werde in dem zweiten Teil kurz auf diese Kohärenzarbeit als „Salutogenese“ eingehen. Und mit Bloch spreche ich von Prozessmaterialität. Die aktive Prozessualität nach vorne ist wesentlich.

  2. Laura Chlebos

    Hallo! Ich habe eine Frage zur Verwendung des Begriffs nach Terry A. Kupers. Sie schreiben, dass der Begriff für eine „Männlichkeit im Knastsystem“ entwickelt wurde, aber wenn Kupers schreibt, „[i]n prison, toxic masculinity is exggaerated“ verstehe ich es so, dass die im Satz zuvor genannte Definition von Toxic Masculinity für „männliche Züge“ außerhalb des Gefängnisses gilt und er vielmehr behauptet, dass die benannten Verhaltensweisen an diesem Ort überzeichnet werden. In dieser Logik finde ich den Begriff auch außerhalb des Gefängnisses brauchbar, stimme aber zu, dass er sich nur auf die individuelle Ebene bezieht und um die sozio-kulturelle Ebene erweitert werden muss. Falls man ihn denn nutzen möchte.

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