Crash statt Care: Virtuelle und apokalyptische Männlichkeit (2)

Der Artikel hat zwei Teile. Im ersten Teil wurde der Begriff „Toxische Männlichkeit“ kritisiert. Im zweiten Teil wird der Begriff „Apokalyptische Männlichkeit“ als besondere Form einer „Virtualisierten Männlichkeit“ angeboten.
In diesem Beitrag begründe ich, warum die Benennung dessen, was zunehmend als „toxische Männlichkeit“ bezeichnet wird, besser mit „virtueller“ („fanatischer“) und „apokalyptischer“ Männlichkeit benannt werden sollte.

Inhaltsverzeichnis

Überblick

Zunächst werde ich den ersten Teil des Artikels und Kritik daran rekapitulieren. Der erste Teil kritisierte den inzwischen populären Begriff „Toxische Männlichkeit“.
Anlass für diesen Artikel ist die Zunahme von männlichen Attentaten und zwar gleichzeitig von Taten mit denen wahllos möglichst viele Menschen ermordet werden und von rechtsterroristischen Angriffen. Konkreter Anlass ist die sogenannte „Amokfahrt“ eines Kanadiers im April 2020, die ich lieber mit dem Bild des „Apokalyptischen Reiters“ als mit dem Bild der „Giftigen Männlichkeit“ erklären möchte, wobei die Idee der apokalyptische Abrechnung bereits in dem fanatischen Abtauchen in eine virtuelle männliche Scheinwelt angelegt war und dort reifte.
Die Argumentation für die Begriffe „virtuelle Männlichkeit“ und „apokalyptische Männlichkeit“ beginnt mit der Darstellung des Männlichkeitenkonzepts von Raewyn Connell, insbesondere der Hegemonialen Männlichkeit. Wichtig an diesem Konzept ist u.a. die Koppelung der hegemonialen Männlichkeit an dem jeweiligen ökonomischen Systems: Männlichkeiten können ihre Hegemonie verlieren und damit ungleichzeitig werden.
Männlichkeiten sind also sowohl etwas individuelles als auch etwas gesellschaftliches. Ich unterscheide hier ein männliches Selbstverhältnis im Sinne des männlichen Habitus (Pierre Bourdieu) von einem männlichen Regelungsverhältnis. Dorothy Smith grenzt ihren Begriff des Regelungsverhältnisses vom kulturellen Hegemonie-Begriffs von Antonio Gramsci ab.
Indem männliche Regelungsverhältnisse veraltern, ungleichzeitig werden, flüchten sie in Virtuelle Realitäten, die nicht mehr durch Problemlösungskompetenzen geprägt sind, sondern durch ein Verweisen auf eine imaginäre männliche Kraft: Virtù. Die Textualität der Regelungsverhältnisse dient zunehmend nicht mehr der Problematisierung gesellschaftlicher Konflikte, sondern der Freund-Feind-Erkennung, der Emblematisierung virtueller Identität.
Anhand der Tagebuchaufzeichnungen von Joseph Goebbels arbeite ich die Fanatisierung in den Regelungs- und Selbstverhältnissen heraus: die Relevanz zeitloser Mythen, der unbedingte Glaube, der Führerkult und die Fixierung auf den Zeitpunkt der Abrechnung. Mit dieser Fixierung auf die Abrechnung sind die virtualisierten Regelungs- und Selbstverhältnisse bereits latent apokalyptisch, der apokalyptischen Männlichkeit der Attentäter geht eine virtualisierte Männlichkeit voraus.
Abschließend möchte ich an den Beispielen des ultrakatholischen Paul von Oldenburg von der TFP, des nationallibertären Markus Krall von Degussa Goldhandel und des faschistischen Björn Höcke vom Flügel der AfD aufzeigen, dass die Besonderheiten der Ideologien in den apokalyptisch-männlichen Diskurskoalitionen zusammenfließen.

Rekapitulation des 1. Teils: Kritik des Begriffs „Toxische Männlichkeit“

Im ersten Teil dieses Artikels habe ich den Begriff „Toxische Männlichkeit“ kritisiert. Die Kritik hat verschiedene Ebenen:

Zum einen ist die Metapher „Gift“ kollektivsymbolisch eher weiblich als männlich konnotiert. Als Beispiele führte ich die grammatischen Genus von Tieren an und das Stereotyp der „Giftmörderin“.
Metaphern sind nicht isoliert, sondern befinden sich in einem System von miteinander synchronisierten Kollektivsmbolen. Die Metapher „Gift“ passt zur Metaphorik „Krebs“ und zur Metapher „Volkskörper“. Selbst kritische Linguisten, wie Victor Klemperer, der mit seinem berühmten Satz „Worte können sein wie winzige Arsendosen“ die Gift-Metapher benutzte, benutzte in seinem Buch LTI auch die Metaphorik der „Wucherungen im Volkskörper“ und war damit der Nazi-Sprache näher als er wollte. Um es paradox auszudrücken: Die Metapher „Gift“ ist giftig.
Problematisch sei diese Assoziation von Gift mit Weiblichkeit, weil der Begriff „Toxische Männlichkeit“ die antifeministische Strategie ermögliche, von einer „Toxischen Weiblichkeit“ zu sprechen und unter Rückgriff auf die weiblich konnotierte Kollektivsymbolik des Gifts zu plausibilieren, dass Weiblichkeit viel toxischer sei als Männlichkeit.

Der zweite Punkt der Kritik betraf die Herkunft des Begriffs „Toxische Männlichkeit“. Alles weist darauf hin, dass der Begriff zunächst in der mythopoetischen Wild-Men-Bewegung entstand. Diese bezieht sich auf C. G. Jung, insbesondere auf sein Archetypen-Modell. Jung wandte sich während der „Machtergreifung“ der Nazis gegen die „jüdisch-zersetzende“ Psychologien von Sigmund Freud und Alfred Adler, ging also mit den Nazis zumindest vorübergehend eine Diskurskoalition ein. Die Männlichkeitsforscherin Raewyn Connell sah aber gerade in Adlers Konzeption des „männlichen Protests“ feministische Ansätze, während die mythopoetische Wild-Men-Bewegung Männlichkeit mythisch verkläre.

Ein dritter Kritikpunkt betrifft die anscheinend unreflektierte Übernahme des Begriffs „Toxische Männlichkeit“ durch Terry Kupers, der mit diesem Begriff die Auswirkungen der Regelungsverhälntisse im Männerknast bezeichnete. Der Begriff „Toxische Männlichkeit“ lenkt aber eben nicht den Blickwinkel auf das männliche Knastsystem mit seinen Umgangsweisen und Werten, sondern auf irgendwas Giftiges im Mann.

Zur bisherigen Kritik am 1. Teil des Artikels

Kritisiert wurde unter anderem, dass es sehr spekulativ und assoziativ sei, eine kolletivsymbolische Verbindung von Gift mit Weiblichkeit zu behaupten. Insbesondere wurde in Frage gestellt, ob giftige Tiere vorrangig mit einem grammatisch weiblich Genus versehen sind (die Spinne, die Schlange). Der Hinweis auf das Stereotyp der „Giftmörderin“ wurde nicht in Frage gestellt. Eigentlich würde das Stereotyp „Giftmörderin“ für meine Argumentation ausreichen. Ich wollte es mit dem Hinweis auf den weiblichen Genus der Gifttiere plausibler machen.
Hierauf wurde entgegnet, dass es auch Tiere gibt, die für Gift stehen, die einen männlichen Artikel haben. Z.B. der Skorpion. Auch Käfer und Frösche seien mitunter giftig, hätten aber einen männlichen Genus.
Der Argumentation kann ich folgen, wobei ich noch immer eine ungleiche Zuordnung sehe. Zumindest die heimischen Käfer und Frösche assoziiere ich nicht mit Gift – im Gegensatz zu Bienen, Hornissen, Wespen, Schlangen, Spinnen. Hinzu kämen Tiere, die als Krankheitsüberträger als „toxisch“ gelten: Ratten, Mäuse, Fledermäuse, Tauben. Oder auch Milben, Zecken, Läuse, Wanzen.
Wirklich heraus fällt vor allem der Skorpion. Vielleicht ist der männliche Genus dieses giftigen Tieres seiner „südländischen Exotik“ zu verdanken. Hier könnten Stereotypen des „südländischen Messerstechers“ oder des „jüdischen Brunnenvergifters“ eine Rolle spielen. Als Sternzeichen Skorpion fällt auf, dass „weibliche Skorpione“ eher mit dem Stachel des Skorpions in Verbindung gebracht werden als „männliche Skorpione“ („Skorpion-Mann und Skorpion-Frau teilen sich viele ihrer Eigenschaften. Doch im Gegensatz zur Skorpion-Frau, die gerne mal ihren Stachel zeigt und damit gnadenlos zusticht, ist der Mann ein wahrer Meister der Selbstbeherrschung.“ (SAT1 Horoskop: Sternzeichen Skorpion).
Aber dies ist hochgradig spekulativ und wissenschaftlich nicht belegt – im Gegensatz zum Stereotyp der „Giftmörderin“.

Kritisiert wurde zudem die Annahme, dass eine Diskussion über „toxische Männlichkeit“ eine Diskussion über „toxische Weiblichkeit“ nach sich ziehen würde. Auch dies müsste wissenschaftlich untersucht werden.
Ich hatte ca. zehn deutschsprachige Artikel zum Thema „toxische Weiblichkeit“ in Bezug zum Begriff „toxische Männlichkeit“ vorgelegt. Zudem habe ich nun bei Google Trend den Begriff „toxische Weiblichkeit“ eingegeben. Das Ergebnis: „Toxische Weiblichkeit“ wird sehr viel seltener diskutiert als „Toxische Männlichkeit“. Gleichwohl ist seit einigen Monaten „Toxische Weiblichkeit“ Thema – und gemessen an den Diskussionen über Weiblichkeit ein inzwischen konstantes Thema:

Nach dieser Suche gab es bis 2015 keine nennenswerten Thematisierungen von „toxic femininity“. Zwischen 2015 und 2017 gab es eine leichte Thematisierung, die ab 2017 zunahm und im Januar 2019 einen Peak erreichte. Seither lässt sich ein kontinuierliches Interesse an „toxic femininity“ erkennen.
Der Peak im Januar 2019 ist sicherlich auf ein Video des Rasierer-Konzerns Gillette zurückzuführen. Gillette klinkte sich mit einem Video in die MeToo-Debatte ein und wandte sich explizit gegen die „toxic masculinity“. Antifeministisch-maskulistische Kreise riefen daraufhin zu einem Boykott von Gillette auf. Genau zu diesem Zeitpunkt, als Gillette mit dem 33 millionenmal aufgerufenen Video „toxische Männlichkeit“ kritisierte, erreichte auch die Diskussion zu „toxischer Weiblichkeit“ den Peak.

Eine weitere Kritik betraf die geschlechtsbezogene Quellenparität, also die Kritik, dass ich kaum weibliche und fast ausschließlich männliche Quellen benannt habe. Diese Kritik ist richtig, das muss ich eingestehen.

Allerdings ist diese Kritik in der Verteidigung eines ausschließlich von Männern – und dazu noch von Männern, die sich auf C. G. Jung beriefen – geprägten Begriffs nicht besonders selbstreflexiv. Es wird eine Kritik an einem Begriff, der ausschließlich aus männlichen und sogar antifeministisch-männlichen Quellen stammt, abgewehrt mit der Begründung, diese Kritik sei zu wenig quellenparitätisch.
Nachträglich mache ich meinen Artikel ein wenig quellenparitätischer, in dem ich zwei Ausschnitte aus dem Buch „Backlash. The Undeclared War Against Women“ zitiere. Faludi hatte die mythopoetische Wild-Men-Szene um Robert Bly und Shepherd Bliss als eine Strömung des antifeministischen Backlash Ende der 1980er / Anfang der 1990er Jahre bezeichnet. Der Begriff „toxische Männlichkeit“ wird Shepherd Bliss zugeschrieben (was ich bislang nicht bestätigen kann, ich habe allerdings andere entsprechende Primärquellen aus der mythopoetischen Männerszene gefunden und im ersten Teil des Artikels aufgeführt).
Hier nun die beiden Buchausschnitte. Die ersten Abschnitte befassen sich mit Shepherd Bliss, der für die Erfindung des Begriffs „Toxische Männlichkeit“ zuständig sein soll. Es handelt sich um die ersten Absätze des Kapitels über die mythopoetische Wild-Men-Szene in Susan Faludis Buch „Backlash“:

Susan Faludi: Backlash. The Undeclared War Against Women, London 1992, S. 339.

Und ihr Kapitel zu Robert Bly in ihrem Buch „Backlash“ endet mit dem folgenden Absatz:

Susan Faludi: Backlash. The Undeclared War Against Women, London 1992, S. 345f.

Ich hätte diese Absätze eigentlich schon im ersten Teil des Artikels zitieren können. Sie machen deutlich, dass der Begriff „Toxische Männlichkeit“ nicht aus einem (pro-)feministischen Kontext stammt.

Virtualisierte Männlichkeit

Anlass für diesen Artikel ist das Verhalten eines Mannes in Kanada. In einer Auseinandersetzung mit seiner langjährigen Freundin habe er sie nach Erkenntnissen der kanadischen Ermittlungsbehörden mit Handschellen gefesselt und geschlagen. Sie floh in den Wald. Der Mann, ein Zahntechniker, der seit seiner Jugend ein Faible für Polizeiuniformen hatte und diese zusammen mit ausrangierten Polizeiwagen sammelte, verkleidete sich daraufhin als Polizist, zündete mindestens fünf Häuser an und erschoss wahllos Menschen. Die Angriffe erfolgten nicht an einem Ort, sondern der Täter wurde erst nach einhundert Kilometern gestoppt, seinen Terror konnte er über eine ganze Region verbreiten. Zahlreiche Menschen wurden schwer verletzt, mehr als zwanzig Menschen starben in der Folge.

Diese Form der todbringenden Männlichkeit mit der Metapher des „Giftes“ zu bezeichnen, empfinde ich als unpassend, sie geschieht nicht hinterlistig und schleichend, sondern abrupt und brachial.
Meine Assoziation mit dieser Handlung, die unzulässig als „Amokfahrt“ gekennzeichnet wird, ist die mit der „Apokalypse“, mit dem „apokalyptischen Reiter“.

Die Zunahme männlich-terroristischer Anschläge

Rein gefühlsmäßig hat die Zahl von Anschlägen zugenommen. Hier in Münster raste vor zwei Jahren ein Mann bewusst in eine Menschenmenge, um möglichst viele Menschen zu töten. Im Münsterland, im Emsdetten, fand 2006 ein sogenannter „Amoklauf“ statt: Ein 18jähriger schoss auf die Schüler*innen seiner ehemaligen Schulen und warf Rauchbomben. Wenn ich über diese Anschläge schreibe, ist dies also kein „abstraktes“ Thema. Die Anschläge finden real statt, in unserer Nähe, in unserer Zeit. Die Motive sind persönlicher Natur oder politisch motiviert, rassistisch oder islamistisch. Die Täter*innen sind fast immer Männer.
Diese Anschläge sind immer terroristische Anschläge. Wenn gefragt wird, ob ein Anschlag einen „terroristischen Hintergrund“ habe, dann ist das eine sehr ideologisierte Frage und die Antwort ist nicht minder ideologisiert. Terrorismus hat nichts damit zu tun, ob hinter dem ausgeübten Terror eine politische Gruppierung steckt. Eine Terror-Handlung liegt vielmehr vor, wenn ein Mensch versucht, andere Menschen zu töten und zu verletzen, um Terror, also Schrecken, zu verbreiten. Der Terror wird terroristisch, wenn er aus ideologischen Gründen betrieben wird. Und die Ideologie bei all diesen Terrorakten besteht mindestens immer darin, dass Männer auf Grundlage der patriarchalen Ideologie im Akt des Terrors ihre Männlichkeit konstruieren. Diese Männlichkeitskonstruktion begann allerdings nicht erst, als die Männer ihre Waffen nahmen oder ins Auto stiegen, nicht erst im apokalyptischen Vollzug, sondern bereits viel früher, als sie sich in eine virtuelle Welt hineinfanatisierten. Der Terror der Männer ist männlicher Terrorismus. Ob darüber hinaus noch faschistischer oder islamistischer Terrorismus vorliegt, ist damit keine irrelevante Frage. Aber Terrorismus ist es so oder so.

Dass der „politische“ und der „unpolitische“ Terrorismus der Männer zum Teil gleiche Ursachen hat, darauf deuten die Statistiken hin. Eine Statistik des FBI zeigt für die USA eine Zunahme der „Active Shooter Incidents“ zwischen 2000 und 2018.

Die Statistik der „active shooter incidents“ zeigt auch für die letzten Jahre eine Zunahme.

Bereits 2014 wies das FBI auf diese Zunahme hin:

Die Zahl der „Active Shooter Incidents“ nimmt seit 2000 kontinuierlich zu. Studie des FBI

Das Magazin Mother Jones stellte 2014 fest, dass seit September 2011 die Anzahl der Tage, die zwischen den Anschlägen liegen, abnehmen, also seither mit einer höheren Frequenz der Anschläge zu rechnen sei. (Amy P. Cohen, Deborah Azrael, Matthew Miller: Rate of Mass Shootings Has Tripled Since 2011, Harvard Research Show. in: Mother Jones vom 15.10.2014)

Seit 2011 ist in den USA die Zahl der vergangenen Tage zwischen zwei „Mass Shootings“ deutlich geringer geworden: Die Anschläge finden immer häufiger statt.

Nicht nur diese als „unpolitisch“ geltenden „Mass Shootings“ nehmen zu. Gleichzeitig gibt es auch eine Zunahme rechtsterroristischer Anschläge. Hier ist eine Grafik auf Grundlage der Daten vom Institute for Economics & Peace und vom Magazin Mother Jones (Global Terrorism Index 2019, S. 50). Der Trend der rechtsextremen Anschläge in den USA sei nach dem Institut für Economics & Peace zum großen Teil identisch mit dem Trend in Westeuropa. (ebd.)

Grafik aus dem Global Terrorism Index 2019, S. 50. Die politischen und unpolitischen „Mass shootings“ nehmen parallel zu.

Ich halte diese gleichzeitige Zunahme von Anschlägen nicht für zufällig. Ich würde nicht ganz so weit gehen wie Klaus Theweleit, der die Ideologie hinter den Anschlägen für weitgehend irrelevant hält. Aber eine Ursache haben diese mörderische Angriffe gemeinsam: eine Männlichkeit, die „abrechnet“. Analytisch würde ich drei Phasen trennen: Die apokalyptische Männlichkeit ist die Abrechnung, der Vollzug („Endlösung“, „Totaler Krieg“, …) einer virtualisierten Männlichkeit, die sich wiederum aus anderen Formen von Männlichkeit ergab.

Männlichkeit -> Virtualisierte Männlichkeit -> Apokalyptische Männlichkeit

Männlichkeit ist in diesem Konzept nicht „unschuldig“. Sie verspricht nach Raewyn Connell in patriarchalen Gesellschaften für Männer eine „patriarchale Dividende“, Männer profitieren aufgrund der patriarchalen Regelungsverhältnisse und deren Staatsapparate von ihren männlichen Habitus. Connell betont, dass sich Männlichkeiten ändern und mit der ‚Hegemonialen Männlichkeit‘ wird ausgesagt, dass Männlichkeiten historische Konjunkturen haben und auch ‚aus der Zeit fallen können‘. Ich gehe daher in den nächsten Abschnitten zunächst auf die Konzeption der ‚Hegemonialen Männlichkeiten‘ von Raewyn Connell ein.

Hegemoniale und ungleichzeitige Männlichkeit

Dass es unterschiedliche Muster von Männlichkeiten gibt, hat vor allem Raewyn Connell verdeutlicht. In jeder patriarchalen Gesellschaft sei eine bestimmte Männlichkeit hegemonial. Den Begriff der „Hegemonie“ übernahm sie aus den Theorien Antonio Gramscis. Mit ihrem Begriff der „Hegemonialen Männlichkeit“ machte sie deutlich, dass Männlichkeiten wandelbar seien:

„Hegemoniale Männlichkeit kann man als jene Konfiguration geschlechtsbezogener Praxis definieren, welche die momentan akzeptierte Antwort auf das Legitimitätsproblem des Patriarchats verkörpert und die Dominanz der Männer sowie die Unterordnung der Frauen gewährleistet (oder gewährleisten soll). […] diese Hegemonie entsteht […] nur, wenn es zwischen dem kulturellen Ideal und der institutionellen Macht eine Entsprechung gibt, sei sie kollektiv oder individuell. Die Führungsebenen von Wirtschaft, Militär und Politik stellen eine recht überzeugende korporative Inszenierung von Männlichkeit zur Schau […] Ich möchte noch einmal betonen, daß in der hegemonialen Männlichkeit eine ‚derzeitig akzeptierte‘ Strategie verkörpert ist. Sobald sich die Bedingungen für die Verteidigung des Patriarchats verändern, wird dadurch auch die Basis für die Vorherrschaft einer bestimmten Männlichkeit ausgehöhlt.“

Connell: Der gemachte Mann: Konstruktion und Krise von Männlichkeiten, S. 98

Connell weist explizit in einer Anmerkung darauf hin, dass für das Konzept der hegemonialen Männlichkeit der Aspekt der Dynamik relevant sei: „Ich möchte auf den dynamischen Charakter von Gramscis Konzept der Hegemonie hinweisen, das eben nicht eine funktionalistische Theorie der kulturellen Reproduktion darstellt, wie man ihm oft nachsagt. Gramsci behielt immer den sozialen Kampf um Vorherrschaft in seinem geschichtlichen Wandel im Auge“ (ebd.: Anm. 15)

In den Gefängnisheften betonte Gramsci, dass die eigene Persönlichkeit durch ein anachronistisches Denken geprägt sein könne:

Wenn die Weltauffassung nicht kritisch und kohärent, sondern zufällig und zusammenhangslos ist, gehört man gleichzeitig zu einer Vielzahl von Masse-Menschen, die eigene Persönlichkeit ist auf bizarre Weise zusammengesetzt: es finden sich in ihr Elemente des Höhlenmenschen und Prinzipien der modernsten und fortgeschrittensten Wissenschaft, Vorurteile aller vergangenen, lokal bornierten geschichtlichen Phasen und Intuitionen einer künftigen Philosophie, wie sie einem weltweit vereinigten Menschengeschlecht zueigen sein wird. […] Wie ist es möglich, die Gegenwart zu denken, und eine ganz bestimmte Gegenwart, mit einem Denken, das für Probleme der oft sehr fernen und überholten Vergangenheit ausgearbeitet worden ist? Wenn das geschieht, bedeutet es, daß man im Verhältnis zu seiner eigenen Zeit ‚anachronistisch‘ ist, dass man Fossil und kein modern lebendes Wesen ist. Oder zumindest, daß man bizarr ‚zusammengesetzt‘ ist.“

Antonio Gramsci: Heft 11, § 2 der Gefängnishefte, S.1375-1392, zit. n. Florian Becker / Mario Candeias, Janek Niggemann / Arne Steckner (Hg.); Gramsci lesen. Einstiege in die Gefängnishefte, Berlin 2013, S. 113f.

Diese Passage ist nicht nur wegen der Thematisierung des Anachronismus wichtig, sondern auch für den Hinweis auf die fehlende Kohärenz. Auf diese Kohärenz wird später noch eingegangen, da die virtualisierte/apokalyptische Männlichkeit von einer spezifischen Kohärenzarbeit geprägt ist.

Ernst Bloch prägte in seinen Texten aus „Erbschaft dieser Zeit“ aus den 1930er Jahren, die er als ausgewiesener staatenloser jüdischer Marxist im Exil parallel zur Etablierung des NS-Regimes schrieb, den Begriff der „Ungleichzeitigkeit“. Insbesondere Männer bestimmter ungleichzeitiger Milieus seien am Aufbau des NS-Regimes beteiligt gewesen. Im erster Teil dieses Artikels bin ich bereits auf „Erbschaft dieser Zeit“ eingegangen.

Hegemoniale Männlichkeit ist also auch ein geschichtstheoretischer Begriff. Hegemoniale Männlichkeit entspricht in der Regel dem jeweiligen hegemonialen wirtschaftlichem System. Es gibt eine Gleichzeitigkeit von Hegemonialer Männlichkeit und Ökonomie. Dies heißt aber nicht nur, dass neue Männlichkeiten hegemonial werden können sondern auch, dass bestehende Männlichkeiten ihre Hegemonie verlieren können. Sie sind dann noch nicht „auf einen Schlag“ weg, sie sind „ungleichzeitig“, sie entsprechen nicht dem aktuellen ökonomischen System, sondern vergangenen ökonomischen Systemen.

Ungleichzeitige Männlichkeit: Don Quixotes Kampf gegen Windmühlen

Don Quixote in seiner Ritterrüstung im Kampf gegen Windmühlen wäre ein fiktives Beispiel für eine tragische ungleichzeitige Männlichkeit. Der pistolenschwingende Westerner, der den nachsiedelnden Farmer*innen und deren Regelungsverhältnissen Platz machen muss (gut dargestellt im Westernfilm „The Man Who Shot Liberty Vallance“, wo die Revolverhelden Donniphon (John Wayne) und Vallance (Lee Marvin) dem Rechtsanwalt Stoddard (James Stewart) Platz machen mussten), ein anderes. Der Wandel des ökonomischen Systems vom Fordismus zum Postfordismus machte in der letzten Phase entsprechende Männlichkeiten ungleichzeitig. Susan Faludi zeigte dies in den 1990er am Beispiel von Männlichkeiten in den deindustrialisierten Gebieten in den USA in ihrem Buch „Männer: das betrogene Geschlecht“. Susan Faludi wurde vor allem durch ihr Buch „Backlash“ („Die Männer schlagen zurück“) Anfang der 1990er Jahre bekannt.

John Wayne und James Stewart als Verköperungen älterer und neuerer Männlichkeiten in „The Man Who Shoot Liberty Vallance“ (1962)

Ungleichzeitige Männlichkeiten sind nicht zwingend nicht-hegemonial. Sie können ihre Hegemonialität zurückerlangen und „quer“ zur ökonomischen Entwicklung stehen. Es besteht dann allerdings die Gefahr dass es sich um virtualisiert-apokalyptische Männlichkeiten handelt, da die Wirtschaft mit einer überholten, inadäquaten Männlichkeits“logik“ gesteuert wird und auf eine faschistische Kriegswirtschaft hinausläuft. Insbesondere Deutschland war aufgrund seiner „unegalen“ (Marx) Entwicklung von Wirtschaftssystem, Politik und Kultur aufgrund fehlender erfolgreicher Revolutionen ungleichzeitig und war entsprechend das Gärbecken für die ungleichzeitig-hegemoniale Soldatenmännlichkeit der Nazis.

Ernst Bloch drückte dies in ‚Erbschaft dieser Zeit‘ in der ersten Hälfte der 1930er Jahre so beschrieben:

„Deutschland überhaupt, dem bis 1918 keine bürgerliche Revolution gelungen war, ist zum Unterschied von England, gar Frankreich das klassische Land der Ungleichzeitigkeit, das ist, der unüberwundenden Reste älteren ökonomischen Seins und Bewußtseins, Grundrente, großes Grundeigentum und seine Macht wurden in England, anders in Frankreich ziemlich durchgängig in die kapitalistische Wirtschaft und ihre politische Macht eingegliedert; im lange zurückgebliebenen und länger noch vielfältigen Deutschland dagegen bildete sich der Sieg der Bourgeoisie nicht einmal wirtschaftlich, geschweige politisch und ideologisch im gleichen Maß aus. Das ‚unegale Verhältnis der Entwicklung‘, wie es Marx in der Einleitung zur ‚Kritik der politischen Ökonomie‘ der materiellen Produktion im Verhältnis etwa zur künstlerischen zuweist, bestand hier lange genug ebenso materiell allein und verhinderte derart in der wirschaftlichen Kräftehierarchie den eindeutig dominierenden Einfluß des Kapitaldenkens, also der Gleichzeitigkeit. Mit dem ostelbischen Feudalismus hielt sich jedenfalls ein ganzes Museum deutscher Wechselwirkungen, ein anachronistischer Überbau, der, so ökonomisch überaltert und stützungsbedürftig er ist, dennoch herrscht. […] die Wirtschaftskrise, welche den Spuk freisetzt, vollzieht sich in einem Land mit besonders viel vorkapitalistischem Material. Es ist sehr die Frage, ob Deutschland seiner Kraft nach noch ungewordender, gar vulkanischer ist als etwa Frankreich; sicher aber hat es die kapitalistische Ratio nicht entfernt so gleichzeitig durchformt und ausgeglichen. Eben dies relative Chaos nun wälzte dem Nationalsozialismus ‚Unzeitgemäßes‘, Ungleichzeitiges auch aus noch ‚tieferer‘ Zurückgebliebenheit, nämlich aus der Barbarei zu; und es hätte in Deutschland keines Nietzsche bedurft, um die Antithesen Blut gegen Geist, Wildheit gegen Moral, Rausch gegen Vernunft zu einer Verschwörung gegen die Zivilisation werden zu lassen.“

Ernst Bloch: Erbschaft dieser Zeit, Frankfurt a.M., S. 113ff

Wie oben bereits angekündigt, möchte ich nun vom „Chaos“, welches sich in Deutschland „unzeitgemäß umwälzte“, zum „Chaos“ im Kopf, oder wie Gramsci es beschrieb, zur bizarr-anachronistischen Zusammensetzung, die Kohärenzarbeit notwendig macht, eingehen.

Selbstverhältnis und Regelungsverhältnis

Selbstverhältnis / Habitus und ‚Kohärenzarbeit‘

Ich möchte hier ein psychologisches Modell vorstellen, welches hinsichtlich der Diskussion über virtualisierte und apokalyptische Männlichkeit wichtig ist.

Wir sollten uns das Ich / das Selbst / das Bewusstsein (an dieser Stelle differenziere ich nicht) nicht als fertigen Block vorstellen, mit dem wir in der Welt sind, sondern ein Selbst-Verhältnis, ein ständig mit sich selbst diskutierendes Flickwerk, ein „Patchwork-Selbst“ (Heiner Keupp) in andauernden Wahrnehmungs-, Bewertungs-, Aushandlungsprozesses.
Ein Mensch ist nicht nur, sondern ein Mensch hat sich und gibt sich und zwar nicht nur anderen gegenüber, sondern auch sich selbst gegenüber. Dieses „Sich-haben“ nennt Pierre Bourdieu „Habitus“ (von „habere“: haben) und der Habitus ist vergeschlechtlicht (Bourdieu hat ein Buch zum „männlichen Habitus“ herausgebracht). Der Habitus ist die Art und Weise, wie ich die Welt wahrnehme (habe) und wie ich mich in der Welt gebe. Dieser Habitus wird wesentlich in den frühen Lebensjahren geprägt und ist abhängig von der Welt, in der das Kind aufgewachsen ist.

Da das Selbst eine Patchwork-Struktur hat, Heiner Keupp betont die Wichtigkeit der Kohärenzarbeit, also die Fähigkeit, die verschiedenen Teile seiner selbst sinnhaft zu gestalten. Es geht hierbei allerdings nicht nur um ein „Kohärenzgefühl“, welches nach Aaron Antonovsky eine Grundbedingung für die Erhaltung von Gesundheit sei. Für Antonio Gramsci ist die Kohärenzarbeit auch immer eine politische Kohärenzarbeit, die gesellschaftliche Widersprüche aufarbeitet. Denn die Patchwork-Struktur des Selbst bildet nur die Patchwork-Struktur der Gesellschaft ab. Die Gedanken und Einstellungen werden aus der Gesellschaft übernommen und sind entsprechend auch gesellschaftlich.

„Durch die eigene Weltauffassung gehört man immer zu einer bestimmten Gruppierung, und genau zu der aller gesellschaftlicher Elemente, die ein und dieselbe Denk- und Handlungsweisen teilen. Man ist immer Masse-Mensch oder Kollektiv-Mensch. Die Frage ist folgende: von welchem geschichtlichen Typus ist der Konformismus, der Masse-Mensch, zu dem man gehört?“

Antonio Gramsci: Heft 11, § 2 der Gefängnishefte, S.1375-1392, zit. n. Florian Becker / Mario Candeias, Janek Niggemann / Arne Steckner (Hg.); Gramsci lesen. Einstiege in die Gefängnishefte, Berlin 2013, S. 113f.

Modernere Forschungen gehen nicht mehr davon aus, dass wir nur zu „einer bestimmten Gruppierung“ gehören. Wir gehören immer zu vielen Gruppierungen, die durch Unterdrückungsverhältnisse gespalten sind. In uns überschneiden sich diese Gruppierungen und sorgen für wesentliche Inkohährenzen. Diese Überschneidungen werden „Intersektionen“ genannt.

Gabriele Winker und Nina Degele haben in ihrem Buch „Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten“ vier Strukturkategorien der Diskriminierung ausgemacht: Klasse, Geschlecht, Rasse und Körper. Diese bestimmen jeweils unsere Identität.

„Symbolische Repräsentationen stützen die von uns dargestellten Herrschaftsverhältnisse – Klassismen, Heteronormativismen, Rassismen und Bodyismen – und werden von ihnen gleichzeitig auch mit hervorgebracht. Ferner ermöglichen vorherrschende Normen, Werte und Stereotype Identitätskonstruktionen, und diese individuellen Subjektivierungsprozesse stabilisieren wiederum symbolische Repräsentationen durch performative Wiederholungen. […]
Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass es bei Identitätskonstruktionen entlang verschiedener Differenzkategorien erstens um die Verminderung von Unsicherheiten in der eigenen sozialen Positionierung durch Ab- und Ausgrenzung von Anderen, und zweitens um die Erhöhung von Sicherheit durch Zusammenschlüsse und eine verstärkte Sorge um sich selbst geht – womit Individuen nicht nur selbst nach Absicherung (zu) streben (versuchen), sondern auch ein umfassendes und vielfältiges Differenzierungssystem aufrechterhalten.“

Gabriele Winker / Nina Degele: Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten, Bielefeld 2009, S. 54, 61

Eine Kohärenzarbeit müsste die Widersprüche in und zwischen allen vier Strukturkategorien lösen, erst dann kann sie dem Anspruch Antonio Gramscis genüge leisten: „Die eigene Weltanschauung kritisieren heißt mithin, sie einheitlich und kohärent zu machen und bis zu dem Punkt anzuheben, zu dem das fortgeschrittenste Denken der Welt gelangt ist.“ (Gramsci, ebd: 114.). Diese Arbeit wäre aber nicht nur eine geistig-theoretische Arbeit. Denn die Herrschaftsverhältnisse, die diese Strukturkategorien hervorgebracht haben, sind auch Gewaltverhältnisse und mit der Gewalt sind Traumatisierungen verbunden, gesellschaftliche Traumatisierungen, die die Symbolisierungsfähigkeiten der unterdrückten Gruppen eingeschränkt haben. Die Kohärenzarbeit wäre somit neben der von Gramsci geforderten philosophischen Tätigkeit ein traumatherapeutisches Projekt mit allen Erfordernissen, die ein therapeutisches Setting mit sich bringt.

Ein anderer Weg, (vermeintliche) Kohärenz herzustellen, ist die Identifikation mit dem Aggressor. Dies wäre der Weg in die Virtuelle Männlichkeit, der Männlichkeit des Virtù. Hierauf werde ich später zu sprechen kommen am paradigmatischen Beispiel Niccolo Machiavellis, der als schwertraumatisiertes Folteropfer mit verkrüppelten Händen die Virtù-Theorie niederschrieb und seinen Folteren widmete.

Regelungsverhältnisse

Beim Begriff der „Virtuellen Männlichkeit“ beziehe ich mich auf Dorothy Smith, bzw. auf ihr Konzept der „Regelungsverhältnisse“. Diese „Regelungsverhältnisse ‚extrahieren‘ das Moment des Koordinierens und Abstimmens der alltäglichen / allnächtlichen Handlungen der Menschen“, insbesondere auch das, was wir heute unter Care-Arbeit verstehen.

Dorothy Smith schreibt zu der Entstehung der heutigen Regelungsverhältnisse folgendes:

„Im 17. und 18. Jahrhundert hatten die Männer, die Fabriken besaßen, an Marktverhältnissen teil, die außerlokal organisiert waren. Sie gerieten in Konkurrenz zu anderen Produzenten; sie lernten oder bekamen zu spüren, wie sich Techniken, die ihre eigenen in den Produktionskosten unterboten, auf ihre Geschäfte auswirkten; sie lernten, wie man den Konkurrenten durch Erfindungen oder durch die Anwendung von Erfindungen anderer ein Schnippchen schlägt; sie lernten Arithmetik und Buchführung; sie suchten billige Arbeitsmärkte oder die Hilfe der Regierung bei der Durchsetzung von günstigeren Arbeitsmarktbedingungen. Die Verhältnisse, an den sie teilhatten, waren nicht bloß die des Marktes; sie waren auch in der ‚Öffentlichkeit‘ tätig, wie Habermas (1962) jene durch gedruckte Medien vermittelten Verhältnisse nennt, in denen die Interessen der Mittelschichten diskutiert, formuliert, entwickelt und politisch zum Ausdruck gebracht werden konnten; sie kamen mit anderen Männern des Bürgertums in Kaffeehäusern, Klubs, Gesellschaften und dergleichen zusammen, wo aktuelle Ereignisse, staatliche Politiken und Maßnahmen oder neue wissenschaftliche Erkenntnisse diskutiert wurden. Sie lasen Zeitungen, in denen die neuesten wissenschaftlichen Entwicklungen und ihre Bedeutung für die Fabrikation erörtert wurden. Leonore Davidoff und Catherine Hall (1987, 416) sehen darin eine Neudefinition der Zivilgesellschaft, die eine Hegemonie des Bürgertums hervorbringt und eine von Männern beherrschte ‚Öffentlichkeit‘ ins Leben ruft, aus der die Frauen größtenteils ausgeschlossen sind. Carol Pateman (1988) meint in der Tat, dass die civil society durch den Ausschluss der Frauen und die Verleugnung der darin eingeschlossenen Sphäre weiblicher Hausarbeit konstituiert wurde.“

Dorothy Smith: Regelungsverhätnisse, Textualität und Hegemonie. Eine Kritik vom Frauenstandpunkt an Gramscis Kultur- und Hegemoniebegriff, in: Dorothy Smith: Der aktive Text. Eine Soziologie für Frauen, Hamburg, S. 184

An verschiedenen Stellen spricht Dorothy Smith von den „virtuellen Realitäten“ der Regelungsverhältnisse. So schreibt sie in der Einleitung ihres Buches „Der aktive Text“, im Mittelpunkt ihrer Untersuchung „stehen die textverfassten Versionen der Welt, die für die Regelungsverhältnisse konstitutiv sind. Es gibt viele Dimensionen der Textförmigkeit, über die sich diese Verhältnisse vermitteln; mir geht es im Wesentlichen um die Erforschung jener virtuellen Realitäten, die die Welt als eine solche konstituieren, mit der man in diesen virtuellen Realitäten selbst umgehen kann.“ (ebd.: 15).

„Der Begriff der ‚Regelungsverhältnisse‘ (relations of ruling) ist analog der marxschen Bestimmung des ‚Gegenstands‘ seiner Untersuchung des Kapitals gebildet, sofern Marx ihn als eine Spezialisierung und Differenzierung der von ihm so genannten ‚Abhängigkeitsverhältnisse‘ auffasst. Seine Vorstellung ist hier die, dass das Leben der Menschen durch die koordinierte Arbeit der Mitglieder einer Gesellschaft produziert wird. Eine Produktionsweise ist die besondere Weise, in der diese Koordination organisiert wird. Vor dem Aufkommen des Kapitalismus waren die Abhängigkeitsverhältnisse Verhältnisse zwischen bestimmten Individuen, Blutsverwandten, Feudalherr und Knecht usw. Die Entwicklung des Marktes als durch Geld und Waren vermittelten Austauschverhältnissen zwischen Menschen bringt die ‚Ökonomie‘ als abgesonderte Region der Abhängigkeitsverhältnisse hervor. Das, was Marx gelegentlich ‚das Geldverhältnis‘ nennt, ’sprengt‘ und ‚zerreißt‘ ‚die Fesseln der persönlichen Abhängigkeit‘. Die Formen der Koordination, durch welche die Arbeit der Menschen ihr Leben produziert, werden als jene Verhältnisse ausdifferenziert und spezialisiert, die wir als die Ökonomie kennen. Sie erhalten einen autonomen Status und eine eigenständige Dynamik.“

Dorothy Smith: Regelungsverhätnisse, Textualität und Hegemonie. Eine Kritik vom Frauenstandpunkt an Gramscis Kultur- und Hegemoniebegriff, in: Dorothy Smith: Der aktive Text. Eine Soziologie für Frauen, Hamburg, S. 189f

Smith verweist unter anderem auf die Erkenntnisse von Marx, die er im Entfremdungsbegriff und dem Begriff des Fetisch gekennzeichnet hat. Hierzu die Anmerkung, dass aktuelle Übergangsformen von virtueller zu apokalyptischer Männlichkeit mit dem einhergehen, was Marx seinerzeit als „Goldfetisch“ bezeichnet hatte.
Was Marx weniger im Blick hatte, waren die Arbeiten, die heute unter Care-Arbeit zusammengefasst werden (siehe bspw.: Silvia Federici: Aufstand aus der Küche. Reproduktionsarbeit im globalen Kapitalismus und die unvollendete feministische Revolution, Münster 2012)

„Die Abstimmung und Koordination der Handlungen der Menschen war – und ist auch jetzt noch anderer Stelle – eingebettet in die Besonderheiten der Beziehung von Angesicht zu Angesicht, in und durch ihr körperliches Sein, bei der Arbeit, beim Sex, bei der Geburt, der Aufzucht und der Pflege von Kindern, von Kranken und in der gemeinsamen Arbeit, die den Lebensunterhalt produziert. Die Regelungsverhältnisse ‚extrahieren‘ das Moment des Koordinierens und Abstimmens der alltäglichen/ allnächtlichen Handlungen der Menschen und unterwerfen sie als Funktion der technologischen und technischen Spezialisierung, Entwicklung, Differenzierung, Vergegenständlichung. Sie werden von bestimmten Individuen unabhängig […]

Die Regelungsverhältnisse sind textvermittelte und textgestützte Systeme der ‚Kommunikation‘, des ‚Wissens‘, der ‚Information‘, ‚Regulation‘, ‚Kontrolle“ und dergleichen.“

Dorothy Smith: Regelungsverhätnisse, Textualität und Hegemonie. Eine Kritik vom Frauenstandpunkt an Gramscis Kultur- und Hegemoniebegriff, in: Dorothy Smith: Der aktive Text. Eine Soziologie für Frauen, Hamburg, S. 190f

Wie Marx sieht auch Smith diese Regelungsverhältnisse nicht als völlig irrational, tatsächlich wird Technologie und Wissenschaft vorangetrieben. Dorothy Smith ergänzt: „Der Text erzeugt so etwas wie einen Fluchtplan aus dem Wirklichen und ist grundlegend für jedwede Möglichkeit gesellschaftlicher Abstraktionsformen gleichwelcher Art.“ (ebd.: 189) Es gebe „viele Dimensionen der Textförmigkeit“, über die sich die Regelungsverhältnisse vermittelten. Ihr geht es „im Wesentlichen um die Erforschung jener virtuellen Realitäten, die die Welt als eine solche konstituieren, mit der man in diesen virtuellen Realitäten selbst umgehen kann.“ (ebd.: 15). Dorothy Smith benutzt häufiger „Regelungsverhältnisse“ und „virtuelles Realität“ synonym. Ich würde hier differenzieren.
Als „virtuell“ würde ich diejenigen Regelungsverhältnisse beschreiben, die nicht nur Alltagskoordinierungen und -arbeiten extrahieren, sondern auch zur Herstellung „männlicher Energie / Wirkmächtigkeit“ ausbeuten, die ich „Virtù“ nenne, die Wirkmächtigkeit in einem virtualisiertem Regelungsverhältnis.

Hierzu möchte ich eine Beobachtung anführen, die Klaus Theweleit im Nachkriegsroman „Michael“ von Joseph Goebbels machte. Sie findet sich im Kapitel „Entwirklichung“ in den „Männerphantasien“ von Theweleit:

„Unter dem Blick des Mannes verwandelt sich die Frau in etwas Kaltes und Totes. Es ist der Blick Michaels in Goebbels gleichnamigen Nachkriegsroman auf die Hand seiner Angebeteten Herta Holk, die, wie so viele Frauen in diesen Romanen, die Eigenschaft hat, sich nach und nach im Text zu verflüchtigen.
Die Beziehung zu einer Frau wird aufgelöst und verwandelt sich in eine neue Haltung des Mannes, in einen politischen Standpunkt, in die Erkenntnis des richtigen Weges etc. In dem Maße, wie die Frau verschwindet, gewinnt der Mann Kontur. Auf diesem Wege schreitet die faschistische Schreibweise oft voran.“

Klaus Theweleit: männerphantasien Bd. 1: frauen, fluten, körper, geschichte, 1977, S. 54

Hierzu müssen wir auf die ursprüngliche staatsphilosophische Bedeutung des Begriffs „virtuell“ besinnen. „Virtuell“ heißt nicht (internetgestützte) Scheinwelt, sondern „der Kraft nach“ (wobei das lateinische Wort „Vir“ „Mann“ heißt):

„Virtualiter, der Krafft nach, durch eine richtige Folge, ist ein metapysisches Kunstwort, und wird in der Metaphysik der Scholastiker dem Worte fomaliter entgegengesetzt. Es hat die Bedeutung, dass etwas von dem andern in Ansehung der Existenz und des Wesens nicht würcklich, sondern nur der Krafft nach gesaget wird, z.B. der König ist allenthalben seines Landes, nicht fomaliter, als wäre er wirklich an allen Orten, sondern virtualiter, weil er überall seine Bedienten hat, die statt seiner da sind.“

Joachim Heinrich Zedlers Grosses vollständiges Universal-Lexicon aller Wissenschafften und Künste, 1731-1754, s. 1788 Link

Und eine „virtuelle Realität“ wäre in meiner Definition ein gesellschaftliches Regelungsverhältnis bestimmt durch die Virtù im Sinne von Machiaviellis „Il Principe“.

Smith kritisiert mit ihrem Begriff der Regelungsverhältnisse Gramscis Hegemonie-Begriff, der auf der Unterscheidung zwischen ziviler und politischer Gesellschaft beruhe. Ihre Kritik richtete sich nicht gegen Gramscis Denken an sich. Entsprechend würde ich quer zum Begriff der hegemonialen Männlichkeit den Begriff der virtuellen Männlichkeit vorschlagen, der sich auf die Regelungsverhältnisse von Dorothy Smith bezieht.

Virtù und Virtualität

Virtualisierte und apokalyptische Männlichkeit

Ich möchte hier vorschlagen, zwei Muster von Männlichkeiten voneinander zu trennen, die miteinander zu tun haben: Virtualisierte und apokalyptische Männlichkeit. Die virtualisierte Männlichkeit reagiert auf eine Krisensituation, auf Entwirklichung in Folge von Gewalt. Paradigmatisches Beispiel für Virtualisierung ist der Fall von Niccolo Machiavelli, der unmittelbar nach seinen Folterungen das berüchtigte Büchlein ‚Il Principe‘ verfasste. Machiavelli widmete diese mit ‚verkrüppelten Händen‘ verfasste Schrift seinen Folterern, den Medici.

Psychologische Ferndiagnosen sind problematisch, wir können nicht mit abschließender Sicherheit die Auswirkung der Folter auf Machiavellis Psyche diagnostizieren, daher möchte ich den Fall „Machiavelli“ eher symbolisch verstanden wissen. Klar sollte aber sein, dass bisherige Darstellungen Machiavellis als „rationaler, klar denkender, nüchterner Staatstheoretiker“ ebenfalls auf eine psychologische Ferndiagnose beruht, die deutlicher problematischer ist, denn auch Anfang des 16. Jahrhunderts sind mehrfache Folterungen sicher nicht spurlos an der Psyche von Menschen vorbeigegangen.

Machiavellis zentraler Begriff in ‚Il Principe‘ ist die Virtù, die sich als ‚männliche Staatstüchtigkeit‘ übersetzen ließe. Diese Virtù ist eine fluide, fließende Wirkmächtigkeit, die sowohl im Staatsvolk als auch im heroischen Staatsgründer, dem ‚Uomo Virtuoso‘, vorhanden ist. Verkörpert wird die Virtù durch Herkules, dessen Gegenspielerin ist die Schicksalsgöttin Fortuna, die ein Herkules, ein Uomo Virtuoso, beim Schopfe packen, niederzwingen und verprügeln müsse, um den Staat zur Blüte zu führen. Die Tugend, Virtus, wird bei Machiavelli zur machttechnischen Virtù, in der alles erlaubt, ja notwendig, sei, was zur Macht führe. Auch die Wahrheit ist hier nur ein Spielball der Macht, das Volk wolle belogen werden.

Machiavelli benennt in ‚Il Principe‘ eine tatsächlich existierende Wirkmächtigkeit. Virtù existiert. Virtù existiert allerdings nicht als etwas von Gott oder Göttern geschaffenes oder bereits im Tierreich bestehende Wirkmacht, sondern sie wird durch Gewalt produziert und aufrechterhalten. Virtù ist nicht nur eine passive Identifikation mit dem Aggressor, dem Uomo Virtuso, sondern es handelt sich um eine männerbündische, gewaltbereite aktive Identifikation und Legitimierung. Die Flucht in eine männliche Scheinwelt, wie auch Machiavelli sie in seinen Briefen nach der Entlassung aus seiner Folterhaft schildert, ist zunächst psycho-somatisch bedingt, aber sie findet sich in einer vorkonstruierten, gesellschaftlich konstruierten sozialen Wirklichkeit wieder. Es handelt sich um einen Prozess der Virtualisierung, dem ‚Abtauchen‘, oder metaphorisch angemessener ausgedrückt, die ‚Himmelfahrt‘ in die Virtualität.

Der „ekstatischer Krampfzustand“ des Fanatismus

Der Prozess dieser Virtualisierung lässt sich als Fanatisierung beschreiben.
Fanatismus leitet sich vom lateinischen ‚Fanum‘, dem Heiligtum, ab. ‚Fanaticus‘ bezeichnet den Zustand der Besessenheit der Priester*innen im Tempel durch eine Gottheit, die sich oftmals in ‚Raserei‘ äußerte. Hieraus leitete sich die heutige Bedeutung von ‚fanatisch‘ für ‚besessen von einer Idee / Ideologie / Leidenschaft‘ ab. Victor Klemperer spricht beim Fanatismus der Nazis vom „ekstatischen Krampfzustand“ (Victor Klemperer: LTI. Notizbuch eines Philologen, Stuttgart 2010, S. 70).
Relevant an diesem Begriff ist die dichotome Weltsicht: Es gibt nur noch das ‚heilige‘ und das profane, also das, was außerhalb, bzw. vor (pro) dem Heiligen (-fan) liegt.
In der virtualisierten Männlichkeit ist die Virtù das Erfülltsein vom Heiligen, die „Besessenheit“, alles andere ist profan und wird mit Unmännlichkeit, mit Weiblichkeit assoziiert.
Wenn wir uns das Ich als multiples, segmentiertes, „multi-phrenes“ (statt „schizo-phrenes“) Ich denken, als Patchwork-Ich mit vielen Stimmen, die ständig miteinander diskutieren, sich abstimmen, um auf eine Kohärenz mit sich und seinen Mitmenschen hinzuarbeiten, dann bedeutet eine Fanatisierung, dass diese Diskussion, die vielen Stimmen unterdrückt werden, es wird nicht mehr zugehört, sie erhalten keine Zugang mehr zum Tempel, sie werden als profan ausgeschlossen bzw. von der einen Stimme des Heiligen weggeschrien.

Spracharmut und Fanatismus im NS-Regime

Der jüdische Sprachforscher Victor Klemperer hatte bereits im Nationalsozialismus mit der Erforschung der Sprache des ‚Dritten Reiches‘, der „Lingua Tertii Imperii“ (LTI) begonnen. Er gab sich 1940 selber den Auftrag, die von offiziellen Stellen benutzten Worte „fanatisch“ und „Fanatismus“ zu dokumentieren. Drei Jahre später gab er auf, der Gebrauch komme so oft vor, „wie Sand am Meer“ (Victor Klemperer: LTI. Notizbuch eines Philologen, Stuttgart 2010, S. 70). In Klemperers hat in seinem Notizbuch LTI findet sich daher ein eigener Abschnitt mit dem Titel „Fanatismus“ (ebd.: 70-75)
Klemperer führt aus, dass die „Grundeigenschaft“ der Nazi-Sprache die „Armut“ der Sprache sei, die sowohl in der geringen Vielfalt, also der Einfalt, also auch im verbindlichen Stil bestand. Der Sprachgebrauch wurde vorgeschrieben.

„So waren es nur ganz wenige Einzelne, die der Gesamtheit das allgemeingültige Sprachmodell lieferten. Ja im letzten war es vielleicht einfach der einzige Goebbels“ (32) Die Sprachform im Nationalsozialismus war die der Rede, „mußte Anrede, Anruf, Aufpeitschung sein“, „deklamiert“ werden (ebd.: 33). „Der für alle Welt verbindliche Stil war also der des marktschreierischen Agitators.“ (ebd.: 33)
Klemperer führte zwei Ursachen für die Spracharmut der Sprache im Dritten Reich an:

„hier tut sich unter dem offen zutageliegenden Grund ein tieferer für die Armut der LTI auf. Sie war nicht nur deshalb arm, weil sich jedermann zwangsweise nach dem gleichen Vorbild zu richten hatte, sondern vor allem deshalb, weil sie in selbstgewählter Beschränkung durchweg nur eine Seite des menschlichen Wesens zum Ausdruck brachte.
Jede Sprach, die sich frei betätigen darf, dient allen menschlichen Bedürfnissen, sie dient der Vernunft wie dem Gefühl, sie ist Mitteilung und Gespräch, Selbstgespräch und Gebet, Bitte, Befehl und Beschwörung. Die LTI dient einzig der Beschwörung.“

Victor Klemperer: LTI. Notizbuch eines Philologen, Stuttgart 2010, S. 33

Und hier kommt Klemperer dann wieder auf den Fanatismus zu sprechen. Die beschwörende Sprache ist verbunden mit dem Fanatismus:

„Die LTI ist die Sprache des Massenfanatismus. Wo sie sich an den Einzelnen wendet, und nicht nur an seinen Willen, sondern auch an sein Denken, wo sie Lehre ist, da lehrt sie die Mittel des Fanatisierens und der Massensuggestion. Die französische Aufklärung des achtzehnten Jahrhunderts hat zwei Lieblingsausdrücke, -themen und -sündenböcke: Priestertrug und Fanatismus. Sie glaubt nicht an die Echtheit priesterlicher Gesinnung, sie sieht in allem Kult einen Betrug, der zur Fanatisierung einer Gemeinschaft und zur Ausbeutung der Fanatisierten erfunden ist.

Nie ist ein Lehrbuch des Priestertrugs – nur sagt die LTI statt Priestertrug: Propaganda – mit schamloserer Offenheit geschrieben worden als Hitlers „Mein Kampf“. Es wird mir immer das größte Rätsel des „Dritten Reiches“ bleiben, wie dieses Buch in voller Öffentlichkeit verbreitet werden durfte, ja mußte, und wie es dennoch zur Herrschaft Hitlers und zu zwölfjähriger Dauer dieser Herrschaft kommen konnte, obwohl die Bibel des Nationalsozialismus schon Jahre vor der Machtübernahme kursierte. Und nie, im ganzen achtzehnten Jahrhundert Frankreichs nie, ist das Wort „Fanatismus“ (mit dem ihm zugehörigen Adjektiv) so zentral gestellt und bei völliger Wertumkehrung so häufig angewandt worden wie in den zwölf Jahren des „Dritten Reiches“.

Victor Klemperer: LTI. Notizbuch eines Philologen, Stuttgart 2010, S. 33f.

Sinnvoll wäre an dieser Stelle eine genauere Untersuchung der Fanatisierung Goebbels, wie er sich in seinen Tagebüchern von 1924 bis 1926 darstellte, als er Bekanntschaft mit Adolf Hitler machte und für die nationalsozialistische Bewegung wichtiger wurde.

Glut und Himmelfahrt: Goebbels Fanatismus

Bereits im Frühjahr 1924 findet sich bei Goebbels in seinen Tagebüchern explizite Hinweise zu seiner Fanatisierung. Ein „harter“ Antisemitismus und Rassismus wird hier mit einer dichothomen Kampfeshaltung („Freund oder Feind“) und der Ablehnung der Demokratie zusammengebracht. Die Demokratie sei „schleimig“, entspricht also mit ihrer Zähflüssigkeit und damit Beweglichkeit, nicht der harten und „unerbittlichen“ Trennung. Auch der Verstand dürfe nicht mehr der „ganzen Hingabe an das eine Große“ im Wege stehen.

„Hitler ist ein Idealist, der Begeisterung hat. Ein Mann, der dem deutschen Volke einen neuen Glauben bringt. Ich lese seine Reden und lasse mich von ihm begeistern und zu den Sternen tragen. […] Neue Inbrunst, ganze Hingabe an das eine Große, das Vaterland, Deutschland. Wir fragen immer nach dem Weg. Aber hier ist ein Wille. Der findet schon seinen Weg. […] Die jüngsten, besten, tüchtigsten und deutschesten sollen das Wort haben. Die Alten sollen heraus, die Bösen, die Gemeinen, die Betrüger. Denn das Schicksal Deutschlands ist doch schließlich unsere gute deutsche Sache. Die Judenfrage läßt sich nicht lösen, es sei denn, man ist einmal hart und unerbittlich […] Leben ist nur Kampf zwischen Dualismen: Herz und Hirn, Weib und Mann, Natur und Geist, Kultur und Civilisation, Gott und Teufel, Böse und Gut. Objektiv sein: du hast dein Herz getötet, mein Freund, nun bist du Sklave des Verstandes. Es geht nicht über einen gesunden, fanatischen, begeisterten Subjektivimus. Erst als konsequenter Subjektivist bist du ‚auch Einer‘. Das Herz hat doch immer noch die Vöker gestaltet und die Menschheit weitergebracht. Fanatisch will ich sein, nicht lau, mäßig und brav; ich will nicht ausgespuckt werden. Glühendheiß oder frostkalt, Freund oder Feind. Nicht Bürger und Vater einer siebenköpfigen Familie. Der Teufel hole die schleimige Demokratie, dies Drecksschild für alle gemeinen Rassesünden.“

Goebbels, Tagebucheintrag vom 20. März 1924, zit. n. Elke Fröhlich (Hg): Die Tagebücher des Joseph Goebbels, München 2004, S. 108

Metaphorisch werden der Flug und die Temperatur angeführt. Man werde „in die Sterne getragen“ und man sei entweder „glühendheiß“ – für die Begeisterung der Ideen Hitlers – oder frostkalt – gegenüber allem anderen.
Goebbels wiederholt wenige Wochen später, im April 1924, diese Positionen. Die „jüdische Frage“ „vertiefe“ sich bei ihm. Deren „Lösung“ mache sie – auch bereits als Halblösung – einen „ganz neuen Menschen“ aus ihm. Deutschland könne nur durch die „Zertrümmerung der Majorität“, der Abschaffung der „Massenherrschaft“ „gerettet“ werden. Wieder stellt er sich gegen den Verstand und pocht auf „Wahnsinn, restlose Hingabe, Idealismus und Fanatismus“. Gegen die „pflaumenweise“ Mitte und kleinen Erfolgen, will er „höher in die Sterne“ streben. Auch hier findet sich wieder der soziale Vertikalismus

„Die jüdische Frage vertieft sich in mir. Wenn ich sie halbwegs löse, dann macht sei einen ganz neuen Menschen aus mir. Ich hasse die Radaubrüder; aber sie haben leider Stimmrecht. Das darf man nicht vergessen. Jede politische Partei zehrt von der Dummheit der Massen. Massenherrschaft ist Unsinn. Deutschland wird nur gerettet durch die Zertrümmerung der Majorität. Aus diesem Chaos hilft nur Wahnsinn, restlose Hingabe, Idealismus und Fanatismus. Ich bin nie einer von den Pflaumenweichen gewesen. Ich hasse die goldene Mitte. ‚Und häng den Kranz, den vollen Kranz Mir höher in die Sterne!‘ Zum letzten streben! Nicht mit kleinen Erfolgen zufrieden sein. […] Zu Hause Hausputz. Brechreiz. Wenn ich eine Frau oder wenn ich Anhänger der demokratischen Partei wäre, dann würde ich mit Wonne Selbstmord begehen.“

Goebbels, Tagebucheintrag vom 12. April 1924, zit. n. Elke Fröhlich (Hg): Die Tagebücher des Joseph Goebbels, München 2004, S. 122f.

Sehr interessant ist in diesem Tagebucheintrag der Hinweis auf die profane Hausarbeit. Weniger, dass der Hausputz bei ihm „Brechreiz“ auslöse, sondern vielmehr der folgende Satz: „Wenn ich eine Frau oder wenn ich Anhänger der demokratischen Partei wäre, dann würde ich mit Wonne Selbstmord begehen.“ Man könnte meinen, Goebbels wurde zum glühenden Nazi, weil er sich für den Hausputz nicht zuständig hielt. Das Einfühlungsvermögen („Wenn ich eine Frau wäre“) reicht nur für Selbstmordphantasien. Der Fanatismus drängt also nicht nur Stimmen des Verstandes, des „Feindes“ oder der „Weichheit“ der „schleimigen Demokratie“ zurück, sondern fühlt sich auch von profanen Tätigkeiten der Care-Arbeit bedroht.
Im August 1924 bestätigt noch einmal ein Tagebuch-Eintrag die metaphorische Verbindung des Fanatismus mit dem Glühen, der „inneren Glut“, dem „heiligen Feuer“, welches alles verbrenne, was lau und träge sei. Die Metapher der „Glut“ als „Noch-nicht-Feuer“, aber als das „Entflammbare“ wird die Metapher des Schlafes beiseite gestellt. Das „Erwachen“ ist das „Erflammen“. Und der Fanatismus dient diesem „Erwachen“ / „Erlammen“ – wer nicht selber Feuer fängt, wird verbrannt.

„Ein junger Mann saß direkt vor mir, und ich merkte, wie beim Reden seine Augen anfingen zu glühen. Seine innere Glut schlug wieder auf mich über […] In Würzburg sprach an einem Abend vor einer Massenveranstaltung der wilde und fanatische Julius Streicher. In vierstündigen Ausführungen hatte er durch seine Leidenschaftlichkeit die Menge so fanatisiert, daß sie am Schluß spontan in den Gesang des Deutschlandliedes ausbrach. […] Deutschland muß aus dem Schlafe erwachen. Sonst sind wir verloren. Wenn man auf so kleinen Versammlungen den Opfermut der Leute sieht und bemerkt, daß alles nur von der Aufklärung, dem Augenaufmachen abhängt, dann wünscht man sich wohl, daß wir in jeder Stadt einen Adolf Hitler hätten, der durch sein heiliges Feuer alles verbrennt, was noch lau und träge ist.“

Goebbels, Tagebucheintrag vom 22. August 1924, Ralf Georg Reuth (Hg): Joseph Goebbels Tagebücher Bd 1: 1924 bis 1929, München 1929, S. 143f.

1925 wird Goebbels erstmals Hitler persönlich treffen. Er hofft, auf einer Linie mit Hitler zu sein. Die „Volksgemeinschaft“ brauche keine Politiker, sondern „Fanatiker und Berserker“. Goebbels zweifelt nicht, daran „Flamme“ zu sein, eher schon, die „Glut“ zu verlieren.

„Ripke war 5 Stunden bei mir. Volksgemeinschaft ist ein Produkt aus Liebe und Haß. Wir brauchen heute keine Politiker, sondern Fanatiker und Berserker. Hitler ist auf dem Wege zum Klassenkampf. Ripke nennt mich Marat. Wir werden fechten. Der Sozialismus bedeutet Befreiung des Proletariats, nicht Brechung der Versailler Friedensverträge. Gott, erhalte mir meine Glut. Flamme bin ich sicherlich!“

Goebbels, Tagebucheintrag vom 28. Mai 1925, Ralf Georg Reuth (Hg): Joseph Goebbels Tagebücher Bd 1: 1924 bis 1929, München 1929, S. 186f.

„Gott, erhalte mir meine Glut. Flamme bin ich sicherlich!“ ist eine interessante Formulierung. Das Problem im Fanatismus ist nicht das Brennen, sondern das Glühen. Ist die Glut erst einmal da, lässt sie sich ohne größere Probleme zur Flamme entfachen. Nicht die sichtbare, vernichtende Flamme ist also das Kennzeichen des Fanatismus, sondern die schwelende Glut.

„Warum musste Anka mich so allein lassen? War das ein Treubruch? Von ihr oder von mir? Ich darf gar nicht über diese Dinge nachdenken. Nur die Arbeit erlöst mich. Und läßt mich früh sterben. Das fühle ich. Und vielleicht ist es das Beste so! Ich lese Hitlers Buch zu Ende. Mit reißender Spannung! Wer ist dieser Mann? Halb Plebejer, halb Gott! Tatsächlich der Christus, oder nur der Johannes? Sehnsucht nach Ruhe und Frieden. Nach zu Hause. Ich denke an Anka! Sie gewiß nicht an mich. Mich schmerzt das kaum! Das Verzichten habe ich nun gelernt. Und eine grenzenlose Verachtung der Canaille Mensch. Speiübel! Pfui Teufel!“

Goebbels, Tagebucheintrag vom 14. Oktober 1925, Ralf Georg Reuth (Hg): Joseph Goebbels Tagebücher Bd 1: 1924 bis 1929, München 1929, S. 200

Bei Goebbels scheint die Ursache des Fanatismus in einer „grenzenlosen Verachtung der Canaille Mensch“ zu liegen. Die „Erlösung“ liegt in der Arbeit und in einem „frühen Tod“. Hitler hingegen sei „halb Plebejer, halb Gott“. Inzwischen trifft sich Goebbels mit Hitler. Goebbels sieht auch in Hitler die „Glut“. Goebbels ist „ganz beglückt“ und sieht in ihm den „König“, den „geborenen Volkstribun“, den „kommenden Diktator“.

„Wir fahren mit dem Auto zu Hitler. Er ist gerade beim Essen. Schon springt er auf, da steht er vor uns. Drückt mir die Hand. Wie ein alter Freund. Und diese großen, blauen Augen. Wie Sterne. Er freut sich, mich zu sehen. Ich bin ganz beglückt. Er zieht sich zehn Minuten zurück. Dann hat er seine Rede im Bruch fertig. Unterdeß fahre ich zur Versammlung. Und rede 2 Stunden lang. Unter großem Beifall. Und dann Heilrufen und Klatschen. Er ist da. Er drückt mit die Hand. Er ist durch seine Rede noch vollkommen erledigt. Dann spricht er hier noch eine halbe Stunde. Mit Witz, Ironie, Humor, Sarkasmus, mit Ernst, mit Glut, mit Leidenschaft. Alles hat dieser Mann, um König zu sein. Der geborene Volkstribun. Der kommende Diktator.“

Goebbels, Tagebucheintrag vom 2. November 1925, Ralf Georg Reuth (Hg): Joseph Goebbels Tagebücher Bd 1: 1924 bis 1929, München 1929, S. 203

Nicht nur Hitler, auch andere ‚Volksgenossen‘ „liebt“ Goebbels aufgrund ihrer „kalten (!) Glut“, „zehrendes Feuer, das nach innen schlägt“ und sich nach außen zeige als Fanatismus.

„Revolutionär von kalter Glut. Zehrendes Feuer, das nach innen schlägt. Dieses Gesicht: der Fanatismus. So liebe ich den Menschen.“

Goebbels, Tagebucheintrag vom 14. Mai 1926, Ralf Georg Reuth (Hg): Joseph Goebbels Tagebücher Bd 1: 1924 bis 1929, München 1929, S. 249

Auch ein Jahr später noch zeigt sich Goebbels durch Hitler „erschüttert“, als „göttliches Schicksal“. Und wie zwei Jahre zuvor ist es der Himmel, der mit Hitler Goebbels den Weg weißt.

„[Hitler] spricht über Rassefragen. Mann kann das so nicht wiedergeben. Man muß dabei gesessen haben. Er ist ein Genie. Das selbstverständlich schaffende Instrument eines göttlichen Schicksals. Ich stehe vor ihm erschüttert. […] Nach dem Abendessen sitzen wir noch lange im Garten des Marineheims, und er predigt den neuen Staat und wie wir ihn erkämpfen. Wie Prophetie klingt das. Droben am Himmel formt sich eine weiße Wolke zum Hakenkreuz. Ein flimmerndes Licht steht am Himmel, das kein Stern sein kann. Ein Zeichen des Schicksals?“

Goebbels, Tagebucheintrag vom 24. Juli 1926, Ralf Georg Reuth (Hg): Joseph Goebbels Tagebücher Bd 1: 1924 bis 1929, München 1929, S. 266

Droben am Himmel formt sich eine weiße Wolke zum Hakenkreuz.

Zu diesem Zitat möchte ich einen der Herausgeber der Tagebücher Goebbels wiedergeben. Ralf Georg Reuth geht auf den pseudo-religiösen Vertikalismus der NS-Führung ein:

„So wie hier Goebbels das Bild von der sich Hakenkreuz formenden Wolke der Spätantike entlehnte – Konstatin dem Großen soll der Überlieferung nach vor der Schlacht bei der Milvischen Brücke ein Kreuzzeichen am Himmel erschienen sein und eine Stimme gesagt haben ‚In diesem Zeichen wirst du siegen!‘ – , begann Goebbels, dem Nationalsozialismus Formeln und äußere Formen seines pseudo-religiösen Repertoires gleichsam ‚überzustülpen‘. Die Parteitage wurden ihm zu ‚Hochämtern‘, die SA-Appelle zu ‚religiösen Feiern‘. Hitler, der ‚Messias‘, das ‚Werkzeug der Vorsehung‘, kam mit dem Flugzeug vom Himmel hoch, im Kegel gewaltiger Scheinwerfer herab zu seiner Gefolgschaft.“ (Ralf-Georg Reuth, Einführung, in: Ralf Georg Reuth (Hg): Joseph Goebbels Tagebücher Bd 1: 1924 bis 1929, München 1929, S. 35)

Zusammenfassend können folgende Merkmale des Fanatismus in den Tagebüchern von Goebbels festgehalten werden:

  • dichothome Teilung des Heiligen und des Profanen;
  • Verstand und Demokratie stünden dem „unerbittlichen Glauben“ feindlich gegenüber;
  • eine identische Große sei
  • vertikal nach oben in den Himmel ausgerichtet,
  • dessen Weg dorthin der göttliche Führer bereitet;
  • das Fanatische sei eine Glut, die zur Flamme entfacht (erweckt) werden müsse.

Die Glut zehre nach innen, zeige sich außen als fanatisches Gesicht. Und wer keine Glut habe, solle von den Flammen verbrannt werden. Dies wurde umgesetzt, zunächst mit den Fackelmärschen im März 1933 zur „Machtergreifung Hitlers“, zwei Monate später mit den Büchern, die verbrannt wurden, dann mit den Synagogen 1938 und schließlich mit Krieg und Vernichtungslagern.

„Fackelmarsch“ durch das Brandenburger Tor am Tag des Beginns der NS-Herrschaft

Die Glut und die Flamme sind mehr als metaphorische Symbole für Fanatismus, dieser „fühlt sich an“, als ob es schwelt, glüht, brennt oder lodert. Glut und Flamme „stecken an“ und können zum „Flächenbrand“ werden. Zudem steigt die Flamme empor, was kollektivsymbolisch der streng vertikalen Gesellschaftsinterpretation des Faschismus entspricht.

Auch heute noch finden sich Flammen vor allem als Symbole faschistischer oder profaschistischer Organisationen, von der Heimattreuen Deutschen Jugend, über die Alternative Jugend der AfD bis zur MSI in Italien. Sie symbolisieren den männlichen Fanatismus.

Apokalyptische Männlichkeit

Der Tag der Abrechnung

Als besondere Form der virtualisierten Männlichkeit kann die apokalyptische Männlichkeit benannt werden. Diese Existenzweise befindet sich in einem besonderen Modus der Virtualität. Die schwelende „Glut“ wird zum verbrennenden „Leuchtfeuer“, zum Fanal. Doch die apokalyptische Männlichkeit ist von Beginn an in der virtualisierten Männlichkeit enthalten. Die Virtualisierung ist ein machiavellistischer Umgang mit den Gewaltverhältnissen unserer Gesellschaft, die in der Identifizierung mit den Posen des Aggressors (Arne Gruen) besteht. „Gewaltintrojekte“ (Sandor Ferenczi) werden nicht abgebaut, im Gegenteil. Sie fabrizieren die Virtù. Die Kohärenzarbeit findet nicht mehr statt durch einen demokratischen Austausch mit den verschiedenen Segmenten des Selbst oder in einer gewaltfreien, aufmerksamen Kommunikation mit dem Alltagsumfeld. Und schon gar nicht werden die Widersprüche kritisch hinterfragt, die sich im konkreten Alltag aus diskriminierenden Strukturkategorien Bodyismus, Heterosexismus, Rassismus und Klassismus ergeben. Innen und Außen werden stattdessen die widersprüchlichen Thesen ^unterdrückt und ^niedergemacht. Ziel ist nicht die konkrete Utopie, die sich aus demokratischen ermittelten Widerspruchslösungen ergeben, sondern die Vernichtung des Feindes. Die virtualisierte Männlichkeit kennt von Beginn an keine Utopie der möglichst herrschaftsfreien Gesellschaft, sondern nur den Tag der Abrechnung. Machiavellis „Il Principe“ endet nicht mit der Schilderung einer besseren Gesellschaft, wie sie Thomas Morus drei Jahre später, 1516, in „Utopia“ zu Papier brachte, sondern mit dem Aufruf zur Befreiung von den Barbaren. Und die Virtù müsse stürmisch und kurz bemessen zuschlagen, denn Fortuna sei ein Weib, man müsse es schlagen und stoßen, wenn man es niederhalten will, Fortuna sei dann den stürmischen Jünglingen hold. Die Virtù dieser Männlichkeit ist auf dieses stürmische Niederringen von Fortuna, auf das Zuschlagen am Tag der Abrechnung ausgerichtet.
Zu dieser Apokalyptik gehört auch das Bild einer Gesellschaft, die die größte je gesehene Unterdrückung und Unfreiheit diagnostiziert oder prophezeit, wenn es keinen befreienden Gegenschlag gäbe. Es handelt sich um den spirituellen / mythologischen Endkampf von Gut und Böse

Die virtu-alisierte Männlichkeit, die fanatisierte Männlichkeit blendet wesentliche Dinge aus. Sie verachtet die materiellen Lebensbedingungen, die Care-Arbeit ebenso wie Logik und Wissenschaft. Sprache dient ihr nicht als Möglichkeit eines argumentativen Austauschs nach demokratischen Grundregeln der Gleichheit. Sprache dient der Beschwörung im Fanatismus und der in ihm enthaltenen Freund-Feind-Dichothomie, nicht der Argumentation, sondern der Deklamation. Dass dergestalt die männliche Virtualität nur temporär die gesamtgesellschaftliche Wirklichkeit gestalten kann, scheint durch die Proklamation des ‚Tages der Abrechnung“ unbewusst antizipiert worden zu sein.

„Es wird die Stunde kommen, in der das Erwachen alle Völker der Erde erfassen wird, und die Juden werden seine Opfer sein. […] Der Tag wird nicht ferne sein, an dem die Völker Europas, ja der ganzen Welt in den Ruf ausbrechen: Die Juden sind Schuld an all diesem Unglück! Sie müssen deshalb zur Rechenschaft gezogen werden, und zwar bald und gründlich! Auch für diesen Fall hält das internationale Judentum schon sein Alibi bereit. Es wir wie ehedem bei der großen Abrechnung in Deutschland versuchen, seine Unschuldsmiene aufzusetzen und zu behaupten, man brauche einen Sündenbock und habe ihn eben in ihm gefunden.“


Joseph Goebbels: Die Urheber des Unglücks der Welt, in: Wochenzeitung ‚Das Reich‘, Berlin, 21. Januar 1945

Apokalyptische Männlichkeit ist eine soldatische Männlichkeit im Kriegsmodus, eine Überschreitung der virtualisierten Männlichkeit, die sich noch im „Vorbürgerkrieg“ (eine Vokabel von Götz Kubitschek) wähnt. Die virtualisierte Männlichkeit richtet sich auf den Zusammenbruch, den Crash, den Tag X aus, die apokalyptische Männlichkeit hingegen befindet sich im Tag X.

Apokalyptisch-männliche Diskurskoalitionen

An drei Beispielen möchte ich zeigen, wie unterschiedliche Ideologien in ihrer Apokalyptik des Endkampfes zwischen Gut und Böse zu Diskurskoalitionen kommt. Hinter der gemeinsamen Wortwahl, der gemeinsamen Emblematik im Fanatismus des Endkampfes, tritt die Besonderheit der jeweiligen Ideologie zurück. In unserem Projekt Diskursatlas Antifeminismus analysieren wir die Erzählungen des Antifeminismus und können nach und nach die wesentlichen Narrative / Embleme des Antifeminismus darstellen. Rassistische, klassistische oder andere diskriminierende Narrative / Embleme könnten ergänzt werden, hier gibt es – gerade auch in der Virtualität und Apokalyptik – Übergänge und Verkettungen.

Paul von Oldenburg (christl.-fundam. TFP)

Als erstes Beispiel möchte ich Paul von Oldenburg anführen. Er ist eines ‚adeligen‘ antifeministischen Familien-‚Clans‘. So ist er ein Cousin der antifeministischen AfD-Spitzenpolitikerin Beatrix von Storch und er hat ’standesgemäß‘ Pilar María del Pilar Méndez de Vigo y Löwenstein-Wertheim-Rosenberg geheiratet und ist entsprechend sowohl mit der konservativen einflussreichen Familie Méndez de Vigo und mit den Nachfahren des rechtskatholischen Karl zu Löwenstein-Wertheim-Rosenberg verschwägert. Dass mindestens jede zweite einflussreiche Organisation des antifeministischen Familismus aus dieser miteinander verwandten/ verschwägerten Gruppe von Adeligen besetzt ist, scheint sowohl der Forschung als auch dem Journalismus und damit der Öffentlichtkeit bislang entgangen zu sein. Hier findet sich von mir eine ausführliche Analyse: Der antifeministische Familienclan des „Adels“.
Aufgrund seiner Herkunft und seiner wahrscheinlich bewusst standesgemäßen Heirat gehört Paul von Oldenburg zu einem ungleichzeitigen Milieu. Er leitet das Büro der Federation Pro Europa Christiania, einer europäischen Dachorganisation der Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigentum (TFP).

Paul von Oldenburg wähnt sich in einer Zeit des Untergangs. In einer Rede am 30.Oktober 2008 in Wien zu einer Verlautbarung des Papstes Pius XII (Papst von 1939 bis 1958) sagte er unter anderem:

„Wir erleben im Moment einen Zusammenbruch. […] Manche sehen am Horizont eine neue Christenverfolgung mitten in Europa heraufziehen. Die moralische Verwüstung, die immer noch und immer mehr von allen Medien, der Musikindustrie und durch das Internet gefördert wird, hat gravierende Ausmaße erreicht. […] In dem Maße, in dem über die Jahrzehnte die christlichen Werte und Prinzipien zurückgedrängt wurden, in dem Maße, wie sich alle Organismen der Gesellschaft immer mehr von Gott entfernt haben, in dem Maße nehmen die atheistischen, die freidenkerischen Programme, in dem Maße machen sich Hochmut, Sinnlichkeit, Rohheit, Verdorbenheit, Häßlichkeit, Banalität, Profanität breit. Der Widersacher nimmt den freigewordenen Platz ein. […] Doch damit, dies lehrt uns die Geschichte, wäre das Ende dieser Gesellschaft eingeläutet. Und dies lehrt uns ebenfalls die Botschaft von Fatima, in der, für den Fall einer fehlenden Bekehrung der Menschen und Nationen, Strafen angekündigt werden. […]

Paul von Oldenburg: Die Notwendigkeit von Eliten zur Erneuerung der Christenheit, Rede am 30.Oktober 2008 in Wien

Aus dieser Krise könne nur der Adel führen, nur diese könnten sich erfolgreich mit ihrer Tatbereitschaft und Ritterlichkeit – man könnte hier auch von „Virtù“ sprechen – gegen die „Feinde der christlichen Zivilisation“ stellen:

„Es sind die traditionellen Eliten gewesen, die in der weltlichen Ordnung die Verantwortung für das Gemeinwohl übernommen haben. Die Eliten also, eine kleine Gruppe von Menschen, die fast anderthalb Jahrtausende von der Spitze her geführt hat. […] Wie sieht aber diese Führungsrolle heute aus? Dadurch, daß dem adeligen [sic!] bestimmte Qualitäten zu eigen sind, […] ist der zum Führer der Gesellschaft bestimmt. Diese Eigenschaften sind seelische Stärke, Einsatzbereitschaft, freudiger Mut, der eine Ohne-mich- Einstellung nicht zuläßt, großmütiger Einsatz, Geistesstärke, die nicht zuläßt, sich aufzugeben und zu fliehen, Tatbereitschaft, Opferbereitschaft für das Gemeinwohl, Hingabe für andere. Die die reichhaltigere Mittel besitzen, nicht materiell sondern hier Gaben des Verstandes, der Kultur, der Erziehung , der Wissens, des Einflusses, müssen diese auch einsetzen für das Ganze. Ritterlichkeit. […] Wir sollen und müssen uns wieder allen in der Gesellschaft zuwenden, wir kennen unsere Wurzeln und in aller Demut müssen wir die Bürde auf uns nehmen und den Kampf austragen gegen die Feinde der Kirche, gegen die Feinde der Christlichen Sitten und Kultur, gegen die Feinde der christlichen Zivilisation.“

Paul von Oldenburg: Die Notwendigkeit von Eliten zur Erneuerung der Christenheit, Rede am 30.Oktober 2008 in Wien

Vier Jahre später im Mai 2012 hielt Paul von Oldenburg während des World Congress of Families in Madrid eine Rede, in der er wieder gegen die Menschenrechte polemisierte, und den modernen säkularen Staat als das totalitärste Regime bezeichnete, dass wir je erlebt haben. Seine Rede endete mit der Aufforderung, zum Schlachtfeld zu rennen, zur Schlacht zwischen Himmel und Hölle:

„the modern Secularist State unleashes a more insidious persecution than that of the Islamists, radical Hindus or even Communist regimes. […] This will be the most totalitarian regime ever, even worse than the totalitarian regimes we thought we had overcome in the 20th century. […] We must win over those that waver by showing them the reactions of the pseudo-tolerant, full of hatred antifamily, anti-life lobbies. […] Let us walk, nay run onto the battlefield! This is a battle between Heaven and Hell.“

Paul Herzog von Oldenburg: Worldwide Religious Persecution. Intervention on the WCF Madrid 27th May 2012, PDF

Das Paul von Oldenburg aus der Zeit gefallen ist, sehr wahrscheinlich aufgrund seiner ungleichzeitig-adeligen Herkunft, macht aus ihm keinen harmlosen Don Quixote. Die weltweit organisierte Gesellschaft zum Schutz von Tradition, Familie und Privateigenum hatte einen wichtigen Anteil am Zustandekommen der rigiden Abtreibungsgesetzvorlage in Polen. Dazu kommt sein soziales Kapital, der Onkel seiner Frau war bis vor kurzem noch Bildungsminister in Spanien.

Markus Krall (nationallibertär Degussa Goldhandel)

Markus Krall ist Buchautor und seit dem 16.09.2019 Geschäftsführer bei Degussa Goldhandel. Degussa Goldhandel wurde 2010 vom Milliardär August von Finck junior gegründet. 2012 wurde Torsten Polleit Chefökonom von Degussa Goldhandel und Präsident des im selben Jahr gegründeten Ludwig-Mises-Insituts, welches sich im Gebäude der Münchener Residenz von Degussa Goldhandel befindet. Ich hatte in meinem 2013 erschienenen Buch „Rechte Euro-Rebellion. Alternative für Deutschland und Zivile Koalition e.V.“ auf die Relevanz von Polleit, Degussa und Finck für die Entstehung der AfD hingewiesen, fünf Jahre später konnte der Spiegel Finanzierungen nachweisen.
Torsten Polleit ist seit 2009 regelmäßiger Autor beim Magazin „eigentümlich frei“, welches ganzseitigen Hochglanzwerbungen von Degussa Goldhandel enthält. Herausgeber ist André Lichtschlag, der in der WELT forderte, Nettostaatsempfängern das Wahlrecht zu entziehen. Dies ist eine Idee des neoliberalen Vordenkers Friedrich Hayek, der sich bei seiner Einbürgerung in Großbritannien ein „von“ anhängen ließ.
Markus Krall behauptet in einem Interview mit dem rechts-esoterischen Internetmagazin Epoch Times (Falun Gong), dass Lichtschlag ihm 2016/17 das Buch „Der Todestrieb in der Geschichte“ des orthodox-christlichen Antikommunisten Igor Schafarewitsch geschenkt habe. Dies sei eine Art Erweckungserlebnis für ihn gewesen. In diesem Interview stimmt er der Frage zu, dass der Teufel die Welt beherrsche (in Anspielung auf dem Titel der antikommunistischen Epoch Times „Wie der Teufel die Welt beherrscht“). Ähnlich wie Paul von Oldenburg konstatiert auch Markus Krall den Endkampf zwischen Gut und Böse:

„Der Baum der Freiheit muss von Zeit zu Zeit mit dem Blut der Patrioten und der Tyrannen begossen werden […] es muss nicht immer wörtlich blutig gemeint sein. […] Wir brauchen Thought Leadership vor allem, ein Begriff, sehr schwer ins Deutsche zu übersetzen lässt, weil der Begriff Führerschaft bei uns ja historisch belastet ist […] Wir brauen eine Organisation […], die dann auch das, was ich die Opinion Leaderhip nenne, die Meinungsführerschaft im Land übernimmt und das versuche ich anzustoßen. […] Wir haben jetzt die Atlas-Initiative gegründet […] Atlas zuckte mit den Schultern und warf die Welt ab. […] Wir bauen das sehr schnell auf und wir hoffen, dass wenn es dann zum Schwur kommt und die Krise sich entfaltet, in der Lage sein werden, ein politisches Stimmgewicht in die Waage zu werfen. […] Wir müssen den Leuten klar machen, welches Tier vor ihnen steht im Sozialismus, und wir müssen ihnen klar machen, dass sie aus ihrer Blase, aus ihrem matrixartigen Kokon aufwachen müssen, der ihnen vormacht, der ihnen vorgaukelt, dass es um ihnen herum warm sei. […] zunächst einmal geht es darum, die Grenzen des Grundgesetzes auszuschöpfen, aber dann werden wir ganz schnell feststellen, dass das nicht reichen wird um nachhaltig eine freie Gesellschaft zu garantieren, sondern dass wir grundsätzlich über die Rolle von Wahlvolk und Gewähltem nachdenken müssen. […] Einmal in der Wahlperiode müssen die Wähler sich entscheiden, ob sie wählen wollen oder ob sie Transferempfänger sein wollen. Wer also an diesem Raubzug teilnehmen möchte, der darf nicht wählen. […] Jeder, der mal Schafarewitsch gelesen hat, dem ist vollkommen klar, dass wir hier keine materialistische Debatte führen. Wir führen eine existentielle Debatte. […] Wer kämpft da gegen wen? Und dass das Leben ein Kampf zwischen Gut und Böse ist, das glauben ja sogar die meisten Atheisten. […] Dass der Kampf zwischen der freiheitlichen Ordnung […] und dem sozialistischen Tier, das sich unter verschiedenen Namen durch die Menschheitsgeschichte bewegt, jetzt schon über viele tausend Jahre […], schreibt Schafarewitsch: Das ist eine anthropologische Konstante. Für mich als religiösen Menschen bedeutet, dass wenn etwas eine anthropologische Konstante ist, dass es einen tieferen spirituellen Grund haben muss. Und insofern finde ich auch den Titel „Wie der Teufel die Welt beherrscht“, jedenfalls für einen religiösen Menschen, rechtfertigbar. In meinen Augen ist es völlig klar, welche Form von Auseinandersetzung dort stattfindet, wenn Gut gegen Böse kämpft, dann sind nun mal auch andere Kräfte am Werk als nur wir menschlichen kleinen Beweger der Dinge. […] Gut gegen Böse manifestiert sich in der Menschenheitsgeschichte als Freiheit gegen Sozialismus.“

Markus Krall im Exklusiv-Interview über notwendige bürgerliche Freiheiten + Video
Von Renate Lilge-Stodieck, 24. Januar 2020 Aktualisiert: 24. Februar 2020 15:12, link

Den „Crash“ prophezeit Markus Krall bereits seit Jahren. Er hat ihn mehrfach für das Jahr 2020 vorausgesagt und fühlt sich durch die aktuelle Corona-Krise aufgrund der damit verbundenen negativen Auswirkungen auf die Wirtschaft in seiner Voraussage gestärkt. Es werde zu einer „Megazusammenrottung“ kommen, schreibt Krall in einem Artikel für die eigentümlich frei im April 2020, und diese werde dann „dem Parlament die Arbeit beim Sturz der Regierung“ abnehmen:

„Der Zusammenbruch dieses Systems ist nicht nur unvermeidlich, er steht vor der Haustüre jetzt, hier und heute. Das Heer der Enttäuschten und Unzufriedenen wird sich nicht auf Dauer einsperren und mit dem Stockholm Syndrom befrieden lassen. Deshalb bastelt die Bundesregierung panisch an neuen Mitteln der Überwachung und der Zensur. Das wird vergeblich sein. Wenn sich erst einmal eine Million oder auch zwei Millionen Menschen vor dem Kanzleramt einfinden, um dem Parlament die Arbeit beim Sturz der Regierung abzunehmen, wird es auch egal sein, dass die Handyüberwachung den Schlapphüten der Geheimdienste und des Gesundheitsministeriums eine Menschenmenge signalisiert. Es mag sein, dass die Deutschen beim Thema Revolution seit 1989 aus der Übung gekommen sind. Aber die Herrschenden haben im Drop-down-menü der Handyortung auch keine Option die kommende Megazusammenrottung zu verhindern oder zu managen. Dann wird sich zeigen ob dieses Land, ob dieser Kontinent Freiheit oder Sozialismus wählt.“

Markus Krall: Großangriff auf die Freiheit. Nach Corona ist vor der bürgerlichen Revolution, in: ‚eigentümlich frei‘ Nr. 202, 18.04.2020

Was in dem eigentümlich frei-Artikel noch wie eine Diagnose eines Außenstehenden anhört, klingt ganz anders, wenn man öffentliche Twitterbeiträge aus dem Februar 2020 hinzuzieht. Aufgrund der parlamentarischen Ereignisse in Thüringen malt der Twitter-Account den Untergang Deutschlands an die Wand. Das Einzige, was jetzt noch helfen könne, wäre eine halbe Millionen Menschen in Berlin gegen die Bundeskanzlerin Merkel. Und gerichtet an Markus Krall: Er solle das übernehme. Tatsächlich antwortet Markus Krall und verspricht eine erste Großdemonstration seiner Atlas-Initiative.

Die Organisation Degussa Goldhandel des 90jährigen Milliardärs August von Finck mutet mit den Tätigkeiten seines Chefökönomen Torsten Polleit – Führung des neoliberalen Thinktanks „Ludwig-von-Mises-Institut“ – und seines Chefgeschäftsführers Markus Krall – Aufbau einer demokratiefeindlichen, „konterrevolutionären“ Pressure Group „Atlas-Initiative“ – eher wie eine verfassungsfeindliche Organisation an als wie ein seriöses Unternehmen.

Ich hatte bereits vor sieben oder acht Jahren auf diese merkürdige Strömung der Hartgeld-Essentialisten verwiesen. Karl Marx sprach vom Fetisch-Charakter, vom Fetisch des Geldes und insbesondere vom Gold-Fetisch. Diese Gold-Fetisch scheint besonders gut mit den Verklärungen der Virtualiserten Männlichkeit zu kooperieren.

So ist an dieser Stelle auf den Hartgeld-Essentialisten Walter K. Eichelburg einzugehen. Eichelburg scheint für bewaffnete „Prepper“-Gruppen wie die berüchtigte Gruppe „Nordkreuz“ aus Mecklenburg-Vorpommern ideologisch besonders wichtig zu sein. Ich zitiere Jörg Köpke / das „Recherche Netzwerk Deutschland“ zur Gruppe „Nordkreuz“:

„Dann nennt Axel M. einen Namen: Walter K. Eichelburg. Der Mann aus Österreich sei so etwas wie der ideologische Übervater der Gruppe. Vor allem Jan Hendrik H. und Haik J. würden Eichelburg verehren. Aus den Schriften des Wiener Verschwörungstheoretikers schimmert das krude Weltbild der „Nordkreuz“-Jünger hervor. Von „Kriegsvorbereitungen“ ist die Rede, von „Muselrevolte“ und „Linksgrünversifften“. Begriffe, die auch in der AfD kursieren. Der Aufstand der Muslime stehe unmittelbar bevor, ist bei Eichelburg zu lesen. Nach einem Freitagsgebet werde der Aufstand losbrechen. Die Städte seien verloren, aber vom Land aus könnten Bürgerwehren die „Rückeroberung“ beginnen. „Es wird Blut fließen ohne Ende“, zitiert Eichelburg einen anonymen Bundeswehr-Soldaten. Muslime müsse man kreuzigen oder pfählen. „Man kann gleich noch einige rote und grüne Politiker und Bürokraten dazu mischen, damit alle sehen, dass sie auch zu den Feinden gehören und was mit ihnen passiert, wenn sie sich nicht freiwillig ergeben.“ Eichelburg liest sich wie die österreichische Blaupause für „Nordkreuz“.“

 Jörg Köpke/RND: Mecklenburg und die Eiserne Reserve, in: https://www.waz-online.de/Nachrichten/Politik/Deutschland-Welt/Mecklenburg-und-die-Eiserne-Reserve vom 15.09.2017

Walter K. Eichelburg schrieb von 2008 bis 2012 zahlreiche Artikel für die eigentümlich frei. Er betreibt die Seite hartgeld.com, laut eigentümlich frei die „am meistgelesene deutschsprachige Gold- und Krisenwebsite“. Hier finden sich immer wieder peinliche Vorhersagen des vermeintlichen „Crashs“ – peinlich u.a. weil dieser Crash bislang nie eintrat. Der letzte (falls ich nichts verpasst habe) „Crash“ wurde am 20.12.2019 für Januar 2020 festgelegt mit dem 19.01.2020 als Tag der Reichsgründung. Auch einen Reichs-Finanzminister für das kaiserliche Kabinet gebe es schon: Markus Krall (der übrigens in seinem Buch auch für die Wahlmonarchie wirbt). Das klingt absurd, bizarr, aber die Gruppe „Nordkreuz“ hatte bereits Waffen und Munition gehortet, Todeslisten erstellt und auf einen Bestellzettel „200 Leichensäcke und Ätzkalk“ notiert. Wenn virtualisierte Männlichkeiten bizarrer werden, heißt dies nicht, dass sie nicht apokalyptisch „Fahrt aufnehmen“ könnten – im Gegenteil.

Björn Höcke (faschistischer Flügel AfD)

Zum Schluss möchte ich noch auf den faschistischen Flügel der AfD eingehen.
Bereits im ersten Semester meines Philosophie-Studiums 1983 habe ich mich mit faschistischer „Philosophie“ und mit Niccolo Machiavelli befasst. Ich weiß gar nicht, wann mir auffiel, dass die schwere Traumatisierung, unter die Machiavelli nach seinen Folterungen gelitten haben muss, nie in Bezug zu seinem Machwerk „Il Principe“ gesetzt wurde. Ich arbeitete den Zusammenhang zwischen dem Begriff für Scheinwelt, „Virtualität“ und dem Konzept der „Virtù“ von Machiavelli als problematische Verarbeitung einer Traumatisierung heraus. Obwohl mir diese Verbindung schlüssig erschien, hatte ich Zweifel, ob dies sinnvoll sei, ob das überhaupt jemand interessiere usw.
Nachdem sich jedoch Björn Höcke in seinem Buch „Nie zweimal in denselben Fluß“ direkt auf Machiavelli und explizit auch die Virtù und den Uomo Virtuoso bezog, war ich darin bestärkt, doch weiterhin die Konzeption einer virtuellen Männlichkeit zu erforschen.

Ich habe in den letzten Jahren so viel zu Björn Höcke geschrieben, dass ich einen Widerwillen und einen Überdruss empfinde, auch an dieser Stelle wieder Worte über ihn zu verlieren. Dennoch gehört Höcke genau hier thematisiert. Ich mache es kurz: Auch Höcke spricht immer wieder davon, dass die AfD die „letzte evolutionäre Chance“ sei, was er auch ergänzt mit „die letzte friedliche Chance“. Sein erster Artikel unter dem Pseudonym „Landolf Ladig“, publiziert 2011 in einer immer wieder indizierten rechtsextremen Zeitschrift, ist überschrieben mit „Krisen, Chancen und Auftrag“. Ausgeschrieben bedeutet diese Überschrift: Wir erleben gerade „sich aufpotenzierende Krisendynamiken“, diese würden die Chance einer „Revolution“ bieten, der Auftrag der nationalen Bewegung sei, sich auf diese Revolution vorzubereiten, um darin Führerschaft zu übernehmen, um die NS-Wirtschaftspolitik auf rassenbiologischer Grundlage wieder einzuführen. Höcke betont, wir hätten unsere „Männlichkeit verloren“. Die Bewegung müsse Mythen reaktivieren, er droht der Bundespolizei, wenn das Volk an die Macht komme, würde sich Merkel absetzen, die Großen würden entkommen, aber die anderen müssten bezahlen. Seine Wiederherstellung Deutschlands würde grausam werden, sie würde gegen unsere gängigen Moralvorstellungen verstoßen, aber – so zitiert er Hegel, der sich wiederum auf Machiavellis Il Principe bezieht – „brandige Glieder können nicht mit Lavendelwasser geheilt werden. Der Verwesung nahes Leben kann nur durch gewaltsamste Verfahren reorganisiert werde“. Ich verweise auf die Vielzahl von Artikeln, die sich hier auf meiner Internet-Seite zu Höcke finden lassen. Auch Höckes Äußerungen lassen also darauf schließen, dass seine Traumwelt erfüllt ist vom Wunsch, mit dem Feind abzurechnen.
Höcke wurde als Führer des „Flügels“ in der AfD aufgebaut. Während einer seiner Erfurter Demonstrationen schrie sein Mitstreiter Markus Frohnmaier ins Mikro: „Ich sage diesen linken Gesinnungsterroristen, diesem Parteienfilz ganz klar: Wenn wir kommen, dann wird aufgeräumt, dann wird ausgemistet, dann wird wieder Politik für das Volk und nur für das Volk gemacht – denn wir sind das Volk, liebe Freunde!“
Solche „Versprechungen“ bleiben nicht wirkungslos. Während einer der letzten „Kyffhäuser-Treffen“ des Flügels der AfD, am 23.11.2019 beschimpfte Höckes AfD-Kamerad Andreas Kalbitz die Gegendemonstrant*innen als „Degenerationsausschlag“ und fügte sarkastisch hinzu: „Aber so sind die wenigstens mal an der frischen Luft und hängen nicht in irgendeiner Shisha-Bar rum!“ Kalbitz hatte eine Woche zuvor in Hanau seine Propaganda verbreitet, zwei Straßenzüge von einem der beiden Gebäude entfernt, die am 19. Februar 2020 zu Tatorten werden sollten. Ein geistig verwirrter Mann hatte Anfang November der Bundesanwaltschaft ein verschwörungsideologisches, aber weitgehend unpolitisches Manifest zugeschickt. Dieses Manifest sollte wenig später um rassistisch-völkische Bezüge erweitert werden. Mit der nachgeschobenen Begründung, Deutschland vor der Degeneration zu schützen, erschoss der Hanauer mehrere Menschen in den Shisha-Bars. Seine virtualisierte Männlichkeit ist apokalyptisch geworden.

Virtualisierte Männlichkeit im Postfordismus

Abschließende Worte sind immer merkwürdig, da sich die Welt im Prozess befindet und dies gilt auch für diesen Artikel, der nicht „rund“ und „in sich abgeschlossen“ sein will, sondern Denkprozesse, auch bei mir als Autoren, veranlassen soll. Daher statt eines Abschlusses noch ein neuer Aspekt, der ebenfalls nicht abschließend behandelt wird: Ich denke, dass die Zunahme der rechten Wähler*innenschaft, vor allem der rechten Wählerschaft, die Zunahme von sogenannte „unpolitischen“ und von rassistischen, homophoben, frauenfeindlichen, antisemitischen usw. Anschlägen mit dem Übergang der fordistischen Gesellschaft (ich sage bewusst nicht „Akkumulationsregime) zur postfordistischen Gesellschaft zu tun hat. Mit „Fordismus“ habe ich nun nach „Hegemonie“ und „Kohärenzarbeit“ einen dritten Begriff von Antonio Gramsci in den Text gebracht. Neben der wirtschaftlichen Bedeutung (einfach bei Wikipedia nachschauen und nicht alles glauben) würde ich auch auf den PKW (nicht nur den Ford) als solchen als ein Freies-Fahrt-für-freie-Männer-Ding und auf das Auto in seiner familistischen Konstruktion für Steuermann, Beifahrerin, Kind, Kind, Kind verweisen, die im Fordismus selbstverständlicher war und zunehmend ungleichzeitig wird, wie entsprechend auch die fordistische Männlichkeit zunehmend aus der Zeit fällt, sich als ungleichzeitige virtualisiert.

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