Idiotarismus

Die sogenannten „Libertären“, denen unser Kapitalismus nicht kapitalistisch genug ist, die Merkel als „Sozialistin“ bezeichnen, staatliche Schulen und allgemeines Wahlrecht abschaffen wollen, haben den Begriff „libertär“ nur geklaut.

Murray Bookchin forderte, dass sich Anarchist*innen den Begriff „libertär“ zurückholen sollten vimeo.com/228159522 (dank an AntiAll3s für den Hinweis):

Der stattdessen von Bookchin für die sogenannten „Rechtslibertären“ vorgeschlagene Begriff ist „Proprietarians“, „Proprietaner“. Ähnlich benennt Thomas Piketty sie in seinem Buch „Kaptial und Ideologie“ als „Neoproprietarier“.

Im Englischen, Französischen, Spanischen, Italienischen… macht die Bezeichnung „Proprietismus“ / „Neoproprietarismus“ Sinn, da deren Wort für Eigentum sich aus dem Lateinischen „Proprius“ ableitet.

Im Deutschen sprechen wir von „Eigentum“, ein Wort, das sich nicht so einfach für die Bezeichnung einer ideologischen Strömung eignet („Eigentumismus“?) Das Wort „Neoproprietarismus“ ist nicht selbsterklärend, ein Zungenbrecher und im nichtakademischen Milieu abschreckend.

Interessant wäre es, nicht auf die lateinische Wurzel, sondern auf die griechische Wurzel zurück zu gehen. Im Griechischen heißt das Wort Eigentum heute noch „ιδιοκτησία“ („idioktisía“).

Die griechische Wurzel für das Private/ das Eigene ist „idios“. Ich schlage daher vor, die ideologische Strömung, die zugunsten der Eigentumsmehrung der Reichen das Wahlrecht für Arbeitslose, staatliche Schulen, Erbschaftssteuer, Antidiskriminierungsrechte abschaffen will, als „Idiotarismus“ statt als „Libertarismus“ zu bezeichnen.

Im Sinne der Herrschenden machte der Begriff „Idiot“ einen Bedeutungswandel durch von „Privatperson, die die Polis ablehnt“, zu einfachen Soldaten ohne Befehlsgewalt, zu „uninformiert“, zu „dumm“ und schließlich zu „erblich schwachsinnig“.

Aufgrund der Wirkmächtigkeit der Kollektivsymbolik ist es nicht möglich, von heute auf morgen den Begriff „Idiot“ neu zu besetzen. Wenn wir bspw. von „Covidioten“ sprechen, melden sich klassistische Bilder, da „Covid“ nicht dem klassistischen Bild von „Idiot“ widerspricht. Die Gefahr besteht, dass wir uns unter „Covidioten“ Menschen vorstellen, die vom klassistischen „Unterschichtenfennsehen“ als intellektuell und gesundheitlich defizitär präsentiert werden.

„Idiotarismus“ hingegen bezeichnet eine ideologische Strömung von Professor*innen, die in eigenen Tagungen und Instituten Forschung betreiben. Der Begriff „idiotär“ widerspricht dem klassistischem und ableistischem Bild des vermeintlich „erblich Schwachsinnigem“.

Allerdings ruft das Wort „Idiotarismus“ / „idiotär“ Bilder von Dummheit hervor. Das soll es auch. Denn es gibt – das sei im Hegel-Jahr hervorgehoben – eine Verbindung von Herrschaft mit Dummheit, einen intellektuell ungünstigen Standpunkt aufgrund von Macht und Reichtum.

„Idiotär“ wurde gelegentlich als Bezeichnung für „identitär“, also für die faschistische „Identitäre Bewegung“ benutzt. Das war allerdings nur ein Wortspiel.

Den sogenannten „Paläolibertarismus“ als „Idiotarismus“ zu bezeichnen, ist hingegen etymologisch korrekt. „Idiotär“ (griech.) lässt sich zudem im Deutschen leichter aussprechen als „proprietär“ (lat.), vor allem, wenn wir von „Neo-idio-tarismus“ statt von „Neo-pro-pri-e-tarismus“ sprechen.

P.S. … und ist es nicht schön, dass Griechenland, die Wiege der Demokratie, für die (proprietaristischen) Feinde der Demokratie so einen schönen Begriff wie Idiotarismus zur Verfügung stellt?

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