Die reaktionäre Diskurskoalition

Zur Kennzeichnung demokratiefeindlicher und diskriminierender Diskurskoalitionen möchte ich das Wort „reaktionär“ anbieten. Zusammengefasst sind damit die faschistischen, idiotären und antisäkulären Strömungen gemeint, die Fortschritte in der Antidiskriminierung ausbremsen und stattdessen rückschrittliche Herrschaftsstrukturen entlang der Kategorien Race, Class und Gender etablieren wollen.

Framingstruktur: Fortschritt

In den letzten Jahren ist oft über das „Framing“, die Rahmensetzung, der politischen Sprache gesprochen worden. Übersehen wurde dabei oftmals, dass auch diese Framings in Strukturen eingebaut sind. Jürgen Link hat diese Strukturen mit dem Begriff „Synchrones System von Kollektivsymbolen“ zu fassen versucht. Unsere Kollektivsymbole befinden sich in einem System, welches aufeinander abgestimmt wurde. Einige Kollektivsymbole „passen“ daher besser in unserem System als andere. Meine These ist, dass diese Synchronisierung bei gesellschaftlichen Kollektivsymbolen eine gemeinsame und gewertete Ausrichtung hat und zwar eine vertikale Ausrichtung mit dem Oben als dem ^Hochwertigem und dem Unten als dem ^Abgewertetem. Da wir in Metaphern, Kollektivsymbolen, Framings denken, bietet es sich an, nicht nur die Oben-Unten-Metaphorik zu vermeiden, sondern sie durch eine andere Ausrichtung zu ersetzen, durch Vorne-Hinten. Auf Grundlage dieser Überlegungen möchte ich die Begriffe „Fortschritt“, „progressiv“ und „reaktionär“ reaktivieren.

Demokratiefeindlichkeit und sprachliche Embleme

Unter „Strömung“ verstehe ich sowohl Ideologie als auch Netzwerk. Mit dem Begriff der Diskurskoalition kann das Ineinandergreifen von Ideologien und Netzwerken analysiert werden. Gerade in demokratiefeindlichen Strömungen, in denen politische Sprache nicht vorrangig zum argumentativen Problemlösen genutzt wird, da Entscheidungen nicht demokratisch durch das beste Argument zustande kommen, sondern durch undemokratische Führung, wird politische Sprache besonders als politisches Zugehörigkeitsbekenntnis genutzt. Demokratiefeindliche Sprache ist daher besonders auf politische Embleme statt auf politische Probleme ausgerichtet. Und über diese Embleme werden Diskurskoalitionen hergestellt und zwar auch dann, wenn die jeweiligen Visionen von Strömungen wie Faschismus, Idiotarismus und Antisäkularismus sich widersprechen, benutzen diese gemeinsame Embleme wie „Umerziehung“, „Politische Korrektheit“, „Kulturmarxismus“, „Genderwahn“, „Gutmenschen“…

Faschismus, Idiotarismus, Antisäkularismus

Seit ich 2012 begann, die Entstehung und Entwicklung der AfD kritisch zu analysieren, habe ich drei Strömungen in dieser Partei ausgemacht: Faschismus, Idiotarismus und Antisäkularismus. Alle drei Strömungen sind rückschrittlich orientiert: Der Antisäkularismus propagiert letztlich vormoderne oder sogar mittelalterliche (Paul von Oldenburg) Positionen, der Idiotarismus idealisiert den Manchesterkapitalismus der Eigentumsgesellschaften des 19. Jahrhunderts und der Faschismus bezieht sich auf Gesellschaften in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Mithin sind die reaktionären Strömungen mit der Bezeichnung von Ernst Bloch „ungleichzeitig“.

Idiotarismus

Begonnen hat die AfD mit einer idiotären Tendenz. Unter Idiotarismus verstehe ich die eigentumsfanatische (Idios: griech. privat / eigen) Strömung, die zugunsten einer Eigentumsgesellschaft den Staat minimieren und das Allgemeine Wahlrecht einschränken oder den Staat mitsamt Demokratie total abschaffen möchte. In meinem Buch „Rechte Euro-Rebellion. Alternative für Deutschland. Zivile Koalition“ machte ich im Juli 2013 auf diese demokratiefeindlichen Tendenzen aufmerksam, sowie auf den Goldfetischismus und eine mögliche Finanzierung der AfD durch August von Finck über Dagmar Metzger, wofür dann fünf Jahre später die entsprechenden Belege auftauchten. Seit Anfang des Jahres recherchiere ich zu den stärker werdenden demokratiefeindlich-idiotären Agitationen im Umfeld von Degussa Goldhandel (August von Finck). Der Idiotarismus ist rassistisch und sexistisch, aber in erster Linie klassistisch.

Antisäkularismus

„Antisäkularismus“ umfasst eine christlich-fundamentalistisch und eine aristokratisch-monarchistische Strömung. Mit den „Christen in der AfD“ („ChrAfD“) gibt es eine wirkmächtige rechts-evangelikal und rechts-katholisch ausgerichtete Organisation in der AfD. Mit Beatrix von Storch und ihrer „Zivilen Koalition“, die inzwischen in „Zivile Allianz“ umbenannt wurde, bestehen zudem familiäre Verbindungen in ein politisch agierendes Adelsmilieu. Geschätzt die Hälfte der familistisch-antifeministischen Organisationen in Deutschland ist von einem einzigen Adelsclan, also einer adeligen Großfamilie über Schwäger*innen, Eltern und Großcousinen besetzt. Diese Strömung ist als Koalition von christlichen Fundamentalist*innen und Adel über Jahrhunderte gewachsen, da sie sich gemeinsam gegen den schwindenden Einfluss von Bibel- und Papsthörigkeit und Adel wehren. Diese Strömung ist klassitisch und rassistisch, aber in erster Linie sexistisch.

Faschismus

Mit Andreas Kalbitz und Björn Höcke sind im März 2013, also noch vor dem Gründungsparteitag zwei Akteure in die AfD eingetreten, die ich mit der Definition von Roger Griffin als „faschistisch“ bezeichnen würde. Diese Woche erschien die erste ins Deutsche übersetzte Buchausgabe von Roger Griffin: Faschismus. Eine Einführung in die vergleichende Faschismusforschung, Stuttgart 2020. Ich konnte 2015 nachweisen, dass Höckes Ideologie „palingenetisch ultranationalistisch“ ist, also, dass es ihm wesentlich um eine revolutionäre Wiedergeburt („Palingenese“) Deutschlands als mythischer „Ultra-Nation“ geht. Meiner Analyse, insbesondere der Aufdeckung, dass Höcke hinter dem neonazistischen Autoren „Landolf Ladig“ steckte, schlossen sich der Verfassungschutz Thüringes bzw. der des Bundes an. Inzwischen hat sich offiziell die Organisation des Höcke-„Flügels“ in der AfD aufgelöst, aber Höcke betont in öffentlichen Statements immer wieder, dass der Geist des Faschismus fortlebe. Höcke kooperiert eng mit dem Institut für Staatspolitik von Götz Kubitschek und Ellen Kositza. Die faschistische Strömung in der AfD ist also nur ein Teil einer größeren Bewegung.

Das reaktionäre Syndrom

„Aufgrund seiner Spannweite sprechen wir von einem Syndrom Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Es ist aus Vorurteilen gegenüber einer Reihe ganz unterschiedlicher Gruppen zusammengesetzt, deren Gleichwertigkeit und Unversehrtheit in Frage gestellt wird. Der gemeinsame Kern des Syndroms ist somit eine Ideologie der Ungleichwertigkeit.“ (Beate Küpper 2010: Das Projekt Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, S. 3f.) Ich würde eher von mehreren statt von „einer Ideologie der Ungleichwertigkeit“ sprechen und davon, dass sich diese Ideologien in der Ungleichwertigkeit treffen und somit auf ideologischer Ebene ebenfalls ein Syndrom bilden.
Faschismus, Idiotarismus und Antisäkularimus bilden zusammen ein reaktionäres Syndrom. Auch wenn es sich kaum vereinbaren lässt, ein faschistisches System mit einem starken Staat und Verstaatlichungen gleichzeitig mit einem idiotären System eines Minimalstaates oder gar einer totalen Privatisierung bzw. Abschaffung des Staates auf dem selben Territorium zu etablieren, so können Faschismus, Idiotarismus und Antisäkularismus dennoch reaktionäre Weggefährten im Kampf gegen Demokratie und Menschenrechte sein. Tatsächlich überschneiden sich deren ideologische Grundsätze weitgehend.

Naturrecht

Sowohl der Faschismus, als auch der Idiotarismus, als auch der Antisäkularismus argumentieren naturrechtlich. Der Bestimmung des organisch gewachsenen Volkes entspricht die unsichtbare Hand des Marktes und Gottes verborgenem Plan. In allen drei Fällen kann das sakrale Naturrecht gegen das profane Menschenrecht der Kleingläubigen ausgespielt werden.

Natürliche Ordnung

Mit dem Naturrecht geht die Natürliche Ordnung einher. Diese zeige sich in organisch gewachsenen ethnisch-kulturell einheitlichen Großräumen, in der Prosperität einer Eigentumsgesellschaft ohne staatliche Intervention und in der natürlichen Geschlechterordnung insbesondere der heiligen Familie. Wesentlich an dieser natürlichen Ordnung ist die Ungleichheit, je klarer die „Rassen“ getrennt und ihren „angestammten“ Räumen überführt, je größer die „produktive Ungleichheit“ zwischen „Leistungsträgern“ und „Minderleistern“/ „Parasiten“, je komplementärer die unterschiedlichen Geschlechter sich in ihren eigenen Aufgabenbereichen ergänzen, um so besser geht es allen.

Kathedralisches Denken

Die „natürliche Ordnung“ ist in diesem Denken vertikal strukturiert: Unten sei das Mangelhafte, Faule und Böse und oben das Wertvolle, Fleißige und Gute. Im christlichen Denken ist spätestens seit Jakobs Traum von der Himmelleiter Gott und somit das Gute oben im Himmel verortet (während anfangs Gott noch sehr horizontal auf der Erde wandelte). In Kirchengebäuden wird dieser Vertikalismus architektonisch symbolisiert, aber auch in der höheren Position des Bischofssitzes, der Kathedra.
Mit der Industrialisierung führte der schnelle technologische Wandel zu einer Drehung um 270 Grad in der Struktur der Kollektivsymbolik: es kam nicht mehr alles Gute von oben, sondern die Arbeit ermöglichte Fortschritt nach vorne in Leserichtung der Geschichte. Im von Max Weber konstatierten Geist des Kapitalismus, der von der protestantischen Ethik dominiert werde, kann man jedoch nur von einer 45 Grad-Drehung der Struktur der feudalen Kollektivsymbolik sprechen, die sich in den nach schräg rechts oben abzeichnenden Kurven der Börsenkursen symbolisiert. Im „sakralen Propreitarismus“ (Thomas Piketty), also im Idiotarismus steht den Vermögenserben qua Geburt die ^höhere Position zu, alleine schon aufgrund der ^höheren sozialen Herkunft einhergehenden ^höheren „Erbintelligenz“.
Und auch im Faschismus mit den Ideologien von ^Hochkultur, ^Über- und ^Untermenschen ist die Denkweise der Vertikalität des Sozialen zentral.

Natürliche Führung

Zur „natürlichen Ordnung“ gehört die „natürliche Führung“. Faschistisch gesprochen: Das „organisch gewachsene Volk“ ist als Körper zu verstehen, mit „Arbeitern der Faust und Arbeitern der Stirn“ und es brauche den Führer, dem das Volk folgen könne. Beim eigentumsfanatischen Idiotarismus heißt es, der demokratisch gewählte Staat und erst recht die Gewerkschaften sollen die Finger aus der Wirtschaft lassen und vor allem dem Sohnemann nicht die Firmenerbschaft streitig machen, schließlich wisse dieser qua Erbintelligenz am besten, wie man das Unternehmen führt. Und im Antisäkularismus heißt es, dass Gott durch Priester spreche und bestimmte Familien mit ihren Oberhäuptern wüssten am besten, wie die Herde in Gottes Namen zu leiten sei. Es brauche Leitbilder und entsprechende Korrektionsmaßnahmen für diejenigen, die dieser Norm nicht entsprechen.
Diese Leitung / Führung wird gedacht als vertikale Hierarchie.

Metapolitik

Politik ist dergestalt als Herstellung und Aufrechterhaltung der Natürlichen Ordnung und des Naturrechts zu verstehen. Für das gemeine Volk reicht eine Freund-Feind-Bestimmung als politisches Engagement aus. Die Masse aber habe kein Gespür für die höheren Notwendigkeiten, sie sei von niederen Instinkten geleitet, wenn sie nicht von der natürlichen Führung geformt werde. Wenn dann auch noch lautstarke Minderheiten die Richtung vorgäben, führe dies zu einer Herrschaft der Minderwertigen, zu Dekadenz und Totalitarismus. Strategisch wird allerdings weniger die metapolitische Konzeption selber angesprochen, sondern stattdessen wird die demokratische Form von Politik angegriffen, die auch marginalisierte Minderheiteninteressen wirkmächtig macht. Strategisch wird die sogenannte „Politische Korrektheit“ angegriffen, wobei der Trick zunächst darin besteht, die vermeintliche „Korrektheit“ in den Fokus zu setzen und von der eigentlich geforderten demokratischen Politik, die Minderheiten nicht ausgrenzt, abzulenken. Man hört bei „politische Korrektheit“ Korrektheit und nicht Politik und schon gar nicht demokratische Politik, Ausgegrenzte miteinbeziehende Demokratie. Das eigentliche Ziel einer elitären Korrektion der Massen über undemokratisch gesetzte, vermeintlich „natürlicher“ Leitbilder, wird durch den Angriff auf die „politische Korrektheit“ zugleich unsichtbar gemacht und befördert.

Kulturmarxismus

Die „Dekadenz“ der „Herrschaft der Minderwertigen“ führe zum ^Untergang und sei die Folge einer erfolgreichen weltweiten Verschwörung von „Kulturmarxisten„, heißt es in den Ideologien des reaktionären Syndroms. Mit „Indoktrination“ und „Sprachvergewaltigung“ sei das Volk „umerzogen“ worden. Die „Kulturmarxisten“ beuteten in ihrer Gier und in ihrem Neid die natürliche, anständige Mittelschicht aus und unterdrückten eigennützig die Wahrheit mit einer „totalitären Meinungsdiktatur„. Jedoch gerate ihre abgehobene Unersättlichkeit mit der „natürlichen Ordnung“ immer stärker in eine Konflikt.
Und immer mehr anständige Menschen würden „erwachen“.

Tag X

Schließlich werde es zwangsläufig zu einem „Tag X„, zu einem „Crash“, zu einem „Zeichen Gottes“ kommen, wo die „Mächte des Guten“ gegen die „Kinder der Finsternis“ aufbegehrten. Das Volk werde durch ein „tiefes Tal“ gehen müssen, doch die Zeichen verdichteten sich, man könne die Jahre bis zum Zusammenbruch an einer Hand abzählen. In diesem Kampf könne und müsse die „Natürliche Ordnung“ hergestellt werden. Mit dem „Kulturmarxismus“ müsse schnell und hart abgerechnet werden. Dies sei die alles entscheidende Schlacht, denn wenn die „Kulturmarxisten“ nicht gestoppt würden, wäre die Menschheit für Jahrhunderte verloren.

Fazit

Das reaktionäre Syndrom wurde auf der Einstellungsebene bereits als Syndrom der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit erkannt: Sexistische, rassistische, behindertenfeindliche, antisemitische und weitere diskriminierende Einstellungen kommen selten alleine, sondern Menschen mit bspw. sexistischen Einstellungen sind oftmals bspw. auch rassistisch. Auf der Diskursebene greifen wesentliche Narrative von „marktradikalen“ (idiotären), „national-völkischen“ (faschistischen) und „christlich-fundamentalistischen“ (antisäkulären) Diskursen ineinander und bilden entsprechende Diskurskoalitionen, die dann ideologie-übergreifende Netzwerke und sogar Parteien wie die AfD ermöglichen.
Gefährlich ist die übergreifende Strömung der Reaktion auf mehreren Ebenen: Sie fördert das Syndrom der gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit und versucht es zu legitimieren; sie bekämpft emanzipatorische, fortschrittliche Initiativen; sie versucht, Menschenrechte und Demokratie zu delegitimieren; sie stärkt den Fanatismus, der vor allem bei Männern zum Entschluss einer apokalyptischen Abrechnung mit den „Feinden“ durch tätliche Angriffe bzw. tödlichen Attentaten führen kann; sie arbeitet an der politischen Machtübernahme zur Abschaffung von Demokratie und Menschenrechten.

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