Thilo Sarrazin bekräftigt seine Eugenik-Thesen


Im Januar erscheint die Paperback-Ausgabe von Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“, der ein neues Vorwort vorausgeht, welches im Focus 2/12 vorabgedruckt wurde. Seit zweieinhalb Jahren hausiert Thilo Sarrazin mit einer Neuauflage des Erbintelligenz-Paradigmas, möchte uns vor einer „dysgenischen“ Entwicklung warnen und holt Vorschläge aus der Eugenik-Mottenkiste, die die klassenspezifische Diskriminierung durch das Elterngeld noch weiter verschärfen soll: Gebärprämien für Akademikerinnen, weiterer Abbau der finanziellen Unterstützung arbeitsloser Familien/Alleinerziehender.

Kernthesen des Buches: Dysgenik …

In seinem Vorwort geht es vor allem um eine „Abrechnung mit den Politikern“. Das kennen wir bereits von Guttenberg. Zum Schluss seines Vorwortes wird es spannender, dort weist Sarrazin darauf hin, dass die Diskussion über seine „angebliche“ Islamkritik „Kernthesen des Buches“ verdrängt habe und zitiert Stefan Weidner, dessen Ausführungen er für eine „aufschlussreiche Analyse“ hält. Das Zitat von Weidner lautet:

„‚Eine der zentralen Behauptungen des Buches besagt, dass in einer sozial durchlässigen, den Intelligenten und Fleißigen viele Aufstiegsmöglichkeiten bietenden Gesellschaft wie der deutschen die Unterschicht nach und nach zwangsläufig von den Dümmeren und weniger Leistungsbereiten gebildet wird. Da laut Sarrazin die Intelligenz vererbbar ist und die Unterschichten mehr Kinder kriegen, weil der Sozialtransfer Kinderreichtum belohnt, verringern sich mit der Zeit logischerweise die Leistungsbereitschaft, Intelligenz und Wettbewerbsfähigkeit der Bevölkerung.'“ (Stefan Weidner, zit. nach Thilo Sarrazin: „Ihr Verhalten kann ich weder verstehen noch respektieren“, Focus 2/12, 07.01.2012, S. 38)

Diese prägnante Zusammenfassung, die Sarrazin offensichtlich gelungen findet, ist die typische Beschreibung einer dysgenischen Tendenz. Sarrazin nimmt also nichts zurück, sondern bekräftigt seine These der „dysgenischen Tendenz“.

… und Infragestellung des Sozialstaatmodells …

Eugenik basiert in der Regel auf den Doppelschritt der vermeintlichen Feststellung einer dysgenischen Tendenz („die erblich bedingt Dummen/Kranken vermehren sich überproportional und senken damit die durchschnittliche Bevölkerungsqualität“) und den eugenischen Lösungsansätzen, die von Gebäranreizen bis zur Euthanasie reichen können.

Auch den zweiten Schritt innerhalb dieser eugenischen Logik bekräftigt Sarrazin mit der Übernahme des Zitats Stefan Weidners:

„Wer das Buch nicht gelesen hatte, so Weidner weiter, musste aufgrund der öffentlichen Diskussion annehmen, ‚es sei ein Beitrag zur Islamdebatte, während es doch eigentlich das bestehende Sozialstaatsmodell infrage stellt […] Diese Thesen hätten nämlich das Zeug, unser Selbstverständnis, ja unsere ganze Lebensweise zu erschüttern.'“ (Thilo Sarrazin: „Ihr Verhalten kann ich weder verstehen noch respektieren“, Focus 2/12, 07.01.2012, S. 38)

Mit diesen Sätzen endet das Vorwort.

… durch eugenische Bevölkerungspolitik

Sarrazins Lösungsansätze im Zusammenhang mit der angeblichen Feststellung einer dysgenischen Tendenz sind bekannt: Abschaffung angeblicher Gebäranreize für die sogenannte Unterschicht, Einführung von Gebäranreizen für Akademikerinnen (Prämie von 50.000 Euro für das erste Kind).

Er nimmt hiervon nichts zurück, sondern fokussiert im neuen Vorwort seine Eugenik-Forderungen. Er gibt quasi eine Leseanleitung und pocht auf die erbbiologisch-demografischen Aussagen. Sarrazin möchte als Eugeniker wahrgenommen werden, aber nicht als „Eugeniker“. Den Begriff weist er von sich. Im Vorwort geht er stattdessen auf die „Juden-Gen“-Geschichte ein und tut so, als würde sich der Rassismus-Vorwurf allein auf seine Äußerungen zum „Juden-Gen“ oder zum Islam beziehen. Mit keinem Wort geht er auf die Kritik an seine Eugenik-Propaganda ein, obwohl er selbstverständlich weiß, was unter Eugenik zu verstehen ist und dass er mit der Propagierung einer Bevölkerungspolitik, die auf schichtspezifischen Gebäranreizen beruht und erbbiologisch begründet wird, Eugeniker ist.

Warum gab es eine Integrations- aber keine Eugenik-Debatte?

Es ist tatsächlich erklärungsrelevant, warum Sarrazins Buch eine Integrations- aber keine Eugenik-Debatte ausgelöst hat. An Sarrazin selber, an seinem Interview im Lettre, an seinem Buch, seinen Auftritten, seinen Interviews, kann es nicht gelegen haben. Stets war er bemüht, seine Kernthesen zur Bevölkerungsbiologie in den Vordergrund zu stellen.  Es bieten sich zwei Erklärungen an:

  • These 1: Der islamophobe Rassismus in Deutschland war bereits vor Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ virulent und fand durch den Medienhype zu Sarrazins Buch nur eine Möglichkeit, sich lautstark zu artikulieren. Ein entsprechender Klassenrassismus besteht hingegen nicht.
  • These 2: Es zeigt sich hier deutlich eine Diskriminierungshierarchie. Zu einer Debatte gehören immer mindestens Gegenpositionen. Wenn es keine Eugenik-Debatte gab, dann deshalb, weil es einen breiten gesellschaftlichen Konsens über Vererblichkeit von Intelligenz, klassenspezifische Fertiliät und „Unterschichts-Familien“ gibt.

Ich möchte die zweite These unterstützen. Am Beispiel des Elterngeldes lässt sich leicht zeigen, dass eine klassistische Bevölkerungspolitik stillschweigend hingenommen wird. Weder die Abschaffung des Erziehungsgeldes noch die Ersetzung durch Elterngeld, noch die anschließende klassenspezifische Verschärfung des Elterngeldes haben auch nur zu einer einzigen Demonstration geführt. Es gab keine Unterschriftenkampagnen, keine konzertierten Aktionen der sozialstaatlich eingestellten Parteien. Arbeitslose Eltern und Alleinerziehende scheinen nicht über genügend Ressourcen zu verfügen, um gegen diese massive Diskriminierung erfolgreich kämpfen zu können, ja überhaupt auch nur eine Debatte auslösen zu können. Es geht immerhin darum, dass der Staat reichen Familien bis zu 1.800 Euro monatlich schenkt, während den Arbeitslosen das Erziehungsgeld von immerhin 300 Euro monatlich komplett gestrichen wurde. Begründung: es sollen sich gefälligst die Richtigen vermehren.

Wenn es schon keine wahrnehmbare Empörung gibt, wenn eine eugenische Bevölkerungspolitik eingeführt wird, dann verwundert es nicht, dass die Forderung nach einer Verschärfung dieser Praxis mit eugenischer Begründung, ebenfalls nicht zu einer Debatte führte. Wie auch in anderen Bereichen liegt hier eine Diskriminierungshierarchie vor: der Rassismus Sarrazins wurde stärker angegriffen als der Klassenrassismus.

Von Galton zu Sarrazin

Kritik an Sarrazins Eugenik

Auch die kritischen Publikationen zu Sarrazin haben bislang einseitig den „Rassismus in der Leistungsgesellschaft“ kritisiert, nicht den Klassismus bzw. Klassenrassismus, im „Manifest der Vielen“ bezog sich die Vielheit auf die Mulitkulturalität, nicht auf die Klassenzusammenseztung. Zeitgleich mit der Paperback-Ausgabe und passend zum neuen Vorwort, mit dem Sarrazin die eugenischen Kernthesen hervorhebt, erscheint nun ein Sammelband, der die Eugenikhesen Sarrazins deutlich benennt, analysiert, kritisiert und in einer historischen Entwicklung einordnet. Das Buch Der Mythos vom Niedergang der Intelligenz. Von Galton zu Sarrazin: Die Denkmuster und Denkfehler der Eugenik, herausgegeben von Michael Haller und Martin Niggeschmidt erscheint im Januar oder Anfang Februar im VS-Verlag und wird hoffentlich Sarrazins Sorge mindern, dass über seine erbbiologischen Thesen zu wenig diskutiert wird.

1 Kommentar

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  1. rahab

    habe auf deinen freitags-artikel hier
    http://treueliebe.wordpress.com/2011/12/20/rassismus-und-wo-er-wirkt/#comment-1664
    verlinkt.

    zum artikel: nein, wir führen nicht die falsche debatte. wir tun uns nur manchmal schwer damit, die zusammenhänge zwischen der exklusion nach außen und der exklusion nach innen deutlich zu machen. aber: dass es diese zusammenhänge gibt, wurde in den FC-debatten zu Sarrazin immer wieder angesprochen, hier z.B. http://www.freitag.de/community/blogs/keiner/feindstrafrecht-oder-sarrazin-und-das-massaker-von-norwegen
    wie auch in den anderen rund 430 blog-artikeln, die mit Sarrazin getaggt sind.

    es besteht allerdings eine scheu, auf den punkt zu bringen, was Sarrazin sagt, wenn er wie im lettre-interview die vernichtung der jüdischen intelligenz beklagt, nämlich: die nazis haben die falschen auszurotten versucht. – so wie ich die FC kennengelernt habe, wäre diese zuspitzung seiner aussage dort ganz schrecklich mißverstanden worden.

    ich denke, dies liegt (auch) daran, dass die bevölkerungspolitik der nazis weitgehend dem vergessen anheimgefallen ist. dass frauen, die sich mit ‚falschen‘ einließen, kurzerhand sterilisiert wurden, ist vergessen – wie auch Heinrich Thies‘ „Wenn Hitler tot ist, tanzen wir“ nicht gelesen wird. und – auch das bitte nicht falsch verstehen: die kritik an den nürnberger gesetzen hat sich reduziert auf „Mit den „Nürnberger Gesetzen“ von 1935 bestimmte das Deutsche Reich wer Jude sei“ – dass diese gesetze gleichzeitig bestimmten, wer ein ‚guter deutscher‘ sei und wer dies nicht sei und mit welchen folgen, ist aus der wahrnehmung/erinnerung herausgefallen.

    zum thema vielleicht noch: Nira Yuval-Davis, Geschlecht und Nation.

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