Plagiat bei Sarrazin?


Sarrazin wurde mehrfach vorgeworfen, aus Volkmar Weiss „Die IQ-Falle“ abgeschrieben zu haben. Diese Publikation ist  im Leopold-Stocker-Verlag erschienen, der erfolglos dagegen klagte, als „antisemitisch“, „rechtsextrem“ und „rassistisch“ bezeichnet zu werden. Weiss spricht dort offen von Rassen, benutzt hemmungslos das N-Wort und befasst sich mit Fragen, ob „Zigeuner“ die „neue erbliche Unterschicht“ darstellen. Sarrazin ging daher gerne auf Distanz, wenn er auf die inhaltliche Nähe zwischen „Die IQ-Falle“ und „Deutschland schafft sich ab“ angesprochen wurde. So sagte in einem Interview mit Frank Schirrmacher in der FAZ vom Oktober 2010:

„Ich habe Weiss lediglich dort zitiert, wo er kompetent ist, nämlich mit seinen Erkenntnissen zum DDR-Bildungssystem.“

Ähnlich wie Guttenberg – über den mir keine kritischen Bemerkungen Sarrazins bekannt sind, wo Sarrazin sich doch sonst immer als jemand aufspielt, der auf Korrektheiten im Bildungssystem achtet und bspw. Eltern mit einem Bußgeld belegen will, wenn deren Kinder keine Hausaufgaben machen – ähnlich wie Guttenberg scheint sich auch Sarrazin nicht mehr genau erinnern zu können, worüber er geschrieben hat. Denn er hat Volkmar Weiss durchaus auch in anderen Zusammenhängen zitiert, zum Teil sogar wörtlich, ohne dies zu kennzeichnen. So heißt es in der „IQ-Falle“ bei Volkmar Weiss auf Seite 27:

„Wenn man natürliche Selektion als Ergebnis der unterschiedlichen Lebensbedingungen der Rassen annehmen müsste, könne man die Möglichkeit erblicher Rassenunterschiede auch im Psychischen nicht ausschließen.“

Und bei Sarrazin lesen wir auf Seite 96 in „Deutschland schafft sich ab“ folgendes:

„Wenn man natürliche Selektion als Ergebnis der unterschiedlichen Lebensbedingungen von Ethnien annehmen müsste, […] könne man die Möglichkeit erblicher Unterschiede zwischen Ethnien auch im Psychischen nicht ausschließen.“

Lediglich ein Zwischensatz wurde eingebaut und „Rassen“ wurde durch „Ethnien, „Rassenunterschiede“ wurde durch „Unterschiede zwischen Ethnien“ ersetzt. Hierbei handelt es sich nicht nur um ein Plagiat in dem Sinne, dass wörtlich Teilsätze übernommen wurden, ohne dass dies mit Anführungszeichen deutlich gemacht wurde, also um ein Verbalplagiat, sondern zusätzlich noch um eine „Urkundenfälschung“, wenn man Sarrazins Wertmaßstäbe anlegt:

„Ich bin dann auch den meisten Textentschärfungsvorschlägen des Verlages brav wie ein Lamm gefolgt. Irgendwann in einer Spätphase meinte der Verlag, ich sollte doch überall das Wort „Rasse“ durch „Ethnie“ ersetzen. Das habe ich dann auch gemacht. Das war mir völlig egal. Ich habe mich nur bei den Zitaten von Charles Darwin geweigert. Das wäre wie Urkundenfälschung. Wenn er im englischen Original „race“ sagt, da muss ich auch im Deutschen Rasse sagen.“

Dies teilte er freimütig Henryk Broder in einem taz-Interview (07.12.2010) mit.

Auf wen Sarrazin – besser gesagt: auf wen Volkmar Weiss, also der Schöpfer der Textpassage – sich dort mit dem Zitat bezieht, nämlich Wilhelm Peters, ist  an dieser Stelle weniger von Belang. Wichtig ist hier, dass der betreffende  Peters  in seinem Aufsatz „Rassenpsychologie“, erschienen im Sammelband „Rasse und Geist“ von 1932, sicherlich wörtlich nicht über „Unterschiede zwischen Ethnien“, sondern über „Rassenunterschiede“ sprach.

Fassen wir zusammen:

  • Sarrazin zitiert Weiss in einem Zusammenhang, der sich mehr als ein Jahrzehnt vor der Gründung der DDR abspielt, behauptet aber, ihn nur dort zu zitieren, wo er sich über das DDR-Bildungssystem äußert (unwahre Behauptung)
  • Sarrazins  Zitat von erfolgt in Teilsätzen wörtlich, wird aber nicht mit Anführungszeichen gekennzeichnet (Verbalplagiat)
  • Mit dem Zitat wird auf eine dritte Person hingewiesen, die einen Aufsatz über „Rassenpsychologie“ geschrieben hatte, die nicht von „Ethnien“, sondern von „Rassen“ sprach. Dies verfälscht Sarrazin in einem Sinn, der er selber als „Urkundenfälschung“ bezeichnen würde.

Sarrazin hat mit „Deutschland schafft sich ab“ Millionen verdient. Wieso wird er nicht von Volkmar Weiss verklagt? Schwer zu sagen. Aber der Beantwortung der Frage, warum Sarrazin, dem die Selektion nach Intelligenz so überaus wichtig zu sein scheint, nicht mit Guttenberg „Klartext“ geredet hat, dieser Klärung sind wir nun anscheinend näher gekommen.

→ Zu Sarrazins Quellen erscheint demnächst ein Sammelband im VS-Verlag.
 
 

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